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Vom Christen zum Jünger: Wie Jesus meinen Glauben revolutionierte

Was bedeutet es, Christ zu sein? Sebastian Wickel zerbricht fast an seinen eigenen „frommen“ Idealen – bis ihn ein Bibelvers aufrüttelt.

Lange Zeit hatte ich eine innere Not: Ich fand Jesus gut und auch das, was er sagte. Mit dem „Christsein“ hatte ich jedoch so meine Schwierigkeiten. Mich erschlug – gerade als junger Mensch – die Fülle der Lehren, Appelle und Ideale, die mir in christlichen Kreisen und in der Bibel begegnete. Ich war überfordert. Paulus beschreibt gut, wie ich mir vorkam: „Ich unglückseliger Mensch! … Wird mich denn niemand aus diesem elenden Zustand befreien?“ (Römer 7,24).

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Zwischen Vorhaben und Realität klaffte wiederkehrend eine Umsetzungslücke. Ich durchlebte manche Stunde des Haderns und Zweifelns, fragte mich nach dem Sinn meines Christseins und hatte zugleich einen Funken an Überzeugung, dass Jesus es anders gemeint haben müsse, als ich es bis dato verstand.

Rückblickend kann ich sagen: „So war es.“ Als Mutmacher für deinen Weg im Glauben teile ich ein paar Stationen meiner Reise. Kleine Einblicke, wie Jesus durch die Bibel schrittweise meine Perspektive änderte.

Von der Überforderung zum Eigentlichen

Winter 2010. Montagmorgen, keine Uni. Mit dem Kaffee in der Hand wurmt mich die Predigt, die ich am Vortag hörte. Zwischen Gewissensnot und Herzenssuche steht mein Entschluss fest. „Jesus, ich lese jetzt so lange Bibel, bis ich eine Antwort habe. Ich werde in Matthäus 1,1 beginnen.“

Ich spreche ein weiteres Stoßgebet: „Jesus, hilf mir. Was ich gestern hörte, ist Wasser auf die Mühlen meiner christlichen Ideale. Kannst du mir runterbrechen, um was es dir geht? Sprich du – ich lese. Okay?“ So beginne ich zu lesen. Nach sieben Kapiteln Matthäusevangelium bin ich bereits am Ende der Lektüre angekommen. Denn ich finde dies hier:

„Behandelt eure Mitmenschen in allem so, wie ihr selbst von ihnen behan delt werden wollt. Das ist es, was das Gesetz und die Propheten fordern“ (Matthäus 7,12).

Bis heute finde ich es fast schockierend, wie Jesus hier „das Gesetz und die Propheten“ bündelt: Reflektiere, dann handle. An diesem Morgen in meiner Heidelberger WG ging mir auf: Jesus geht es nicht um abstrakte Ideale. Ihm geht es um meine praktische und konstruktive Handlungskompetenz. Das war eine heilsame Vereinfachung. Fortan kam ich immer wieder auf sie zurück, wenn es mir zu kompliziert wurde.

Jünger: Jemand, der von Jesus lernt

Einige Monate später. Für ein paar Tage bin ich auf Einkehrtagen in der Wohnung eines Freundes, der verreist ist. Es ist 22:30 Uhr. Eine Kerze flackert und die Bibel liegt vor mir. Ich lese: „Du bist Petrus; und auf diesem Felsen werde ich meine Gemeinde bauen!“ (Matthäus 16,18).

Mir ist, als spräche Jesus diesen Satz zu mir. „Ich – Petrus?“ Der Gedanke bleibt fremd. Mir wird unheimlich. Ich beginne nachzuforschen. In der Bibliothek meines Freundes werde ich fündig. Ulrich Luz schreibt in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium sinngemäß, dass Petrus nicht nur historische Einzelgestalt, sondern auch eine Art Urtyp des Jüngers sei.

