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„die beymeister“: So anders kann Kirche sein

Seit sechs Jahren bauen „die beymeister“ im Kölner Stadtteil Mülheim Kirche ganz anders. Doch obwohl sie als Vorzeigeprojekt gelten und in ihrem Viertel viele Menschen erreichen, droht dem Projekt jetzt das Aus.

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Was war die Initialzündung hinter „die beymeister“?

Sebastian Baer-Henney: 2014 war ich in London und habe dort ein Auslandsvikariat absolviert. Dort erlebte ich spannende Neuaufbrüche im Kontext von Fresh X. Ich hatte schon immer das Bedürfnis, Kirche für Leute zu gestalten, die nicht christlich sozialisiert oder von der Kirche entfremdet sind und trotzdem ein spirituelles Anliegen haben. Dort in London erlebte ich, wie das gehen kann. Dann kam ich zurück nach Köln und traf auf Miriam, die bereits in der Gemeindeberatung tätig war.

Miriam Hoffmann: Sebastian fragte mich dann, ob wir nicht zusammen ein Café aufmachen wollen. Ich hatte vorher eine Jugendkirche gegründet und geleitet. Das lief prima. Es gab Wachstum und Aufbrüche. Doch auch in dem Projekt spürte ich: Es gibt eine kirchliche Welt und eine Parallelwelt. In mir begann die Idee zu wachsen für ein Kirche-Sein mitten unter den Menschen. In ihrer Sprache, ihrer Ästhetik, ihren Themen, ihrer Popkultur.

Kirche ist ästhetisch, musikalisch, zeittechnisch absolut einseitig aufgestellt.

Ist Kirche eurer Überzeugung nach milieutechnisch zu einseitig aufgestellt?

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Miriam: Es ist diskussionswürdig, dass in einem Umkreis von 40 Kilometern oder an zehn verschiedenen Orten sonntags um 10:30 Uhr fast die gleichen kirchlichen Veranstaltungen stattfinden, die nur eine kulturelle Geschmacksfrage bedienen. Zudem sind diese Angebote sehr einseitig aufgestellt: für Menschen ohne Kinder, vielleicht ein bisschen Kinder- und Jugendarbeit. Dann gibt es aber zwischen der Arbeit mit Konfirmanden und Senioren eine große Leerstelle.

Sebastian: Ja! Kirche ist ästhetisch, musikalisch, zeittechnisch absolut einseitig aufgestellt. Im traditionellen Kirchenbezirksdenken begegnet mir oft die Vorstellung: Wir sprechen doch alle an. Doch dies ist eine Illusion, die wir über Bord werfen müssen. Hier in Köln-Mülheim mache ich die Erfahrung: Von dem, was wir in der Kirche an Gutem anbieten, werden 95 Prozent der Menschen im Stadtteil nicht angesprochen. Die übrigen 5 Prozent sprechen wir mit dem hochkulturellen Programm sehr gut an, dies sind jedoch Milieus, die kleiner werden.

Die beymeister in ihrem Laden
Noch ist in dem Laden von die beymeister einiges los. (Bild: SCM Bundes-Verlag / Rüdiger Jope)
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Sprechen denn die beymeister eine größere Gruppe an?

Sebastian: Nein, wir schaffen es auch nur, eine kleine Gruppe anzusprechen. Wir wollen hier nicht eine Gruppe gegen die andere ausspielen, sondern es geht um ein Miteinander. Dahinter steht die Idee der „mixed economy“: miteinander Kirche sein in aller Unterschiedlichkeit. Miteinander reden. Das geht natürlich nicht ohne Reibung, aber es funktioniert.

