Israel-Zyklus - Teil 6

Musik in der Wüste – ein Hoffnungsprojekt

Julia und Shaul träumen von einer Freilichtbühne in der Wüste Negev. Ihre Musik ist Ausdruck der Hoffnung, ihr Heim eine Oase der Gastfreundschaft.

Von Brigitte B. Nussbächer

April 2025. Wir stehen in der westlichen Negevwüste, in der es früher nur Sanddünen gab. Als eine „trostlose, verlassene Einöde“ beschrieb der Schriftsteller Mark Twain einst diesen Landstrich. Doch ab 1950 begannen israelische Pioniere, sich hier anzusiedeln. Der Vision von Staatsgründer David Ben-Gurion folgend, suchten sie nach Möglichkeiten, das Land urbar zu machen – mit Erfolg. Plantagen entstanden, begrünte und bewaldete Flächen.

An diesem Tag küsst eine warme Frühlingssonne unsere Stirn und eine sanfte Brise streichelt unsere Wangen. Vor den Augen erstreckt sich ein weites Feld, ein grüner Hain. Und hier, im Schatten eines Eukalyptusbaumes, steht ein Musikerpaar: Julia und Shaul Ben-Har geben ein Konzert. Das Gras ist ihre Bühne, das Himmelsgewölbe ihre Konzerthalle, die Sonne der Scheinwerfer, der alles erhellt. Wir hören zu und sind gebannt, wie verzaubert.

Julia und Shaul machen Musik (Foto: privat)

Die beiden träumen davon, an diesem Ort eine Freilichtbühne zu errichten, auf der Ensembles aus aller Welt auftreten. Diese beiden Virtuosen lassen durch die Lieder, die sie spielen, ihre Vision so lebendig werden, als sei alles schon vollendet – hier im Hevel Shalom, der sogenannten Friedensgegend, nur vier Kilometer von Gaza und Ägypten entfernt. Und obwohl wir im Hintergrund die Einschläge von Bomben von der nahen Gazafront hören, fliegen unsere Seelen mit den Tönen ihrer Melodien weit über alle Grenzen. Wir sehen die Bühne, wir hören die himmlische Musik, wir spüren die Kraft, die sie verleiht.

Es ist ein Lied der Hoffnung, das Julia und Shaul spielen, und es lässt die grauenvollen Schreie des Hamas-Massakers vom 7. Oktober leiser klingen, ebenso wie das verzweifelte Weinen der Hinterbliebenen. Es erzählt von der Zukunft, von den Möglichkeiten, die vor uns liegen, wenn wir uns danach ausstrecken; von Gottes Schöpfung und Allmacht, von Vergebung und Liebe und von der Freude am Leben. Es tröstet, es lässt aufatmen, die Seele beginnt zu träumen.

Schützende Musik

Im April 2024 lernten wir Shaul und Julia kennen, als wir entlang des Gazastreifens unterwegs waren, um betroffenen Familien zu helfen. Ihr Wohnort Yated liegt vier Kilometer von der Grenze zu Gaza entfernt. Die Menschen hier hatten ein paar Minuten mehr Zeit als die am heftigsten zerstörten Kibbuzim, um sich gegen den Hamas-Angriff zu wappnen. Es traf den Ort daher nicht ganz so hart.

Shaul musizierte während des Angriffs, um sich gegen den Geist des Todes, den sie spürten, zu wehren – das gab allen im Haus ein Gefühl von Schutz und Sicherheit. Sie wurden von der israelischen Armee evakuiert. Das – und die Sorge um den eigenen Sohn, der in der Armee diente –, setzte ihnen sehr zu. Dazu kam das unglaubliche Leid, das sie um sich herum sahen. Doch Julia und Shaul hatten Glück: Sie konnten schon nach drei Monaten in ihr Haus zurückkehren, das fast unbeschädigt geblieben war.