An ihm ließen sich typische Züge der Jüngerschaft beobachten. Ich denke nach, lasse zwei bis drei Geschichten der Evangelien vor meinem Auge ablaufen und denke: „Könnte passen.“ Zwei Aspekte folgen:

  • Mit Petrus habe ich fortan eine biblische Gestalt vor Augen, die manche Spannung meines Lebens zu kennen scheint.
  • Und mir dämmert: Jünger sind nicht die moralisch Hochbegabten. Jünger sind nicht bloß die Apostel der ersten Stunde. Jünger sind die, die bei Jesus lernen, wie Jesus zu leben. Unterwegs im Alltag. Schrittweise.

Der „wahre“ Auftrag von Jesus

Ich arbeite seit zwei Jahren als Pastor. Sonntag steht eine Predigt an. Titel: „Mission im 21. Jahrhundert“. Grundlage wird Matthäus 28, 16-20 sein. Doch anstatt revolutionär neue Gemeindeformen abzuleiten, lande ich wieder beim Thema „Jünger sein“. Und zwar indem ich den Wortlaut genauer betrachte.

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In der Lutherbibel lese ich an dieser Stelle vier Aufträge: „Geht hin, macht zu Jüngern, tauft, lehrt.“ Im griechischen Urtext allerdings steht nur ein Imperativ: „Macht zu Jüngern.“ Alle anderen sind Partizipien. Das kann kein Zufall sein, denke ich und übersetze – nach Rücksprache mit einem ehemaligen Griechischlehrer:

„Nachdem ihr hingegangen seid …, macht zu Jüngern…, indem ihr tauft… und indem ihr lehrt zu halten …“ Durch diese Erkenntnis gewinnt mein Christsein eine neue Kontur. Der zentrale Auftrag Jesu war: „Jünger machen“. So sichert er die Kontinuität seiner Bewegung. Wie die ersten Jünger bei ihm lernten, so sollen die nächsten bei ihnen lernen.

Als Christ bin ich einer, der nicht bloß aufgefordert wird: „Denk um“ (Matthäus 4, 17), sondern einer, der eingeladen wird: „Folge mir nach“ (4, 19). Jesus ruft in seine Lebensschule – und diese Schule funktioniert unterwegs und von Generation zu Generation.

(M)eine Reformation: Vom Christen zum Jünger

Kurze Zeit später. Ich lese in der Bibel. Mit einem Mal bleibe ich hängen und frage mich: „Habe ich das wirklich so viele Jahre überlesen?“ Noch nie fiel mir dieser Satz auf: „Hier in Antiochia kam für die Jünger und Jüngerinnen zum ersten Mal die Bezeichnung ‚Christen‘ auf“ (Apostelgeschichte 11,26). Jetzt tütet Jesus ein, was er mir die letzten Monate anfing zu zeigen. Die historisch ursprüngliche Bezeichnung für uns Christen ist nicht „Christ“. Die ist „Jünger“! Will ich verstehen, wer ein Christ ist, habe ich zu schauen, wer ein Jünger ist.

Damit löst sich ein weiterer innerer Knoten. Immer wieder hatte ich mit verschiedenen Adjektiven zu kämpfen, die vor den „Christen“ gepackt werden mussten, um zu definieren, ab wann er oder sie ein „richtiger Christ“ ist. Mit diesem Vers aus der Apostelgeschichte wird mir klar, dass die Gretchenfrage eines Christenmenschen lautet: „Bist du ein Jünger oder eine Jüngerin von Jesus?“.

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Mich entspannt diese Identitätsklärung. Die Frage ist nicht: Bin ich ein „richtiger“ Christ? Die Frage ist: Lerne ich bei Jesus? Christen sind für mich nicht länger die, die alles wissen oder schon können. Christen sind die, die bei Jesus in der Ausbildung sind. Gelernt wird schrittweise und unterwegs – ganz wie bei Petrus. Und im Kern geht es um eins: unsere konstruktive Handelsfähigkeit (Matthäus 7, 12; 22, 37-40).

