Ein Glas Wasser, eine Bibel – und 100 Minuten volle Aufmerksamkeit. Warum das Markusevangelium am Stück gelesen neu bewegt.
Von Ursula Hauer
Seit zehn Jahren leite ich einen kleinen Bibelgesprächskreis. Immer wieder suchen wir neue Wege, um Texte lebendig werden zu lassen. Eine Freundin brachte mich auf eine Idee: „Habt ihr das Markusevangelium schon mal am Stück gelesen?“ – Nein! 90 Minuten dauert das Vorlesen, perfekt für einen Abend. Die Gruppe war begeistert – das Projekt konnte starten.
Ich nahm mir eine kleine Bibel mit auf eine Reise und las schon mal „zur Probe“ das Evangelium am Stück. Es ging flotter als ich dachte, und ich erlebte schon bei der eigenen Lektüre Überraschungen. Da gab es doch einige Textstellen, die ich so noch nie gelesen hatte. Und einige Wiederholungen im Text kamen erst jetzt so richtig zum Vorschein.
Liste mit „Höraufträgen“
Dann kam der Abend: Meine Freundin hatte mir empfohlen, nicht reihum vorzulesen, sondern den ganzen Text von einer Person vortragen zu lassen. Damit meine Zuhörerinnen mitlesen konnten, einigten wir uns auf eine Übersetzung für den Abend, wir nahmen die Luther 1984 Version, einfach, weil wir von der am meisten Exemplare hatten.
Ich gab meinen Teilnehmerinnen und Teilnehmern noch eine Liste von möglichen „Höraufträgen“. Unter welchem Gesichtspunkt oder mit welcher Frage könnte ich mir das Evangelium anhören?
Mit einem Glas Wasser ausgerüstet, las ich nun das Evangelium vor, ohne Überschriften und ohne Pausen zwischen den Kapiteln. Zwar mit einigen kleinen Pausen an passenden Stellen (um einen Schluck Wasser zu trinken), aber im Prinzip einfach am Stück. Ich versuchte den Text ein wenig wie ein Theaterstück oder einen Brief zu lesen. Schließlich ist das Evangelium zum Vorlesen geschrieben worden.
Ich brauchte bei der Live-Vorführung dann doch gute 100 Minuten. Nach dem Schließen der Bibel war Stille im Raum und eine eigentümliche Betroffenheit spürbar. Wir ließen den Eindruck etwas sacken und machten nur eine kleine Austauschrunde.
Neue Eindrücke
Beim nächsten Bibel-Abend tauschten wir uns dann nochmals darüber aus: Niemand hatte wirklich einen „Hörauftrag“ gebraucht. Das einfache Zuhören war Aufgabe genug und auch beeindruckend genug. Einige lasen ab und zu mit, andere nicht.
Alle hatten etwas Neues oder etwas anders gehört als bisher. Wir hatten Wiederholungen wahrgenommen, beispielsweise das Wort „alsbald“ oder die Aufforderung „sagt es nicht weiter“. Die Aneinanderreihung der Wundererzählungen hatte bei vielen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Einige waren überrascht, dass die erste Todesankündigung schon so früh im Gesamttext erscheint. Viele hatten die Berufungsgeschichten erstmals im Zusammenhang gehört und spannende Korrespondenzen entdeckt. Wir stellten fest, dass das Wirken von Jesus beim Volk, bei den Schriftgelehrten oder Jüngern – je nach Zielgruppe – wohl sehr unterschiedlich aufgenommen wurde.
Beim Vorlesen habe ich den Text als eine Gesamtgeschichte mit viel „Tempo“ empfunden. Es gab keine langsameren Stellen, keine „Erholungspausen“. Mir erschien das ganze öffentliche Wirken von Jesus als eine sehr intensive, ja stressige Zeit. Diesen Eindruck teilten auch einige Zuhörer. Sollte ich den Text nochmals vorlesen, werde ich ihn ohne Überschriften und Kapitelzahlen ausdrucken. Ich denke, dass ich ihn dann noch „vorurteilsfreier“ lesen kann.
Wir waren uns alle einig, dass dieses „live“ Vorlesen einen ganz besonderen Eindruck hinterlässt (auch bei der Person, die vorliest). Es ist anders als sich beispielsweise ein Hörbuch anzuhören. Eine Teilnehmerin benannte es als „kostbar“. Eine bemerkte, dass ihr noch nie jemand eineinhalb Stunden vorgelesen hatte.
Ursula Hauer ist freie Autorin und Lebensberaterin. Dieser Text stammt aus dem Hauskreismagazin, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.
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