Sarah Keshtkaran
Sarah Keshtkaran (Foto: JOYCE)
Diese Frage beschäftigte die Hamburger Bloggerin Sarah Keshtkaran. Auf der Suche nach Antworten hinterfragte sie nicht nur gängige Rollenbilder, sondern auch ihre eigene Gabe zu leiten und zu lehren – und schrieb am Ende ein Buch. Im Interview mit der christlichen Frauenzeitschrift JOYCE erzählt sie ihre Geschichte.
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Sarah, bist du gerne Frau?

Sarah Keshtkaran: Ja, richtig gerne! Ich mag an Frauen, dass sie so beziehungsorientiert, empathisch, sozial und auch stark sind. Außerdem liebe ich es, mit Frauen zusammen zu sein.

Die Rollenbilder, wie eine Frau zu sein hat, haben sich in den letzten hundert Jahren stark verändert. Wie willst du heute als Frau leben?

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Ich denke schon, dass mich die Rollenbilder meiner Eltern und Großeltern auch heute noch prägen und als Anspruch im Raum stehen. Mein emanzipiertes Frauenverständnis sagt mir: Ich will meine Talente einsetzen, erfolgreich sein und auch über meine Familie hinaus Einfluss nehmen. Dann gibt es aber auch eine Stimme in mir, die ganz deutlich sagt: Du musst eine gute Mutter sein, lass deine Kinder nicht zu viel alleine! Oder: Was, du kochst nicht jeden Tag ein warmes Mittagessen?! Diese Ansprüche sind unterbewusst ebenfalls da.

Das heißt, deine inneren Konflikte, wie du als Frau leben willst, werden am stärksten, wenn es um deine Rolle als Mutter geht?

Nein, es gibt sie auf allen Ebenen. Ich kenne zum Beispiel keine Frau aus meiner Verwandtschaft oder meinen Vorfahren, die in der Gemeinde geleitet hat. Oder die eine berufliche Karriere angestrebt hat. Früher wurde eine Frau bei uns Arzthelferin und nicht Ärztin, Sekretärin und nicht Geschäftsführerin. Und mit der Hochzeit war klar: Der Mann bestimmt jetzt in allen Fragen, wie es läuft.

Wie haben dein Mann und du eine gute Rollen- oder Aufgabenteilung als Ehepaar und Eltern gefunden?

Wir finden die immer wieder neu. Das ist auch immer wieder ein Konfliktthema. Dadurch, dass es zur Diskussion steht, muss es auch diskutiert werden. Bei uns kommt noch dazu, dass wir aus zwei unterschiedlichen Kulturen mit unterschiedlichen Rollenbildern stammen – mein Mann kommt aus dem Iran, ich bin Deutsche. Mit jeder beruflichen Veränderung, mit jedem Umzug, mit jedem Kind finden wir uns dann neu.

Woran orientiert ihr euch dabei?

Eine Leitfrage ist natürlich: Was wünscht sich jeder von uns? Wenn wir uns unterschiedliche Dinge wünschen, ist die nächste Frage: Wie weit geht unsere Kompromissbereitschaft? Ansonsten ist die Bibel unser Fixpunkt, auf den wir zurückkommen und uns fragen, zu welchem Leben wir bestimmt sind.

Seid ihr euch dabei meist einig?

In der Theorie sind wir uns sehr einig. In der Praxis ist es bei uns beiden so, dass wir das als „normal“ empfinden, was wir selbst in unserer eigenen Familie erlebt haben. Es ist ein bewusster Schritt für uns beide zu sagen: Ja, der Mann macht etwas im Haushalt, damit die Frau arbeiten gehen kann, weil wir das beide nicht so erlebt haben.

Weshalb ist euch das so wichtig?

Ich denke, wir beide wissen, dass ich eine Bestimmung und eine Berufung habe, die verloren gehen würde, wenn ich sie nicht leben würde.

Frau mit Kaffeetasse
Foto: JOYCE

Hast du das Gefühl, alles, was Gott dir an Gaben und Fähigkeiten gegeben hat, auch leben zu können?

Ja, und da bin ich auch wirklich privilegiert, in einem Land aufzuwachsen, in dem das möglich ist, einen Mann zu haben, der das möglich macht, und in einer Gemeinde zu sein, die das fördert.

Was sind deine konkreten Gaben?

Ich habe gemerkt, dass ich jemand bin, dem andere schnell nachfolgen, und dass sich viele junge Menschen an mir orientieren. Ich leite gerne, habe viele Ideen und stoße gerne neue Dinge an. Ich glaube auch, dass ich eine Gabe habe, zu predigen und zu schreiben. Ich glaube, dass ich eine Stimme habe, die glücklicherweise gehört wird.