Von innerer Müdigkeit und verheißener Ruhe

Doch trotz dieser biblischen Erkenntnisse fühle ich mich in meinem Christsein matt und müde. Ich hatte verstanden, dass ich bei Jesus in der Ausbildung bin und unterwegs an Handlungskompetenzen dazu gewinne, aber diese kognitive Klarheit führt (noch) nicht zu mehr innerer Ruhe. Ich stehe vor einem neuen Bild des Christseins, aber ich will in dieses neue Bild des Christseins gelangen. Ein Jesuswort wird mir zum Auslöser, diesen Umstand nicht zu akzeptieren: „Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht“ (Matthäus 11,28-30).

Mir wird klar: Wenn Jesus Ruhe für die Seele verheißt, ich sie aber nicht erlebe – dann muss hier noch mehr gehen. Also spreche ich ungefähr folgendes Gebet: „Jesus, entweder du hast da gelogen (was ich jetzt nicht wirklich glaube), oder aber ich habe etwas nicht verstanden. Kannst du es mir noch einmal erklären?“ Dieses Gebet wird zum Auftakt der nächsten beiden Stationen.

Heiliger Resonanzraum

Zunächst fällt mir eine Brücke zwischen zwei sehr zentralen Momenten aus dem Leben Jesu auf. Sein erstes öffentliches Wort: „Denkt um, denn das Reich Gottes ist nahe“ (Matthäus 4,17).

Und die letzten Momente, die er mit seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt verbrachte: „Während vierzig Tagen erschien er ihnen immer wieder und sprach mit ihnen über das Reich Gottes und alles, was damit zusammenhängt.“ (Apostelgeschichte 1,3). Für mich kein Zufall, dass Jesus in beiden Momenten genau ein Thema setzt: das Reich Gottes.

In den nächsten Wochen lese ich die Evangelien und male jedes Vorkommen der Begriffe „Reich Gottes“ oder „Königreich der Himmel“ grün-gelb an (und stellte fest, dass ich bei Johannes lieber den Begriff „Leben“ fokussiere).

Die Überzeugung reift: Reich Gottes ist nicht nur sein zentrales Thema. Es ist der archimedische Punkt seines Lebens. Das Reich Gottes ist der Resonanzraum, aus dem Jesus lebt (Matthäus 3,17).

Gottes Reich ist zwar nicht offenbar, aber verborgen gegenwärtige Realität (Matthäus 13, 10-17). Wer es sucht, wird finden. Gerade das Jesuswort „Sucht zuerst nach dem Reich Gottes“ (Matthäus 6,33) bekommt einen völlig neuen Gehalt.

Reich Gottes ist nicht das, was kommt, wenn ich tot bin. Jesus lehrt mich, Gottes Reich, seine verborgen-gegenwärtige und dynamische Realität, in jedem Jetzt zu suchen. Jesus will mich in derselben Wirklichkeit heimisch werden lassen, die sein erster Resonanzraum ist, um so mit Gott zu leben und gemeinsam diese Welt zugestalten.

Langsam schwant es mir: Sein Joch ist sanft. Als Jünger lernen wir nicht einfach ein bisschen Gutmenschentum und Handlungskompetenz und sind dabei auf uns zurückgeworfen. Jüngerschaft bedeutet, in derselben Wirklichkeit heimisch werden, in der Jesus lebt. Aus und in diesem heiligen Resonanzraum erwächst alles Weitere. Bei Jesus lerne ich, mit und durch Gottes Gnade zu leben. Ich muss mich nicht selbst beim Schopfe packen.

Meine Dynamik und das Leben kommen von ihm. Er strahlt durch jene, die ihm Raum geben (vgl. Johannes 15,8). Von seiner klugen Lebensstrategie und der Handlungsfreiheit. Den letzten Einblick meiner Reise verbinde ich mit einem Bibelvers, über den ich mich weigerte, eine Andacht zu halten: „Wenn dich jemand auf die rechte Backe schlägt, dann halt ihm auch die linke hin“ (Matthäus 5,39).

