Seit über drei Jahrzehnten unterstützt die Organisation IDFWO Witwen und Waisen gefallener Soldaten und Sicherheitskräfte in Israel. Nach dem Hamas-Massaker 2023 ist die Not gewachsen.
Von Brigitte B. Nussbächer
Was geschieht mit Frauen, die ihren Mann im Krieg verloren haben? Wer unterstützt die traumatisierten Kinder? 1991, rund 18 Jahre nach dem Jom-Kippur-Krieg, starteten verwitwete Soldatenfrauen in Israel eine Initiative, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden: die „IDF Widows and Orphans Organization“ („Witwen und Waisen“). Es ist landesweit die einzige von der Regierung akkreditierte Organisation, die sich um Witwen und Waisen der gefallenen Soldaten und Sicherheitskräfte kümmert.
Wenn israelische Soldaten oder Sicherheitskräfte im Kampf fallen oder durch Terroranschläge ermordet werden, wird nach der betroffenen Familie auch die IDFWO informiert. Das Team nimmt Kontakt mit der betroffenen Witwe auf, um sie zu unterstützen. Das beginnt mit der Teilnahme beim Begräbnis bis zu der Bereitstellung von Nachtschwestern, die es jungen Müttern ermöglichen, Nächte durchzuschlafen und vielen anderen praktischen Hilfeleistungen. Schwangeren Witwen werden Hebammen zur Seite gestellt, die sie bis zur Geburt begleiten. Zusätzlich versteht sich die IDFWO auch als Partner der Witwen, der mithilft, die Waisen groß zu ziehen.
Die IDFWO ist mehr als eine Organisation – sie ist eine Familie. Die IDFWO begleitet die Hinterbliebenen, bietet emotionale und finanzielle Unterstützung und Bildungsmöglichkeiten. Durch Aktivitäten wie Vorträge, Tagesausflüge, Erlebnisworkshops, Singabende und Spaßtage, entstehen regionale Gemeinschaften, die Kraft, Halt und neue Perspektiven geben. Dazu setzt sich die Organisation für die Nöte und Rechte Betroffener ein. Inmitten von Trauer und Schmerz wächst so eine Gemeinschaft voller Mut und Widerstandskraft – ein Ort, an dem aus Verlust Zusammenhalt entsteht und trotz Dunkelheit Hoffnung erwacht.
Gemeinsame Ziele
Unsere persönliche Verbindung zur IDFWO entstand durch unseren Freund Mosche aus Jerusalem. Durch unser Projekt für israelische Waisenkinder haben wir ein gemeinsames Ziel. Deshalb war es uns eine besondere Freude, den Leiter und CEO, Shlomi, persönlich zu treffen, um unsere Zusammenarbeit zu vertiefen. Es passt wunderbar, dass ihr Hauptsitz in Petach Tikva (zu Deutsch: Tor der Hoffnung) liegt. Denn genau das sind sie: ein Tor der Hoffnung für betroffene Familien.
Shlomi trat der Organisation vor 15 Jahren bei und war zunächst Direktor für das Jugendprogramm, bevor er 2021 Geschäftsführer wurde. Davor hatte er schon Erfahrung im Erziehungswesen gesammelt. Wenn man ihn fragt, was für seine Entscheidung ausschlaggebend war, nennt er zwei Gründe. Da ist einmal seine Mutter, die selbst als Waise aufgewachsen ist. Und dann ist da noch Janusz Korczak, der jüdische Schriftsteller und Arzt in Polen, der seine medizinische Karriere aufgab, um zunächst eins und danach zwei jüdische Waisenhäuser zu leiten. Freiwillig begleitete er „seine“ Waisenkinder in das Vernichtungslager Treblinka, wo die Nazis ihn ermordeten. In der Gedenkstätte Yad Vashem erinnert eine Skulptur an diesen besonderen Mann, der für viele und auch für Shlomi zum großen Vorbild wurde.