Miriam: Kirche lebt von dem Moment, dass Menschen ihr Kind noch zur Taufe bringen, weil ein Elternteil dies noch will. Doch dieses Kind wird nie im Kindergottesdienst landen. Sie werden sonntags um 10 Uhr nie in den Gottesdienst gehen und auch keine Zeit haben für eine kirchliche Krabbelgruppe. Dies ist für mich ein großer Schmerz: Wir reden mit Menschen in Wohnzimmern und begleiten sie dort, aber mit unseren kirchlichen Formen geht es nach der Taufe nicht zusammen. Was machen wir da eigentlich?

Was fehlt denn dann?

(Stille)

Sebastian: Die Menschen finden keine Gemeinschaft, an die sie anknüpfen können und wollen. Es ist nicht ihrs.

Janneke Botta: Die ticken einfach anders. Wir haben als Kirchengemeinden immer den Anspruch, für alle da zu sein, doch dies ist ein Irrglaube. Wir brauchen eine Zielgruppenbestimmung. Wir müssen aufhören, aus der Kirchenstruktur heraus zu denken und zu arbeiten.

Sebastian: Ich würde sogar noch einen Schritt weiter gehen. Die weit verbreitete Denkweise ist doch die: Die Leute sind unsere Schäfchen und die haben sich für das zu interessieren, was wir machen. Und wenn die dann nicht kommen, ist es ihr Problem. Doch es ist unser Pro­blem, wenn die Menschen nicht auf das anspringen, was wir in den Kirchen anbieten.

Die Lebensthemen der Leute im Viertel bekomme ich nur raus, wenn ich mit ihnen das Leben teile.

Nun habt ihr beschrieben, wie es nicht geht. Wie sieht denn jetzt ein positiver Gegenentwurf aus?

Janneke: Wir horchen hier im Stadtteil immer wieder nach, was die Themen der Menschen sind. Was brauchen sie? Was sind ihre Zeitstrukturen? Was sind ihre Sorgen und Nöte? Ist Sonntag um 10 Uhr eine gute Gottesdienstzeit? Wir feiern bei den beymeistern sonntags um 18 Uhr Gottesdienst.

Miriam: Wir sind gefragt, hinzuschauen: Was sind die Zeitstrukturen der Menschen, was sind Liturgien der Menschen, die im Viertel passieren? Die Kirche muss wissen, wann die Menschen im Stadtteil frühstücken und zur Arbeit gehen. Und die Kirche muss im Kontakt sein mit den Menschen. Nur dann kann sie fragen: Was braucht ihr? Die Lebensthemen der Leute im Viertel bekomme ich nur raus, wenn ich mit ihnen das Leben teile. Ich werde sonntagmorgens um 10 Uhr schwerlich rausfinden, was die Menschen bewegt, aber ich finde es raus, wenn ich mit ihnen zu Abend esse, sie beim Einkaufen oder an anderen alltagsrelevanten Orten treffe.

Kirche sollte sich also mehr „enthäusern“ aus ihrem Raum, ja entäußern, so wie Gott?

Miriam: (leidenschaftlich) Unbedingt! Die alte Botschaft von der Menschwerdung Gottes muss transformiert werden ins Viertel. Es geht nicht darum, jetzt einen Abendgottesdienst um 18 Uhr zu starten, weil die beymeister dies machen. Nein, es geht darum, das zu tun, was für die Menschen vor deiner Tür, in deinem Stadtteil, in deinem Dorf dran ist.

Sebastian: Meines Erachtens ist noch eine Vorstufe nötig. Es braucht von uns als Kirche die Erkenntnis, dass wir es nicht wissen. Dies fehlt mir oft in unserer Kirchenblase. Wenn ich sonntagmorgens um 10 Uhr einen Gottesdienst anbiete und es kommt niemand, habe ich zwei Möglichkeiten: Entweder ich ärgere mich da­rüber, dass die Leute lieber brunchen gehen, oder ich sage mir: Ok, die Lebenswelt der Menschen sieht offenbar anders aus, als ich mir das vorstelle. Wir als Kirche müssen lernen, uns mit unseren derzeitigen Angeboten radikal in Frage zu stellen! Es braucht von uns die Demut, dass wir keine Antworten, sondern Fragen haben.

