Während Hamas-Terroristen ihren Kibbuz angreifen, riskieren Rony und Ofer ihr Leben, um die Verwundeten zu retten. Seitdem sind sie Heimatlose im eigenen Land, aber trotzdem voller Hoffnung.
Von Brigitte B. Nussbächer
Manchmal begegnet man Menschen, die eine verborgene innere Stärke haben. Man sieht es ihnen nicht an, denn sie tragen ihren Mut nicht sichtbar vor sich her, aber er ist da, immer wenn er gebraucht wird. Still und unauffällig tragen sie schwere Lasten und werden zu Rettern. Solche Menschen sind Rony und Ofer.
Wir haben die beiden erstmalig im April 2024 getroffen. Früher haben sie in dem kleinen Kibbuz Kerem Schalom (deutsch: Weinberg des Friedens) gelebt. Doch der Name ist nur ein Wunsch, der nicht Realität geworden ist. Der Kibbuz liegt nur 30 Meter von der Grenze zum Gazastreifen und 300 Meter von Ägypten entfernt. Kerem Shalom wurde am 7. Oktober 2023 Hamas-Terroristen überfallen.
Die einsame Straße
Als wir im April 2024 nach Israel reisen, lauten die Schlagzeilen in den israelischen Medien: „Israel bereitet sich auf einen direkten Raketenangriff aus dem Iran innerhalb von 24 bis 48 Stunden vor!“ Washington weist seine Mitarbeiter und Diplomaten an, ihre Domizile nicht zu verlassen. Das Auswärtige Amt empfiehlt uns, in der Nähe des Bunkers zu bleiben und darin Wasser, Lebensmittel und Medikamente vorzubereiten. Der Schutzraum ist ein Lagerraum mit verstärkten Wänden und einer Metalltür.
Doch Rony und Ofer sagen den gemeinsamen Besuch mit uns in Kerem Schalom nicht ab, trotz der drohenden Gefahr und der langen Anreise. Für uns ist es in jedem Jahr die letzte Reise in den Süden. Vor der Abfahrt holen wir noch Ratschläge ein, was im Falle eines Angriffs zu tun ist: das Fahrzeug verlassen, sich auf den Boden legen und den Kopf mit den Händen schützen. Auf Autobahnen und Überlandstraßen gibt es sonst keine Schutzmöglichkeiten.
Die Stadt Rafah liegt in Sichtweite von Kerem Schalom, nur einen Kilometer weit entfernt. Es wird eine gespenstische Fahrt. Die Straßen hier im evakuierten Süden sind sowieso sehr leer. An diesem Tag scheinen wir die einzigen Menschen zu sein, die sich auf den Weg gemacht haben. Wir sind nicht als Touristen hier. Wir sind mit dem Ziel gekommen, uns mit Israel zu solidarisieren, anzupacken und zu helfen, wo wir können. Auf dem Weg nach Kerem Schalom passieren wir zwei Militärkontrollen. Wir müssen uns ausweisen und erklären, warum wir da sind. Wir blicken in staunende, ungläubige Gesichter. Bei der zweiten Kontrolle reichen unsere Angaben nicht aus. Ich rufe Ofer an, der den Militärs die Situation auf Hebräisch erklärt und bestätigt, dass wir mit ihnen den Kibbuz, der zur militärischen Sperrzone gehört, besuchen dürfen. Die Soldaten entspannen sich. Wir dürfen weiterfahren. Ab hier haben wir das Gefühl, jeglichen Schutz im wahrsten Sinne des Wortes hinter uns gelassen zu haben.
Es ist der Zeitpunkt kurz vor dem iranischen Angriff am 14. April und vor dem Einrücken der israelischen Armee in Rafah im Mai.
Wir treffen Rony und Ofer am Eingang zum Kibbuz und können es kaum glauben: blühende Bäume, Vogelgezwitscher – eine absolute Idylle empfängt uns. Auf den ersten Blick glaubt man, im in einem Garten Eden zu stehen. Auf den zweiten merkt man, dass es keiner mehr ist. Ganz alleine stehen wir hier mit Rony und Ofer. Sie erzählen uns ihre Geschichte.
