Michael Diener
Michael Diener (Foto: Gnadauer Gemeinschaftsverband)
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Im Interview mit 3E-Redaktionsleiter Rüdiger Jope spricht Michael Diener über nötige Aufbrüche im Gnadauer Gemeinschaftsverband, die Chancen des Reformationsjubiläums 2017 und seinen persönlichen Berufungsweg.

Michael Diener, was gab es heute bei Ihnen zum Mittag? Pfälzer Saumagen?

Diener: Wir haben zu Hause noch nie Pfälzer Saumagen gegessen (lacht). Den esse ich ab und zu im Restaurant – dann auch gerne. Das ist aber nicht mein Pfälzer Leibgericht. Da gibt’s viel bessere. „Hoorische“ zum Beispiel. Harte und weiche Kartoffeln, die zu einem Teig vermischt und dann gekocht werden. Das ist unglaublich gut!

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Was hat Sie bewegt, die Pfälzer Kirche zu verlassen für das Amt des Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes?

Das ist eine ganz klare Berufungsgeschichte. Als die Anfrage kam, war ich gerade zwei Jahre vorher auf zehn Jahre zum Dekan gewählt worden. Und mir war vollkommen klar: Das ist mein Platz und das, was ich machen will. Als die Anfrage aus Kassel kam, habe ich erst einmal abgesagt. Doch die Nominierungsrunde blieb hartnäckig. Also sind meine Frau und ich zum Gespräch nach Kassel gefahren. Obwohl wir uns vorgenommen hatten, dass wir in Pirmasens bleiben, hat uns „der Ruf Gottes“ erwischt: Wir sind aus dem Gespräch gegangen und wussten: Gott ruft. Es war für uns klar ein Berufungsschritt.

Welche Aufgabe hat der Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes?

Ich bin der Vorsitzende der Gnadauer Mitgliederversammlung. Meine Grundaufgaben sind zum einen: Vernetzen – ich soll eine Verbindung herstellen zwischen den neunzig unterschiedlichen Mitgliedswerken und Verbänden des Gnadauer Verbandes. In Ostfriesland kann der Gemeinschaftsverband vielleicht profitieren von dem, was in Bayern läuft, die Sachsen helfen den Pfälzern usw.

Zweiter Punkt: Vertreten. Ich vertrete Gnadau gegenüber der Evangelischen Kirche, dem Kirchenamt und den Landeskirchen, den Werken im sogenannten evangelikalen Raum, wie der Lausanner Bewegung, ProChrist, Willow Deutschland, der Evangelischen Allianz und der Politik. Außerdem: Verkündigen der pietistischen Theologie in Vorträgen, in Predigten, in Gemeinschaften oder auf Verbandsfesten. Vor allem ist wichtig, mit Vertrauen zu handeln. Mein Amt ist nicht hierarchisch, es ist ein reines Vertrauensamt.

Der Gnadauer Verband hat 2015 in Erfurt einen Kongress mit dem Titel „Neues wagen“ durchgeführt. Was war die Motivation dahinter?

Als ich 2009 anfing, haben wir eine Art Inventur unserer Arbeit durchgeführt. Selbstkritisch stellten wir fest, dass wir in die Jahre gekommen sind. Ehrlicherweise mussten wir zugeben: Wir nennen uns „Erneuerungsbewegung“, aber wir brauchen zum Teil selbst Erneuerung. So war die Aufgabe, herauszufinden, wofür wir als Bewegung stehen. Auf dem Kongress haben wir drei Themenfelder identifiziert: Geistliches Leben, Neugründung/Neubelebung von Gemeinschaften und gesellschaftlich-diakonische Verantwortung. Gott hat uns auf dem Kongress einen Aufbruch geschenkt, eine Rückkehr zu unseren Gründungsmotivationen und eine Neuausrichtung zugleich.

Wie bewerten Sie die Auffassung, dass die deutsche Gemeinschaftsbewegung außerhalb der christlichen Welt kaum sichtbar sei?

Ich glaube, wir müssen uns in der Gemeinschaftsbewegung fragen lassen, ob wir in unserer Arbeit nicht manchmal mehr geprägt waren von der Abwendung von der „bösen Welt“ als der missionarischen Zuwendung zu den Menschen. Wir haben in der Heiligen Schrift beides! Jesus sagt im hohepriesterlichen Gebet: „Meine Jünger sind nicht von der Welt“, aber er sagt auch: „Ich sende sie in die Welt“. Wie wir die Spannung zwischen diesen beiden Polen leben können, ist eine Grundherausforderung für die Gemeinschaftsbewegung.

