Manchmal beginnt Evangelisation nicht mit einer starken Predigt, sondern mit einer offenen Tür und einem gedeckten Tisch.
Von Pfarrer Andreas Schmierer
„Evangelisation ist mehr als ein Veranstaltungsformat“, sagt Prof. Dr. Johannes Zimmermann und weist darauf hin, dass der Auftrag, Menschen zu Jüngern Jesu zu machen (vgl. Matthäus 28,18-20), nicht nur eine Frage einzelner Veranstaltungen mit Eventcharakter, sondern vielmehr als Auftrag an alle Christen gerichtet ist. Wie kann das in einer pluralen, postmodernen Gesellschaft funktionieren, die Stück für Stück ihre christlichen Wurzeln ablegt? Der amerikanische Theologe Christopher James betrachtet Gemeinschaft und Gastfreundschaft als einen Teil der Antwort – und als grundlegendes Fundament für den Gemeindeaufbau.
Wenn Gastfreundschaft ein ganzes Leben verändert
Rosaria Butterfield war Professorin für Englisch in den USA, überzeugte Feministin und lebte in einer Beziehung mit einer Frau zusammen. Ende der 90er Jahre verfasste sie einen Zeitungsartikel, in dem sie sich kritisch über eine Gruppe konservativer christlicher Männer äußert. Auf ihren Artikel reagieren viele Menschen. Unter anderen war ein Brief eines Pastors dabei. Er schreibt freundlich und bittet, dass Rosaria doch ihre Position begründen möge, und bietet ihr ein Gespräch an. Am Ende des Telefonats lädt Pastor Ken Rosaria zu sich und seiner Frau nach Hause ein.
Rosaria nimmt die Einladung an und schaut bei Ken und seiner Frau vorbei. Sie erlebt, wie der Pastor vor dem Essen ein Gebet spricht. Irgendwie unwirklich und zugleich so vertraut, als ob es einen Gott gibt, der zuhört und antwortet. Rosaria ist irritiert. So hatte sie Christen bisher nicht kennengelernt, sondern mehr als Rechthaber, die mit dem erhobenen Zeigefinger auf andere schauen. Das Gespräch mit Pastor Ken ist ungewöhnlich. Der Pastor macht sich verletzlich. Die Unterhaltung verläuft freundlich und lebhaft. Rosaria denkt sich: „Diese Menschen entsprachen einfach nicht dem Klischee.“ Sie ist irritiert und beeindruckt zugleich. Das Pastorenehepaar hat ihr die Tür zu ihrem Haus geöffnet, hat ihr zugehört, anstatt ihr Vorwürfe zu machen. Ken und seine Frau haben versucht, Rosarias Argumente nachzuvollziehen, ohne ihren Standpunkt und ihren Glauben an Jesus Christus aufzugeben.
Rosaria wird nach dieser Begegnung klar: Mit diesem christlichen Ehepaar will sie, die LGBTQ-Aktivistin und Atheistin, Kontakt halten. Die Geschichte hört hier natürlich nicht auf. Rosarias Herz öffnet sich. Ihre Überzeugungen bröckeln. Sie wendet sich Jesus zu, trennt sich von ihrer Freundin. Heute lebt sie mit ihrem Mann und mehreren Pflegekindern zusammen. Ihre Geschichte ist inzwischen als Buch erschienen (Rosaria Butterfield: Offene Türen öffnen Herzen, Christliche Verlagsgesellschaft 2021).
Mit Jesus in Verbindung bringen
Der deutsche Titel des Buches zeigt, wie das Evangelium auch in unserer Zeit bezeugt und weitergegeben werden kann: nicht belehrend oder bedrängend, nicht triumphierend und schon gar nicht mit erhobenem Zeigefinger, vielmehr einladend und bezeugend – verbunden mit einem echten Interesse für die Menschen. Wer Menschen mit dem Evangelium von Jesus in Verbindung bringen soll, könnte damit anfangen, das zu tun, was Jesus unübertrefflich, individuell und leidenschaftlich gemacht hat: Menschen lieben. An dem Pastorenehepaar wird deutlich, dass Liebe nicht bedeutet, alle Unterschiede einzuebnen, sich zurückzuziehen und die christliche Botschaft zu verflüssigen. Liebe und Wahrheit gehören zusammen. Doch der Ton, in dem wir unsere Überzeugungen vertreten und wie wir uns in der Diskussion mit Andersgläubigen, Agnostikern und Atheisten verhalten, wird den Unterschied machen.
