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„Die Hütte“-Autor Young: „Gott begegnet mir so, wie ich es im Moment verstehen kann“

Sein Buch „Die Hütte – ein Wochenende mit Gott“ wurde weltweit 23 Millionen Mal verkauft und in Hollywood verfilmt. Dabei hatte der Kanadier William Paul Young (62) es ursprünglich nur geschrieben, um sich selbst zu helfen. Viele konservative Christen, so z.B. der Bibelbund, kritisierten das Buch scharf. Andere lobten es als einfachen Zugang zum Glauben. Chris Pahl, Projektleiter für das Christival 2022, hat Young in Leipzig getroffen: Er beschreibt ihn als „einen Mann, der beeindruckend in sich ruht und der die Liebe Gottes ausstrahlt.“ Im Interview erzählt Young von seinem Gottesbild und wie er mit Kritikern umgeht.
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Warum ist Gott in „Die Hütte“ eine Frau?

William Paul Young: Ich habe mir die meiste Zeit meines Lebens Gott als männliches Wesen vorgestellt, warum nicht mal als eine Frau? (lacht). Ernsthaft. Für mich, der ich aus einer evangelikalen Tradition komme, ist es vollkommen klar, dass Gott eine weibliche und eine männliche Seite hat. Er ist nicht nur eins von beiden. Gott ist ein männlicher Hirte, bei Jesaja ist er eine stillende Mutter. Bei Habakuk wird Gott als Bärenmutter beschrieben. Die Realität ist, dass all unsere Weiblichkeit und Männlichkeit gegründet ist im Vater, im Sohn und im Heiligen Geist.

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Ist das Männliche in Gott überrepräsentiert?

William Paul Young

Wir haben uns so sehr auf die männlichen Eigenschaften Gottes konzentriert, dass wir gewisse Charakterzüge Gottes vernachlässigt haben. Das Wort „Barmherzigkeit“ kommt im Hebräischen von der gleichen Wortwurzel wie „Gebärmutter“. Wir reden also von weiblicher Liebe, wenn wir von göttlicher Gnade reden. Das ist eine starke und kraftvolle Liebe. Meine größten Verletzungen im Leben kamen von Männern. Ich hatte eine schwierige Geschichte mit meinem Vater, er war krankhaft streng. Mein Bild von Gott war: Jesus liebt mich, aber Gott der Vater richtet mich. Auch der Protagonist in „Die Hütte“ leidet unter seinem leiblichen Vater: Gott kommt deshalb zu ihm in einer Form, in der er es annehmen kann. Ein Freund von mir arbeitet mit Prostituierten, und der beste Zugangsweg, wie sie Gott erleben, ist: ein Labrador. Weil Frauen sie so verachtet und Männer sie so missbraucht haben, weiß Gott, dass er den Prostituierten seine Liebe nicht in diesem Bild kommunizieren kann. An diese Liebe Gottes glaube ich: Eine Liebe, die mir so begegnet, wie ich es im Moment verstehen kann.

Wie reagierst du, wenn du auf Kritiker deiner Theologie und deiner Bücher triffst?

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Als erstes bin ich mir sicher, dass diese Menschen hier genau richtig sind. Sie sind Teil meiner eigenen Geschichte und ich liebe sie. Wirklich. Ich will sie nicht links liegen lassen.

Aber sie sagen wirklich böse Sachen über dich und deinen Glauben.

Oh ja, das tun sie. Aber eine wütende Person ist jemand, der sich beteiligt. Das ist mir lieber als ambivalente Typen. Ich bin nicht perfekt. Ich weiß, dass Gott mit mir noch nicht fertig ist. Ich weiß, dass ich nicht alle Antworten habe. Wenn Menschen zu mir kommen und mich angreifen, weiß ich, sie bringen ihre eigenen großen Fragen, Enttäuschungen und Ängste mit. Indem sie mich kritisieren, bringen sie ihre eigenen Lebensthemen zum Ausdruck.

„Ich habe Heilung in meinem Leben erlebt.“

Und hier kann ich ohne Risiko in die Diskussion gehen. Wenn ich ihnen unterstelle, dass sie mich persönlich angreifen wollen, dann wird es Krieg. Aber es geht um viel mehr. Sie können am Ende sagen, was sie wollen: Mein Leben spricht stärker. Was sie auch theologisch auffahren: Ich habe Heilung in meinem Leben erlebt, und mein altes Bild von Gott hat nichts dazu beigetragen.