Sie sind mit ganzem Herzen Pietist. Was macht für Sie den Charme dieser Fraktion aus?

Das hat vor allem damit zu tun, dass ich so groß geworden bin. Ich bin der jüngere von Zwillingsbrüdern. Und noch bevor ich laufen konnte, wurden wir in der Stadtmission von Reihe zu Reihe durchgegeben. Ich konnte mir Glaubensprägung gar nicht anders vorstellen als pietistisch. Viele Jahre habe ich mir natürlich gar keine Gedanken darüber gemacht, ob es andere Formen und Prägungen gibt. Diese Reflexion setzte erst viel später ein. Da habe ich dann gemerkt: Was mir im Pietismus gefällt, ist, dass das Wort Gottes MICH betrifft und verändert. Walter Michaelis, ein evangelischer Theologe, der als Präses zwischen 1906 und 1953 den Gnadauer Gemeinschaftsverband mitgeprägt hat, formulierte diese Polarität einmal so: Sie achtet die Stiftungen Gottes – Wort und Sakrament –, fragt aber auch nach den Wirkungen im eigenen Leben, nach der „Heiligung“. Das große Versöhnungshandeln Gottes, welches der ganzen Welt gilt, wirkt auch in meinem eigenen Leben. Das fasziniert mich bis heute.

Wenn man in einer Bewegung groß wird: Wie gelingt es vom Anerzogenen zur persönlichen Aneignung zu kommen?

„Learning by doing“ (durchs Tun lernen). Zum Beispiel durfte ich in der Stadtmission sehr früh predigen. Mit 16 Jahren brachte mir ein Stadtmissionar das Vertrauen entgegen. Mir half auch, dass andere mich als Jugendleiter sahen und ermutigten, hauptamtlich in den Dienst zu gehen. Geistlich vertieft wurde mein Leben dann durch die Arbeit der „Missionsgemeinschaft der Fackelträger“, einer internationalen Bewegung, der ich seitdem auf vielfältige Weise verbunden bin.

Sie sind seit November 2015 im Rat der EKD. Wird dort jetzt mehr Bibel gelesen und gebetet?

(lacht) Dazu braucht der Rat mich nicht. Es hat mich bisher sehr beschenkt, wie das Tagen und Beraten geistlich umgeben ist und wie die geistliche Geschwisterschaft des Rates auch in Krisenzeiten Anteil nimmt und trägt.

Was kann der Gnadauer Verband von der EKD lernen?

Gnadau kann von der EKD lernen, dass von der Christusmitte her Glaubensprägungen und -formen unterschiedlich sein können. Wo Christus uns anrührt, entsteht keine Uniformität. Sondern Einheit in Vielfalt. Die Evangelische Kirche in Deutschland hat schon verstanden, dass sie als eine volkskirchliche Bewegung nicht grenzenlos pluralistisch sein darf. Aber plural – soweit es vom Evangelium her eben geht – schon.

… und umgekehrt?

Umgekehrt kann die EKD von Gnadau lernen, dass es wichtig ist, sich in der Vielgestaltigkeit dessen, was sich dann anbietet, nicht zu verzetteln. Und dass wir das Rad dessen, was Kirche bewegt, nicht neu erfinden: die Christusmitte, das Hören auf die Schrift, das geistliche Leben, das umfassende missionarische Zeugnis. Wir haben als Bewegung in der Kirche die Chance, uns etwa darauf zu konzentrieren, dass Mission eine ganz wesentliche Grundäußerung der Kirche ist. Gnadau ist als Reformbewegung in der Kirche und für die Menschen ohne Christus entstanden. Ein Gnadauer Verband, der in seiner Konzentration so plural wäre wie die Kirche, würde seine innere Kraft verlieren. Wir können der EKD sagen: „In allem, was ihr tut, und in der Weite, in der ihr es tut – vergesst euer Fundament nicht!“

Der Rat hat über die Schwerpunkte für die kommende Amtsperiode getagt. Wofür schlägt Ihr Herz?

