Stell dir vor: Jesus sitzt neben dir auf dem Sofa, während Reality-TV läuft. Er fragt nach – und mit jeder Antwort wird deutlicher, worum es geht: um Verführung, verletztes Vertrauen und ein Geschäft mit Intimität.
Ich: Oh, hallo Jesus, was machst du hier?
Jesus: Ich schaue mit dir, was du schaust. Was läuft gerade?
Ich: Eine Realityshow.
Jesus: Was passiert da?
Ich: Paare lassen ihre Beziehung auf die Probe stellen.
Jesus: Wie stellen sie sie auf die Probe?
Ich: Die Paare werden räumlich getrennt. Jede Hälfte wohnt mit Singles in einer Villa.
Jesus: Und warum?
Ich: Es geht darum, ob sie ihrem Partner treu bleiben.
Jesus: Sie werden also getrennt und mit anderen Menschen zusammengebracht, um herauszufinden, ob sie treu bleiben?
Ich: Ja. Es gibt Dates, Flirts, Partys und viel Alkohol. Die Singles versuchen, die vergebenen Kandidaten für sich zu gewinnen.
Jesus: Wirklich? Und das ist der Test?
Ich: Ja. Die Paare sehen sich nicht. Aber ihnen werden Ausschnitte gezeigt, was der Partner in der anderen Villa macht. Das gibt immer Aufreger!
Jesus: Auch dann, wenn die Ausschnitte Eifersucht oder Misstrauen auslösen? Oder wenn der Partner fremdgeht?
Ich: Ja. Das gehört zum Konzept. Meistens werden die Ausschnitte gezeigt, die den Partner verletzen könnten. Die Reaktionen sind das Interessante.
Jesus: Interessant für wen?
Ich: Für uns Zuschauer. Man will wissen, ob jemand schwach wird. Ob jemand flirtet oder fremdgeht. Und wie der Partner darauf reagiert. Das macht den Reiz an der Show aus.
Jesus: Dann schaut ihr nicht nur zu, ob eine Beziehung hält. Ihr schaut auch zu, wie Menschen zweifeln, leiden und verletzt werden.
Ich: So habe ich das noch nicht formuliert.
Jesus: Aber du hast es eingeschaltet.
Ich: Ja.
Jesus: Und wie sieht das aus? Geht es nur um Gespräche und harmlose Dates?
Ich: Nein. Es gibt viel Flirten, körperliche Nähe und freizügige Szenen. Die Singles sollen ja auch verführen.
Jesus: Wirklich? Menschen zeigen ihre Körper und ihre intimsten Seiten vor laufender Kamera – und das wird als Unterhaltung vermarktet?
Ich: Ja. Das ist ein Teil des Formats. Die Kandidaten kriegen in der Regel viel Geld für die Teilnahme.
Jesus: Dann wird also nicht nur Treue „geprüft“. Auch Nacktheit, Begehren und mögliche Verletzungen werden als Unterhaltung verkauft.
Ich: Wenn du es so zusammenfasst, klingt es ziemlich falsch.
Jesus: Vielleicht klingt es nur dann falsch, wenn man ausspricht, was dort passiert.
Ich: Aber die Teilnehmer machen freiwillig mit.
Jesus: Freiwillig heißt nicht, dass alles gut ist, was daraus entsteht. Und es nimmt dem Format nicht die Verantwortung dafür, was es inszeniert und verkauft.
Ich: Was würdest du den Teilnehmern sagen?
Jesus: Erst einmal würde ich fragen: Was bedeutet euch Treue? Kannst du den anderen lieben und ihn zugleich zum Teil einer Show machen, in der seine Eifersucht und seine Angst auf dem Bildschirm landen? Wer eine Frau ansieht, sie zu begehren, der hat schon mit ihr die Ehe gebrochen in seinem Herzen.
Ich: Das betrifft dann nicht nur die Menschen vor der Kamera.
Jesus: Es betrifft auch den Blick derer, die zuschauen.
Ich: Dann ist das Konzept falsch, weil es Menschen und ihre Beziehungen zur Unterhaltung macht?
Jesus: Es stellt Körperlichkeit und Begehren heraus, setzt Partys und Alkohol als Teil der Verführung ein und wartet darauf, ob jemand eine Grenze überschreitet. Es macht Intimität und mögliches Leid zum Geschäftsmodell.
Ich: Also: Das Format kritisieren, ohne die Menschen darin abzuschreiben?
Jesus: Ja. Und dich selbst solltest du nicht aus der Kritik herausnehmen. Du wolltest wissen, ob sie den Treuetest bestehen. Aber während du auf sie schaust, musst auch du dich fragen: Was unterhält dich daran? Dass zwei Menschen um ihre Beziehung ringen – oder die Möglichkeit, dass einer den anderen enttäuscht?
Ich: Wenn ich ehrlich bin: Manchmal warte ich schon darauf, dass etwas passiert. Soll ich ausschalten?
Jesus: Das musst du selbst entscheiden. Aber tu nicht so, als wärst du nur ein unbeteiligter Zuschauer. Frag dich, ob du weiter zusehen willst, wenn aus Versuchung, verletztem Vertrauen und möglichem Scheitern Unterhaltung gemacht wird.
Die Kolumne „Was hätte Jesus gesagt“ ist ein Beitrag in unsere Zeit, mal humoristisch – mal tiefsinnig. Die Texte sollen zum Denken anregen: über Jesus, uns Christinnen und Christen, die Welt und wie alles in Verbindung steht. Die Texte werden im Wechsel von den Redakteuren Tim Bergen und Johannes Schwarz verfasst.
