Das Vaterunser gehört zu den vertrautesten Texten des Christentums. Millionen Christen beten es – aber wer fragt: Führt Gott selbst uns wirklich in Versuchung?
Von Dr. Ulrich Wendel
In vielen Kirchen geht das jeden Sonntag so: Das Gebet des Herrn wird gesprochen, das Vaterunser. Weil der Wortlaut den meisten Kirchgängern vertraut ist, bleiben die Gedanken selten bei einer bestimmten Formulierung hängen. Wenn sich aber mal eine Irritation einhaken sollte, dann passiert das vermutlich am ehesten bei dieser Bitte: „Und führe uns nicht in Versuchung“ (Matthäus 6,13a). Warum meint Jesus, wir sollen so beten? Würde Gott uns denn überhaupt in Versuchung führen?
Im Jahr 2017 hat Papst Franziskus diese Annahme kritisiert (>>> Meldung Katholisch.de). Die Fassung der Vaterunser-Bitte, wie sie u.a. im Deutschen üblich ist, sei schlecht übersetzt. Gott führe niemanden in Versuchung, so sei Gott nicht. Die Versuchung komme von anderer Stelle, nämlich vom Satan. Franziskus stimmte der französischen liturgischen Textfassung zu, die übersetzt lautet: „Lass uns nicht in Versuchung geraten.“
Franziskus’ Vorschlag hat viel Widerspruch ausgelöst. Die Theologin Margot Käßmann schrieb: „Wir können diesem Gebet vertrauen, wie unsere Väter und Mütter im Glauben seit vielen Generationen.“ Und es stimmt schon: Rein philologisch ist gegen die traditionelle Übersetzung nichts einzuwenden. Wenn man wörtlich übersetzen will, muss man die Worte wählen: „führe uns nicht in Versuchung“. Überhaupt ist es oft kein gutes Verfahren, aus übergreifenden theologischen Erwägungen heraus eine philologisch eigentlich exakte Übersetzung zu ändern. Man kann sich ja durchaus am Text der Bibel reiben, aber er muss schon widerständig bleiben dürfen. Wird alles glattpoliert, geht die Reibung verloren.
Wenn wir aber sonntags um 10:55 Uhr in der Kirchenbank stehen und das Vaterunser beten, dann sind wir keine Bibelübersetzer, sondern Beterinnen und Beter. Und wenn wir einigermaßen wach beim Beten sind, dann lässt sich die Frage nicht so ganz abschütteln: Ist es Gott, der uns (manchmal) in Versuchung führt? Würde er es tun, wenn wir nicht ernsthaft dagegen beten?
Ich bin auf eine Spur gestoßen, die für mich ein wenig Licht ins Vaterunser gebracht hat. Diese Spur findet sich in einem anderen Gebet der Bibel, im Alten Testament, im Gebet von Agur.
Agurs Gebet steht im Buch der Sprichwörter 30,7-9. Über Agur selbst ist fast nichts bekannt. Von ihm ist eine Reihe von Weisheitssprüchen überliefert, und mittendrin findet sich sein Gebet – das einzige Gebet im Buch der Sprichwörter. Es lautet folgendermaßen:
„Um zweierlei bitte ich dich – versage es mir nicht, ehe ich sterbe –: Falschheit und Lügenwort halte fern von mir! Armut und Reichtum gib mir nicht! Lasse mich aber den mir zukommenden Teil des Brotes verzehren, damit ich nicht aus Übersättigung dich verleugne und sage: ‚Wer ist der Herr?‘, aber auch nicht infolge der Armut zum Diebe werde und mich am Namen meines Gottes vergreife.“
(Übersetzung angelehnt an Hermann Menge)
Jesus und Agur
Kann dieses Gebet helfen, um das Vaterunser zu verstehen? Hatte Jesus es vielleicht sogar im Hinterkopf, als er das Vaterunser formulierte?
