Lernen von Jesus: Vom Umgang mit Mitmenschen

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Jünger
Foto: lightstock / pearl

Wie ein Arztbesuch mir zeigte, worauf es im Umgang mit Menschen ankommt.

Einer meiner Mentoren sagte gern: „Zeige mir, wie jemand mit anderen umgeht, und ich zeige dir, wie er mit Gott umgeht.“ Diese Worte blieben bei mir hängen. Aber erst neulich, als ich zum Arzt musste, habe ich sie vollends erfasst. Der Arzt rauschte ins Untersuchungszimmer und eine Arzthelferin kam hinter ihm her. Ich war zum ersten Mal bei diesem Arzt. „Hallo, ich bin Doktor Soundso, und das ist Nancy, die den Kram für mich aufschreibt.“ Genau mit diesen Worten stellte er mir seine Arzthelferin vor. Nancy schaute nur auf ihr Klemmbrett und sie ließ sich nicht anmerken, dass sie diese herabsetzende Vorstellung mitbekommen hatte. „Guten Morgen, Nancy“, sagte ich, wobei ich den Arzt in seinem Redefluss unterbrach. Nancy schaute mich mit einem vorsichtigen Lächeln an. Nachdem ich dem Arzt erklärt hatte, weshalb ich da war, bemerkte ich Nancy gegenüber, dass meine Tochter gerade ihr Examen als Krankenschwester machte und wie sehr ich diesen anspruchsvollen Weg bis zu diesem Abschluss bewundere. Als der Arzt mit meiner Behandlung fertig war, gab er mir rasch die Hand und verschwand – mit Nancy im Schlepptau. Auf dem Weg nach Hause fielen mir die Worte meines Mentors wieder ein: „Zeige mir, wie jemand mit anderen umgeht, und ich zeige dir, wie er mit Gott umgeht.“ Dann dachte ich über Jesus nach und was für einen völlig anderen Umgang mit Menschen er an den Tag gelegt hatte. In gewisser Weise war jeder Mensch damals „unter“ Jesus. Aber am Verhalten von Jesus hätte man das nie ablesen können. So lebte er eines der genialsten Leiterschaftskonzepte, die es je gab: Jesus stellte diejenigen groß heraus, die ihm untergeordnet waren – seine Jünger. Egal, ob Mutter oder Vater, Arbeitgeber, Kindergottesdienstmitarbeiter, Gemeindeleiter oder Presbyter (oder gar ein Arzt!) – auf vielerlei Weise können einem andere unterstellt sein. Menschen in dieser Position sollten sich mit folgenden drei Arten befassen, wie Jesus anderen Wertschätzung erwies.

1. Jesus motivierte Menschen durch Zuneigung, nicht durch Einschüchterung.

In der Bibel begegnen uns zwei verschiedene Methoden, jemanden zu etwas zu bewegen: Durch Einschüchterung und Angstmache jemanden in Bewegung bringen. Das ist das Modell dieser Welt. So machte es z. B. König Saul, der allen, die nicht mit ihm in den Krieg ziehen wollten, androhte, dass ihr wertvolles Vieh niedergemetzelt würde (1. Samuel 11,7). Dieser Leitungsstil beruht auf folgenden Grundsätzen: Scheitern ist nicht erlaubt. Der Erfolg anderer ist bedrohlich für dich selber. Tritt herrisch gegenüber denen auf, die unter dir stehen. Die andere Art zu motivieren: Durch Liebe und Respekt jemanden in Bewegung bringen. Das ist das Modell von Jesus. Wir sehen es auch schon bei König David, dessen Leute eine so große Wertschätzung für ihn hatten, dass sie die feindlichen Linien durchbrachen, nur um ihm Wasser aus einer Quelle in Bethlehem zu holen (2. Samuel 23,15-16). Auch diesem Leitungsstil liegen unausgesprochene Überzeugungen zugrunde: Scheitern bedeutet nicht das Ende. Der Erfolg anderer ist ein Beitrag zum Erfolg aller. Anstatt andere zu beherrschen, orientiert man sich am Verhalten eines Dieners. Einmal nahm Jesus seine Jünger beiseite und erklärte ihnen, dass die Welt und ihr Herrschaftsdenken rückständig waren. Er gab ihnen eine an Gott ausgerichtete Alternative: „Bei euch aber soll es nicht so sein. Wer bei euch groß sein will, soll euer Diener sein“ (Matthäus 20,26).