Wir sind vom Herzstück, der Verkündigung des Evangeliums, so wenig überzeugt, dass wir uns über Denkmalschutz, Strukturen, Abläufe und Gewohnheiten definieren.

Das klingt alles sehr gut. Doch Abendgottesdienste sind jetzt nicht die Neuentdeckung. Kaffeetrinken im Anschluss an den Gottesdienst ist nichts Neues, vielleicht nicht ganz so hip wie eure Limonade und frisch gebrüht wie euer Kaffee. Die Pfarrerin oder der Pfarrer sind im Viertel hoffentlich auch bekannt. Was ist jetzt so neu an eurem Ansatz?

Sebastian: Kirche hat für mich an vielen Stellen eine spirituelle Krise. Wir sind vom Herzstück, der Verkündigung des Evangeliums, so wenig überzeugt, dass wir uns über Denkmalschutz, Strukturen, Abläufe und Gewohnheiten definieren. Wir haben es verlernt, von Gott als Player zu reden, ohne alle totmissionieren zu wollen.

Miriam: Danke für dein Provozieren. Was es nicht gab: Alltagsrelevante Gestaltung von Kirche. Dies haben wir komplett verändert. Wir sind mit unserem Raum und den Aktionen präsent im Stadtteil, verschanzen uns nicht hinter Kirchenmauern. Wir sind hier ein Player für Hausflohmärkte, Konzerte und „Fuck-up-Nights“, in denen Menschen von ihrem Scheitern erzählen. Ich mache es mal noch konkreter: Wenn Kinder bei Tagesmüttern oder Kitas eingewöhnt werden, ist dies eine schwierige Zeit für Eltern und Kinder. Bei manchen Kindern zieht sich diese Phase über mehrere Wochen. Das ist für Eltern ätzend, weil sie in den Trennungszeiten nicht wissen, wohin. Da haben wir Flyer verteilt und gesagt: Kommt auf eine Limo oder einen Espresso zu uns. Eine Frau sagte hier spontan: Dass die Kirche an so etwas denkt! Gott ist nicht nur in Schulgottesdiensten da, sondern auch in den vielen kleinen und großen Dramen des Alltags. Und diese gilt es, neu als spirituelle Andockmöglichkeiten zu entdecken.

Ihr seid ein innovatives Labor, eine Art Entwicklungszentrum, das an einem Impfstoff forscht, damit Kirche eine gesunde Zukunft hat. Da müsste man euch doch mit Geld und Verträgen überschütten?

(betroffene Stille)

Sebastian: Ja, wir werden gerne und viel rumgereicht. Traurige Tatsache ist aber auch: Es wird gerade diskutiert, ob wir plattgemacht werden. Alle wünschen sich Think-Tanks, Erprobungsräume, Fresh X, aber wenn diese keine Kontinuität bekommen, wird unsere Kirche einen großen Teil ihrer kreativen Ressourcen verlieren!

Warum haben es die neuen Projekte so schwer, anerkannt zu werden? Warum kann man in Köln nicht eine der zahlreichen traditionellen Gemeinden schließen und diese Finanzen der neuen Gemeindeform zukommen lassen?

Sebastian: Das wollen wir gar nicht!

Was dann? Wenn ihr sagt, dass wir aus dem protestantischen 10 Uhr-Gottesdienstmodell als Kirche wenigstens mit EINER Gemeinde raus müssen, wo ist das Problem? Braucht es hier nicht auch mehr Ehrlichkeit von allen Playern, anstatt immer alles in Harmoniesoße zu ertränken?

(Stimmengewirr)

Janneke: Die Frage ist: Wer soll dies sagen und entscheiden? Das große Gut der Evangelischen Kirche im Rheinland ist das Presbyteriale-Synodale System. Wir entscheiden von unten sehr basisdemokratisch. Das ist ein hohes Gut, aber hat eben auch zur Folge, dass die Systeme sich nur selbst abschaffen können. Die Leute, die noch da sind, müssen die Entscheidung für Neues treffen. Doch wer schafft sich schon gerne selbst ab?

