Streit um Wachkomapatienten: Lambert lebt vorerst weiter

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Vincent Lambert liegt im Bett. Seine Mutter zeigt ihm das Bild eines Vogels.
Vincent Lambert (r.) mit seiner Mutter im Jahr 2013. Foto: picture alliance / dpa / Photopqr/L'union De Reims
Soll der Wachkomapatient Vincent Lambert sterben? Seit Jahren streitet die Familie in Frankreich erbittert um diese Frage. Die Ärzte hatten Anfang der Woche schon die künstliche Ernährung abgeschaltet. Doch in letzter Minute erreichten die Eltern einen Aufschub.

Jahre lang hält der Streit um Vincent Lambert (42) bereits an. Seit der ehemalige Krankenpfleger bei einem Motorradunfall 2008 verunglückte, liegt er im Wachkoma. Seine Augen bewegen sich, sie reagieren auf Lärm, wie der Spiegel berichtet. Auch empfindet er Schmerzen, kann weinen. Doch sonst bleibt seine Miene ausdruckslos. Er kann sich nicht mitteilen. Es ist der „Status minimalen Bewusstseins“.

Nachdem medizinische Versuche, das zu ändern, erfolglos bleiben, beginnt ein Rechtsstreit: Lamberts Frau und sechs seiner Geschwister wollen, dass die lebenserhaltenden Maßnahmen abgestellt werden. Auf der anderen Seite stehen die Eltern und zwei weitere Geschwister. Die Eltern, sie 73 Jahre alt, er 90, überzeugte Katholiken, wollen den Tod auf jeden Fall verhindern. Die Mutter sieht den Sohn als „behindert“, nicht als unheilbar hirnkrank. Eine Patientenverfügung gibt es nicht.

Europäischer Gerichtshof bleibt bei Entscheidung

Es ist ein Rechtsstreit, der durch viele Instanzen geht: über die französischen Verwaltungsgerichte bis an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Dieser entscheidet, dass es kein Verstoß gegen das Recht auf Leben der Europäischen Menschenrechtskonvention sei, die lebenserhaltenden Maßnahmen einzustellen. Einen Einspruch der Eltern lehnt der Gerichtshof im April 2019 ab, berichtet der Stern. Am Montag hatten die Ärzte die künstliche Ernährung eingestellt. Normalerweise wäre Lambert innerhalb weniger Tage verstorben. Eine erneute Beschwerde der Eltern beim Europäischen Gerichtshof hatte dieser abgewiesen. Es gebe keine neuen Beweise in dem Fall.

Doch nun gibt es abermals eine Wende: Das Pariser Berufungsgericht ordnete eine Wiederaufnahme an, wie mehrere Medien einstimmig berichten. Die Behörden sollten alle Maßnahmen ergreifen, um Lambert am Leben zu halten. In der Begründung verweist das Gericht auf die Forderungen des UN-Ausschusses zum Schutz der Rechte von Menschen mit Behinderungen. Dessen Gremium will eine Stellungnahme zum Fall erarbeiten und hatte Frankreich gebeten, die Entscheidung bis dahin zu vertagen. Das hatte das Land zunächst abgelehnt, weil die Forderungen des Ausschusses nicht rechtlich bindend seien, so die Welt. Mit der Entscheidung des Berufungsgerichts ist der Tod jedoch vorerst weiter aufgeschoben. Der Anwalt der Eltern, Jean Paillot, bezeichnete das Urteil als „außerordentlichen Sieg“. Ein Neffe Lamberts nannte es „puren Sadismus“.

Papst meldet sich zu Wort

Wie brisant der Fall ist, zeigt sich daran, dass sogar Frankreichs Präsident Emmanuel Macron sich dazu geäußert hat. Die Mutter des Erkrankten hatte ihn vor dem Urteil um Hilfe gebeten. Macron antwortete auf Facebook: „Es steht mir nicht zu, eine Entscheidung rückgängig zu machen, die Ärzte in Übereinstimmung mit dem Recht geschlossen haben.“ Sogar der Papst hat sich mittlerweile des Wachkomapatienten angenommen. „Wir beten für Menschen, die mit schweren Gebrechen leben. Bewahren wir das Leben, die Gabe Gottes, von Anfang bis zum natürlichen Ende. Geben wir der Wegwerfkultur keinen Raum“, schrieb er auf Twitter. Damit bezog er sich zwar nicht direkt auf Vincent Lambert. Viele Medien sehen es dennoch als Reaktion auf die Vorkommnisse.

