David Brunner liebt und schätzt seine Arbeit als Pfarrer der badischen Landeskirche, ist aber über den Zustand seiner Kirche nicht immer „amused“. Dennoch ist er überzeugt: Die Landeskirchen können wachsen, wenn sie fünf Dinge ändern. Dabei packt er gleich mehrere „heiße Eisen“ an. Unbedingt lesenswert!

Den kompletten Beitrag könnt ihr hier lesen.

2 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Bei manchen Wenden wird man schwindlig

    Vorab ein uneingeschränktes zweifaches Lob an David Brunner: Erstens ist sein ziemlich langer Text für den theologischen Laien, der aber in seiner Kirche beheimatet ist, gut verständlich. Zweitens liest man den Artikel gerne zuende, obwohl doch im Medienzeitalter alles kurz und prägnant sein soll. Er ist in Stil und interessanten Denkansätzen lesemotivierend.

    Es werden fünf Wenden für die Landeskirche vorgeschlagen, die sehr interessant klingen. Beim näheren Nachdenken kommen mir starke Bedenken: Wie beim Straßenverkehr können beispielsweise zu schnell durchfahrene Wenden zu einem Unfall führen. Es gibt vieles, was man in unserer Ev. Kirche anders bzw. besser machen könnte. Das Problem dabei ist aber, daß die EKD von sehr konservativen Christen sowieso schon als Markt der Möglichkeiten angesehen wird. Wenn in den einzelnen Gemeinden unsere lieben Geschwister im Glauben ganz viele unterschiedliche Ideen in der Gestaltung der Gottesdienste haben, finden das die Einen vor Ort wunderbar und traumhaft. Andere fühlen sich nicht mehr geborgen, wenn überall andere Formen des Gottesdienstes gefeiert werden. Die Erfahrung zeigt, daß man in der Ev. Kirche, wo es sowieso eine Tradition wie bei den Katholiken formal nicht gibt, die Liturgie wunderbar mit Leben und Lebendigkeit füllen kann. Wie im Leben eines Menschen findet dort alles seinen Platz: Mein Bücherregal hat eine penible Ordnung, die Möbel müssen zueinander passen und von der Farbe der Tapeten darf man nicht blind werden. Das schließt aber absolut mit ein, daß dort wo wir „Behaust“ sind wie in der Kirche, Lebendigkeit, Kreativität und Einfallsreichtum herrschen sollten. Wenn ich über Aufgabe und Sinn der Liturgie schreiben müsste, wäre ich als Laie leicht überfordert. Ausserdem würde mein Kommentar zu lang. Ich halte ausdrücklich eine feststehende Liturgie des Gottesdienstes für sinnstiftend und beheimatend; allerdings brauchen wir Laien mehr Wissen hierüber. Schöne Gottesdienst in anderer Form sind ergänzend auf jeden Fall sehr wichtig.

    David Brunner hat hundertprozentig recht, dass Toleranz auch in theologischen Fragen für alle und alle Richtungen gilt. Dass es Brücken über alle theologische Gräben geben sollte, wäre auch mein Traum. Brunner müsste dann aber sagen, wie man biblische Texte auch anders auslegen kann und dabei eine historisch-kritische Engführung verhindert. Ich habe sehr gute und einprägsame Predigten etwa über Noah und die Sintflut oder von Jonas Reise im Walfisch gehört. Ein streng evangelikaler Mitchrist wäre vielleicht beim Mithören sehr gekränkt. Ich weiß nicht wirklich, ob noch irgendjemand landeskirchlich die Verbalinspiration vertritt. Hier im Netz glauben manche noch daran, dass die Welt in sechs Tagen geschaffen wurde und weil Gott Wunder tut Jona auch drei Tage im Walfisch unterkam. Das ist ja auch eine Frage von mehr Wissen über die Bibel (und der Textauslegung ?). Mein lieber Gemeindepfarrer in der alten Heimat stellte erst gar nicht die Frage, ob Petrus wirklich über das Wasser zu Jesus ging. Er predigte gleich davon, dass es (eigentlich) um Vertrauen geht.
    Liberale und evangelikale Theologen und erst recht das dazu gehörige Bodenpersonal ticken an manchen Stellen völlig anders. Die gutgemeinte Aufforderung bzw. Hoffnung auf Toleranz von allen bräuchte ein absolutes Wunder, um einzutreten.

