"Wofür wir einstehen"
die AUFATMEN-Woche bei Jesus.de

Bischof Bilz: „Die Veränderung in unserer Kirche ist nicht aufzuhalten!“

Was ist Verantwortlichen in Kirchen und christlichen Werken in diesen herausfordernden Zeiten wirklich wichtig? Heute: Tobias Bilz (evangelischer Bischof, Sachsen).

Wenn Leute mal auf Ihre Bischofszeit zurückgucken, wofür wollen Sie da bekannt sein? Der Bischof Bilz, der stand für …

Tobias Bilz: Darüber denke ich nicht nach. Die Urteile der Nachwelt sind etwas Geheimnisvolles. Wir haben oft die Situation, dass manches, das im Moment gehypt wird, später eher kritisch gesehen wird. Und anderes, welches im Moment überhaupt nicht opportun ist und von niemandem geliebt wird, später unerwartet Fahrt aufnimmt. Die Leute sagen dann, dass jemand weitsichtig war, vielleicht sogar seiner Zeit voraus. Mir kommt Paulus in den Sinn, der im Brief an die Korinther sagt: „Ich beurteile mich selbst nicht, sondern ich lege das in Gottes Hand.“ Das ist ein Lebensstil, den ich verheißungsvoller finde.

Sie sind ja in einem evangelischen Pfarrhaus in der DDR aufgewachsen, Ihr Vater war Pfarrer, Ihre drei Brüder sind es heute auch. Sie waren Mitte 20, als die Wende kam – und sind jetzt Bischof im vereinigten Deutschland. Was sind die markantesten Unterschiede im Vergleich der Zeiten?

Es ist schon so, dass Christen zu DDR-Zeiten gesellschaftlich ausgegrenzt waren. Wir haben ja praktisch in einer Art Ghetto gelebt, manche würden sagen: in einer Burg. Der Sozialismus der DDR hat die Kirchen ausgezehrt, nachdem sie bereits durch den Nationalsozialismus systematisch geschwächt worden waren: Nach dem Zweiten Weltkrieg waren formal trotzdem noch beinahe alle Deutschen Kirchenmitglieder, Ende der Achtzigerjahre waren es in der DDR noch 25 Prozent der Bevölkerung.

Und dann war nach der Wende plötzlich das Land offen, die Gesellschaft wollte gestaltet werden, und die Kirche war auf einmal ein Teil davon. Es ist gut und wichtig, gesellschaftlich das einzubringen, was unseren Glauben ausmacht. Es bleibt zugleich eine Gratwanderung: einerseits ein eigenes Profil behalten, andererseits uns aber auch ins Gemeinwesen hineinzugeben.

Stehe ich immer noch für diese Wirklichkeit des Reiches Gottes oder sind irdische Wirklichkeiten so mächtig, dass ich diese Grundhaltung verliere?

Tobias Bilz

Manche im Westen sagen: „Das, was die Christen in der DDR gelernt haben, brauchen wir auch zukünftig wieder, wenn wir Minderheit werden, in der Gesellschaft.“

Ich bin selbst Pfarrerssohn. Mein Vater hat uns immer vermittelt, dass wir nicht nur in der DDR leben, sondern auch in einer anderen Wirklichkeit, im Reich Gottes, das in der Welt sichtbar wird. Das hat uns geprägt und hat uns auch aufrecht stehen lassen in den DDR-Verhältnissen. Vielleicht brauchen wir das heute wieder mehr. In einer Zeit, in der wir uns als Christen viel selbstverständlicher überall bewegen können, stellt sich die Frage: Stehe ich immer noch für diese Wirklichkeit des Reiches Gottes oder sind irdische Wirklichkeiten so mächtig, dass ich diese Grundhaltung verliere?

Nehmen Sie uns doch mal mit: Sie sind seit fünf Jahren Bischof, was hat sich in Ihrer Kirche geändert in diesen Jahren?

Es gibt weniger theologische Grabenkämpfe. Wir haben vielleicht auch gelernt aus dieser Krise, dass wir einfach zusammenhalten müssen. Einheit ist etwas ganz Wichtiges. Das beinhaltet, dass die Menschen unterschiedliche Anliegen und verschiedene Prägungen haben. Das kennzeichnet auch uns Protestanten: im Umgang, auch im Stil, wie man seinen Glauben, seine Überzeugungen lebt. Dabei respektvoll mit den Verhaltensweisen der anderen umzugehen, das ist in der letzten Zeit gewachsen.

