Wie wurde aus Ausgrenzung und Verfolgung systematischer Massenmord? Die Holocaust-Forscherin Andrea Löw blickt auf die Entscheidungen des Jahres 1941 und ihre verheerenden Folgen.
epd-Gespräch: Susanne Rochholz (epd)
Vor 85 Jahren, im September und Oktober 1941, entschied sich das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in NS-Deutschland: War bis dahin deren massenhafte, erzwungene Auswanderung das Ziel der NS-Diktatur, fällten die Nazis nun Entscheidungen wie die Vorschrift, dass Jüdinnen und Juden den gelben Stern an der Kleidung zu tragen hatten, und ein Auswanderungsverbot. Andrea Löw, wissenschaftliche Leiterin des Zentrums für Holocaust-Studien im Institut für Zeitgeschichte München-Berlin sowie Dozentin an der Uni Mannheim, erläutert im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst den Weg in den Holocaust und sieht vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt Parallelen zur AfD.
epd: Der 19. September 1941 war in der Geschichte des Holocaust ein entscheidendes Datum: Ab diesem Tag mussten Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich den Judenstern tragen. In Deutschland eine beklemmende Erinnerung, oder?
Andrea Löw: Die gesamte Geschichte des Holocaust verursacht Beklemmungen. Aber im Deutschen Reich war das natürlich ein großer Einschnitt. Überhaupt war der Spätsommer und Frühherbst 1941 eine zentrale Phase für die Geschichte der Jüdinnen und Juden im Deutschen Reich, also dem sogenannten Altreich, Österreich und dem sogenannten Protektorat Böhmen und Mähren. In anderen Teilen des deutsch besetzten Europas galt die Kennzeichnungspflicht bereits früher.
epd: Was bewirkte das bei den Betroffenen?
Das war ein riesiger Einschnitt in der Selbstwahrnehmung der Betroffenen. Sie konnten nicht mehr versuchen, in der Masse unterzutauchen, sondern waren sofort als Jüdinnen und Juden zu erkennen.
Jüdische Bevölkerung saß „in der Falle“
epd: Wie war es zu der Entscheidung der NS-Machthaber gekommen?
In diesem Sommer und Herbst 1941 gab Hitler dem Drängen einiger Gauleiter nach, die deutschen Jüdinnen und Juden bereits während des Krieges zu deportieren. Bis dahin war er offenbar davon ausgegangen, dies erst nach dem sogenannten «Endsieg» zu tun. Im Oktober 1941 wurde der jüdischen Bevölkerung außerdem die Auswanderung verboten. Damit saßen sie tatsächlich in der Falle. Bis zum Sommer 1941 war die massenhafte erzwungene Auswanderung der Jüdinnen und Juden das Hauptziel der Nationalsozialisten gewesen.
Der Begriff «Endlösung der Judenfrage» bedeutete im nationalsozialistischen Sprachgebrauch zunächst nicht automatisch das, was wir heute darunter verstehen – nämlich den Massenmord. Eine «Endlösung» konnte damals zunächst auch Vertreibung oder Deportation bedeuten, um das Ziel zu erreichen, dass das Deutsche Reich «judenfrei» sei.
epd: Wie kam es danach zu dem Genozid?
Der Prozess war außerordentlich kompliziert. Im Sommer 1941 begannen in der besetzten Sowjetunion die unterschiedslosen Massenerschießungen. Ein besonders erschütternder Höhepunkt war das Massaker von Babyn Jar bei Kiew Ende September 1941, bei dem innerhalb von zwei Tagen fast 34.000 Juden – Männer, Frauen und Kinder – erschossen wurden. Auch die Befehle zum Bau der Vernichtungsstätten ergingen in dieser Phase, im Herbst 1941. Aber selbst nachdem der systematische Massenmord begonnen hatte, wurde weiter über sein Vorgehen und seinen Umfang verhandelt.
Zugleich stimmte Hitler zu, dass die deutschen Jüdinnen und Juden nun doch schon während des Krieges in Richtung Osten deportiert werden sollten. Das war eine ganz zentrale Phase – auch wenn ich keine einfache Antwort auf die Frage geben kann, wann genau der Entschluss zum umfassenden Massenmord fiel.
Wendepunkt: September 1941
epd: Eine gewichtige Rolle spielten dabei die beiden Tage 17. und 18. September 1941. Es heißt, Hitler habe am 17. September die Deportation sämtlicher Jüdinnen und Juden aus Deutschland, also aus dem sogenannten Altreich, angeordnet. Am Tag darauf soll Heinrich Himmler dies weitergegeben haben.