Zur Gastfreundschaft (vgl. Röm 12,13: „Übt Gastfreundschaft.“) gehört zentral die Tischgemeinschaft, das gemeinsame Essen. Für die ersten Christen war es in der Urgemeinde selbstverständlich, sich in privaten Räumen zu treffen, miteinander zu essen, Leben und Glauben zu teilen, zu lachen, zu singen und Gemeinschaft zu erleben (vgl. Apostelgeschichte 2,42ff)
Eine offene Tür
Mit dem Öffnen der Türen zu unseren Wohnungen und Häusern öffnen wir zugleich die Tür zu unserem Leben. Wir geben ehrliche Einblicke. Gäste sehen, wie wir leben, welche Bilder an unserer Wand hängen und was uns wichtig ist. Sie bekommen mit, wie Kinder am Tisch miteinander umgehen, wie ein Tischgebet gesprochen wird. Sie erfahren im Gespräch etwas von unserer Freude und Dankbarkeit, aber auch von Sehnsüchten und Scheitern. Zugegeben: Es braucht Fingerspitzengefühl, um nicht wahllos Leute zu einem Besuch zu nötigen, sondern eine offene Einladung in die eigenen vier Wände auszusprechen. Wo Christen Gastfreundschaft leben, entstehen hier und da – wenn Gottes Geist es schenkt – immer wieder Räume und Situationen, in denen Menschen, denen wir unsere Liebe und Fürsorge zukommen lassen, nachfragen: Warum hörst du mir zu? Weshalb nimmst du dir Zeit für mich? Wie gehst du mit Scheitern und Schicksalsschlägen um? Ich bin überzeugt, wenn Menschen erfahren, dass wir an ihnen als Menschen und nicht als Missionsobjekte Interesse haben, dann wird das nicht ohne Folgen bleiben. Wenn es gut läuft, werden sie neugierig und beginnen zu fragen: „Warum lebt ihr so? Was gibt euch die Kraft?“ Und vielleicht: „Wie ist das für euch mit einem unsichtbaren Gott zu sprechen?“, wenn sie ein Tischgebet mitbekommen. Gastfreundschaft kann Herzenstüren öffnen. Was sie so leicht macht: Sie ist einfach umzusetzen und es kommt mehr auf die Haltung und Herzlichkeit als ein opulentes Essen und eine perfekt aufgeräumte Wohnung an.
Für Jesus gehörte Gastfreundschaft zu seinem Alltag. Bei Festen war Jesus gerne dabei: ob bei der Hochzeit in Kana oder bei der Berufung von Levi. Jesus war auch ein Meister darin, sich selbst einzuladen. Eindrücklich ist, wie er den Zöllner Zachäus ruft: „Steig eilend herunter; denn ich muss heute in deinem Haus einkehren.“ (Lukas 19,5) Und so mancher, der bei einem dieser Festmähler dabei war, hatte nicht nur einen schönen Abend und viel Freude erlebt, sondern er ist Jesus Christus selbst begegnet.
Andreas Schmierer ist württembergischer Pfarrer und Studienassistent für Praktische Theologie im Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen. Er ist Mitglied im Redaktionsteam von 3E und forscht zu Hauskreisen im Kontext des Gemeindeaufbaus.
Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Theologische Orientierung (Ausgabe 219 „Kirche mit Mission“). Die Veröffentlichung auf Jesus.de erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Albrecht-Bengel-Haus e. V.
Mehr zum Thema Evangelisation:

