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Warum schrumpfende Gemeinden zuversichtlich sein können

Verwaiste Sitzbänke und gähnende Leere: Eine kleiner werdende Gemeinde wirkt schnell wie ein gescheitertes Projekt. Pastor Andreas Petker sieht darin jedoch eine Chance für Wachstum – ohne straffe Programme und Leistungsdruck.

Von Andreas Petker

In einer Welt, die Erfolg an Zahlen, Einfluss und Sichtbarkeit misst, fühlen sich schrumpfende Gemeinden oft an wie gescheiterte Projekte. Leere Stühle, Konflikte und die Frage „Was läuft schief?“ prägen den Gemeindealltag. Doch was, wenn die Bibel uns aufzeigt, dass genau diese Ohnmacht der Schlüssel zu einer tieferen Spiritualität werden kann? Menschen suchen heute mehr denn je das, was Gott sucht: Ehrlichkeit, Offenheit und Authentizität.

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Und hier liegt eine Chance: Wenn Gemeinden aufhören, „gegen Windmühlen zu kämpfen“, und stattdessen lernen, in der Schwäche stark zu sein (2. Korinther 12,9).

Die Herausforderung der Leere

Jesus versprach: „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, bin ich mitten unter ihnen“ (Matthäus 18,20). Diese Worte lösen die Bedeutung einer Gemeinde radikal von ihrer Größe. Entscheidend ist nicht, wie viele Menschen zusammenkommen, sondern ob seine Gegenwart spürbar ist.

Ich bin in einer Großfamilie mit vielen Geschwistern aufgewachsen und habe auch in anderen großen Familien häufig Gottes Präsenz gespürt. Doch ich habe auch große Familien erlebt, in denen Lärm und Oberflächlichkeit dominierten. Während kinderlose Paare mich manchmal durch ihre Ehrlichkeit, Gastfreundschaft und stille Hingabe tief berührten. Sie bewiesen: Gottes Nähe zeigt sich nicht an äußeren „Erfolgsmerkmalen“ wie Kinderzahl oder Wachstumskurven, sondern an authentischem Miteinander.

Erfolg neu denken: Von Zahlen zur Präsenz

Erfolg ist dort, wo Menschen Jesus Raum geben – ob in kleinen Runden, leisen Momenten oder zerrissenen Beziehungen. Erfolg wird nicht in Zahlen gemessen, sondern an Gottes Präsenz. Seit unserer Gemeindefusion nutzen wir ein frei gewordenes Gebäude für ein Indoor-Spielangebot – so öffnen wir die Tür für Familien. Doch das eigentlich Bewegende passiert nicht zwischen Rutschen und Puppenecken, sondern in den kurzen Momenten, in denen wir uns Zeit nehmen: fünf Minuten, in denen wir eine Jesus-
Geschichte erzählen. Kurze Begegnungen, in denen Eltern plötzlich von Ängsten, Hoffnungen oder ihrem Gebetsanliegen erzählen – ungeplant, aber ehrlich.

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Manchmal frage ich mich: Warum spüre ich in diesen Mini-Andachten mehr Tiefe als in manchem Gottesdienst? Vielleicht, weil hier niemand etwas „performen“ muss. Weil Stille Raum hat und Fragen erlaubt sind. Weil Gott nicht auf große Formate wartet, sondern sich dort zeigt, wo Menschen ihm und einander wirklich begegnen – selbst zwischen Tür und Angel. Es ist eine Lektion in Demut: Gemeinde wächst nicht durch straffe Programme, sondern durch Augenblicke, in denen wir unsere Ohnmacht anerkennen und ihn wirken lassen. Wenn Gott spürbar präsent ist.

Biblische Perspektiven: Was sagt Gott zum Schrumpfen?

In der Offenbarung richtet Jesus klare Worte an die sieben Gemeinden. Auffallend ist: Er tadelt ihre Lieblosigkeit (Offenbarung 2,4), Lauheit (Offenbarung 3,16) oder Anpassung an heidnische Praktiken (Offenbarung 2,14), aber mit keiner Silbe kritisiert er schrumpfende Mitgliederzahlen. Manche Ausleger deuten diese Gemeinden als archetypische Modelle für alle kirchlichen Strömungen. Egal, wie man sie interpretiert: Jesu Maßstab ist nicht Erfolg, sondern Treue.

