Ein schweres Erdbeben erschütterte Ende Juni die Küstenregion Venezuelas. Für die 27-jährige Daniela Romero wurde die Katastrophe zum Wendepunkt ihres Lebens.
Von André Guardiola (World Vision)
Nur wenige Meter vom Meer entfernt ist die Kirche Fuente de Vida heute ein Ort der Hoffnung. Wo normalerweise vor allem Gottesdienste stattfanden, werden nun Lebensmittel, Trinkwasser und Hilfsgüter verteilt, oft mit einem Wort der Ermutigung.
Ausgelöst wurde diese Veränderung durch das schwere Erdbeben, das Ende Juni die Küstenregion Venezuelas erschütterte. Für Daniela Romero (27) hat sich seit jener Nacht alles verändert.
„Ich habe das Gefühl, neu geboren worden zu sein. Ich bin heute ein anderer Mensch“, sagt die junge Christin.
Als sich am Abend des 24. Juni die Erde plötzlich heftig bewegte, hielt sie sich gerade in der Gemeinde ihres Vaters auf, der Pastor der Kirche ist. Was zunächst wie ein gewöhnliches Beben wirkte, entwickelte sich innerhalb weniger Sekunden zu einer lebensbedrohlichen Situation. Beim Versuch zu fliehen stürzte Daniela und wurde unter einer Tür eingeklemmt. Erst ihr Vater konnte sie befreien.
Da ringsum Gebäude einstürzten und Menschen um ihr Leben kämpften, setzte die Gemeinde sofort alles daran, Betroffene zu retten. Danielas Vater und ihr Ehemann verbrachten die ersten Tage damit, zwischen den Trümmern nach Überlebenden zu suchen und Tote zu bergen. Daniela selbst blieb in der Kirche zurück. Dort suchten immer mehr Menschen Schutz, Trost und Unterstützung.
Aus Liebe handeln
Was zunächst mit wenigen Vorräten aus ihrem eigenen Haushalt begann, entwickelte sich innerhalb kurzer Zeit zu einer umfassenden Hilfsaktion. „Ich wusste nicht einmal, was ein Verteilzentrum ist“, erinnert sich Daniela. „Wir hatten nur Wasser, Haferflocken, Zucker, etwas Reis und ein paar Eier. Aber wir wollten helfen.“ Die Not zwang sie dazu, Aufgaben zu übernehmen, die sie sich nie zugetraut hätte. „Ich musste als Krankenschwester handeln, Menschen versorgen und manchmal sogar wie eine Psychologin zuhören. Wir haben Menschen mit offenen Wunden aufgenommen und versucht, für sie da zu sein.“
Inmitten von Schmerz, Verlust und Unsicherheit entdeckte Daniela eine neue Berufung. Die Katastrophe veränderte nicht nur ihren Alltag, sondern auch ihre Sicht auf das Leben. „Dinge, die mir früher wichtig erschienen, sind heute nebensächlich“, sagt sie. „Jetzt sehe ich den Wert der kleinen Dinge und die Bedeutung jedes einzelnen Menschen.“
Hilfe, die hinsieht
Unterstützung erhielt die Gemeinde auch von der internationalen christlichen Hilfsorganisation World Vision. Besonders beeindruckt zeigte sich Daniela davon, dass die Hilfsteams nicht nur offensichtliche Bedürfnisse wahrnahmen.
„Vielleicht sage ich, dass wir Lebensmittel brauchen. Aber sie kamen hierher und sahen Dinge, die wir selbst übersehen hatten, zum Beispiel unsere Wasserversorgung“, berichtet sie. „World Vision hat nicht nur an die Menschen gedacht, sondern auch an Herausforderungen, die uns selbst nicht bewusst waren.“
Die Organisation stellte unter anderem Trinkwasser, Lebensmittel, Matratzen, Decken, Kissen, Taschenlampen, mobile Ladegeräte, Duschmöglichkeiten und Anlagen zur Wasseraufbereitung bereit. Der Bedarf war enorm. „Die Hilfsgüter kamen an einem Samstag. Bereits am Sonntagmittag begannen wir mit der Verteilung, und selbst um zehn Uhr abends standen noch Menschen in der Schlange.“ Damit möglichst viele Familien Unterstützung erhalten konnten, teilte die Gemeinde die gelieferten Pakete auf und vergrößerte so ihre Reichweite.
Kirche als Hoffnungspunkt
Heute versteht sich die Gemeinde Fuente de Vida als Anlaufstelle für die vom Erdbeben betroffenen Menschen. Täglich werden Mahlzeiten ausgegeben. Zudem organisiert die Kirche medizinische Hilfe, verteilt Kleidung und Schuhe sowie Zelte, Moskitonetze, Decken und Hygieneartikel. Auch Werkzeuge und Haushaltsgegenstände helfen den Familien dabei, Schritt für Schritt in einen normalen Alltag zurückzufinden. Doch neben der materiellen Unterstützung spielt für Daniela noch etwas anderes eine zentrale Rolle. „Das Wichtigste ist, den Menschen zu zeigen, dass sie nicht allein sind.“
Trotz der emotionalen Belastungen und wiederkehrender Angst – auch angesichts von Nachbeben – macht sie weiter. Ihre Motivation beschreibt sie mit einfachen Worten: „Am Ende zählt nur eines: Das Leben der Menschen ist wichtiger als alles andere.“
Gemeinsam mit ihrer Gemeinde setzt sie sich Tag für Tag dafür ein, den Betroffenen zu helfen, Hoffnung zu schenken und Gottes Liebe praktisch erfahrbar zu machen. So ist aus einer jungen Frau, die selbst alles zu verlieren drohte, eine Hoffnungsträgerin geworden. Und aus einer Kirche ein Ort, an dem Glaube durch konkrete Nächstenliebe sichtbar wird.
Dieser Text wurde uns von World Vision zur Verfügung gestellt..
Hintergrund: Am 24. Juni 2026 erschütterten zwei schwere Erdbeben der Stärken 7,2 und 7,5 die Küstenregion Venezuelas. Nach Presseberichten kamen mindestens über 6.000 Menschen ums Leben. Die Zahl der Vermissten wird auf 10.000 bis 50.000 geschätzt.
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