Für dein neues Buch hast du „Lügen, die wir uns über Gott erzählen“ gesammelt. Klingt, als ob du die Christen um dich herum sehr genau beobachtet hast.

Oh nein, ich habe nicht die anderen beobachtet. Ich habe mich und mein Leben betrachtet. Ich saß mit Freunden zusammen, die Theologen sind, und wir brauchten nur fünf Minuten, um 150 Lügen zu sammeln, die Christen über Gott glauben. Und von denen habe ich 28 ausgewählt, die viele von uns glauben. Ich wollte diese Sachen benennen, als ich merkte, dass auch meine eigenen Kinder schräge Gedanken über Gott haben. Als Vater will ich, dass sie weiterkommen und nicht feststecken, so wie es bei mir so viele Jahre war.

Die folgende Frage kommt von einer Freundin, die „Die Hütte“ gelesen hat. Sie hat vor einem Jahr ein behindertes Kind zur Welt gebracht. In deinem Buch hat sie die Antwort nicht finden können auf die Frage nach Leid, für das niemand etwas kann. Sie fragt sich und Gott: Warum muss mein Kind so leiden?

Das ist eine wichtige Frage. Was deine Freundin erlebt, ist hart. Ein Teil der Antwort ist, dass wir Menschen nicht realisieren, wie gewichtig unsere Entscheidungen sind. Nicht nur die Entscheidungen dieser Eltern, sondern auch deren Eltern und der gesamten Menschheit über Jahrhunderte hinweg. Diese Entscheidungen haben Sachen kaputt gemacht: den Planeten, Teile unserer Gene, die Ökologie. Wir haben Sachen erfunden, die unseren Körper kaputt machen. Wenn zwei Menschen zusammenkommen, um neues Leben zu schenken, dann greift Gott auf ihre Gene und das Erbgut der Familie zu. Er erschafft den neuen Menschen nicht unabhängig davon, sondern nimmt das, was sie mitbringen. Und da gibt es auch die kaputten Sachen in unserem Körper. Deine Freundin hat keine Schuld, aber sie ist eingewoben in eine kaputte Menschheit. Gott hat beschlossen, das nicht alles zu reparieren. Eins unserer Enkelkinder ist kurz vor der Geburt gestorben, weil es einen Genfehler hatte. Gott hat keine schnelle Antwort auf so unglaublich tiefe und schwere Fragen. Aber dieser Gott begleitet uns im Verlust. Er ist mittendrin und erschafft etwas Neues. Würde sie sagen: „Ich wünschte, mein Kind wäre nie geboren?“ Das glaube ich nicht. Sie wird sagen: „Egal wie behindert mein Kind ist, es ist eine Botschaft der Gnade. Es wird mein Leben zum Guten verändern.“

Du hast sehr lange keinen Verlag für dein Buch gefunden und „Die Hütte“ dann mit Freunden selbst veröffentlicht. Ist das ein Weg, den du Nachwuchsautoren empfehlen würdest?

Frage dich zuerst, warum du schreibst. Wenn du schreibst, um dein Ego zu stärken oder Anerkennung, Identität, Sicherheit zu gewinnen, dann lass es lieber und warte noch ein paar Jahre bis zur ersten Veröffentlichung. Durch das Schreiben gewinnt man an Reife. Ich habe jahrelang Gedichte und Kurzgeschichten geschrieben und hatte auch nie das Ziel, einen Verlag zu finden. Ich empfehle: Schreib einfach. Organisiere später. Schreibe, was auf deinem Herzen ist, was bei dir oben aufliegt. In diesem Prozess des Schreibens und des Gelesenwerdens von jemandem, dem du wichtig bist, wird dein Schreibstil besser. „Die Hütte“ wurde auf dem Weg immer wieder umgeschrieben. Das war auch für mich nicht immer einfach. Aber du darfst deinen Wert nicht an dem Text festmachen. Wenn jemand einen Verbesserungsvorschlag hat, probiere es aus. Vielleicht wird es besser, vielleicht auch nicht. So entsteht Kreativität. Dein Wert hängt nicht von dem ab, was du tust, sondern wer du bist. Und was du tust, ist nur ein Ausdruck dessen, was du bist.

Ein passendes Schlusswort. Vielen Dank, Paul, für das Gespräch.

Die Fragen stellte Chris Pahl für das Magazin dran next. Pahl ist Projektleiter des Christival 2022 und war von der Echtheit und Wärme seines Interviewpartners fasziniert.


Im September ist William Paul Youngs neues Buch „Lügen, die wir uns über Gott erzählen“ (Allegria) erschienen.

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