Angriff auf den Garten Eden
Kerem Schalom war ein kleiner Kibbuz mit 230 Einwohnern. Aufgrund der exponierten Lage, direkt an den Grenzen zu Ägypten und dem Gazastreifen, gibt es hier nicht nur einen Zaun, sondern eine sechs Meter hohe Betonmauer. Am Morgen des 7. Oktober 2023 sprengten Hamas-Terroristen die Wand an vier Stellen. Der Angriff wurde schnell bemerkt, doch herrschte Verwirrung, weil die Terroristen israelische Uniformen trugen. Insgesamt stürmten über 200 Hamas-Kämpfer in Wellen in den Kibbuz. Im Unterschied zu anderen Kibbuzim trafen sie in Kerem Shalom jedoch auf erbitterten Widerstand. Der Chef des Sicherheitsteams hatte sich der Anweisung des Verteidigungsministeriums widersetzt, die Waffen im Waffenraum zu lagern. So kam es, dass sich die Sicherheitskräfte sofort verteidigen konnten.
Obwohl die Sicherheitskräfte den Angreifern zahlenmäßig weit unterlegen waren, lieferten sie ihnen über mehrere Stunden einen erbitterten Kampf. Hier beginnt die ebenso dramatische wie berührende Geschichte von Rony und Ofer. Beide sind medizinische Ersthelfer. Als sie verständigt wurden, dass dringende medizinische Hilfe gebraucht wird, verließen sie ihren schützenden Bunker und bahnten sich durch den Kugelhagel der Terroristen einen Weg zu den Verletzten. Rony erzählt, dass sie nie im Leben solche Todesangst hatte, wie an jenem Tag. Doch es gelingt ihnen, die Verwundeten zu erreichen und sie kämpfen um deren Leben – erfolgreich.
Nach sieben Stunden geht die Munition im Kibbuz allmählich zu Ende. Die Lage ist verzweifelt. Doch dann trifft gerade noch rechtzeitig das Militär ein. Die Soldaten bringen alle Einwohner mit Geleitschutz in das Ortszentrum. Rony möchte vermeiden, dass die Kinder der Bewohner einen weiteren Schock bekommen und wischt deshalb das Blut der Verwundeten auf. Sie ist Lehrerin, Kunsttherapeutin und hat früher Kurse gegeben. Sie kann Kinderseelen gut einschätzen und kennt sich mit Traumata aus. Deshalb übernimmt sie diese traurige Aufgabe. Danach hat sie lange das Gefühl, selber nicht mehr sauber werden zu können.Mit Bussen werden die Bewohner evakuiert. Auf der Fahrt kümmert sich Rony weiter um die Kinder. Dann packt auch sie der Schockzustand. An die nächsten fünf Tage hat sie keine Erinnerung mehr.

Ein Wunder
Rony und Ofer erzählen uns ihre Geschichte unaufgeregt und so selbstverständlich, dass es dauert, bis wir verstehen, wie überaus mutig und unerschrocken sie tatsächlich gehandelt haben. Und was für ein Wunder es ist, dass in Kerem Shalom nur zwei Menschen von den Terroristen getötet wurden. Dass kein einziger entführt wurde! Auch die Zerstörung hier im Ort ist im Vergleich zu den Kibuzzim Nir Oz oder Kfar Azza, die wir noch zu sehen bekommen, deutlich geringer. Das Ergebnis von Wundern, aber auch von klugen Entscheidungen, Einsatzbereitschaft, Mut und Kühnheit.
Was uns bei der Begegnung mit den beiden auffällt: Sie sind von allen, die wir besucht haben, diejenigen, die sich nicht nur um ihre eigene Sicherheit gekümmert haben, sondern an andere dachten und bereit waren, sogar ihr Leben aufs Spiel zu setzen, um ihnen zu helfen. Und sie wirkten stärker und positiver auf uns, als alle, die ihren Schutzbunker nicht verliessen. Vor einigen Jahren hatten Rony und Ofer auch einen Sanitäterkurs für Mitglieder der Kibbuzim in der Grenzregion zu Gaza initiiert. Durch diese ausgebildeten Fachkräfte konnte seither und auch am 7. Oktober selbst vielen Verletzten direkt vor Ort geholfen werden. Auch hier haben die beiden eine langfristige Segensspur hinterlassen.
