Zerstrittenes Paar
(Bild: Gettyimages.com)

Bevor eine Ehe vorm Scheidungsrichter beendet wird, gab es meist schon Jahre zuvor Anzeichen dafür, dass es um die Ehe nicht gut bestellt ist. Doch wie kann heil werden, was zerstört scheint und wie wird man überhaupt aufmerksam auf eine Schieflage der eigenen Beziehung? Der Heidelberger Psychotherapeut Jörg Berger klärt auf.

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Fünfzehn Minuten im Labor der Eheforscher genügen. Ein Ehepaar führt ein Konfliktgespräch, das auf Video aufgezeichnet wird. Ein Team von Psychologen wertet das Gespräch aus und versucht vorherzusagen, ob sich ein Ehepaar trennen oder  zusammenbleiben wird. In neun von zehn Fällen trifft die Vorhersage zu, auch wenn es noch Jahre bis zur Trennung dauert.
Wie das geht? Die Therapeuten achten auf bestimmte Kommunikationsmuster. Erforscht wurden sie von dem amerikanischen Psychologen John Gottman. Er nannte sie „apokalyptische Reiter“ – angelehnt an die Unheilsbringer aus der Offenbarung des Johannes. Sie sind der Schlüssel zur Zukunft einer Ehe.

Vier Untergangsboten

„Alle glücklichen Familien gleichen einander. Jede unglückliche Familie ist auf ihre eigene Art unglücklich“, schrieb Leo Tolstoi. Jede unglückliche Liebe hat ihre eigene Geschichte, die oft von mehreren Generationen geschrieben wurde. Und doch nehmen unglückliche Ehen einen Verlauf, in dem sie sich immer ähnlicher werden. In einer Ehe, die zu Ende geht, galoppieren vier apokalyptische Reiter durch die Beziehung. Das Paar hat sich an die Untergangsboten gewöhnt und kann ihr Erscheinen nicht einmal dann verhindern, wenn andere anwesend sind. „Kritik“ heißt der erste apokalyptische Reiter. Nicht mehr das Verhalten des Partners wird kritisiert, sondern seine ganze Person, seine Art und sein Charakter.

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Der Reiter „Kritik“ kann laut oder leise daher kommen, grob oder gebildet, aber immer führt er Waffen in der Hand wie diese: „Warum denkst du immer nur an dich selbst?“, „Deine Freunde sind dir wichtiger als ich.“, „Du bist unerträglich chaotisch.“

Der zweite apokalyptische Reiter heißt „Rechtfertigung“. Dieser Reiter tritt vor allem Bedürfnisäußerungen des Partners nieder. Sei es ein Wunsch, eine Bitte, eine berechtigte Kritik – schon setzt sich die Rechtfertigung in Bewegung: „Ich arbeite hart, dafür habe ich keinen Kopf“, „So empfinde ich nun einmal. Soll ich meine Gefühle abstellen?“

„Verachtung“ heißt der dritte apokalyptische Reiter. Dieser Reiter zieht oft als letztes Aufgebot in den Kampf, wenn sich ein Streit festgefahren hat oder ein Problem lange ungelöst bleibt. Der Reiter „Verachtung“ versprüht eine Säure, die das Selbstwertgefühl des Partners zersetzt und die Liebe rasch auflöst: „Du glaubst wirklich, dass du ausgerechnet dieses Mal pünktlich bist?“, „Du bist doch genauso engstirnig wie dein Vater“, „Es wundert mich nicht, dass deine Kollegen nicht mit dir auskommen.“ Verachtung drückt in kleinen Bemerkungen aus, wie unterlegen, unzureichend und peinlich ein Partner ist.

Wenn sich der vierte apokalyptische Reiter in Bewegung setzt, wird es still in der Beziehung: „Rückzug“. Ein Ehepartner macht emotional dicht. Er schweigt und lässt Situationen gar nicht mehr zu, in denen ein Gespräch oder ein Gefühlskontakt entstehen könnte. Der Reiter „Rückzug“ zerstört, was als letztes stirbt: die Hoffnung.

