Wie kann Kirche in einer zunehmend atheistischen Gesellschaft bestehen? Pfarrer Justus Geilhufe erklärt, warum Weltfremdheit und Weltnähe zusammengehören – und was ihm Mut macht.
Justus Geilhufe ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen und theologischer Leiter der App GLAUBEN. Seine Erfahrungen mit Kirche und Gemeinde in einer postchristlichen Welt teilte er als Referent bei der Herbsttagung des Bundes FeG – und vorab im Interview.
Justus Geilhufe, Sie sind im Osten Deutschlands aufgewachsen. Was waren Ihre drei prägendsten Erfahrungen, die Sie in einer atheistischen Gesellschaft gemacht haben?
Justus Geilhufe: Die Nazis, dann die Menschen, die die Nazis haben machen lassen und die Gemeinschaft, die ich in meiner Kirche demgegenüber erleben durfte.
Wo entdecken Sie Gemeinsamkeiten zwischen Christinnen und Christen, die im Westen aufgewachsen sind und diejenigen, die in der DDR aufgewachsen sind?
Dass dort, wo das Kreuz im Mittelpunkt ist und der fragile Versuch gelebt wird, ganz offen für andere zu sein, Dinge gut sind, manchmal auch wachsen.
Welches neutestamentliche Beispiel oder welche Geschichte steht für Sie exemplarisch dafür, wie wir Christsein in einer postchristlichen Welt leben können und sollten? Warum?
Der Blinde von Jericho, der uns zeigt, wie Menschen sich der Kirche und Jesus annähern und uns, die zwischen ihm und Jesus sind, vor eine gewaltige Aufgabe stellt. (vgl. Markus 10,46–51; Lukas 18,35–43)
Die Menschen müssen wissen, dass wir sie suchen, bei uns haben wollen, dass wir sie lieben.
Justus Geilhufe
Wo sollten wir als Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu weltfremd werden und bleiben? Wo sollten wir weltnäher werden?
Wir sollten immer sehr deutlich machen, wie ganz anders das Geheimnis unseres Glaubens und diese Welt ist. Es gibt eine Wahrheit, die wir aber nie ganz fassen können, es gibt das Gute, was wir aber nie schaffen ganz zu tun und es gibt eine Schönheit, die selbst in der größten Hässlichkeit zu finden ist. Dieses Anderssein müssen wir sogar wieder mehr betonen. Zu dieser Verkündigung von Weltfremdheit gehört aber eine Praxis der Weltnähe. Die Menschen müssen wissen, dass wir sie suchen, bei uns haben wollen, dass wir sie lieben.
In Ihrem Buch Die atheistische Gesellschaft und ihre Kirche heben Sie darauf ab, dass es der Auftrag der Kirche Jesu Christi sei, die „Gesellschaft liebzuhaben“ – und nicht, sie christlich zu transformieren. Heißt das, wir sollten uns als Kirche Jesu Christi an bestimmten Stellen mehr raushalten?
Ja, das sollten wir da, wo es andere besser können und schon in unserem Sinne erledigen. Das lässt sich nie pauschal sagen. Meine Kirche hat die Wende mit Umweltbibliotheken eingeleitet. Vielleicht nicht unsere erste Aufgabe, aber eine, die damals niemand besser konnte, geschweige denn schon erledigte. Das ist ein Beispiel von vielen, das uns vor die Aufgabe stellt, jedes Mal neu die Geister zu unterscheiden und dann sicher auch gewagte Entscheidungen zu treffen.
Wie sollte sich die christliche Gemeinde und Kirche mit ihren Werten in der Gesellschaft positionieren – eher leise oder an bestimmten Stellen doch lautstark?
Es gibt Momente, da können wir gar nicht laut genug für unsere Werte einstehen, das merke ich zunehmend in einem vom rechten Block dominierten Osten dieses Landes. Und es gibt sicher Momente, in denen ein leises Auftreten guttut.
Was würde Sie als Landeskirchler uns FeG-Freikirchen raten im Umgang mit der „Welt“? Welche Gefahren oder Chancen sehen Sie in unserer besonderen Ausprägung?
Es gibt eine Angst, dass dort draußen Gott nicht sein könnte, dass er nur hier drin bei uns existiert. Die große Herausforderung für uns ist, Gott in allen Dingen zu suchen und zu finden. Bei wirklich allen!
Welche Bibelstelle oder welches Zitat macht Ihnen Mut, Zukunft und Hoffnung als Christ in einer postchristlichen Gesellschaft zu leben?
„Wahrlich, das ist Gottes Sohn gewesen.“ (Matthäus 27,54). Selbst im größten Leid, der tiefsten Dunkelheit, wo alles zu Ende zu sein scheint, ist Gott. So ist egal, wie christlich oder post-christlich unsere Gesellschaft ist, auch wenn es natürlich unendlich schmerzt, die Gesellschaft so zu sehen.