Es gibt tatsächlich ein paar Verbindungslinien zwischen Jesus und Agur. Die erste steckt direkt in ihren Gebeten drin. Im Vaterunser haben wir die Bitte um das tägliche Brot. Den Bibelauslegern ist immer schon aufgefallen, dass das Wort im Grundtext für „tägliches“ ein seltenes und schwer zu deutendes Wort ist. Manche übersetzen: unser „nötiges“ Brot oder unser „auskömmliches“ Brot. Das kommt dem Grundtext etwas näher. Und es berührt sich eng mit Agurs Formulierung vom „mir zukommenden Teil des Brotes“. Blättern wir bei den Sprichwörtern ein Kapitel weiter, so stoßen wir auf die gut organisierte Haushalts-Chefin. Von ihr heißt es: „Und sie steht auf, wenn es noch Nacht ist, und gibt Speise ihrem Haus und das Angemessene ihren Mägden“ (31,15). Im Hebräischen steht da das gleiche Wort wie bei Agur. Das „Angemessene“ ist das, was jedem zukommt – die passend abgemessene Ration. Genau dies scheint Jesus mit der Bitte um das „tägliche Brot“ zu meinen. Schon beim Brot also bringt Agurs Gebet Licht ins Vaterunser.
Wenn wir aus den drei Versen seines Gebets mal rauszoomen und das weitere Umfeld in den Blick nehmen, dann tun sich noch weitere Spuren auf. Sie sind nicht so deutlich, sie verlaufen eher unter der Oberfläche, aber sie geben mir doch zu denken.
Am Anfang seiner Rede räumt Agur zunächst ein, dass er von Weisheit keine Ahnung hat (Sprüche 30,1-3). Danach gibt er gute Gründe an, warum das so ist – warum er von Gottes Gedanken nichts begreift: Die Taten Gottes sind einfach zu groß. Wir spielen nicht ansatzweise in der Liga des Schöpfers. „Wer ist in den Himmel emporgestiegen und wieder herabgekommen? Wer hat den Wind in seine Fäuste gesammelt, wer die Wasser in ein Gewand gebunden? Wer hat alle Enden der Erde festgestellt? Wie heißt er, und wie heißt sein Sohn? Weißt du es etwa?“ (Vers 4).
Wer ist in den Himmel hinaufgestiegen? Wer ist dann herabgestiegen? Natürlich niemand. Jesus allerdings hat diese Frage aufgegriffen und beantwortet (Johannes 3,13): Der „Sohn des Menschen“ hat das getan – Jesus gebraucht eine verschlüsselte Bezeichnung für sich selbst. Wenn wir davon ausgehen, dass Jesus ein guter Bibelkenner war, dann liegt die Schlussfolgerung nahe: Er hat Worte aus Agurs Sprüchen anklingen lassen und sich selbst ein wenig darin wiedergefunden.
Ein logischer Spalt tut sich auf, durch den für mich ein bisschen messianisches Licht scheint.
Messianischer Hintersinn?
Agur platzt dann mit einer Frage heraus, die sehr unvermittelt daherkommt. Für den logischen Gedankengang ist sie wie ein Stein im Schuh: Der Himmel und Erde geschaffen hat – „wie heißt er?“ Okay, diese Frage legt sich nahe. Niemand anderes als Gott kann das sein, Jahwe ist sein Name. Doch dann setzt Agur nach: „und wie heißt sein Sohn?“ Diese Fortsetzung finde ich verblüffend. Wie kommt man auf die Idee, nach dem Namen des Sohns des Schöpfers zu fragen? Viele Bibelausleger betonen, man dürfe hier nicht zu schnell die christliche Brille aufsetzen – Agur wolle doch nur wissen, ob irgendein Mensch die Größe des Schöpfungswerks erfassen kann. Agur fordert heraus, auch nur einen einzigen Menschen zu benennen, der hier infrage käme. Und weil man damals die Personen oft über ihren Vater identifizierte – z. B. „David ben Isai“ –, stellt er eben diese Frage nach der genauen Benennung. Bloß – dann hätte er ja fragen müssen: „und wie heißt sein Vater?“ Ich bleibe dabei: Die Frage nach dem Sohn ist fast wie ein Kometeneinschlag im Gedankengang. Ein logischer Spalt tut sich auf, durch den für mich ein bisschen messianisches Licht scheint.