Die Bibel erzählt durchgehend von Propheten wie Jeremia, der über Israels Abfall weinte (Jeremia 9,1), oder Aposteln wie Paulus, der Gemeinden voller Spaltung und Weltlichkeit korrigieren musste (1. Korinther 3,3). Diese „Helden“ des Glaubens scheiterten oft sichtbar: Elia floh vor Isebel (1. Könige 19,3), Mose schlug verzweifelt gegen einen Felsen (4. Mose 20,11) und selbst Jesus endete am Kreuz – ein Misserfolg in den Augen der Welt. Doch genau darin liegt die Provokation: Gottes Reich misst sich nicht an äußerer Dynamik, sondern an der Tiefe der Hingabe. Während moderne Gemeinden oft nach Wachstum, Einfluss und strahlenden Vorbildern streben, erinnert die Bibel daran: Wahre Größe zeigt sich im Aushalten der Ohnmacht – und im Vertrauen, dass Gott gerade im Kleinen, Zerbrechlichen und Unspektakulären wirkt (vgl. Sacharja 4,10).

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Ja, es fällt schwer zu glauben, dass ausgerechnet Ohnmacht, Schrumpfen oder scheinbares Scheitern Orte göttlicher Nähe sein sollen. Wir sind geprägt von einer Kultur, die Effizienz, Wachstum und Selbstoptimierung feiert – sogar in der Kirche. Doch die Bibel erzählt eine andere Geschichte: Gideon siegte mit 300 Mann statt 32.000 – weil Gott sagte: „Es sind dir zu viele“ (Richter 7,2). Paulus lernte: „Schwachheit ist meine Stärke“ – als er seinen „Dorn im Fleisch“ nicht loswurde (2. Korinther 12,7–10). Jesus lobte die arme Witwe, die zwei Münzen gab, mehr als alle Reichen (Markus 12,43) – nicht wegen der Summe, sondern der Hingabe.

Gott baut sein Reich nicht durch Machtdemonstrationen, sondern durch zerbrochene Krüge (Richter 7,19), stotternde Propheten (2. Mose 4,10) und leere Bänke. Das Problem ist nicht unsere Schwäche, sondern unser Widerstand, sie als Geschenk zu sehen: Sie zwingt uns, Kontrolle abzugeben – und ihn wirklich zu suchen. Wenn Gemeinden wie die Jünger im Sturm rufen: „Herr, rette uns!“ (Matthäus 8,25), entdecken sie Gott vielleicht ganz neu.

Vielleicht ist die Frage nicht: „Wie werden wir wieder stark?“, sondern: „Wo zeigt sich gerade jetzt – im Kleinen, Unscheinbaren, Unperfekten – seine Treue?“

Fazit: Treue ist der neue Erfolg

Schrumpfende Gemeinden sind keine „Rote-Liste-Kandidaten“, sondern Laboratorien der Demut. In einer leistungsorientierten Welt bezeugen sie: Gottes Kraft zeigt sich nicht in Macht, sondern in zerbrochenen Krügen (2. Korinther 4,7). Die Frage ist nicht „Wie werden wir wieder groß?“, sondern „Wie lieben wir heute – genau hier, genau so?“ Das ist Spiritualität: authentisch, fragend, frei vom Druck des „Immer mehr“. Vielleicht sind es gerade die kleinen Gemeinden, die der Welt das Wesentliche zeigen: dass Liebe bleibt.

Andreas Petker ist Pastor der FeG am Kellerwald.


Family Cover 4/25

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift CHRISTSEIN HEUTE erschienen. CHRISTSEIN HEUTE ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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7 Kommentare

  1. Hat die konfessionelle Kleinteilung überhaupt noch Zukunft?
    Muss jede dogmatische Spielart, jeder Frömmigkeitsstil gleich zu einer Kirchengemeinde bzw Gemeindebewegung führen?
    Haben die „Hipster-Gemeinden“ wirklich eine Zukunft, oder gehen die ein mit dem fortschreitenden Alterungsprozess ihrer geistlichen Zugpferde?
    Die Volkskirchen werden vermutlich noch viele Jahre vor sich hindümpeln, für den geistlichen Pegelstand im Land aber eine untergeordnete Rolle spielen. Möglich, dass sich auch dort die geistlich Hungrigen nach Alternativen umschauen werden, die Gemeinschaftsverbände könnten davon profitieren. Wünschen würde ich mir eine deutlich sichtbar werdende Einheit der bekennenden Christen, so hat auch Jesus gebetet. Zeitgeistige, liberale Strömungen werden vielleicht die Aufmerksamkeit der Medien bekommen, aber auch die der Gläubigen? Ähnlich bei den Extrem-Charimatischen Gruppen, die oft ein Strohfeuer entzünden aber genauso oft enttäuschte Anhänger hinterlassen.
    Die Zukunft so meine Denke, gehört „vernünftigen “ Freikirchen mit einer gesunden Theologie und angenehmen Habitus.
    Da gebe ich Andreas Petger recht, schiere Größe muss kein Anzeichen für den richtigen Kurs sein, ist aber ganz sicher auch kein Fehler !

    • Da muss man sich aber entweder einig werden, wie viele Engel auf einer Nadelspitze tanzen können oder akzeptieren, dass jemand aus der gleichen Gemeinschaft eine andere Zahl für richtig hält. Beides eher unwahrscheinlich innerhalb der Christenheit.

