- Werbung -

Gott in Zeiten der Veränderung

Wenn das Alte noch nicht vergangen und das Neue noch nicht da ist, brauchen wir Hoffnung – und das Vertrauen, dass Gott größer ist als unsere Vorstellung.

Von Manuel Gräßlin

- Werbung -

Wie geht es dir mit Übergängen? Tust du dich damit schwer, oder fällt es dir eher leicht? Wie Menschen damit umgehen, hat viel damit zu tun, wie jemand geprägt ist.

Wer Veränderungen oder Unsicherheit eher als bedrohlich erlebt, empfindet Übergänge oft als belastend. Für solche Menschen können Umzüge oder Jobwechsel besonders herausfordernd sein. Andere hingegen tun sich mit Beständigkeit oder fester Bindung schwerer und fühlen sich gerade in Übergängen lebendig. Für sie kann ein Ortswechsel oder der Beginn eines neuen Lebensabschnitts reizvoller sein als das Vertraute und Gewohnte.

Wenn du dich festlegen müsstest: Welcher Typ entspricht dir eher? Klar, so einfach ist es nicht. Natürlich spielt es auch eine Rolle, ob ein Übergang schleichend kommt oder ganz plötzlich da ist. Oder ob er mit schönen oder schmerzhaften Momenten verbunden ist.

Nicht mehr – noch nicht

In der Bibel finden wir beides. Menschen, die Übergänge lieben; andere, die sie hassen. Überhaupt ist die Bibel voll mit Übergangsgeschichten. Hier mal zwei prominente Beispiele aus dem Alten Testament: Das Volk Israel befindet sich in der Wüste, raus aus der ägyptischen Sklaverei, auf dem Weg ins verheißene Land. Doch mitten im Übergang kommt die Sehnsucht nach dem Alten zurück (2. Mose 16,3). Im Gegensatz dazu: Abraham. Er hört Gottes Reden (1. Mose 12,1-3) – und geht los, lässt alles hinter sich und vertraut sich genau diesem göttlichen Übergang an.

Fest steht: Jeder Übergang hat etwas Ungewisses, Herausforderndes, manchmal sogar Verunsicherndes, Bedrohliches. Denn Übergänge haben einen Zustand des „nicht mehr – noch nicht“: Das Alte ist zwar vorbei, aber das Neue noch nicht da.

In Übergängen aller Art brauchen Menschen deshalb eine Offenheit für das, was kommt – auch wenn das noch ausstehende (Ziel-)Bild unscharf ist oder unklar wirkt. Überhaupt ist Offenheit eine der entschiedensten Eigenschaften der christlichen Botschaft. Der tschechische Soziologe und Religionsphilosoph Tomáš Halík bringt es so auf den Punkt:

„Die drei grundlegenden Tugenden des Christentums sind eigentlich die dreifaltige Form der Offenheit: Die Hoffnung ist die Offenheit gegenüber der Zukunft, der Glaube die Offenheit gegenüber dem Geheimnis Gottes und die Liebe die Offenheit gegenüber dem Geheimnis des Menschen und Gottes zugleich“ (Tomáš Halík: Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens).

Ich möchte diesen drei Formen der Offenheit kurz nachgehen. Nicht, um dir fertige Antworten für deine Übergänge zu liefern, sondern um dir Orientierungspunkte zu geben. Vielleicht helfen sie dir weiter, das aktuelle „nicht mehr – noch nicht“ in deinem Leben, Glauben und deinem Umfeld besser zu verstehen. Was das konkret für die Übergänge bedeutet, in denen du selbst steckst oder in denen du deinen Nächsten begleitest, bleibt deine eigene Entdeckungsreise.

(H)offen im Noch-nicht

Übergangszeiten sind unfertige Zeiten – und genau darin berühren sie sich mit der christlichen Hoffnung. Auch die christliche Hoffnung ist nichts Abgeschlossenes oder Fertiges. Sie ist eine lebendige Hoffnung, die auf das ausgerichtet ist, was noch kommt. Wer hofft, wartet gleichzeitig nicht nur auf irgendwann, sondern rechnet damit, dass Gott schon jetzt im Unfertigen wirkt.