2. Jesus tadelte niemanden, ohne ihm vorher gesagt zu haben, was er von ihm erwartete.

Die schärfste Kritik übte Jesus an den Frommen, die Gottes Willen kannten, aber nicht beachteten (oder ihn sich passend zurechtlegten). Stellen wir uns vor, wir stünden am Jüngsten Tag vor dem Richterthron und hätten keine Ahnung davon, was wir falsch gemacht hätten. Das fänden wir nicht nur verwunderlich, wir wären vielmehr empört, und das zu Recht. Warum? Weil Gott uns keine Gelegenheit gegeben hätte, uns zu ändern. In Wirklichkeit aber hat uns der Herr mehr als genug Einblick in sein Wesen und seinen Willen gegeben. Erstens hören wir die Stimme des Gewissens, die uns aufzeigt, was falsch läuft (Römer 2,14-16). Zweitens weist uns die Schöpfung auf Gott hin (Römer 1,20-23). Und drittens haben wir die Heilige Schrift, die nicht nur unsere Sünde aufdeckt, sondern uns auch den Weg zur Vergebung zeigt (Römer 2,23; 3,23-24). Mit anderen Worten: Niemand wird vor Gott, dem Richter, stehen und sagen können: „Wie unfair!“ Jeder Tag, den wir leben, ist ein Geschenk voller Güte. Gehört es zu Ihren Aufgaben, anderen eine kritische Rückmeldung zu geben? Sagen Sie es auf der Basis einer Beziehung, die von Mitgefühl geprägt ist! Josh McDowell meinte einmal Eltern gegenüber: „Regeln ohne Beziehung lassen rebellieren.“ Das ist auch am Arbeitsplatz so. Wenn ich Jahresgespräche mit Mitarbeitern führe, habe ich mir angewöhnt, niemanden mit einem überraschenden Feedback zu konfrontieren (schon gar nicht mit einer Kündigung.) Wenn jemand kritisiert werden muss, dann sollte derjenige nicht überrumpelt werden. Jesus hat es nie so gemacht. Wir sollten es auch nicht tun.

3. Scheitern war für Jesus nicht das Aus, sondern die Startbahn zum Wachstum.

Wer Eltern hatte, die pingelig jeden Fehler bemäkelten, hat es als Erwachsener schwer. Alle Kreativität wird erstickt, man spürt ständig die Risse im dünnen Eis. Man weiß nicht, welcher Schritt der letzte vor dem Abgrund ist. Man agiert unsicher, unselbstständig und fühlt sich dauernd an der kurzen Leine. Jesus ließ es zu, dass Menschen scheiterten. Beim letzten Abendmahl sagte er zu Petrus: „Wenn du später umgekehrt und zu mir zurückgekommen bist, dann stärke deine Brüder“ (Lukas 22,32). Und nachdem Petrus ihn verleugnet hatte, gab Jesus ihm am See Genezareth einen neuen Anfang – Petrus war nicht erledigt für ihn (Johannes 21). Wenn ich noch einmal an die Begegnung mit meinem Arzt und mit Nancy denke, dann frage ich mich, ob sein Team nicht viel leistungsfähiger und viel identifizierter mit seiner Arbeit wäre, wenn es Zuwendung, Kommunikation und Mitgefühl erleben würde. Wäre der Leitungsstil von Jesus hier nicht eine wunderbare Sache?

Von Dr. Wayne Stiles


Dr. Wayne Stiles ist Autor und Blogger in Texas, USA, und bietet virtuelle Touren ins Heilige Land auf seiner Webseite an: www.walkingthebiblelands.com. Auf Deutsch ist von ihm das Buch „Wenn Gott uns warten lässt – Geduld lernen am Beispiel Josefs“ erschienen. Der vorliegende Artikel erschien zuerst auf www.waynestiles.com und wurde mit freundlicher Genehmigung übersetzt.

1 DIREKT-KOMMENTAR

  1. „Zeige mir, wie jemand mit anderen umgeht, und ich zeige dir, wie er mit Gott umgeht.“

    Wohl wahr!
    Habe mich gerade mit lieben Freunden darüber unterhalten.

    >> In der Bibel begegnen uns zwei verschiedene Methoden, jemanden zu etwas zu bewegen:
    Durch Einschüchterung und Angstmache jemanden in Bewegung bringen. <>Dieser Leitungsstil beruht auf folgenden Grundsätzen: Scheitern ist nicht erlaubt. Der Erfolg anderer ist bedrohlich für dich selber. <>Die andere Art zu motivieren: Durch Liebe und Respekt jemanden in Bewegung bringen. Das ist das Modell von Jesus. <>diesem Leitungsstil liegen unausgesprochene Überzeugungen zugrunde: Scheitern bedeutet nicht das Ende. Der Erfolg anderer ist ein Beitrag zum Erfolg aller. Anstatt andere zu beherrschen, orientiert man sich am Verhalten eines Dieners.
    Einmal nahm Jesus seine Jünger beiseite und erklärte ihnen, dass die Welt und ihr Herrschaftsdenken rückständig waren. Er gab ihnen eine an Gott ausgerichtete Alternative:
    „Bei euch aber soll es nicht so sein. Wer bei euch groß sein will, soll euer Diener sein“ (Matthäus 20,26)<>Wäre der Leitungsstil von Jesus hier nicht eine wunderbare Sache?<<

    Ja. Gesegnet, wer danach handelt, sich im Gebet zurück zieht, um sich – im Beisein Gottes – zu fragen: Wer bin ich. Wie hat mich Gott gemacht. Was habe ich bis jetzt daraus gemacht. Gott: Wie siehst du mich.

    Danke, Jesus.de

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