      Warum gliedern sich denn nicht alle Christen einfach wieder in die r.-kath. Kirche ein? Wäre doch auch eine Möglichkeit. Ach ja, die falsche Zahl der Engel.

  2. Kirche muss zurück in die Zukunft gehen

    Gottes Nähe zeigt sich nicht an äußeren „Erfolgsmerkmalen“ wie Kinderzahl oder Wachstumskurven, sondern an authentischem Miteinander. Ich denke, nicht die Größe einer Gemeinde, nicht Quantität, sondern menschliche (und geistliche) Qualität sollte Maßstab sein. Nun sprechen wir auch von unterschiedlichen Grundformen von Gemeinden. Freie Evangelische Gemeinden sind zahlenmäßig klein, aber fein. Die Gemeinden meiner evangelischen Noch-Volkskirche(n) sind groß, wobei Größe keine positive Kathegorie sein muss, sondern möglicherweise eher dem Umstand von fehlendem Geld und nicht vorhandenem himmlischem Bodenpersonal geschuldet. Die furchtbaren Mega-Gemeinden, die unsere katholischen Geschwister (hoffentlich nicht erleiden), verbinden Städte und Gemeinden, wo sich die Menschen gefühlt und real nicht an allen Ecken und Enden zusammengehörig fühlen. Hier kann möglicherweise das Problem sein, daß Doppelstrukturen entstehen. Wenn Gemeinde mit Gemeinschaft zu tun hat, schon von der Sprache her, dann wird ein Riesengebilde auch organisatorisch und/oder geistig-geistlich dysfunktional. Vielleicht gibt es in der Zukunft, jenseits von Kirchensteuer und Volkskirchen, idealerweise viele kleine ökumenische Gruppen von Menschen, die hier ihren Glauben exemplarisch gemeinsam leben. Im Ideal wären sie so etwas wie eine aufgeklärte Urgemeinde 2.0. Es wäre uns zu wünschen, denn wenn sich hier Menschen geistlich als Geschwister fühlen, dann ist eine eher familäre Nähe sinnstiftender als das Gefühl von Großveranstaltungen alleine bei den Gottesdiensten. Kirchen werden sich verändern müssen, aber nicht nur organisatorisch, sondern geistig-geistlich. Wobei ich es für wertvoll halte, wenn Theologen existieren und ihr Wissen und seelsorgerliches Tun anwenden könnten. Kirche/n sind keine Selbsthilfegruppen, sondern bestehen aus Menschen, die Jesus ernstnehmen und deren Glauben es erlaubt, die Bibel nach dem Maßstab des Neuen Testamentes und Jesus Christus her auszulegen. Wenn sich die organisierte Christenheit wieder etwas mehr von einer Glaubens- zu einer Lebensgemeinschaft verändert, wird das Problem der fehlender Räume und Finanzen weniger dramatisch. Was mich bei letzterem etwas bedenklich stimmt: Ich möchte gerne unsere kirchliche Kultur der Konzerte und Chöre sowie anderer Formen der Teilhabe an der Gesellschaft mitnehmen. Unsere Dome und Kathedralen sind kostbare Kulturgüter.

  3. Ich meine: Wir sollten uns trotzdem überlegen, w a r u m. Hunderte von Gemeindemitgliedern nicht zu den Gottesdiensten kommen, sondern nur die immer gleichen 25 – 30,
    unter der Woche oft noch weniger.

    An mir stelle ich fest, dass mich die evangelikalen Versammlungen vermehrt ansprechen, die ich auch von zu Hause oder unterwegs verfolgen kann. Es ist mehr Begeisterung zu spüren.
    Tatsächlich ist es traurig, dass wir uns vom Opfer Christi nicht mehr erschüttern lassen.
    Wenn ich daran denke, dass ich als 8-jährige abends nicht gleich einschlafen konnte, weil ich noch den Kreuz tragenden Heiland vor Augen hatte, so als ob er durch den Schlafzimmerspiegel durchziehen würde mit seiner Dornenkrone… Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…

  4. Ich mag kleine Andachtsgruppen. Man kennt sich besser, es hat meines Erachtens auch eine besondere Art der Tiefe.

    Ich denke in Bezug auf den Text liegt das Problem nicht primär darauf, dass Gemeinden klein(er) sind sondern dass sie als größere Gemeinden konzipiert sind. Das bedeutet, man hat einen gewissen Personal- und Raumbestand und daher auch einen bestimmten Finanzbedarf.

    Und da muss eine schrumpfende Gemeinde dann oft radikal etwas ändern. Und das ist die Schwierigkeit.

    Sicher ist Gott auch da, wo nur 2 oder 3 sind, Wenn die aber eine komplette Kirche unterhalten müssen, wird es knifflig.

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