Hast du es im christlichen Kontext schon erlebt, dass dir bestimmte Fähigkeiten abgesprochen wurden oder du bestimmte Gaben nicht einsetzen durftest, weil du eine Frau bist?

In letzter Zeit nicht mehr. Aber interessanterweise werde ich manchmal in Gemeinden oder Frauengruppen eingeladen, in denen ich zwar als Frau predigen darf, aber die meisten Frauen, die mir dort zuhören, dürften in ihrer eigenen Gemeinde nicht predigen. In der Gemeinde, in der ich aufgewachsen bin, war das auch nicht möglich. Da durften Frauen eigentlich gar nichts im Gottesdienst sagen und auch keine Verantwortung tragen. Inzwischen hat sich die Gemeinde aber auch weiterentwickelt in diesen Fragen.

In manchen Gemeinden werden Frauen auch heute noch von Predigtund Leitungsaufgaben ausgeschlossen. Grundlage dafür sind häufi g die Bibelstelle aus 1. Mose 3,16 „Du wirst dich nach deinem Mann sehnen, doch er wird über dich herrschen“ oder das Paulus-Zitat aus 1. Timotheus 2, 12: „Ich erlaube der Frau nicht, zu lehren oder den Mann zu herrschen; sie soll sich still zurückhalten.“ Wie gehst du damit um?

Ich habe das Glück, dass ich drei Jahre Theologie studieren durfte und dadurch Hintergrundwissen zum Kontext dieser Bibelstellen habe. Dadurch lese ich dort eine andere Botschaft heraus als die Menschen, die aus diesen Stellen ableiten, dass Frauen nicht leiten und lehren dürfen.

In 1. Mose wird ja eine Situation beschrieben, die außerhalb von Gottes perfektem Plan liegt. Es ist eine Beschreibung der Situation und nicht Gottes Wunsch für uns. Wir leben inzwischen in einer ganz anderen Ära. Jesus ist gestorben und auferstanden, hat Frauen gefördert, geliebt und leiten lassen. Diese Stelle aus 1. Mose ist keine Anweisung, sondern eine Beschreibung.

Bei Paulus muss man auch schauen, in welchem Zusammenhang diese Aussage getätigt wurde. Mit welchen Leuten hat er damals gesprochen und in welche Richtung wollte er sie prägen? Das Revolutionäre war nicht, dass Frauen damals nicht lehren sollten, das war ganz selbstverständlich zu dieser Zeit. Damals hatten Frauen gar nichts zu sagen. Revolutionär war, dass sie lernen sollten, um irgendwann zu lehren und etwas sagen zu können. Genauso hat Paulus an anderen Stellen Frauen als Prophetinnen und Gemeindeleiterinnen eingesetzt. Deshalb darf man diesen Satz nicht einfach einzeln aus dem Kontext herausnehmen.

Insgesamt fällt auf, dass es auch in Gemeinden, die offen dafür sind, nur sehr wenige Frauen gibt, die predigen und leiten. Was sind deiner Meinung nach die Gründe dafür?

Ich weiß nicht, ob es unsere Natur als Frauen ist oder die Prägung der letzten Jahrhunderte – aber wir spielen uns nicht so in den Vordergrund. Wir bieten unser Können nicht so an wie die Männer. Dazu kommt, dass momentan die meisten Leiter Männer sind. Und man nimmt ja eher die Leute aus dem eigenen Geschlecht wahr, wenn man sich fragt, wer Potenzial hat. Ich sehe da immer schneller Frauen als Männer, einfach, weil ich eine Frau bin. Und ich denke, das ist bei Männern genauso.

Dazu kommt, dass es auch eine Herausforderung für denjenigen ist, der diese Kette durchbricht. Einer muss ja anfangen und als Mann eine Frau fördern. Wenn ein Mann eine weibliche Nachfolgerin möchte, müssen sie erst mal zu zweit einen intensiven Weg zusammen gehen. Und dafür müssen sich die beiden charakterlich sehr gut im Griff haben. Auch die jeweiligen Ehepartner müssen damit klarkommen, dass der eigene Mann, die eigene Frau viel Zeit mit jemandem vom anderen Geschlecht verbringt. Ich erlebe das gerade selbst, da mein Mann momentan seine Nachfolgerin als Jugendpastorin einarbeitet.

Auch kommunikationsmäßig besteht zwischen Männern und Frauen noch mal eine besondere Herausforderung. Darauf müssen sich männliche Gemeindeleiter dann einlassen. Sie müssen das bewusst wollen und sagen: Ich möchte eine Frau im Leitungsteam haben.

