Römer 11
Ich frage nun: Hat Gott sein Volk, die Juden, etwa verstoßen? Natürlich nicht! Vergesst nicht, dass ich selbst ein Jude bin, ein Nachkomme Abrahams vom Stamm Benjamin. Nein, Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er von Anfang an erwählt hat. … Sind sie so tief gefallen, dass sie hoffnungslos verloren sind? Nein, auf keinen Fall! Sondern ihr Ungehorsam führte dazu, dass auch die anderen Völker gerettet werden, um damit zugleich auch die Eifersucht der Juden zu wecken. Wenn nun die anderen Völker so reich beschenkt wurden, weil die Juden Gottes Angebot der Erlösung ablehnten, wie viel größeren Segen wird es dann für die Welt bedeuten, wenn die Juden es schließlich annehmen! Ich sage das alles zu euch, die ihr keine Juden seid, denn Gott hat mich zu eurem Apostel berufen. Und ich hebe es so stark hervor, um dadurch die Eifersucht der Juden zu wecken und auf diese Weise einige von ihnen zu retten. Denn wenn die Verwerfung der Juden bedeutete, dass Gott der übrigen Welt die Versöhnung anbot, wie herrlich wird es dann erst sein, wenn Gott sein Volk wieder annimmt. Dann werden Menschen, die tot waren, wieder lebendig! Und da Abraham und die anderen Stammväter heilig waren, werden auch ihre Nachkommen heilig sein. Denn wenn die Wurzel des Ölbaums heilig ist, dann werden es auch die Zweige sein.
Doch einige dieser Zweige – damit sind die Juden gemeint – wurden herausgebrochen, und du, der Zweig eines wilden Ölbaums, wurdest eingepfropft. Nun erhältst du ebenfalls Kraft aus der Wurzel des Ölbaums und nährst dich von seinem Saft. Doch sei nicht stolz darauf, dass du an Stelle der herausgebrochenen Zweige eingepfropft wurdest! Vergiss nicht, dass du nur ein Zweig bist und nicht die Wurzel, denn nicht du trägst die Wurzel, sondern die Wurzel trägt dich. Vielleicht wendet ihr jetzt ein: „Diese Zweige wurden doch herausgebrochen, um Platz für mich zu schaffen.“ „Richtig. Aber denk daran, dass diese Zweige – die Juden – herausgebrochen wurden, weil sie Gott nicht glaubten, und du an ihrer Stelle eingepfropft bist, weil du glaubst. Sei also nicht stolz, sondern fürchte dich davor, dass es dir ebenso ergehen könnte!“ Denn wenn Gott die ursprünglichen Zweige nicht verschonte, wird er auch euch nicht verschonen. … Ihr sollt dieses Geheimnis verstehen, liebe Freunde, damit ihr euch nichts auf eure Klugheit einbildet. Das Herz mancher Juden ist verschlossen, doch das wird nur so lange anhalten, bis die von Gott bestimmte Anzahl von Menschen aus den anderen Völkern zu Christus gefunden hat. Dann wird ganz Israel gerettet werden, wie es schon bei den Propheten geschrieben steht: „Ein Retter wird aus Jerusalem kommen, und er wird Israel von aller Gottlosigkeit befreien. Dann werde ich einen Bund mit ihnen schließen, wenn ich ihre Sünden wegnehmen werde.“ Viele Juden sind jetzt zwar Feinde der guten Botschaft, doch das geschah für euch. Aber aufgrund der Zusagen an Abraham, Isaak und Jakob sind sie nach wie vor Gottes erwähltes Volk. Denn die Gaben, die Gott gibt und die Berufung, die er ausspricht, bereut er nicht und sie gelten für immer.
Dass sich das Heil auf alle Nationen erstreckt, hat bei den Christen aus den Nationen immer wieder zu unangebrachter Blasiertheit geführt. Man meinte – und das nicht nur zu biblischen Zeiten – sich über Israel erheben zu können. Die Gemeinde hätte Israel ersetzt, sie sei nun das geistliche Israel – das ist eine recht populäre und verbreitete Ansicht. Paulus macht in drei langen Kapiteln sehr klar deutlich, dass zu einer solch arroganten Haltung keine Veranlassung besteht.
Nein, Israel ist das erwählte Gottesvolk, das, zu Paulus’ großem Schmerz, allerdings Jesus als Messias nicht erkannt hat. Keineswegs hat Gott deswegen aber Israel ad acta gelegt. Zwar ist offensichtlich das Gros der Israeliten für die Botschaft vom Heil durch den Glauben an Jesus nicht zugänglich. Doch Paulus hofft darauf, dass die Juden aus Eifersucht auf den Segen der Christen aus den Nationen doch noch zu Jesus finden. Paulus hat jedenfalls eine positive Zukunftsperspektive für die Juden.
Letztlich macht Paulus am Bild vom Ölbaum deutlich, dass auch die Heidenchristen nur auf den Schultern Israels stehen und dass diese Tradition auch ihren Glauben bestimmt. Die ungehorsamen Juden sind zwar herausgebrochen, aber Vorsicht: Das könnte auch den Nationen so geschehen.
Immer wieder wird uns ja die Frage gestellt, wie wir als Christen zu Israel stehen. Paulus liefert ein ebenso liebevolles und leidenschaftliches wie sachlich klares Modell, wie wir unsere Position definieren können.
