Nach einem schweren Unfall bleiben bei Tabea Narben an Kopf, Schulter und Knie zurück. Lange hat sie damit zu kämpfen, bis Gott ihr neue Hoffnung schenkt und sie entdeckt, was Gott für ihr Leben noch alles bereithält. Und das ist mehr als der Mut zum schulterfreien Hochzeitskleid.

Von Ines Schaberger

Es hätte ein ganz normaler Sommerausflug werden sollen. Doch kurz vor ihrem elften Geburtstag ändert sich Tabeas Leben schlagartig. Sie ist mit einer Freundin auf dem Rad unterwegs ins Freibad, als ein betrunkener Raser sie mit 140 km/h überfährt. Die Freundin muss zusehen, wie Tabea durch die Luft und die Windschutzscheibe des Autos fliegt. Schwere Kopfverletzungen, viele Knochenbrüche an Armen und Beinen und eine beschädigte Sehne am Schulterblatt: Tabea überlebt nur knapp.

Wunder erlebt

Wenn Tabea über den Unfall und die Zeit danach spricht, dann gebraucht sie oft das Wort »Wunder«: Sie erzählt davon, dass ein Fahrradhelm ihr wohl das Genick gebrochen hätte, und sie dieses Mal ausnahmsweise keinen getragen hatte. Als die Ärzte sie aus dem künstlichen Tiefschlaf aufweckten und den Beatmungsschlauch entfernten, spuckte sie erst einmal einen Glassplitter aus – während der stundenlangen Operation und dem Koma hatte sie ihn im Mund, ohne sich daran zu verletzen. Sie erzählt von einer Frau aus ihrer Gemeinde, die dafür betete, dass Tabea schon nach drei statt wie geplant nach acht Wochen aus dem Krankenhaus entlassen wird, und sie tatsächlich früher nach Hause durfte.

»Der Unfall ist nichts, was Gott für mich wollte, doch er hat dadurch etwas Gutes bewirkt«, ist Tabea überzeugt. »Trotzdem hätte ich es mir anders gewünscht.« Sie war eigentlich sehr lebhaft, immer in Bewegung, doch dann waren ihr plötzlich Sport, Sonnenbaden und Tanzen verboten. Der Unfall hinterließ Spuren.

Innere Kämpfe

»Als Teenager habe ich versucht, die Kontrolle, die mir bei meinem Unfall weggenommen worden ist, auszugleichen. Ich wusste, dass die großen Narben an meinem Kopf, meiner Schulter und meinem Knie nie weggehen würden. Es ist aber falscher Stolz, niemandem zur Last fallen zu wollen und nicht um Hilfe zu bitten«, weiß sie heute. Jeder Mensch habe seine Kämpfe und Zweifel.

Tabea, die in einer evangelischen Pfarrersfamilie in Oberösterreich aufwuchs, erklärte ihrer Mama wenige Wochen nach dem Unfall, dass sie dem Unfallverursacher vergeben hätte. »Dass das ein längerer und schmerzhafter Prozess wird, habe ich da noch nicht geahnt«, sagt sie heute. Im Gymnasium ermutigten sie ein Musiklehrer und ihre Gesangslehrerin, eigene Lieder zu schreiben und so das Geschehene zu verarbeiten: »Sie gaben mir das Gefühl, ich darf über den Unfall reden, auch wenn es schon mehrere Jahre her ist.« Durch viele Gespräche und eine Traumatherapie lernte Tabea, dass es okay ist, Emotionen zuzulassen, wütend zu sein und Gott zu fragen: »Warum ich?!«

Nicht trotz, sondern wegen der Narben

Lange Zeit war Tabea davon überzeugt, dass sie ewig Single bleiben würde. Denn: Wer verliebt sich schon in ein Mädchen mit Narben? Als sie ihren späteren Ehemann Simon kennenlernte, erzählte sie ihm zwar bald vom Unfall und seinen Folgen, überschminkte oder bedeckte aber alle Erinnerungen daran mit langen Kleidungsstücken. Es war ein unaufgeregter Moment, als Simon die Narben schließlich das erste Mal sah.

Schönheit sieht sie heute in Menschen, die ausstrahlen, dass sie mit sich selbst und der Welt im Reinen sind.

Jetzt spricht Tabea wieder von einem Wunder, wenn sie beschreibt, was sie damals erleben durfte: »Da gibt es jemanden, der hat sich schon entschieden für mich. Er hält die Narben nicht nur aus und liebt mich nicht trotz meiner Narben, sondern auch wegen ihnen – weil mein Unfall mich zu der gemacht hat, die ich bin.«

Ursprünglich wollte sie in einem Kleid heiraten, das die Narbe auf ihrer Schulter verdeckt. Schließlich entschied sie sich für ein schulterfreies Prinzessinnenkleid – die Freude über den Tag überwog, die Narben wurden zur Nebensache.

Begabungen nutzen

Was das Leben und Gott dann für sie bereithielt, hätte sie niemals erwartet: »Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal Musicaldarstellerin werden würde«, staunt die heute 26-Jährige. Der Abschlussbericht der behandelnden Ärzte hatte Spätfolgen nicht ausgeschlossen. Als Volontärin bei KISI – God’s singing kids, einer christlichen Musicalgruppe, wuchs ihr Wunsch, die Musik zu ihrem Beruf zu machen. Ihre Gesangs-, Tanz- und Schauspielausbildung absolvierte Tabea in Wien, Engagements führten sie bis nach München und Dublin. Aktuell ist sie als Wölfin Raksha im Kindermusical Dschungelbuch in Linz zu sehen.