Mit Gott gegen das Unglück

Persönliche Kritik, Verachtung, ein Übermaß an Selbstrechtfertigung und Rückzug sind es, die eine Ehe zerstören. Wenn man unter dieser Perspektive in die Bibel blickt, stellt man fest: Sie fordert uns hundertfach auf, solchem Verhalten keinen Raum zu geben. Kritik der Person steht uns nicht zu: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“. Dieses Gebot findet sich wiederholt, in unterschiedlichen Betonungen. Immer meint es: Über die Motive und den Charakter von Menschen urteilt nur Gott, der in die Herzen sieht. Verachtung kommt nicht auf, wenn sich ein Mensch auf einen Weg der Demut einladen lässt: „Einer achte den anderen höher als sich selbst“. Würdevoll klein sein an der Hand eines großen Gottes, das führt zu einem guten Blickwinkel.
Oberflächliche Rechtfertigung ist keine Lösung. Jeder Mensch hat die verführbare Natur Adams geerbt, die ihn täglich Fehler machen lässt. Vergebung erfahren und selbst vergeben, das ist das Ein- und Ausatmen der Liebe. Der Neigung zum emotionalen Rückzug tritt das Liebesgebot entgegen, das selbst zur Feindesliebe aufruft: „Bleibe dem anderen zugewandt, nimm dich seiner Bedürfnisse an, auch wenn er dich verletzt oder deine Sicherheit bedroht.“ Es sind göttliche Gebote, die die Liebe schützen. Sie zu befolgen kann übermenschlich schwer werden. Die Kraft, das Böse zu überwinden, kommt nicht aus dem Willen und schon gar nicht aus dem Mund Neunmalkluger, die auf alles eine fromme Antwort haben. Gottes Kraft erschließt sich im Vertrauen auf ihn und in der Bereitschaft, eingeschliffene Verhaltensmuster zu ändern.

Spurwechsel

John Gottman hat nicht nur Untergangsboten beobachtet, er hat auch Verhaltensweisen untersucht, die glückliche Beziehungen tragen. Den vier apokalyptische Reiter lassen sich vier positive Faktoren gegenüberstellen. Mit ihrer Hilfe kann ein Spurwechsel gelingen.

Von persönlicher Kritik zur emotionalen Annahme. In jeder persönlichen Kritik steckt Ablehnung, nicht nur der verstreuten Socken, sondern des Mannes, der sich so gehen lässt. Persönlich wird es auch, wenn mich nicht die langen Telefongespräche meiner Frau stören, sondern ihre Eigenschaft, Beziehungen wichtiger zu nehmen als Zeitpläne. Zur emotionalen Annahme kommt es, wenn sie zwar über die Socken verhandelt, aber sein Bedürfnis nach Entspannung ab und zu unterstützt: „Lass ruhig liegen und entspanne dich erst einmal.“ Emotionale Annahme vermittelt er, wenn er sich nicht nur für einen Zeitplan stark macht, sondern gelegentlich ihr Bedürfnis unterstützt, spontan offen für andere Menschen zu sein. Die Bedürfnisse des Partners zu verstehen, kann schwierig sein. Vielleicht muss mir eine gute Freundin erklären, wie meine Frau als Frau empfindet. Vielleicht muss mir ein introvertierter Freund erklären, warum meine Frau nicht gerne auf Partys geht und was sie braucht, um sich dort trotzdem wohl zu fühlen.