Die Fragen stellte Artur Wiebe. Das komplette Interview ist in der FeG-Zeitschrift Christsein heute (Ausgabe 11/25) erschienen.
Dr. Justus Geilhufe, Jahrgang 1990, ist Theologe, seit 2021 evangelisch-lutherischer Pfarrer der Kirchgemeinde am Dom Freiberg und seit 2024 zusätzlich mit missionarischen Aufgaben in der sächsischen Landeskirche betraut.
Bücher von Justus Geilhufe:
- Gott und die Schönheit. Entdeckungen in der atheistischen Gesellschaft. Claudius Verlag, 2025, München.
- Die atheistische Gesellschaft und ihre Kirche. Claudius Verlag, 2025, München.
GLAUBEN: App der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens mit Materialien über Grundlagen des christlichen Glaubens | glaubensapp.de

Mein Rat an die Kirchen: „Folgt Jesus Christus nach, und haltet seine Gebote.
Das ist eine Bedingung, und keine Bedingungslosigkeit.
Jesus Christus spricht: „Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir nach.“
Prüft euch selbst, ob ihr im Glauben steht.
Dieser Pfarrer ist 1990 geboren und redet von „Nazis“.Der Nationalsozialismus endete 1945, jede Betätigung im Sinne dieser Weltanschaung ist seither in der BRD verboten. Wen meint er denn? Ich bin jetzt alt, aber ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Menschen getroffen,der sich als “ Nationalsozialist“ bezeichnet hätte.Und “ rechte“ Jugendliche, von denen seit 40 Jahren gesprochen wird, habe ich in der Jugendarbeit in der Kirche und später beim Staat nie angetroffen. Aber mit der Antifa hatte ich reale Erlebnisse, das waren konkrete Menschen….. und ich arbeitete in Szenen, in denen überall vor der Gefahr “ von Rechts“ fantasiert wurde…..was ich real erlebte, waren andere Gefahren, und die waren unerfreulich.
> Ich bin jetzt alt, aber ich habe in meinem ganzen Leben noch keinen Menschen getroffen,der sich als “ Nationalsozialist“ bezeichnet hätte.
Der AfD-Bundestagsabgeordnete Helferich bezeichnet sich sogar selbst so.
AfD-Fraktion nimmt SS-Verharmloser auf | tagesschau.de https://share.google/sdFbkhjFA3ZpLl0dO
Die meisten anderen werden sich eher als bürgerlich ausgeben. Lässt dich besser verkaufen.
Was hast du gegen Antifaschisten? Sollte das nicht jeder sein?
Ich liebe das Grundgesetz und die Demokratie
Mit Nazis sind mit Sicherheit jene Zeitgenossen erwähnt, die sich hier im Westen und vor allem auch im Osten früher und heute umtriebig sehr hervortun. Derzeit ist es wirklich die AfD und was jede/r im Bundestag fast täglich liveübertragen hören könnte, sagt alles aus über extrem radikale Gesinnung und den gebündelten Hass gegen alles was eine moderne, humane, freie demokratische Gesellschaft auszeichnet. Oft sind es Leute, die hier auch mit Personen zusammenarbeiten, die bald oder bereits verbotenen Gruppen angehören. Und natürlich gab es diese nicht überall in jeder Kleinstadt oder kleinem Dorf. In meiner alten Heimat, in der Nähe von Koblenz am Rhein, gab es ein sehr kleines Dorf, wo einer der Obernazis aus Hitlers Reich seine letzte Ruhestätte fand und diese wurde Kultpilgerort. Da Radikalinskis den Brauch pflegten, in großer Marschkolonne und teils vermummt, kraftvoll dann durch die Stadt Nastätten zu marschierten, kamen die Anwohner nicht zur Gegendemo – meist ehrte diese Radikalinskis lediglich (mit „viel Feind ist viel Ehr“) – sondern sie machten alle Fenster-Rollos zu, oder verriegelten ihre Geschäfte und es leeren sich alle Straßen wie zu einer rätselhaft ausgestorbenen Geisterstadt. Die Rechtsradikalen, gerne auch mal deftig mit Körpereinsatz, verloren jegliche Lust, sich dort groß vorzustellen. In Bad Ems habe ich im Kursaal einmal in eine damalige NPD-Veranstaltung nach 1970 hinein geschnuppert und dann sofort erlebt, wie ein freundlicher Mann, nicht aggressiv im Ton, aber als er eine inhaltlich kritische Frage stellte, sofort mit rohester Gewalt nach außen entfernt wurde. Einer meiner Nachbarn meinte damals vor Jahrzehnten, diese Leute seien doch ausgesprochen freundlich gewesen in der kleinen Wahlveranstaltung, in der Kneipe. Ich war schon als junger Mann von solcher dummen Sichtweise pikiert. Gerade Wölfe verkleiden sich gerne mit Schafsfellen (siehe den Bibelvers) und Rechtsradikale mit Anzug und Schlips, aber tragen hier keinerlei Hörner auf der Stirn. Leider hat dies die AfD niemals nötig, die tun es immerhin mit eigenem Gesicht und mit Hass und Hetze auf fast jeder Zunge. Aber sie wundern sich, dass sie niemand im Parlament in Berlin liebt und daher werden auch die Abgeordneten der anderen Parteien dort auch, vor allem leider die Frauen, mit böser fäkaler Sprache regelrecht verbal verprügelt. So sind sie, gerne taktierend, keinesfalls echte Patrioten. Die Antifa ist nun mal nicht eine wirklich fanatisch linksradikale Organisation, sondern eher eine unorganisierte Truppe, mit weitester thematischer Streuung, hier und dort auch Gewalttätigen, aber sogar CDUler haben da damals bereits mitdiskutiert. Aber wer heute vor Rechtsradikalen warnt, verbreitet keine Phantasie, sondern Realität. Der Altbundespräsident Heinemann sagte damals, er liebe nicht Deutschland, sondern seine Frau. Als Patriot liebe ich Verfassung, unsere Demokratie (und selbstverständlich) ich liebe vor allem Gott, sodass ich auch meine Stimmvergabe bei Wahlen nur notfalls auch an die CDU gäbe, wobei ich für zukünftig mich bei anderen Parteien eher noch zwischen Pest und Colera entscheiden müsste.