Wiedersehen
Wir treffen Rony und Ofer im April 2025 erneut, diesmal in Jerusalem bei einem einfachen Abendessen in unserem Hotel. Und es ist erstaunlich: Obwohl wir die beiden erst seit einem Jahr kennen und die meiste Zeit nur online verbunden sind, ist es, als würde man sehr gute alte Freunde treffen. Da ist Verbundenheit, Herzlichkeit und eine große Freude über das Wiedersehen.
Seit dem Angriff der Hamas sind inzwischen 19 Monate vergangen. Heimkehren konnten Rony und Ofer noch nicht. Nach drei Monaten in Eilad wurden sie nach Ashalim umgesiedelt, einen kleinen Ort 35 km südlich von Beer Sheva mitten in der Negev-Wüste. Rony hat hier wieder Arbeit gefunden, doch die läuft in diesem Sommer aus. Die beiden möchten zurück nach Kerem Schalom. Sie haben sich seinerzeit in den Kibbuz verliebt. Diese Liebe ist geblieben. Aber im Augenblick haben sie noch keine Perspektive für die Zukunft. Der Krieg dauert an, weil die israelischen Geiseln noch nicht befreit werden konnten und weil die Hamas nicht bereit ist, sich zu ergeben.
Leben im Niemandsland
Als wir fragen, wie es ihnen geht, meint Rony aufrichtig, dass sie müde ist. Müde dieses Lebens in einem undefinierbaren Zwischenstadium, ohne die Möglichkeit wieder neu durchstarten zu können. Müde vom Warten auf ein Ende des Krieges, müde der Improvisationen. Und der Wüstenstaub macht ihr offenbar zu schaffen. Ihre Sätze werden immer wieder durch Hustenanfälle unterbrochen. Sie sehnt sich nach frischer, klarer Luft.
Aktuell führen sie ein Leben in einem Niemandsland ohne Zeithorizont. Vermutlich werden die beiden demnächst in eine andere provisorische Unterkunft umziehen müssen. Niermand hat vor 18 Monaten damit gerechnet, dass der Krieg so lange dauern würde. Rony und Ofer sind zu Heimatlosen im eigenen Land geworden. Sie sehnen sich danach, endlich wieder einen Ort zu haben, der ihr Zuhause ist. Macht es Sinn, dort, wo sie gerade sind, Fuß zu fassen? Aber würde das nicht einer Resignation gleichkommen, dort heimisch zu werden?
Unbeirrter Einsatz
Trotz allem dienen Rony und Ofer auch jetzt ihrem Land. Still und ohne Aufhebens davon zu machen. Aber mit unglaublicher Loyalität. Es ist erstaunlich, was die beiden geleistet haben und leisten. Wie sie immer wieder selbstlos bereit waren, für andere da zu sein und sie zu schützen. Wie sie ihre Erfahrung und ihre Begabung eingesetzt haben – zum Besten der Menschen um sie herum. Die Überzeugung, dass sie selbst Verantwortung übernehmen müssen und einen Beitrag zu leisten haben, treibt die beiden an. Ihre Weitsicht und die Maßnahmen, die sie auf den Weg brachten, haben viel bewirkt. Wir sind voller Hochachtung für das, was sie tun.
Ihre Bitte an uns ist, dass wir erzählen, was wir gesehen und erkannt haben. Deshalb haben wir ihre Geschichte auf unserer Website ARC to Israel veröffentlicht. Trotz aller Probleme sagen die beiden: „Am Ende wird alles gut werden und wir werden durch diese Erfahrung stärker werden.“ Nur wissen sie nicht, wie lange es noch dauern wird.
Brigitte Nussbächer und ihr Mann Harald Bottesch sind regelmäßig in Israel und unterstützen Familien, die von dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 direkt betroffen waren. Sie berichten darüber auf ihrer Webseite Arc to Israel. Die Veröffentlichung der Geschichte von Ronny und Ofer auf Jesus.de mit freundlicher Genehmigung. Der Beitrag wurde für Jesus.de gekürzt und redaktionell überarbeitet.
Wir veröffentlichen auf Jesus.de regelmäßig Artikel aus dem Israel-Zyklus von Brigitte B. Nussbächer.