Ich sehe hier die Landeskirchen in Verantwortung mit einem klaren Ja zur Pionierarbeit, zu Aufbrüchen.

Müssen dann nicht an anderer Stelle Räume für Neues geschaffen werden?

Janneke: Ja! Ich sehe hier die Landeskirchen in Verantwortung mit einem klaren Ja zur Pionierarbeit, zu Aufbrüchen.

Und das nicht nur für eine Projektphase?

Sebastian: Kirche hört nicht auf die Bedürfnisse der anderen, sondern sieht das, was sie immer gemacht hat. Nochmals: Es kann nicht die Alternative sein, eine Gemeinde zuzumachen, damit wir die beymeister haben. Dies führt uns auf eine falsche Fährte. Es braucht die Bereitschaft, beides möglich zu machen.

Janneke: (energisch) Aber eben auch eine Langzeitperspektive für neue Formen von Kirche. Strukturwandel braucht auch das Etablieren von Neuem. Hier braucht es Grundsatzentscheidungen, dies kann man nicht den einzelnen Gemeinden vor Ort überlassen.

Miriam: (impulsiv) Ich will nicht, dass die Sparkasse uns fördert. Wir sind ein kirchliches Projekt.

Sebastian: Wir haben es total gefeiert, als unsere Synode die Entscheidung für die Unterstützung von Erprobungsräumen aufgelegt hat. Das ist großartig. Jetzt kann ich fünf Jahre in missionarische Projekte investieren. Danach wird gesagt: Jetzt machen wir den Laden dicht, weil ihr finanziell nicht auf eigenen Füßen steht. Zum einen bleibt man hier auf halber Strecke stehen und zum anderen wird an alle anderen Gemeinden in unserer Kirche nicht dieser Maßstab angelegt.

Die vorhin um 7:15 Uhr miterlebte Abendmahlsfeier, die damit verbundene frische Liturgie zeigt mir: Ihr seid frische Kirche im Stadtteil. Doch Hand aufs Herz: Sind die beymeister nicht eine Frühgeburt? Ist die Not der Kirche noch nicht groß genug, damit Projekte wie eures ernster genommen werden?

(allgemeine Heiterkeit)

Miriam: Dies trifft es auf den Punkt. Wir waren schon vor fünf Jahren zu früh. Vielleicht braucht Kirche unseren Tod, damit sie begreift: Wir sind ein Teil von ihr und nicht so ein schräges Extraprogramm.

Sebastian: Das blöde Gefühl ist, dass wir derzeit die ersten sind, die sterben werden, und dass dies auch andere hoffnungsvolle Projekte erwischt. Wir hoffen noch auf ein Wunder. Gott ist groß!

Miriam: Es ist Gottes Problem!

Janneke: Wir sind aber nicht zu früh für diesen Ort. In Mülheim gibt es eine große Resonanz auf unsere Arbeit.

Sebastian: Mir sagte jemand: Wenn Kirche so etwas wie die beymeister einstellt, hat sie keine Zukunft. Gottes Kirche hat immer Zukunft, doch die Frage ist, in welcher Form die Kirche weiter besteht.

Miriam: Wir halten uns nicht für wichtig. Es geht nicht um die beymeister, sondern es braucht Initiativen in unserer Kirche, die Menschen abseits der parochialen Strukturen ansprechen.

Herzlichen Dank für das Gespräch!

Link: Beymeister – zusammen im veedel


Redakteur Rüdiger Jope besuchte die beymeister in Köln-Mülheim. Das Interview ist in einer längeren Version in der Zeitschrift 3E (Ausgabe 01/2021) erschienen. Das Ideenmagazin der Kirche erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört. 

 

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