Gott überall zu finden und arbeitet unten
„Gott lässt sicher überall suchen und finden“, meinte Pfarrer Justus Geilhufe, Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsen, in einem Referat bei der Herbsttagung des Bundes der Evangelischen Freikirchen. Ich finde ebenfalls, dass Gott in dieser Welt überall zu finden ist. Auch ist die Erkenntnis sinnhaft, eben nicht unbedingt alles zu machen, wenn andere dies vielleicht sogar besser, oder weil sie es immer bereits machten. Diese Erkenntnis sammelten wir in der Diakonie, als anlässlich einer Mitarbeitertagung die sehr rhetorische Frage gestellt wurde, wodurch sich die Diakonie vom Roten Kreuz unterscheidet. Hier überschneiden sich ja die Motive des christlichen mit jene des humanen. Aber wer Menschen hilft und sie damit oft rettet vor Untergang oder Dauerleiden, der wird dies mit Nächstenliebe tun, ebenso mit Nächstenliebe zur höheren Ehre Gottes. Auch der christliche Feuerwehrmann löscht das brennende Haus in aller Regel genauso gewissenhaft wie der nichtchristliche Feuerwehraktivist. Wenn wir als Christinnen und Christen nicht alles tun müssen, wenn es Menschen dient, wenn es auch andere machen, verdeutlicht jedoch die tiefsinnige ironische Geschichte, dass Gott heute ganz normale Wunder tut: Er schickt uns den Notarzt, die Feuerwehr und er lässt auf die Guten genauso regnen wie auf die Bösen. Ich glaube, unsere Kernkompetenzen als Christenheit sind unsere wunderschönen Gottesdienste mit vielen Kerzen, guten Predigten, Seelsorge, wunderbare Kirchenkonzerte, Kinderopern, das Weihnachtsoratorium zu musizieren, und Neuerweckung alter Traditionen, die Menschen lieben: Etwa Segnungen und Salbungen als Zeichen des liebevollen Zuwendung Gottes. Oder Tauffeiern als großes Fest für alle an Flüssen, Seen oder im Schwimmbad. Wir sind eine sehr mildtätige und zärtliche Truppe, wenn wir uns als die gute weltweite Kirche Jesu Christi verstehen, die bestenfalls als ein Licht der Welt und Tankstelle für Seelen wahrgenommen wird und sich auch ohne die nur noch gedachten Grenzen der Konfessionen als eine Einheit in der Vielfalt versteht. Geilhufe ist überzeugt: „Die Menschen müssen wissen, dass wir sie suchen, bei uns haben wollen, dass wir sie lieben“! Bereits vor 50 Jahren sagte mir dies ein jüngerer katholischer Priester: „Jesus ist jeden Tag unterwegs, um Menschen zu retten, was wir nie sehen“! Einer unserer größten Fehler, vor die niemand immun ist, wird heute das kollektive Vorurteil sein: Etwa (psychologisch zu generalisieren) dass ALLE Flüchtlinge nur Gewalt und destruktive Ideologie ins Land tragen. Denn Rechtsradikalismus kollidiert unsäglich mit der menschlichen Würde eines von Gott geschaffenen Menschen. Die Bergpredigt ermuntern wenig dazu, sich an die fromme Brust zu schlagen, sondern den dicken Balken zuerst aus dem eigenen Augen zu ziehen. Positiv ausgedrückt: In den Fehlern anderer Menschen erkenne ich auch meine eigenen. Moderne Heilige sind da jene Zeitgenossen, die – wenn Sinnbildlichkeit klar wird – in den Schuhen anderer laufen können.