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Segensbüro segnet auch Hunde

Zwei Pfarrerinnen in Berlin starten eine Vermittlungsagentur für Segenswünsche. Erlaubt ist, was gefällt – nichts ist zu verrückt. Nicht einmal Tauffeste im Strandbad und Pop-up-Hochzeitsfestivals!

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Von Johanna Friese

Bunt ist es auf dem Herrfurthplatz in Berlin-Neukölln. Graffiti an den Hauswänden, spielende Kinder, jemand sammelt alte Pfandflaschen, geschäftiges Treiben vor dem Lebensmittelmarkt. Gegenüber eine Oase der Entspannung – ein Sonnenblumenfeld mit Kunstinstallationen, dazwischen Sitzplätze, am Eingang der Genezarethkirche steht „Open Minded“.

Im Laufe des Tages füllt es sich: Studierende kommen mit ihren Laptops, Geschäftsleute machen Kaffeepause, eine Mutter mit Kopftuch sonnt sich neben ihrem Kinderwagen. Susann Kachel öffnet die Tür des Segensbüros. „Eine Vermittlungsagentur für deine Segenswünsche“, lese ich und komme in einen lichtdurchfluteten Raum, der den Blick auf den Kiez freigibt. Wie in einem Wohnzimmer stehen in der Ecke bunte Sessel zum Gespräch und ein Hundekörbchen für den Bürohund. Blumen sind dekoriert und in der Mitte ein großer Holztisch mit Teekanne und viel, viel Papier.

Offene Türen im Segensbüro

Aktuell überlegen Jasmin El-Manhy und Susann Kachel, welche Plakat-Aktion sie in der Berliner U-Bahn machen wollen. Seit Sommer sind sie mit ihrer Internetseite am Start und auf Instagram aktiv. Sie verstehen sich als Ergänzung zu den klassischen Ortskirchengemeinden und wollen vor allem für die Menschen da sein, die gar nicht wissen, was parochiale Kirchenstrukturen sind und zu welcher Wohnsitzgemeinde sie gehören. „Wenn Menschen nicht regelmäßig in Gottesdienste gehen, dann aber ihr Kind taufen lassen wollen, ist manchmal etwas Scham dabei und sie sind unsicher, wohin sie sich wenden sollen. Wir sind für alle Fragen da“, erklärt Susann.

So war es auch beim ersten Paar, das Anfang des Jahres im Segensbüro vorbeikam und für ihre Hochzeit bereits die Location am Wasser in Potsdam ausgesucht hatte. „Sie wussten aber nicht, welche Pfarrerin etwas Lockeres dazu gestalten kann und welcher Musiker etwas anderes spielen würde als Orgel.“ Susann Kachel, die vorher in einer Berliner Kirchengemeinde tätig war, suchte für das Paar die passenden Menschen und vermittelte die Kirche unweit des Wassers. „Es war ein freudiges gegenseitiges Geben und Nehmen.“

Segenswertes Leben

Zunächst versucht das Team, die Segensuchenden in die Ortsgemeinden zu vermitteln. Wenn da nichts möglich ist oder die Zeit für Sonderwünsche fehlt, haben sie einen Pool von derzeit 12 Pfarrpersonen, die Lust auf neue Ideen und ungewöhnliche Segensorte haben. Das Segensteam wächst weiter und auf die Wünsche – auch neben den klassischen Anfragen zu Taufe, Hochzeit oder Beerdigung – sind sie gespannt.

„Alles, was den Menschen wichtig ist, und die großen Entscheidungen und Umbrüche im Leben sind für uns segenswert“, sagt Susann, „ob der Schulanfang oder die Phase, wenn die Kinder aus dem Haus gehen, ob ein Umzug, die Schwangerschaft oder Menopause, eine Trennungszeit oder wenn es darum geht, eine Transition zu vollziehen.“

Stärkender Segen in Krisenzeiten

Für all das entwickeln sie Mini-Formate und Segensliturgien und setzen sich dabei bewusst keine Grenzen. „Wir legen erst mal los und schauen, welche Wünsche Menschen überhaupt haben, was sie suchen und brauchen.“ Nur wenn ein Brautpaar so gar keinen spirituellen Zugang zum Gottesdienst hätte oder sich wünschte, das Kreuz solle in der Kirche abgenommen werden, würden sie das wohl ablehnen.

Manchmal kommt es auch zu berührenden Überraschungen, etwa als Eheleute in einer Krise um Beratung baten. „Was wir besprochen und gemeinsam erarbeitet hatten, das wollten sie dann auch gesegnet wissen“, erinnert sich Susann. Für die Pfarrerin sind Segensworte „Stärkungsworte“ für die guten, aber auch für die schwierigen Zeiten im Leben. In jedem Falle helfe ein Segensritual, innezuhalten und sich bewusst zu werden, dass man nicht allein unterwegs ist. Man könne sich neu verbunden fühlen mit den Menschen, dem großen Ganzen, mit Gott.