Als Bischof sind Sie zugleich Bewahrer und Beweger. Was liegt Ihnen näher?

Beides gehört zu meiner Aufgabenbeschreibung: Der Bischof leitet die Kirche mit Gottes Wort. Insgesamt würde ich sagen, dass unsere Kirche einen guten Weg geht zwischen Bewahren und Bewegen. Wir haben viele reiche Glaubenstraditionen in unserer Landeskirche, die wir gut pflegen. Daneben gibt es trotzdem auch Aufbrüche, weil wir alle spüren: Wir sind in einer großen Umbruchszeit. Viele Selbstverständlichkeiten werden hinterfragt. Wir probieren Neues aus.

Nennen Sie doch mal ein Thema, bei dem sich das spannungsvoll anfühlt.

Die Leute sagen in jedem Dorf: „Hier steht eine Kirche, und da war früher immer ein Pfarrer!“ Wir müssen das irgendwie organisieren und aufrechterhalten.

Ich habe die Aufgabe, Menschen zu Neuem zu ermutigen. Die Veränderung in unserer Kirche ist nicht aufzuhalten. Trotzdem verstehe ich den Wunsch nach Sicherheit, nach Kontinuität. Die meisten Menschen sehnen sich nicht nach Veränderungen. Da fällt schon mal der Satz: „Es ist so viel Unruhe in der Welt. Können nicht wenigstens bei der Kirche die Dinge beim Alten bleiben?“ Nun ist das aber auch nicht die Verheißung, die uns in der Schrift gegeben ist, dass wir in stabilen Verhältnissen durch diese Welt kommen. Sondern wir haben viele Texte in der Bibel, die sagen, das ist eine herausfordernde Wanderung, die gelegentlich auch durch Wüsten geht. Das ist so eine Spannung, in der ich lebe.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Martin Gundlach, Redaktionsleiter der Zeitschrift AUFATMEN.

Dr. Tobias Bilz (*1964) ist seit 2020 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens und seit 2024 auch stellvertretender Vorsitzender des Rates der EKD.

Dieser Text ist Teil der Serie "Wofür wir einstehen" aus der Zeitschrift AUFATMEN (Ausgabe 3/2025). Wir veröffentlichen in dieser Woche fünf gekürzte Artikel daraus bei Jesus.de.

Der komplette Text ist in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift AUFATMEN erschienen.

AUFATMEN ist wie Jesus.de ein Angebot des SCM Bundes-Verlags. Das Magazin bietet Impulse für einen erwachsenen Glauben, wertvolle Tools und praxisnahe Tipps.

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5 Kommentare

  1. Unsre Gemeinden, Kirchen, was auch immer, werden erst dann „explosienshaft“ glaubwürdig unter uns und in der Welt, wenn wir endlich unsre konfessions-Spaltungen radikal beenden ! Denn bei unsrem geliebten HERRN gibt es nur IHN als unser HAUPT und uns als SEINEN kostbaren LEIB … Einzige Voraussetzung ist, daß wir IHM total vertrauen und auf SEINE feine Stimme hören. Jeder der das will ist unser BRUDER bzw. SCHWESTER !!! Alle anderen Kriterien trennen und sind seit Jahrtausende eine Katastrophe. Erst wenn unsre blöden Gemeinde-und Kirchen-Bezeichnungen aufhören und unsre Briefköpfe LEIB CHRISTI anzeigen und wir uns nur durch div. Orte und Straßen unterscheiden, einzig an der EINHEIT (und LIEBE) erkennbar werden und sind, erst dann kann und wird unser HERR durch uns großes bis gewaltiges tun können … ER schenke uns das Wollen und Vollbringen, daß wir es dieses Elend endlich anpacken …

  2. Wenn Gott Mensch geworden ist, dann frage ich mich, wie lange hat es gedauert, bis sich der Mensch darüber klar war, was das für ihn und seine Mitmenschen bedeutet:

    Was tut Gott, um sich in mir als Mensch zu zeigen?
    Wie heißt Gott, wenn er sich an meinem Namen zu seinem Wort erhebt?
    Wofür danke ich Gott, wenn ich erkannt habe, was seine Entscheidung für mich bedeutet?