7 DIREKT-KOMMENTARE

  1. „Wenn du glauben könntest“ v. Hans Mallau!
    „Krankheit und Krankenheilung im Lichte der Bibel – Die Bibel geht von dem Grundsatz aus, dass die Krankheit nicht ursprünglich in den Schöpferplan Gottes hineingehört. Gott schuf den gesunden Menschen nach seinem Bilde. Erst als der Mensch gegen Gottes klare Warnung sich für die Sünde entschieden hatte, kam in sein Leben neben manchem anderen Übel auch die Krankheit. Die Krankheit ist somit eine Störung der Schöpferordnung Gottes und ein Zeichen des Fluches für den gefallenen Menschen“
    Jesus Christus hat diesen Fluch für uns am Kreuz getragen, unsere Schuld bezahlt. Der Weg zu IHM ist frei, er will, dass alle Menschen gerettet werden.
    Die Kath. Kirche ist ein Irrweg von Anfang an, so können diese Gebete auch nicht helfen, auch der Papst nicht, der für diese Lehre einsteht und auch für den Irrweg verantwortlich ist.

    Dennoch glaube ich, dass Gott „Nichts“ unmöglich ist, Er kann dem Vincent Lambert zu einem neuen Leben verhelfen, wenn Er angerufen wird. So ist es nicht wichtig, die obersten Gerichte anzurufen, sondern den allmächtigen Gott, der von sich sagt, dass ER unser Arzt ist.

    Diese Gott lebt und hat seinen Liebesbeweis für die Menschen geliefert, indem er seinen Sohn für unsere Schuld/Sünde in den Tod gegeben hat und ihn dann von den Toten auferweckt hat.

    • Glauben Sie, dass Gott „Nichts“ unmöglich ist oder dass Gott nichts unmöglich ist?
      Und woher wissen Sie, welche Gebete hefen können und welche nicht?

    • Bitte keine theologischen Schnellschüsse

      Lieber Martin: Krankheit ist keine Störung der Schöpfungsordnung, sondern sie ist eher ein Zeichen neben anderen Zeichen, daß wir (noch) in einer unerlösten Schöpfung leben. Krankheit dann unmittelbar aus Sünde herzuleiten würde letztlich bedeuten, daß ich krank bin, weil Gott mich bestraft. Der Blinde müsste dann sagen, er könne nicht sehen, weil er oder seine Eltern gesündigt hätten. Im Umkehrschluss müssten die Gesunden von Gott her Wohlwollen erfahren. Wenn ich das Buch Hiob lese erfahre ich, daß die Hiob treffenden Unglücke und Krankheiten keine Strafe sind. Hiob hört letztlich nicht auf die guten Freunde, die ihm weismachen wollen, für seine Katastrophen sei er selbst verantwortlcih. Er vertrauet Gott vollständig trotz allem Unglück. Dann geschah das Wunder: Alles wurde alles wieder gut und noch besser wie vorher.

      Oft ist dieses Dennoch des Glaubens als einem festen Vertrauens zu Gott eine bessere Antwort. Ein wundervolles Sprachbild liefert die Aussage, Christus sei hinabgestiegen in das Reich des Todes. Wenn dies inhaltlich wahr ist, bedeutet es, daß Gott uns in unserem schlimmsten Leiden und auch im Tod in Jesus Christus solidarisch zur Seite steht. Bonhoeffer beschreibt das aus der Todeszelle ebenfalls und fühlt sich von guten Mächten wunderbar geborgen. In seinem Inneren nimmt der Neue Himmel und die Neue Erde – die Neuschöpfung aller Dinge ohne Krankheit, Not und Tod – bereits Gestalt an.

      Daß Gott Liebe ist tröstet auch in dem Umstand, in den uns die Moderne Medizin bringt, der zugleich Segen oder Fluch ist, manchmal das eine oder auch das andere. Warum ? Es ist unmöglich, jeden durch die moderne Apparatemedizin möglichen Zustand einer notwendigen korrekten ethichen Beurteilung zu unterziehen. Insbesondere dann nicht, falls ein Mensch im Wachkoma keine Angst oder Schmerzen spüren kann. Wenn dies so wäre, könnte das Abbrechen der Lebenserhaltung etwa durch Einstellung von künstlicher Ernährung lediglich dem Gesundheitssystem Geld einsparen. Mir ist ein Fall bekannt, in dem sich ein älterer Mensch notariell äußerte, er wünsche keine Reanimation. Auf der Intensivstation eingetroffen mussten die Ärzte aber die Reanimation durchführen, weil das Schriftstück nicht auffindbar war. Heute backt der Rentner wieder viele Kuchen und frönt damit seinem Hobby. Will sagen: Es gibt keine schwierigere Frage ob es ethisch erlaubt ist, einem Menschen nicht zu erlauben, weiterzuleben. Es ist nämlich jeder Fall anders.Ob sich der Wunsch, keine Lebensverlängerung zu wünschen sich so präzisieren lässt, daß er auf jede Lebenssituation passt, halte ich für fraglich. Andererseits ist die Situation grundsätzlich paradox. Denn wenn auch das Leben heute mit Hilfe moderner Medizin sehr lange verlängert werden kann, so muss doch jeder Mensch sowieso irgendwann sterben. Wenn ich an die Ewigkeit des Lebens in der Nähe Gottes glaube, dürfte mein Wille nach Lebensverlängerung sich in gesunden Grenzen bewegen. Zumindest in der Theorie.

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