Auf der Suche nach göttlichem Segen

Auch wenn sie mit ihren Segens-Angeboten und Lebensfesten vor allem lose verbundene Evangelische erreichen wollen, sind sie für alle Segensuchenden da, die Kirchenzugehörigkeit ist nicht entscheidend. „Wir haben ja den Segen nicht für uns gepachtet, es geht darum, Gott in der Welt wahrzunehmen und das weiterzugeben.“ Das Team berät individuell, hat aber auch schon einige Segenspakete geschnürt, von der Taufe am Waschbecken bis zur Dorfkirchen-Romantik-Hochzeit.

Sie sind davon überzeugt, dass es einen Ritualmarkt gibt und dass Menschen sich wünschen, vielfältig im Alltag und an Wendepunkten begleitet zu werden. „Nur dass dies in der Kirche alles möglich ist, wissen viele nicht.“ Hier im Büro kann jede und jeder schnell und unkompliziert Kontakt und Beratung finden, analog oder digital. „Verbindung leben“ heißt deshalb ihr Slogan und ein Segensfaden ist dafür Symbol. „Für uns geht es dabei um eine spirituelle Verbindung zwischen Himmel und Erde, aber auch um die Verbindung zwischen Menschen.“

Von Hundesegnung bis Pop-up-Hochzeitsfestival

Von manchen Menschen wird ihre spielerische Offenheit kritisch gesehen, andere finden gerade diese wegweisend. Auch außerhalb der „Kirchenbubble“ bekannter zu werden, ist ihnen Anliegen und Herausforderung zugleich. So planen sie Großveranstaltungen, Segen-Events wie eine „Hundesegnung“ in Kooperation mit dem Tierheim für Berlin, ein „Fest der Toten“, ein „Tauffest im Strandbad“ und ein „Pop-up-Hochzeitsfestival“: Wem es bisher an Geld oder Gelegenheit fehlte für eine kirchliche Trauung, die oder der kann einfach hinkommen, Freunde mitbringen und mit anderen Paaren gemeinsam heiraten. Den Gottesdienst, die Party und den Sekt organisiert das Segensbüro. Sie probieren aus, was ankommt, ohne damit zu rechnen, jemals fertig zu werden.

Ein Kirche von innen bestehend aus vielen bunten Elementen wie Sitzkissen, Teppichen und einem großen Gemälde.
Die umgestaltete Genezarethkirche von innen. (Foto: Johanna Friese)

Startbahn Segen – für eine neue Form von Kirche

Die Genezarethkirche wurde umgestaltet und wird jetzt von vielen Initiativen gemeinsam bespielt. Bunte Emporen laden zum Verweilen und zum Arbeiten ein, es gibt Plätze zum Reden, für lustige Selfies und eine stille Gebetsecke mit goldglitzerndem Mosaik. Zur Eröffnung konnten alle auf bunten Karten ihre Wünsche für diesen Ort notieren. Mit Gott im Rücken zu guten Ideen. Vom nahen stillgelegten Flugplatz, dem Tempelhofer Feld, hat das Projekt des Kirchenkreises seinen Namen: „Startbahn“. In der Umgebung sind die Mieten in den vergangenen Jahren in die Höhe geschossen, der Kiez ist internationaler geworden, viele Familien leben hier, abends kommen die Partytouristen. Die Genezarethkirche mittendrin ist ein großes Experimentierfeld, ein öffentlicher Raum für Spiritualität, Politik und Kunst. Erlaubt ist, was gefällt.

Für Jasmin El-Manhy, Pfarrerin im Segensbüro und Geschäftsführerin der Startbahn, kommt es darauf an, dass hier nichts vorgegeben wird, sondern dass die verschiedenen Akteure sich vernetzen und finden. Sie schafft dafür Gelegenheiten und spricht gern vom „kultivierten Zufall“. Vielleicht entsteht so eines Tages eine neue, ganz andere Gemeinschaft – in der Kiezkirche und darüber hinaus. Im Segensbüro gibt es Jutebeutel mit Worten aus dem Josuabuch zum Mitnehmen: „Sei mutig und hab keine Angst! Ich bin bei dir, wohin du auch gehst“ – damit weitergetragen wird, was längst schon da ist – geschenkt: Gottes Segen für unsere Wege.

Johanna Friese ist Rundfunkpfarrerin in Brandenburg und Berlin 


www.bundes-verlag.net/3E

Dieser Artikel erschien im Kirchenmagazin 3E (Ausgabe 04/21). 3E ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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