    Ich lebe als Mutter mit einer Tochter, die weder mit Religion noch mit dem Glauben etwas anfangen kann. Das Leben hat in ihr etwas zerstört, das es gilt in mühsamer Kleinstarbeit mit unglaublich viel Liebe wieder aufzubauen, sodass Gott in seinem eigenen Lebenswunder zum Vorschein kommt. Vor diesem Trümmerhaufen steht die Kirche, auch wenn es nur meine Tochter ist, so bedeutet sie mir alles. Mein Glaube an Gott reicht nicht, um ihr zerstörtes Leben wieder in Einklang mit dem zu bringen, der es in sie gelegt hat, ohne zu wissen, wer sie für ihn sein würde. Eigentlich möchte ich nur, dass meine Tochter und ihr Bruder glücklich werden können, in einer Zeit aus der es fast nichts Gutes mehr zu schöpfen gibt. Wir gedenken unserer eigenen Fehler und wollen doch nicht das daraus lernen, was uns die Zukunft so gestalten lässt, dass wir! diese Fehler nicht wiederholen.

    Danke, dass ich hier über meinen Glauben schreiben darf, denn es tut gut, wenigsten einen virtuellen Raum zu haben, der sich dafür zu interessieren scheint. In meinem Umfeld gibt es weder jemanden, der sich (noch) für den Glauben stark machen will noch einen, der sich im Glauben an Gott wendet, sodass zumindest er noch daraus hervortreten könnte. Aus diesem Grund bin ich dankbar für diesen virtuellen Raum, in dem sich die Kirche auszubreiten scheint, ohne dass es Menschen merken, die sich nicht auf sie und ihre Einheit im Glauben einlassen. Das ist nicht schlimm, es macht das Handeln nicht schwerer, nur langwieriger in seinem Umgang mit den Voraussetzungen, die uns Menschen allen gleichermaßen gegeben sind.

    Meine Zeit wird hoffentlich abgelaufen sein, bevor meine Kinder sterben müssen, sodass ich noch miterleben kann, wie sie glücklicher werden, als sie es heute sind. Sie haben keinen Gott, an dem sie ihr Leben festmachen könnten, er hat es bereits an sie weitergegeben. Alle Kinder heutiger Zeit sollten Eltern haben, die sich auf das Leben ihrer Kinder einlassen, indem sie es ihnen nicht nehmen, sonder vorleben, was sie von Gott bis dato lernen konnten, damit seine Kinder nicht die Fehler ihrer Eltern wiederholen, sondern sich miteinander versöhnen, um ihr Leben gemeinsam fortzuführen.

  3. „Der evangelische Bischof von Sachsen, Tobias Bilz, verdeutlichte: Ich bin selbst Pfarrerssohn. Mein Vater hat uns immer vermittelt, dass wir nicht nur in der DDR leben, sondern auch in einer anderen Wirklichkeit, im Reich Gottes, welches in der Welt sichtbar wird. Dies hat uns geprägt und hat uns auch aufrecht stehen lassen in den DDR-Verhältnissen…. Stehe ich immer noch für diese Wirklichkeit des Reiches Gottes oder sind die irdischen Wirklichkeiten so mächtig, dass ich diese Grundhaltung verliere“? Er glaubt auch, die guten Veränderungen in den Kirchen seien nicht aufzuhalten.