Und jetzt spinne ich den Gedanken weiter: Wenn Jesus diesen Vers 4 sowieso im Hinterkopf hatte (und zitierte) und wenn vielleicht auch er gestolpert ist über den logischen Spalt – ob er den ganzen Gedanken Agurs mit einem heimlichen messianischen Lächeln gelesen hat?
„Wer ist in den Himmel emporgestiegen und wieder herabgekommen?“ Hm, es war der Menschensohn. „Wer hat den Wind in seine Fäuste gesammelt, wer die Wasser in ein Gewand gebunden? Wer hat alle Enden der Erde festgestellt?“ Ich weiß es: Es war mein Vater im Himmel, der Schöpfer – und ich war daran beteiligt, ich bin ja das Wort, das im Anfang da war bei Gott, und alles wurde durch mich, das Wort, und ohne dieses Wort entstand nichts, was jetzt existiert (Johannes 1,1-3). „Wie heißt er?“ Er heißt Jahwe, und meine Jünger lehrte ich, ihn „Vater“ zu nennen. „ … und wie heißt sein Sohn? Weißt du es etwa?“ Nicht nur ich weiß es. Der Engel sagte meiner Mutter: „Du sollst seinen Namen Jesus nennen und er wird Sohn des Höchsten genannt werden.“
Wie Versuchung entsteht
Selbst wenn diese Verbindung zwischen Agur und Jesus spekulativ sein mag: Der Anklang der Brot-Bitte an Agurs Vokabular scheint mir deutlich zu sein. Von hier aus gehe ich weiter zur Bitte, dass Gott uns nicht in Versuchung führen möge. Agurs Gebet zeigt, wie Versuchung entstehen kann. Nämlich auf zweierlei Weise:
- Zu großer Wohlstand kann satt und selbstzufrieden machen, sodass man meint, man brauche Gott nicht mehr.
- Zu große Armut kann zum Diebstahl verleiten – und das ist eine Sünde nicht nur gegen Menschen, sondern auch gegen Gott.
Gerade den zweiten Gedanken finden wir auch an anderen Stellen in der Bibel: Es gibt Umstände, die mich ethisch überfordern, sodass ich mir auf eine Weise helfe, die Gott nicht gefällt. Psalm 125 weiß von der Möglichkeit, dass ein gottloses Regiment so bedrückend werden kann, dass auch die Gerechten anfangen, Unrecht zu tun (Psalm 125,3). Vielleicht ist derselbe Zusammenhang auch in der Gedankenfolge von Psalm 119,133-134 gemeint: Gott möge mich von der Bedrückung durch Menschen erlösen, damit Unrecht keine Macht über mich bekommt. Oder dies hier: „Für einen Bissen Brot kann ein Mann zum Verbrecher werden“, lautet ein Sprichwort (28,21). Ein anderes Sprichwort geht nicht von der Not, nicht vom Mangel aus, sondern von einer Art Überfluss: „Ein Mensch wird auf die Probe gestellt, wenn er gelobt wird“ (27,21). Hier muss sich sein Charakter bewähren.
Zu wenig oder zu viel – an beiderlei Lebensumständen kann man scheitern.
Zu wenig oder zu viel – an beiderlei Lebensumständen kann man scheitern. Mangel und Überfluss können, auf je unterschiedliche Weise, dazu führen, dass man sich von Gott lossagt. Agur betet darum, dass das nicht passiert. Genauer gesagt betet er nicht um eine innere Stärke, der Versuchung zu widerstehen, sondern darum, dass Gott ihn vor solchen Situationen verschont. Dass er ihn nicht in Lebenslagen führt, die ihm zum Stolperstein werden. Man könnte diese Zeilen seines Gebets auch umschreiben mit den Worten: Armut und Reichtum gib mir nicht; gib mir weder besonders viel noch besonders wenig; führe mich nicht in Situationen, die mir zur Versuchung werden. Stelle mein Leben nicht in einen Rahmen, dem ich nicht gewachsen bin.