Jugendliche Energie

Shaul und Julia wurden beide in Moldawien geboren. Shauls Großeltern kamen beim Holocaust in der heutigen Ukraine ums Leben. Während seiner Kindheit war sich Shaul seiner jüdischen Wurzeln nicht bewusst und begann sie erst später zu entdecken. Das veränderte sein Leben für immer und führte letztendlich 1996 zur Einwanderung nach Israel – und zum Aufbau eines neuen Lebens. Nach der Geburt ihrer Kinder bauten Shaul und Julia ihr Zuhause im Viertel Havel Shalom, dem Drei-Länder-Eck in der westlichen Negev Wüste, und ließen sich dort nieder. Sie wirken auch heute noch so voll jugendlicher Energie, dass man es kaum glauben mag, dass ihre Kinder mittlerweile erwachsen und verheiratet sind.

Die beiden treten seit über 20 Jahren in Israel und in der ganzen Welt als Solistenpaar auf, das über eine breite Palette von Stilen und Instrumenten sowie über besondere stimmliche Fähigkeiten verfügt. Auch in Deutschland haben sie schon gespielt.

Zu Besuch bei Julia und Shaul (Foto: privat)

Ihr Haus in Yated erlebten wir als eine Oase der Gastfreundschaft und Festung der Hoffnung. Obwohl sie seit über 600 Tagen fast ständig den Kriegslärm und die Explosionen von der nahen Gaza-Front hören, sind die Lieder, die sie in ihrem Inneren tragen, nicht verstummt. Sie haben unglaublich viel zu teilen. Die Stärke, die Wärme, die Schönheit ihrer Seelen hat in der Musik ein perfektes Ausdrucksmittel gefunden. So bringen sie Zuversicht und Lebensfreunde zu ihren Zuhörern und sind ein beeindruckendes Beispiel für die Resilienz der Israelis.

In ihren Herzen tragen Shaul und Julia die oben beschriebene Vision, nämlich den Traum von der „Musik Hain“, einem heute begrünten Ort in der Wüste, nicht weit von ihrem Moschaw entfernt, wo ein Musikzentrum im Freien entstehen soll. Ihr Ziel ist es, mit dem Kulturprojekt Field of Music im Shalom Grove einen kreativen Begegnungsort zu schaffen – ein lebendiges Zentrum für Künstler, Besucher und kulturellen Austausch.

Wir sind zutiefst berührt und dankbar, dass wir diesen Blick in die Zukunft miterleben dürfen – und werden sie nach Kräften dabei unterstützen, diese Vision wahr werden zu lassen. Denn wir sind überzeugt: So wie der Traum der Pioniere, die Wüste zu begrünen, mit viel Hingabe, Resilienz und Innovation umgesetzt wurde, genauso wird auch diese Vision in den kommenden Jahren lebendig werden. Dies ist der Stoff, aus dem Israel gemacht ist. Dies ist die innere Stärke, die dieses Volk über 2.000 Jahre am Leben erhielt.

Unser Tipp: Vergesst nicht, für Eure nächste Israel-Reise einen Konzertbesuch in Yated bei Julia und Shaul einzuplanen.

Brigitte Nussbächer und ihr Mann Harald Bottesch sind regelmäßig in Israel und unterstützen Familien, die von dem Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 direkt betroffen waren. Sie berichten darüber auf ihrer Webseite Arc to Israel. Veröffentlichung auf Jesus.de mit freundlicher Genehmigung. Dieser Beitrag wurde für Jesus.de gekürzt und redaktionell überarbeitet.

Wir veröffentlichen auf Jesus.de regelmäßig Artikel aus dem Israel-Zyklus von Brigitte B. Nussbächer.

Israel-Zyklus

NEWSLETTER

BLICKPUNKT – unser Tagesrückblick
täglich von Mo. bis Fr.
Wir liefern dir die interessantesten NEWS,
Interviews und Geschichten aus der christlichen Welt.
Kompakt, relevant, inspirierend.

Wie wir Deine persönlichen Daten schützen, erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.
Abmeldung im NL selbst oder per Mail an info@jesus.de

Konnten wir dich inspirieren?

Jesus.de ist gemeinnützig und spendenfinanziert – christlicher, positiver Journalismus für Menschen, die aus dem Glauben leben wollen. Magst du uns helfen, das Angebot finanziell mitzutragen?

WAS KANNST DU ZUM GESPRÄCH BEITRAGEN?

Bitte gib hier deinen Kommentar ein
Bitte gib hier deinen Namen ein