Das von der Bundesregierung berufene Expertengremium zur Bekämpfung des Antisemitismus nimmt an diesem Mittwoch seine Arbeit auf.
Die Einrichtung sei ein wichtiges politisches Signal in die Gesellschaft, sagte der Leiter der Hochschule für Jüdische Studien, Johannes Heil, in einem epd-Gespräch in Heidelberg. Der Historiker ist Mitglied des zehnköpfigen Expertenkreises.
Das Gremium müsse Schritte für eine «integrierte Bekämpfung des Antisemitismus» entwickeln, forderte Heil. Wer judenfeindlich sei, habe in der Regel generell minderheitenfeindliche Einstellungen. Die Zusammenhänge von Antisemitismus, Fremden- und Islamfeindlichkeit sowie von Behinderten- und Homosexuellenfeindlichkeit müssten geklärt werden.
Antisemitismus sei in Deutschland als Ergebnis eines langen gesellschaftlichen Lernprozesses tabuisiert, erläuterte der Hochschulrektor. Es gebe allerdings Vorurteile, die gesellschaftlich akzeptiert seien und wie ein Ersatz für antisemitische Äußerungen eingesetzt würden. Dazu zählte Heil Vorurteile gegenüber Sinti und Roma, Türken oder Asylbewerbern. Hinter Beschimpfungen «der Börse» oder «der amerikanischen Ostküste» steckten oft antisemitische
Einstellungen und alte, judenfeindliche Bilder.
Der Historiker befürchtet, dass es Antisemitismus immer geben werde. «Damit werden wir so leicht nicht fertig werden, auch nicht durch das neue Gremium.» Obwohl die Gesellschaft in diesen Fragen sensibler geworden sei, müssten jüdische Einrichtungen weiter von der Polizei geschützt werden.
Das Kabinett hatte Anfang August die Mitglieder des unabhängigen Expertenkreises berufen. Die zehn Wissenschaftler und Praktiker sollen regelmäßig über den Antisemitismus in Deutschland Bericht erstatten. Bei der konstituierenden Sitzung im Bundesinnenministerium soll zunächst ein Arbeitsplan erstellt werden.
Der Bundestag hatte am 4. November 2008 zum 70. Jahrestag der nationalsozialistischen Pogromnacht am 9. November 1938 eine Resolution mit dem Titel «Den Kampf gegen Antisemitismus verstärken, jüdisches Leben in Deutschland weiter fördern» verabschiedet. Darin wurde unter anderem die Einrichtung eines Expertengremiums gefordert.
(Quelle: epd)