Das heißt, es fehlt momentan an leitenden Männern, die diese Initiative ergreifen?

Ich glaube, es betrifft beide Seiten. Wir Frauen können auch mutiger sein und einfach mal sagen: „Ich würde gerne mal predigen.“ Oder: „Spricht etwas dagegen, dass ich in dein Leitungsteam komme? Ich habe gute Ideen.“ Der andere kann ja immer noch Nein sagen. Was spricht dagegen, das einfach mal zu fragen?

Aber optimal wäre es natürlich, wenn mehr Männer bewusst diesen Schritt auf die Frauen zugehen würden. Das stärkt ja auch ihre Gemeinden und hat am Ende Vorteile für alle.

Glühbirne
Foto: JOYCE

In deinem Buch schreibst du auch „Ein weiterer Unterschied von Männern und Frauen ist, dass Frauen gern gefragt werden, ob sie eine Aufgabe übernehmen möchten, und sich tendenziell eher unterschätzen, während Männer sich schneller überschätzen, aber dadurch auch mutigere Schritte wagen.“ Wie können Frauen an Selbstbewusstsein gewinnen?

Mir hat es schon geholfen, dass ich mir das überhaupt bewusst gemacht habe. Ich habe mich darin total wiedergefunden, obwohl ich eigentlich eine sehr selbstbewusste Frau bin. Ich würde niemals auf die Idee kommen – weder im Beruf, noch in der Gemeinde, noch irgendwo zu sagen: „Hallo, hier bin ich – kann ich das nicht machen?!“ Das überhaupt zu wissen und dann in bestimmten Momenten mal über diesen Schatten zu springen, das hilft mir schon. Ansonsten hilft es, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen und zu entdecken, was Gott wirklich über uns denkt. Ich denke, das ist der Schlüssel. Das ist natürlich schwierig in einer christlichen Szene, in der zu diesem Thema ganz widersprüchliche Botschaften gesendet werden, was Gott über Frauen denkt.

Manche Frauen denken vielleicht auch: „Ich bin einfach nicht der mutige Typ, der Verantwortung übernimmt.“

Ich kenne solche Frauen und finde es immer ein bisschen schade, weil ich denke: Es steckt mehr in ihnen. Aber letztlich trägt jeder die Verantwortung für sein eigenes Leben. Wer im Moment glücklich ist mit seiner Situation, soll ja auch weiterhin glücklich damit sein dürfen. Ich will niemandem seine Zufriedenheit absprechen. Aber ich kenne eben auch viele Frauen, die nicht zufrieden sind. Es geht auch um die nächste Generation: Wie erziehen wir unsere Töchter? Erziehen wir sie zu Frauen, die mehr wollen? Oder erziehen wir sie zu Frauen, die mit wenig zufrieden sind?

Hattest du weibliche Vorbilder, an denen du dich orientieren konntest?

Als Teenager habe ich sehr viele Biografien gelesen. Das waren schon Vorbilder für mich. Ich habe eine sehr soziale Ader, deshalb waren das Frauen wie Waris Dirie, die „Wüstenblume“ geschrieben hat, oder Mutter Teresa. „7 Frauen“ von Eric Metaxas hat mich auch inspiriert. Aber nicht nur Christinnen haben mich inspiriert – einfach Frauen, die was bewegt haben. Vielleicht habe ich sie in Büchern gesucht, weil ich sie im realen Leben nicht so oft gesehen habe.

Was macht für dich eine gute Leiterin aus?

Ich persönlich liebe Leiterinnen und Leiter, die authentisch sind, die mutig sind, die ihre Verantwortung wahrnehmen und Schritte gehen. Die nicht immer danach fragen, ob das jetzt überall gut ankommt, sondern das machen, was ihnen richtig erscheint.

Außerdem finde ich es wichtig, dass Frauen lernen, Männer großzumachen, und Männer lernen, Frauen großzumachen. Dass wir diesen Teufelskreis von gegenseitiger Konkurrenz durchbrechen. Wenn das schon in allen Unternehmen dieser Welt so ist, dann muss das nicht auch noch in unseren Gemeinden so sein. Man muss niemanden klein machen, um groß zu werden.

Bücher hatten auf dich einen großen Einfluss – jetzt hast du selbst ein Buch geschrieben, in dem es um die Rolle der Frau geht. Was hat dich motiviert, darüber ein Buch zu schreiben?