Damit sind wir sehr nahe am Vaterunser. Im Licht von Agurs Gebet würden wir sagen: Gott führt nicht in Versuchung, damit wir an der Versuchung scheitern. Aber Gott könnte in Situationen führen, die prinzipiell ein Segen wären (Reichtum als Segensgabe; Armut als Anlass, Gott besonders zu vertrauen) – die genauso aber überfordern können.
Agur aktuell
Diese Agur-Deutung der Vaterunserbitte ist heute aktueller denn je, meine ich. Und sie ist nicht nur auf materielle Not und materiellen Wohlstand bezogen. Das zwar auch, aber es geht weit darüber hinaus.
- Ein schönes Polster auf dem Konto verspricht eine Sicherheit, die mir letztlich zuverlässiger erscheint als Gottes Fürsorge.
- Wohlstand wird mir zum Einstieg in eine Konsumspirale, sodass ich den Punkt verpassen kann, an dem ich wirklich genug besitze, und dass ich mir nicht mehr vorstellen kann, nennenswerte Beträge an Arme zu spenden.
- Ich habe vielleicht fortgesetzt einen derartigen Mangel an Anerkennung erlebt, dass ich nun selbst versuche, mich durchzuboxen. Ich suche Erfolg auf seltsamen Wegen, damit ich endlich mal glänzen kann, und beiße Konkurrenten gewissenlos weg.
- Oder umgekehrt: Als Influencer habe ich zigtausende Follower, die meine Statements oft eins zu eins übernehmen. Mit diesem Einfluss kann ich verantwortlich umgehen – oder ich kann daran zu Fall kommen, indem ich manche Themen oder Personen zu sehr hochjuble und andere Themen oder Personen verächtlich mache.
- Angenommen, das Thema Krankheit nimmt einen immer größeren Raum bei mir ein, auch durch Menschen, für die ich zu sorgen habe. Es wäre verlockend, eine „Abkürzung“ in Richtung Trost zu nehmen und mir durch Medikamentenkonsum oder Alkohol Erleichterung zu verschaffen.
Das Vaterunser beten
Wie würden wir auf diesem Hintergrund das Vaterunser und speziell die Versuchungs-Bitte beten? Mein Vorschlag: Wir bitten Gott darum, dass er uns nicht in Situationen bringt, denen wir nicht gewachsen sind, und uns keine Möglichkeiten öffnet, die uns überfordern würden.
Dabei ist klar: Gott wird uns durchaus auch mit Herausforderungen konfrontieren, damit wir daran wachsen. Und er wird uns nicht vor Krankheit, Lasten oder Engpässen verschonen, nur damit wir es leichter haben. Aber wenn solche Engpässe kommen, können wir vielleicht wissen: Wir haben um Bewahrung vor Versuchung gebetet; wenn Gott dennoch solche Rahmenbedingungen zulässt, dann hat er sich vielleicht etwas dabei gedacht.
Und auch dies sollten wir wissen: Wir müssen uns nicht allein bewähren, Gott hilft uns dabei. „Gott ist treu: er wird nicht zulassen, dass ihr über euer Vermögen hinaus versucht werdet, sondern wird zugleich mit der Versuchung auch einen solchen Ausgang schaffen, dass ihr sie bestehen könnt“ (1. Korinther 10,13).
Dr. Ulrich Wendel ist Theologe, Chefredakteur von Faszination Bibel und von sela. Das Gebetsmagazin. Diesen Artikel hat er für Faszination Bibel geschrieben.
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Wir in Gott und Gott in uns, das bleibt im Glauben an Jesus die Herausforderung, der einzig die Menschheit gewachsen ist, der sich ihr ewiger Lebensgefährte offenbaren will, damit sein Anteil an ihrer Natur sichtbar wird, indem, der sich ihm anvertraute, bis sie sich selbst so gut verteidigen konnte, dass ihrem gemeinsamen Leben nichts mehr im Weg steht.
Ich verdanke Gott meine Würde als Mutter, ohne die ich nicht sein will, da sie mir die Freiheit gibt, die einmal geboren, nie mehr verloren geht.