Meine spontane Reaktion war lange: „Ich erzähl andern doch nicht, sich vermöbeln zu lassen.“ Doch dann erklärte es mir jemand aus jüdisch historischem Hintergrund heraus. Der Schlag auf die rechte Backe ist ein Verachtungsschlag, der mit dem rechten Handrücken ausgeführt wird. Stell dir nun vor, du willst dein Gegenüber mit dem rechten Handrücken auf die linke Backe schlagen. Merkst du es? Sehr, sehr schwierig. Wer dich jetzt erneut schlagen will, muss überlegen, wie er es anstellen könnte.

Die Frage ist nicht: Bin ich ein „richtiger” Christ? Die Frage ist: Lerne ich bei Jesus?

Jesus lehrt folglich nicht, dass wir uns „vermöbeln“ lassen sollen. Er führt uns in eine Handlungsweise, durch welche wir den Kreislauf von Gewalt und Gegengewalt unterbrechen.

Der Psychiater Viktor Frankl (1905–1997) sprach vom Raum „zwischen Reiz und Reaktion“. In ihm liege unsere „Macht zur Wahl unserer Reaktion“. Diese Einladung zur Unterbrechung im Handlungsmuster ist die Absicht Jesu mit diesem Satz. Wie Jesus das auslebt, entdecken wir beispielsweise in Johannes 18,23.

Als er beim Verhör geohrfeigt wird, stellt er schlicht eine Frage. Dadurch unterbricht er das Handlungsmuster seines Gegenübers und lädt ihn zum Nachdenken über sein Handeln ein.

Durch dieses Jesuswort wird mir deutlich: Die ganzen Detailausführungen in den Reden Jesu, die mich so lange idealistisch überforderten, sind keine moralische Zusatzlast für „religiös besonders musikalische“ Menschen. Was er in seinen Reden ausführt, sind konkrete Einblicke in seine kluge Lebensstrategie. Eine Strategie, die von der Suche nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit getragen ist. Hier bekomme ich Handlungsweisheit, wie es mit Gott „gut geht“. Wie diese Lebensweise aussieht, illustriert der Mensch Jesus. Folge ich ihm, wächst – unterwegs in seiner Lebensschule – auch konstruktive Handlungsfähigkeit (Matthäus 7,12 und Matthäus 22, 37-40). Schrittweise.

In den gewöhnlichen Reisen unseres Alltags zwischen Hadern, Zweifeln und Glaubensfunken.

Festes und ruhiges Fundament

Diese Reise ist mittlerweile 15 Jahre her. Was sich vielleicht wie ein exegetisches Potpourri liest, erlebte ich auch als eine emotional, geistlich und psychisch herausfordernde Phase. Nicht alle Wegabschnitte in der Nachfolge erlebe ich als leicht.

Aber schwere Wege gehe ich immer noch lieber in seinem sanften Joch als unter dem Druck meiner eigenen (frommen) Ideale. Auch daher komme ich immer gerne auf ein Jesuswort zurück: „Komm, folge mir nach.“ Dieser Satz holt mich aus allen Überlegungen über das Leben zurück in mein Leben.

Ich lerne bei Jesus, worauf es ankommt: gemeinsam mit Gott als gewöhnliche Menschen diese Welt zu gestalten. Er in seinen Zuständigkeiten als Gott – wir in unseren als Ebenbilder.

Bibelübersetzungen | Mt 7, 12; Apg 1,3; Röm 7, 24: Neue Genfer Übersetzung; Mt 5, 39; 16, 18; Apg 11,26: Gute Nachricht Bibel; Mt 11, 28-30: Lutherbibel 1984; Mt 4, 17.19; 6, 33; 28, 16-20: Übersetzung des Autors.

Sebastian Wickel ist Pastor, systemischer Berater und JüngerschaftsTrainer. Gemeinsam mit der Faszination Bibel-Autorin Lydia Rieß hat er das Andachtsbuch „Folge mir nach. Mit 365 Jesus Worten durch das Jahr“ herausgegeben, in welchem sie mit 28 weiteren Mitmenschen Einsichten über Jesus, das Reich Gottes und Wege in der Nachfolge teilen.

>>>> Zur Webseite von Sebastian Wickel



Dieser Artikel ist im Magazin Faszination Bibel erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

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