Gerade in Übergängen wird das konkret: wenn nach einer Kündigung noch keine neue Stelle da ist, wenn nach einer Diagnose vieles offenbleibt, wenn eine Beziehung endet und das Leben erst einmal leer wirkt. Hoffnung heißt dann nicht, sich alles schönzureden – das wäre bloßer Optimismus.

- Weiterlesen nach der Werbung -

Vielmehr heißt Hoffnung: den nächsten Schritt trotzdem zu gehen und trotzig an Gott festzuhalten (Psalm 23,4), weil man mit seinem Eingreifen rechnet.

Darum lebt Hoffnung nicht nur im „nicht mehr –noch nicht“, sondern im „schon jetzt – noch nicht“ (Markus 1,15).

Gottes wunderbare Zukunft ist noch nicht vollendet, aber sie ist uns verheißen. Und als Verheißung berührt sie schon jetzt unseren Alltag: in einem Menschen, der für uns da ist; in einem Wort, das uns aufrichtet, in der neuen Kraft für den nächsten Tag.

Das göttliche „Siehe“ der Jahreslosung (Offenbarung 21,5) – ein Hoffnungstext par excellence – lädt deshalb dazu ein, in Übergangszeiten Ausschau nach Gott zu halten. Denn wahre Hoffnung beginnt nicht im ignoranten Wegsehen, sondern im ehrlichen Hinsehen – und im Vertrauen darauf, dass Gott nicht nur in den Wundern, sondern auch in den Wunden für mich da ist.

Offen für das Geheimnis Gottes

Nicht nur das Alltagsleben, auch das Glaubensleben kennt Übergänge. Die christliche Kirche hat viele davon durch sogenannte „Kasualien“ bewusst markiert: Taufe, Konfirmation, Trauung, Bestattung … Sie machen sichtbar, dass Übergangsphasen nicht einfach nur passieren, sondern geistlich begleitet und gedeutet werden können.

Solche liturgischen Feiern bringen zum Ausdruck, dass etwas Altes endet, dass Übergänge zum Leben dazugehören und dass etwas Neues beginnen darf.

- Werbung -

Doch es gibt auch Übergänge im Glauben, für die es keine Rituale und oft keine Worte gibt: Zeiten des Zweifels, innere Distanz zu Gott oder die Erfahrung, dass vertraute Gottesbilder nicht mehr tragen. Solche inneren Übergänge gehen oft tiefer als die äußerlich sichtbaren, weil nicht nur das Leben, sondern der Glaube selbst in Bewegung gerät – und das, obwohl die Bibel sagt: „Jesus Christus gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit“ (Hebräer 13,8).

In solchen Übergangszeiten ist die Versuchung groß, unbequemen Fragen auszuweichen oder das „Kleingedruckte“ des Glaubens zu ignorieren – darüber schreibe ich ausführlich in meinem Buch „Theophobie“.

Doch Gott ist größer als unsere Vorstellungen von ihm. Darum ist Glaube kein fester Besitz (hier verwechseln wir einen selbstgemachten Götzen mit dem lebendigen Gott), sondern ein pilgernder Weg – ein Unterwegssein im Geheimnis Gottes (Apostelgeschichte 9,2; 22,4), den wir nie vollkommen verstehen werden.