    Dies ist vielleicht seine zentralste Überzeugung, was auch unsere Grundhaltung sein könnte. Denn auch ich bin davon überzeugt dass das Reich Gottes, nach dem Worten Jesu, schon in unserer Seele vorhanden sein kann. Es sind so die globalen oder eigenen gesellschaftlichen Abgründe, die mich bewegen. Vorallem, wie meine Haltung sein muss. Was ich als positiv erlebe. Oder was eine starke Sogwirkung weg von Gott und seiner Liebe sein könnte. Ich denke, ich bräuchte einen Therapeuten, wäre ich mit allen Fragen und Welt-Problemen belastet. Intentivstbehandlung wäre dann, wenn mir alles egal ist und Gleichgültigkeit mich ruhiger schlafen lässt. Wobei der Heilige Geist die sicherste himmlische Therapie wird. Ich glaube, mein Privat-Lebensmotto ist zielführend: „GLAUBE IST, WAS MICH UNBEDINGT ANGEHT“! Unbedingt angehen wird mich immer jede Form von Alternativer Wahrheit (Rechtsradikale sind keine, obwohl sie es täglich beweisen). Oder die Unendlichkeits-Falschansage (der Klimawandel ist doch wissenschaftlich widerlegt). Doch Gott sowie den Nächsten nicht lieben zu wollen (Glaube ist nur eine harmlose Neurose). Auch sehr wichtig: Dass fast alle Flüchtlinge/Migranten in der Regel schlechtere Menschen und öfters kriminell sind (die Statistik wird dies niemals wiedergeben). Ich bin so sehr überzeugt, daß Gott immer schon hier unten sich zwischen die Kanalarbeiter stellte und Gestank beseitigte ( bildlich gesprochen). Er sandte den Israeliten zuerst die Propheten und dann der ganzen Welt Jesus. Weil er in Wirklichkeit der allerbeste Vater und die liebste Mutter ist. Auch die schlechtesten Eltern werden ihre Kinder nicht vernichten, mit Krankheiten, Krieg und Leid bombardieren, oder alle im Wasser ertränken (Sintflut).

    Daher sind unsere Hände, Füße und die übergroßen Gehirne gut geeignet, Liebe im Leben zu praktizieren. Der Heilige Geist sind wir, wenn wir ihn in unserer Seele wirken lassen. Dazu muss niemand superfromm sein, sich totarbeiten um einen Platz im Himmel zu bekommen und nur im Keller zu lachen, sowie über das Leben nicht zu freuen. Früher war der böseste Aberglaube, die Kirche müsse (fast) alles alles verbieten, was Spaß macht. . Heute wird Christinnen und Christen und Kirchen unterstellt, wir seien zu wenig fromm. Schlimm, wenn eigene Glaubensgenossen dies sagen.

    Falsch: Wenn wir doch so furchtbar seelisch/geistig und geistlich gesund wären, brauchten wir niemals Jesus und die schlimme Gewalt Golgatha`s.
    Oder wenn Gott uns nicht, allerdings jeden Einzelnen, für unverzichtbar halten würde, wäre er nicht Mensch geworden in der Person des Messias.
    In der Bibel gibt es keine Helden, sondern nur Menschen mit Webfehlern, als Sünder. Nicht weil Gott fehlerhaft ist, sondern wir, ist diese Welt kein Paradies. Und wäre es, wenn jeder Mensch etwas mehr Liebe für andere hätte, so wirkliches Paradies. Aber dann wären wir aus ihm auch nicht (nur auf Zeit) beurlaubt. Weil Gott allmächtig ist, reicht es ihm völlig, nur mit Liebe das unergründlich große Universum zu regieren. Denn sogar unsere Bäume wissen, dass sie im Herbst die Blätter abwerfen. Alles was existiert, besteht aus den Wirklichkeit gewordenen Gedanken des barmherzigen Gottes. Es gibt auch auf unserem ganzen Planeten keinen einzigen Menschen, der von Gott ohne Vorleistung nicht völlig unverdient geliebt wird.

  4. „Stehe ich immer noch für diese Wirklichkeit des Reiches Gottes oder sind irdische Wirklichkeiten so mächtig, dass ich diese Grundhaltung verliere?“

    Welche Perspektive haben denn die meisten Menschen? Bis zum Fernsehabend, Aktivität am Wochenende, nächster Urlaub, nächster Autokauf usw.

    Jesus Christus wird aber laue Christen aus Seinem Mund ausspucken (Offenbarung 3, 14-22).

  5. Ich habe die Aufgabe, Menschen zu Neuem zu ermutigen. – Nein, ein Pastor oder Pfarrer und jeder wiedergeboren Christ gat die Aufgabe, Menschen zu Jesus zu führen, sie zu ermutigen, ihr Leben Jesus Christus anzuvertrauen und dann etwas Neues zu entdecken: siehe, ich mache alles neu. Das macht der heiligen Geist und eine bibeltreue Gemeinde ermöglicht Wachstum.
    Aber mit Veranstaltungen wie Tanzen mit dragqueens vor dem Altar- siehe Artikel in der “ Brigitte“ -wendet sich die Landeskirche von dem Auftrag Jesu ab.

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