Angefangen habe ich, weil ich selbst so viele Fragen hatte. Ich wollte das für mich klarkriegen. In meinem Freundeskreis und den Gemeinden, die ich kenne, gab es unterschiedliche theologische Richtungen, auch welche, die Frauen nicht unbedingt gestärkt haben. Da habe ich mich irgendwann abends zu meinem Mann aufs Bett gesetzt und gesagt: Wenn das stimmt, dass die Frau dem Mann gehorchen soll und dass Frauen nicht lehren und leiten dürfen, dann muss sich hier ja ab morgen alles ändern. Dann steht ja unser ganzes Leben auf wackligen Beinen.

Wie hat dein Mann darauf reagiert?

Nun, erst mal entspannt, denn hauptsächlich würde sich dadurch ja mein Leben ändern. Aber er meinte schon: Okay, dann sollten wir uns das vielleicht noch mal angucken. Ich wollte mir einfach sicher sein. Es ist total blöd zu predigen und immer im Hinterkopf zu haben: Soll ich das überhaupt? Das war kein Dauerzustand. Auch die Frage nach meiner Rolle als Mutter, als Ehefrau, mein beruflicher Werdegang. Ich wollte einfach wissen, was richtig und falsch ist.

Wie bist du vorgegangen?

Ich habe mir alle Fragen aufgeschrieben, die ich hatte, und dann habe ich Antworten gesucht. Ich habe Frauen beobachtet, Bücher gelesen, Frauen gefragt, mir Bibelstellen noch mal intensiv angeguckt. Als ich das alles gemacht hatte, hat sich in mir eine Leidenschaft entwickelt, dass das, was ich erlebt habe, auch andere Frauen erleben können sollen. Weil für mich da so viel Freiheit drinsteckt.

Warum ist es dir so wichtig, dich für Gleichberechtigung und die Rechte von Frauen einzusetzen?

Ich wünsche mir einfach so sehr, dass Menschen um mich herum das machen, wozu sie bestimmt sind. Ich glaube, es war John Ortberg, der gesagt hat: Ein Gemeindeleiter halbiert seine Kraft, wenn er Frauen nicht so einsetzt, wie er könnte. Wahrscheinlich ist auch eine Motivation gewesen, dass ich jetzt Mutter einer Tochter bin. Weil ich mich auch frage: Was lebe ich ihr vor? In was für einer Welt soll sie aufwachsen? Was soll sie über sich glauben? Ich glaube einfach, dass wir als Frauen noch nicht da sind, wo wir sein könnten. Deshalb möchte ich gerne mehr in diese Richtung bewegen.

Was ist die Rolle der Männer in diesem Prozess, Frauen zu stärken?

Sie sollten einfach die Augen aufmachen und feststellen, dass es eine Welt gibt, die größer ist als nur die männliche. Es wäre schön, wenn Männer das auf ihre Agenda setzen würden und auch ihr Frauenbild einmal hinterfragen. Es bringt ja nichts, ihnen zu sagen: Jetzt fördere doch bitte mal Frauen. Sie brauchen die Überzeugung, dass Frauen förderungswert sind – dann werden sie es auch machen.

Du hast in der Bibel nachgelesen, wie Jesus mit Frauen umgegangen ist. Was würde er uns Frauen wohl heute sagen?

Als ich die Bibel durchforscht habe, war ich überrascht, wie frauenfreundlich Gott ist. Er wird ja manchmal fast als unser Gegner dargestellt, als unser Unterdrücker. Ich glaube er würde einfach sagen, dass wir mutig sein dürfen. Was kann uns denn passieren, außer dass wir einen Fehler machen? Es gibt wirklich schlimmere Sachen, als Fehler zu machen. Zum Beispiel immer hinter seinen Möglichkeiten zurückzubleiben. Wenn wir in uns hineinhören, merken wir doch: Dafür schlägt unser Herz. Und deshalb sollte nie die Begründung dafür sein, etwas nicht zu machen, dass du eine Frau bist. Ich glaube nicht, dass das Gottes Plan für uns ist.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Melanie Carstens, Redaktionsleiterin der Frauenzeitschrift JOYCE.


FrauenSarah Keshtkaran hat Theologie und Straßenpädagogik studiert. Bis vor kurzem hat sie in der „Stadtinsel“ gearbeitet, die sich für sozial schwache Familien in Hamburg einsetzt. Für den Herbst planen sie mit ihrer Familie die Ausreise nach Äthiopien. Sarah bloggt unter Honigdusche.com

Gerade ist ihr erstes Buch erschienen: Frauen, die keinen Punkt machen, wo Gott ein Komma setzt. Eine Einladung zu mutiger Weiblichkeit