Übergangszeiten im Glauben sollte man deshalb nicht pauschal als Krisenzeiten abstempeln. Vielmehr können sie zu gnädigen Räumen werden, in denen der Glaube reifer, tiefer und fester wird. Frei nach dem tschechischen Lyriker Vladimír Holan: „Was ohne Beben ist, hat keine Festigkeit.“

Offen für den anderen

Hoffnung und Glaube enden irgendwann einmal. Dann nämlich, wenn wir bei Gott sind und ihn wirklich sehen können. Die Liebe aber bleibt (1. Korinther 13,13). Vielleicht ist sie deshalb die tiefste Form christlicher Offenheit: die Liebe zu Gott und meinen Nächsten (Matthäus 22,37-40). Gerade in herausfordernden Übergängen sind Menschen, die mir als meine Nächsten zufallen, oft empfindlich, verletzlich, suchend oder innerlich bewegt. Liebe heißt dann, den anderen nicht vorschnell festzulegen, nicht abzuschreiben und nicht allein zu lassen. Liebe hält aus, was noch ungeklärt ist, und bleibt da, wo Worte, Sicherheiten oder Lösungen fehlen.

In Übergangszeiten zeigt sich die Kraft der Liebe oft nicht im Spektakulären, sondern im Stillen – vor allem im Zuhören. Vielleicht ist echtes Zuhören eine der schönsten Formen, offen für einen anderen Menschen zu bleiben.

Der katholische Journalist und Autor Tobias Haberl bringt hier die Romanfigur „Momo“ ins Spiel, die wie kaum jemand sonst zuhören konnte: „Was die kleine Momo konnte wie kein anderer, das war: zuhören. Das ist doch nichts Besonderes, wird nun vielleicht mancher Leser sagen, zuhören kann doch jeder. Aber das ist ein Irrtum. Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig. Dabei schaute sie den anderen mit ihren großen, dunklen Augen an, und der Betreffende fühlte, wie ihm auf einmal Gedanken auftauchten, von denen er nie geahnt hatte, dass sie in ihm steckten. Sie konnte so zuhören, dass ratlose oder unentschlossene Leute auf einmal wussten, was sie wollten. Oder dass Schüchterne sich plötzlich frei und mutig fühlten. Oder dass Unglückliche und Bedrückte zuversichtlich und froh wurden. Und wenn jemand meinte, sein Leben sei ganz verfehlt und bedeutungslos und er selbst nur irgendeiner unter Millionen, einer, auf den es überhaupt nicht ankommt und der ebenso schnell ersetzt werden kann wie ein kaputter Topf – und er ging hin und erzählte alles das der kleinen Momo, dann wurde ihm, noch während er redete, auf geheimnisvolle Weise klar, dass er sich gründlich irrte, dass es ihn, genauso wie er war, unter allen Menschen nur ein einziges Mal gab und dass er deshalb auf seine besondere Art für die Welt wichtig war. So konnte Momo zuhören!“ (zitiert nach Tobias Haberl: Unter Heiden. Warum ich trotzdem Christ bleibe, btb Verlag).

Gnädige Zwischenräume

Ich bin davon überzeugt und bewegt: Übergänge „aller Art“, ob schnell oder schleichend, schön oder schmerzhaft, können zu gnädigen Zwischenräumen werden, in denen wir lernend hoffen, suchend glauben und liebend offenbleiben – im Vertrauen darauf, dass Gott gerade dort schon ist, wo das Neue noch nicht da ist.

Dr. Manuel Gräßlin ist Pastor im ICF Karlsruhe und Dozent am Theologischen Seminar St. Chrischona. Er ist verheiratet und hat ein Kind. Sein Buch „Theophobie“ ist bei R.Brockhaus erschienen.

Dieser Artikel ist in dem christlichen Familienmagazin FamilyNEXT erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

Das könnte Sie auch interessieren:

NEWS & Themen

NEWSLETTER

BLICKPUNKT – unser Tagesrückblick
täglich von Mo. bis Fr.
Wir liefern dir die interessantesten NEWS,
Interviews und Geschichten aus der christlichen Welt.
Kompakt, relevant, inspirierend.

Wie wir Deine persönlichen Daten schützen, erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.
Abmeldung im NL selbst oder per Mail an info@jesus.de

Konnten wir dich inspirieren?

Jesus.de ist gemeinnützig und spendenfinanziert – christlicher, positiver Journalismus für Menschen, die aus dem Glauben leben wollen. Magst du uns helfen, das Angebot finanziell mitzutragen?