„Kraft-Camps“ für Kinder
Die Arbeit mit den Kindern liegt Shlomi besonders am Herzen. Daher hat er das Projekt der „Otzma-Camps“ („Kraft“-Camps) ins Leben gerufen. Dort werden Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 18 Jahren betreut. Viele dieser Kinder haben Schwierigkeiten, Anschluss an andere Gleichaltrige zu finden, nachdem sie ihren Vater verloren haben. Sie müssen sich in einer Welt behaupten, in der nur wenige ihr Schicksal und ihren Verlust kennen und verstehen. In der Camp-Gemeinschaft kommen sie mit anderen Waisen zusammen, denen sie nicht erklären müssen, wie sehr ihnen der Vater fehlt – und wie schwer es für sie ist, mitzuerleben, dass auch ihre Mutter nicht mehr die Gleiche ist. Dass ihr Zuhause sich für immer verändert hat. Wie sehr sie die Geborgenheit vermissen, die sie früher in ihrer Familie gefunden haben.
In den Camps beginnen die Kinder, wieder zu lächeln, zu spielen, sich zu freuen und das Leben zu meistern. Hier entstehen Freundschaften. Shlomi erzählt uns von einem kleinen Jungen, der seit dem Verlust seines Vaters keinen Kontakt mehr zu Altersgenossen fand. Im Camp spielte er das erste Mal wieder mit anderen Kindern, nachdem er erfahren hatte, dass alle Waisen waren. So wie er selbst. Mitzuerleben, wie Kinder langsam ins Leben zurückfinden, das ist das, was Shlomi für seine Arbeit inspiriert und ihm immer wieder neue Kraft gibt. Kleine Heilungsschritte geben Hoffnung.

Rückkehr ins Leben
Nach dem Massaker der Hamas im Oktober 2023 sind die Herausforderungen für die IDFWO extrem gewachsen. Mehr als 350 Witwen und über 730 Waisenkinder müssen zusätzlich betreut werden. Um dem Bedarf gerecht zu werden, wurde die Zahl der Mitarbeitenden auf 21 Mitarbeitende verdoppelt. Dazu helfen rund 240 Freiwillige mit. Es ist für die Mitarbeitenden nicht leicht, mit all dem Leid umzugehen. Shlomi erzählt uns, dass er am Tag des Massakers die bewusste Entscheidung getroffen hat, seine Gefühle „wegzusperren“. Nur so sei es ihm möglich, diese wichtige Arbeit zu tun. Und so strahlt er Stärke, Empathie und Hilfsbereitschaft aus – und ist fast rund um die Uhr erreichbar. Dass er selbst eine Familie hat, und dass seine eigene Frau zum Zeitpunkt des Massakers hochschwanger war, hilft ihm, die Bedürfnisse der Frauen und Kinder noch besser zu verstehen.
Jeder kann die Programme der IDFWO unterstützen und damit ein Teil der lebendigen Initiative werden, die Trauer in Hoffnung und Erinnerung in Handeln verwandelt. Gemeinsam können wir die zurückgelassenen Frauen und Kinder unterstützen, ihnen beim Wiederaufbau ihres Lebens helfen, ihre Widerstandsfähigkeit fördern und ihnen vermitteln, dass sie nie allein sind. Unser gemeinsames Engagement wird auf diese Art zu einer Quelle der Kraft und des Trostes.
Brigitte Nussbächer und ihr Mann Harald Bottesch sind regelmäßig in Israel und unterstützen Familien, die von dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 direkt betroffen waren. Sie berichten darüber auf ihrer Webseite Arc to Israel. Veröffentlichung auf Jesus.de mit freundlicher Genehmigung. Dieser Beitrag wurde für Jesus.de gekürzt und redaktionell überarbeitet.Wir veröffentlichen auf Jesus.de regelmäßig Artikel aus dem Israel-Zyklus von Brigitte B. Nussbächer.