Von der Verachtung zu Neugier. Verachtung ist Fremdenhass in der eigenen Ehe. Was mir fremd ist, das nenne ich minderwertig, im schlimmsten Falle spreche ich der Lebensweise meines Partners ihr Existenzrecht ab. Wenn das zwei Völker tun, gibt es Krieg. Völkerverständigung beginnt, wo eine Neugier entsteht gegenüber der Lebensart des anderen, gegenüber seiner Geschichte und seinen Zielen. Besonders in langjährigen Ehen herrscht oft eine große Unwissenheit übereinander. Ein Konflikt ist dann ein guter Anlass, mehr über den anderen zu erfahren. „Welche Geschichte steht eigentlich dahinter, dass mein Mann so unerbittlich hart werden kann? Was will er erkämpfen? Wovon träumt er?“, „Warum macht meine Frau selbst dann großzügige Geschenke, wenn es bei uns finanziell eng ist? Welche Geschichte führt sie dazu? Welcher Lebensphilosophie folgt sie in solchen Momenten?“ Natürlich glauben wir, die Antwort auf solche Fragen schon zu kennen. Aber wenn ich wirklich einmal nach der Geschichte meines Partners frage, nach seinen Ängsten, Zielen und Sehnsüchten, sind Überraschungen garantiert und eine neue, herausfordernde Freude am anderen.

Von der Rechtfertigung zur Bereitschaft, sich beeinflussen zu lassen. Rechtfertigung macht hart und unbeweglich. Glückliche Paare dagegen beraten einander, geben sich gegenseitig Führung, prägen sich gegenseitig. Aber was, wenn mein Partner dumm, lebensuntüchtig, egoistisch oder tyrannisch ist? Soll ich mich auch dann seinen Wünschen unterwerfen und mich auf einen Weg bringen lassen, der mir nicht guttut? Was ich in dunklen Momenten für das wahre Gesicht meines Partners halte, ist eine Verhärtung unserer Beziehung. Es befreit, wenn ich dem anderen Gutes unterstelle. Wo ich mich beeinflussen lasse, zeige ich Respekt und Kompromissbereitschaft: „Diese Entscheidung macht mir Angst und ist mir unbehaglich. Aber ich will mich trotzdem darauf einlassen. Auf jeden Fall wird es eine neue, gemeinsame Erfahrung.“ Natürlich gibt es einige Werte und Ziele, die unaufgebbar sind. Aber nur ein kleiner Teil der Alltagsentscheidungen wird solche Prioritäten betreffen. In vielem kann ich mich von meinem Partner beeinflussen lassen, ohne mich dabei selbst aufzugeben.

Vom Rückzug zur Zuneigung. Die Ehe ist exklusiv. Intimität und tägliche Nähe gibt es nur beim Ehepartner. Wenn der sich entzieht, versiegt die wichtigste emotionale Quelle. Zuneigung dagegen ist die Haltung, die den Gefühlstank des Partners füllt. Im Verliebtsein lässt Zuneigung den Gefühlstank überfließen, in einer stabilen Ehe sinkt er selten in den Reservebereich ab. In der Krise reichen die Gefühle nicht für große Gesten. Aber auf sie kommt es auch nicht an. Es sind die kleinen Aufmerksamkeiten des Alltags, die den Gefühlstank füllen: ein freundliches Wort, zusammen tun, was einem Freude macht, eine Weile aufmerksam zuhören, den anderen für eine schöne Unternehmung freisetzen, Schulter an Schulter sitzen. Das Über wiegen positiver Gefühle ist das Geheimnis stabiler Beziehungen. Auch bei glücklichen Paaren gibt es Spannungen und Streit. Die negativen Gefühle sind aber nicht bestimmend, weil es mehr Positives gibt. Dann finden Paare einen Notausgang aus dem Streit: eine Albernheit, eine Entschuldigung, eine zärtliche Ablenkung, die sagt: „Komm, wir sind uns doch wichtiger als die Sache, über die wir da streiten.“
Stoppen, was die Substanz der Beziehung schädigt, täglich die Substanz der Beziehung aufbauen, auf diese Weise gelingt die Wende zu einer glücklichen Ehe. Aber es braucht Zeit, bis ein spürbarer Wendepunkt erreicht ist, schließlich hat der Zerfall auch lange gedauert. Die Versuchung ist daher groß, aufzugeben und eine neue, unverbrauchte Beziehung zu beginnen. Tolstoi, der große Chronist unglücklicher Liebe, schrieb: „Alles nimmt ein
gutes Ende für den, der warten kann.“


Dieser Artikel von Jörg Berger erschien zuerst in der Zeitschrift Family. Family erscheint sechs Mal im Jahr und ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört. 

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