Der Unfall ist jetzt 15 Jahre her. »Gott hat mir das Leben neu geschenkt und eine zweite Chance gegeben, damit muss ich gut umgehen«, ist Tabea überzeugt. Das erzeuge einerseits großen Druck, andererseits ermutige es sie auch, ihre Begabungen voll zu entfalten. Neben dem Musical ist es das Schreiben, das ihr am Herzen liegt. Als sie einer Studienkollegin das Manuskript zu ihrem ersten christlichen Kriminalroman schickt, fragt sie diese: »Glaubst du wirklich, dass Gott einen Plan für dein Leben hat, so wie die Person in dem Buch das sagt?« Da wird Tabea klar, dass ihr Werk tiefe Gespräche anstoßen könnte. Nun möchte sie es überarbeiten und einen Verlag dafür finden. »Band zwei und drei dieser Trilogie sind in meinem Kopf und ich bin gespannt, was sich daraus ergibt. Immer wieder lasse ich auch Lieder in meine Geschichte einfließen und plane, mit diesen Liedern ein Album aufzunehmen«, erzählt Tabea.

Schönheit trotz Narben

Ihre Narben findet sie immer noch nicht schön. Dem eigenen Körper zu vergeben, der sie nicht geschützt hat, ist nach wie vor ein großes Thema für Tabea. Doch erzählen die Narben eine Geschichte, ihre Geschichte. »Sie sind ein Zeichen dafür, dass mein Leben ganz anders hätte ausgehen können. Aber ich bin immer noch da.« Schönheit sieht sie heute in Menschen, die ausstrahlen, dass sie mit sich selbst und der Welt im Reinen sind. Menschen, deren Leben nicht perfekt ist, die aber gelernt haben, mit ihren Narben zu leben.


Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift Teensmag erschienen, die wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

 

 

 

 

5 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Kommentar: da fällt mir irgendwie diese unheimliche aussage Jesu im lukasevangelium ein ; “ lieber mit narben in himmel , als mit’m perfect body in hölle “ .

  2. „Gott hat mir das Leben neu geschenkt…“

    Religion erinnert mich an eine Liebe, die nie erfüllt wird, die nur auf Versprechungen beruht. Und die von den „Liebenden“, den Gläubigen, immer so interpretiert wird, als ob die Liebe, sprich die Gegenliebe – das wäre die Liebe des „Weltenherrschers“ -, dennoch existierte. Da mag ein Desaster nach dem anderen über sie herfallen, da mögen Erdbeben, Tsunamis, Ünfälle, Nazis,Kommunisten, Kreuzritter und andere Feuersbrünste sie heimsuchen, da mögen Heerscharen von Ihnen in Sekunden ausgelöscht werden. Egal, vollkommen egal, denn kommt nur einer von ihnen davon, dann hat „Gott geholfen“. Dass er den Heerscharen minus eins nicht beigestanden hat, wollen die blindwütig Abergläubischen nicht wahrhaben. Heldenhaft halten sie an ihrer Liebe fest.

    • Lieber Dieter
      mich hat diese Geschichte berührt. Ich bin bei Leibe kein Weichei und schon gar nicht leichtgläubig. Viele Jahre habe ich im Gefängnis gesessenen und dort Gott erlebt. Warum versteckst du dich hinter den „Kreuzrittern“. Dieser Gott, dem Du gram bist, möchte Dir begegnen. Dann werden alle Deine Argumente gegen ihn im Winde zerflattern.
      Mach ernst und rufe seinen Namen an. Dann wirst Du erfahren…
      Herzlichst, Klaus

      • Moin Klaus,
        warum wollen so wenige zum Humanismus konvertieren? Der kommt ganz ohne Zinnober aus, ohne Erbsünde, ohne blutrünstigen Gott, ohne heiligen Krieg, ohne Missionierungswahn, ohne Beichtspiegel, ohne Kniefall, ohne in die Luft gestreckte Hintern, ohne Pfaffen, Muftis und Rabbis, ohne Hetzreden aufs Leben, ohne Loblieder auf die Hölle, ohne das alles. Ein Humanist weiß nur: dass wir einanander ähneln und dass wir Auserwählte auf Erden nicht haben, auch kein katholisches Volk Gottes, auch keinen Allesbesserwisser Allah, aber: das jeder von uns Anspruch auf Würde und ein brauchbares Leben hat. Und dass wir nur die Pflicht haben, unser Dasein so frohgemut und sinnlich, mit allen Sinnen, hinter uns zu bringen: eben bedacht auf das eigene Glück und nicht unbedacht auf die Freuden der anderen. Humanisten haben eine reine Weste. Noch nie zogen sie in den Krieg, noch nie segneten sie Waffen, noch nie schlachteten sie Nicht – Humanisten.
        Herzlich, Dieter.

HINTERLASSE EINEN KOMMENTAR

Please enter your comment!
Bitte gib deinen Namen ein