    In der Frage der Taufe bin ich fest davon überzeugt, dass Gott jeden Menschen, der je über die Erde geht, unendlich liebt und dies in der (Baby-)Taufe symbolisiert wird. Ich meine auch zu erleben, dass sich die Gemeindeglieder vorallem über Erwachsenentaufen sehr freuen. Und natürlich wird ein Sakrament wie die Taufe keine Schutzimpfung gegen die Erbsünde. Aber mein Gefühl für Realität lässt mich vermuten, dass nicht jede Erwachsenentaufe als Entscheidungstaufe perfektionistisch zu verstehen ist. Es gibt immer Menschen auch mit anderen Erwägungen, etwa einer Berufsausübung in Kirche und Diakonie. Verschiedene Taufformen sind wirklich eine schöne Sache, etwa eine Tauffeier der ganzen Gemeinde oder eines Kirchenbezirkes an einem See, andersgestaltete Erwachsenentaufen usw. Es gibt auch andere Gelegenheiten, etwa Konfirmationen, als ganze Gemeinde auch nach dem eigentlichen Gottesdienst zu feiern. Aber dahin zu kommen ist aus mehreren Gründen schwierig. Beim Singen der Konfirmationsgemeinde spürt man den Traditionsabbruch sehr grass.

    Aber das Focusieren des Taufgeschehens in der Regel nur auf den jungen Erwachsenen würde die sowieso schon unter dem Traditionsabbruch leidenen Ev. Kirche so schaden wie eine möglicherweise lebensrettende Operation, die der Patient aber eher nicht überleben wird. Ich würde dringend davon abraten – und bitte es als nicht vermessen anzusehen – hier nicht den Hebel der Reformen anzusetzen. Die Volkskirche hat immer noch ganz viele Möglichkeiten, Menschen zu erreichen, wenn sie sie nutzen würde. Leider haben die Freikirchen vermutlich auch eine Kerngemeinde, auch wenn alle Mitglieder die Arbeit finanzieren. Ohne Kirchensteuer ist eine Breitenwirkung der Arbeit nicht mehr möglich. Die Frage ob und wie eine Kirche bzw. Gemeinde geistliche Frucht bringt, Gemeindeaufbau stattfindet, ist zutiefst eine Frage des Gebetes und eine Bitte an den Heiligen Geist.

    Ich habe es eigentlich nie erlebt, dass beispielsweise der Pastor in seiner Sonntagspredigt oder Gemeindearbeit Fragen beantwortet, die niemand stellt. Dort wo die Seelsorger/innen vor überwiegend leeren Bänken predigen könnte ich mir vorstellen, dass auch die Ansprachen müder werden. Vermutlich erwarten die meisten Gottesdienstbesucher, dass sie der Theologen oder die Theologin geistig nicht unterfordert. Unsere Kirche sollte die Kernkompetenz ihrer Theologen für so wichtig halten, dass man Sparprozesse nicht mit Einsparungen bei ihnen vornimmt. Noch schlimmer wäre nur noch die Bildung von Megagemeinden. Ob und welche Fragen die Gemeindemitglieder überhaupt haben, müsste man dringend ermitteln. Dies zu tun würde ich für eine gute Idee halten.

    Danke auf jeden Fall für einen anregenden Artikel !

  2. Super Beitrag von einem leidenschaftlichen Pfarrer. Ich hoffe, dieser Artikel wurde nicht nur von „seinen“ Schäfchen gelesen, sondern auch von den Kirchenobersten Bedford Strohm & Co.

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