Himmler informiert an diesem 18. September 1941 den Gauleiter des sogenannten Reichsgaues Wartheland, dass die Jüdinnen und Juden aus dem Reich in das Ghetto von Litzmannstadt deportiert werden sollten. Zuvor hatte es immer wieder einzelne, lokale Deportationsexperimente und -initiativen gegeben. Sie wurden jedoch immer wieder abgebrochen. Mit der Anordnung vom September 1941, die Jüdinnen und Juden nach Litzmannstadt zu deportieren, begann die systematische Deportation. Im Herbst 1941 und im folgenden Jahr fuhren dann regelmäßig Züge mit jeweils etwa 1.000 Menschen aus deutschen Städten in Richtung Osten. Insofern markiert dieser September einen entscheidenden Wendepunkt.
epd: Zu diesem Zeitpunkt waren die Nationalsozialisten bereits seit mehr als acht Jahren an der Macht und hatten Demokratie und Rechtsstaatlichkeit beseitigt. Und bei der Frage, ob es damals überhaupt noch eine Zivilgesellschaft gab, die diesen Prozess hätte stoppen können, drängt sich der Vergleich zur Gegenwart, zum Aufstieg der AfD auf.
Deshalb ist es so wichtig, autoritäre Tendenzen und Politiker, die die Demokratie abschaffen wollen, zu stoppen, solange das noch möglich ist.
epd: In wenigen Tagen findet die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt. Dort haben Faschisten wieder eine realistische Chance, erstmals seit 1945 eine Landesregierung zu stellen. Fragen Sie sich manchmal: Habe ich etwas falsch gemacht?
Diese Frage stellen wir uns die ganze Zeit. Natürlich kann man die Situationen nicht eins zu eins vergleichen. Aber wir sehen Parallelen: eine antidemokratische Politik und die rechtsextreme Ausgrenzungspolitik dieser Partei. Das Grundgesetz ist nicht aus dem Nichts entstanden. Der erste Artikel «Die Würde des Menschen ist unantastbar» entstand auch vor dem Hintergrund der nationalsozialistischen Verbrechen.
Nun könnte möglicherweise in einem Bundesland eine Partei an die Macht kommen, die bestimmen will, für wen die Menschenwürde gilt und für wen nicht. Wir haben zwischen 1933 und 1945 gesehen, wohin es führen kann, wenn sich eine politische Bewegung anmaßt, darüber zu entscheiden, wer als Mensch gelten darf und wer nicht. Das sollte uns sehr viel stärker warnen, als es derzeit der Fall ist.
epd: Was hilft dagegen?
Wir forschen, lehren und schreiben dagegen an. Optimistisch betrachtet, könnte man sagen: Wer weiß, wie viel schlimmer es sonst wäre? Das ist meine Sichtweise in guten Momenten. Aber auch ich habe – und damit bin ich nicht allein – viele Momente, in denen mich die Entwicklung in die Verzweiflung treibt. Dann frage ich mich: Überschätzen wir unseren Einfluss vielleicht maßlos? Es ist ungeheuer frustrierend.
Kampf gegen Algorithmen und Bots
epd: Die sozialen Medien befördern bekanntlich den Aufstieg von Rechtspopulisten. Können sie auch dagegen helfen?
Ich bin dort teilweise sehr aktiv, weil ich denke, dass wir auch dieses Feld nicht den anderen überlassen dürfen. Gleichzeitig stehen wir dort häufig auf verlorenem Posten. Wenn Algorithmen und Bots bestimmte Botschaften massenhaft verbreiten, sind unsere Möglichkeiten begrenzt. Ich weigere mich trotzdem, diesen «Kampfplatz» aufzugeben, und poste weiter.
epd: Was stört Sie besonders an der AfD?
Diese Partei will die Erinnerung an den Nationalsozialismus und den Holocaust ausradieren beziehungsweise massiv wieder andere Schwerpunkte setzen. Aus Sicht der AfD sind diese Jahre ein Problem, weil sie zeigen, wohin es führen kann, wenn eine solche Partei an die Macht kommt. Deshalb setzt die AfD alles daran, diese Erinnerung zurückzudrängen, angefangen bei Alexander Gaulands berühmter «Vogelschiss»-Äußerung bis hin zum Programm der AfD in Sachsen-Anhalt. Alles, was nicht rechtsnationalistisch ist, soll aus dem Land, aus der Politik und aus der Bildung verdrängt werden. Das ist dramatisch!
Dabei wählt die übergroße Mehrheit der Menschen in diesem Land nicht die AfD. Aber im Geschrei der AfD und ihrer Anhänger geht manchmal unter, dass die Mehrheit etwas anderes will. Viele besonnene und vernünftige Menschen hört man dagegen kaum. Daraus kann eine gefährliche Dynamik entstehen: das Gefühl, ohnehin verloren zu sein und nichts mehr bewirken zu können. Wir müssen lauter werden.
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