Wir sind uns einig darin, dass wir uns für die nächsten zwei Jahre auf das Reformationsjubiläum konzentrieren. Aber auch auf die brennenden Fragen um Migration und Integration. Im Blick auf die Jahre nach 2017 wird es aber keine Stagnation geben. Wir sind noch im Klärungsprozess, aber natürlich wird uns zum Beispiel beschäftigen, wie wir in der heutigen Zeit missionarisch unterwegs sein können. Wie das Evangelium sichtbar wird in unserer pluralen Welt. Es wird um die Herausforderungen der digitalen Zeit gehen, um Anwaltschaft für die Schwachen und vieles mehr.

Ein prominenter Pfälzer ist Bundeskanzler a.D. Helmut Kohl. Von ihm stammt der Ausspruch: „Entscheidend ist, was hinten rauskommt“. Was soll beim Reformationsjubiläum rauskommen?

Die Botschaft von der „freien Gnade“ für Menschen von heute.

Das ist keine Frage, die sich die heutige Gesellschaft stellt …

Deshalb arbeiten wir ständig daran, diese in die heutige Zeit zu übersetzen. Auch wenn die Menschen nicht mehr nach dem gnädigen Gott fragen – sie fragen nach einem gelingenden Leben. Eine Frage kann sein: Was hat Gott mit einem gelingenden Leben zu tun? Braucht man ihn dazu eigentlich? Menschen reagieren extrem empfindlich, wenn ihr Freiheitsbedürfnis eingeschränkt wird. Was hat denn christlicher Glaube mit Freiheit zu tun? Menschen fragen in Krisenzeiten immer noch nach dem, was ihrem Leben Halt gibt, sie fragen nach Entlastung und Sinn.

Anlässlich des Reformationsjahres erscheint die neue Lutherbibel. Warum sollte jemand die Bibel lesen?

Es gibt eine Geschichte von einer afrikanischen Frau, Maja, die von vielen belächelt wurde, weil sie überallhin die Bibel mitnahm. Und die Antwort auf die Frage, warum sie die Bibel lese, war: „Es gibt viele Bücher, die ich lesen kann. Es gibt nur ein Buch, das mich liest.“ Das würde ich für mich so auch sagen. Ich erkenne in der Heiligen Schrift, dass Gott zu mir spricht. Dass meinem Leben der Spiegel vorgehalten wird. Dass Gott mich persönlich meint. Für mich ist das ein ganz wichtiger Grund, Menschen die Bibel näher zu bringen.

Bibel lesen, angesprochen werden, losgehen und die Botschaft weitererzählen: Wie meistert ein Christ die Hürde „Sprachfähigkeit des eigenen Glaubens“?

Da helfen wahrscheinlich weniger die Samstags-Workshops „Wie spreche ich mit säkularisierten Menschen über Gott?“, sondern „Just do it!“. Meine persönliche Erfahrung ist: Sprachfähigkeit des Glaubens entwickelt sich, indem ich mit Menschen unterwegs bin und mit ihnen lebe. Und aus diesen gemachten Erfahrungen lohnt sich dann auch mal so ein Workshop. Um miteinander zu reflektieren und voneinander zu lernen. Aber ich bekomme nicht am grünen Tisch beigebracht, wie ich mit Menschen über Gott reden kann. Ich habe in meinem Studium sieben Jahre lang bei McDonald’s gearbeitet. Es war hoch spannend, dort mit den Menschen ins Gespräch zu kommen: „Was studierst du denn? Oh, du wirst Pfarrer? Dann darfst du ja nicht heiraten?“ Und schon waren wir mittendrin.

Sie sagten einmal, Sie wünschen sich eine Kirche, deren Herz im Christus-Takt schlägt. Wie sieht die aus?

Mich rühren jene Geschichten in der Bibel an, wo Jesus dem einzelnen Menschen begegnet. Die Liebe, die Christus ausstrahlt. Die Klarheit, in der er mit Menschen redet. Die Bereitschaft, jene zu sehen, die leicht übersehen werden. Ich finde, eine Kirche im Christus-Takt ist eine Kirche, die genau so unterwegs ist.

Danke für das Gespräch!

Michael Diener ist Präses des Evangelischen Gnadauer Gemeinschaftsverbandes, bis Ende 2016 Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz und Mitglied im Rat der Evangelischen Kirche von Deutschland (EKD).
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Die Fragen an Michael Diener stellte Rüdiger Jope, Chefredakteur des Kirchenmagazins 3E. Das komplette Interview mit dem Präses des Gnadauer Gemeinschaftsverbandes können Sie in Ausgabe 2/2016 von 3E nachlesen. Das Kirchenmagazin 3E erscheint im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

(Quelle: jesus.de)