- Werbung -

„Jetzt reicht‘s aber!“ – (Wann) hat Geduld ein Ende?

Geduld gilt als Frucht des Heiligen Geistes. Aber müssen wir alles ertragen? Biblisch inspirierte Gedanken zu einem herausfordernden Thema.

Von Caroline Quiring

- Werbung -

Henry und Tim sitzen in der letzten Reihe. Schon während der ganzen Reli-Stunde gestalten sie neben dem Unterricht ihr persönliches Unterhaltungsprogramm. Mehrfach wurden sie schon ermahnt, sonderlich beeindruckt hat sie das nicht. Plötzlich wirft Tim Henrys Stiftemäppchen quer durch den Raum – knapp am Hinterkopf eines Mitschülers vorbei. Spätestens jetzt ist klar: Es reicht! Die Ermahnungen haben ein Ende, Konsequenzen müssen folgen.

Ein klassisches Beispiel dafür, wann es richtig ist, der Geduld ein Ende zu setzen. Manchmal muss der „Geduldsfaden“ reißen. Manchmal ist Geduld die falsche Wahl und muss ersetzt werden. So denken wir intuitiv – aber ist das wirklich so?

Wirklich?

Wenn wir so denken, offenbaren wir ein bestimmtes Verständnis von Geduld. Geduld wird hier im Gegensatz zu Aktivität, zu Durchsetzungskraft und tatkräftigem Verhalten gesehen. Geduld also als „Laufen lassen“, als Passivität.

Dabei hat Geduld ja auch sehr aktive Anteile: Geduld kann auch bedeuten, diszipliniert die immer gleiche Fingerübung zu machen, um Klavierspielen zu lernen. Zuallererst ist Geduld eine Grundhaltung. Äußerlich sieht sie anderen Dingen zum Verwechseln ähnlich, in ihrem Wesen unterscheidet sie sich aber grundlegend.

Die „false friends“ der Geduld

Geduld ist nicht das Gleiche wie Resignation oder Gleichgültigkeit. Sie haben gemeinsam, dass sie nicht sofort und impulsiv reagieren, sondern langsam oder gar nicht. Doch Resignation hat aufgegeben und Gleichgültigkeit erwartet sowieso nichts. Beispielsweise kann ich Henry und Tim gewähren lassen, weil ich nicht daran glaube, dass meine Ermahnungen irgendetwas bringen. Oder es ist mir egal, ob sie oder die anderen etwas lernen.

Geduld ist auch nicht das Gleiche wie Bequemlichkeit oder Angst. Auch diese beiden können zur Passivität führen. Im Gegensatz zur Geduld steckt dahinter aber der Unwillen, mich in eine schwierige Situation zu bringen. Henry und Tom werden zum Beispiel nicht ohne Konflikt auf mein Einschreiten reagieren. Ich muss Energie aufbringen und mich durchsetzen. Wenn ich keine Lust habe, mich mit ihnen zu streiten, werde ich ihr Verhalten dulden. Mit echter Geduld hat das aber wenig zu tun.

Geduld ohne Ende

Geduld hat ein Ziel. Geduld erwartet viel. Deswegen sind Leidenschaft und Geduld auch keine Gegenteile. Sie steht in einer fruchtbaren Spannung. Die Leidenschaft kann es nicht erwarten, das ersehnte Ziel zu erreichen und gleichzeitig tut sie alles, um das Ziel nicht zu gefährden. Sie ist der „Motor“, der der Geduld die Kraft gibt, um auszuharren und nicht aufzugeben.

Geduld ist die Fähigkeit, ein Ziel beharrlich im Blick zu behalten, ohne wütend oder verzweifelt zu werden, wenn ich es noch nicht erreiche. Wenn wir Geduld so betrachten, ist klar: Diese Art von Geduld sollte kein Ende haben. Denn was wäre die Alternative? Was kommt denn anstelle der Geduld, wenn der „Geduldsfaden“ reißt? Ein Ende der Geduld bedeutet, mein Ziel aufzugeben. Oder es bedeutet, dass mein Wunsch, das Ziel zu erreichen, so groß wird, dass ich zu Mitteln greife, die das Eigentliche zerstören.

Geduld als Grundhaltung darf ich also nicht aufgeben. Wohl aber kann ich mein Ziel verändern. Wenn ich mir ein Ziel gesetzt habe, das den Einsatz nicht lohnt oder das ich niemals erreichen werde, dann ist es gut, dieses Ziel aufzugeben. Vielleicht habe ich mir auch ein Ziel gesetzt, das meine Kräfte übersteigt. Wenn das Warten oder Hinarbeiten auf dieses Ziel mich so viel Kraft kostet, dass ich daran krank werde, dann ist es weise, die Geduld fahren zu lassen und das Ziel aufzugeben.

Manchmal muss auch Geduld als Methode abgelöst werden. Für manche Dinge ist Zurückhaltung und geduldiges Warten die richtige Strategie. Gerade im Umgang mit Kindern ist es manchmal gut, sie machen zu lassen, um ihnen etwas beizubringen. Doch es kann der Moment kommen, an dem ich merke: Warten bringt hier nichts mehr oder ist sogar schädlich oder gefährlich. Jetzt muss ich eingreifen und die Dinge aktiv gestalten. Oder wie es das Albert Einstein zugeschriebene Zitat ausdrückt: „Wahnsinn ist, immer dasselbe zu tun, aber andere Ergebnisse zu erwarten.“

- Weiterlesen nach der Werbung -

„Folge mir nach!“

Es gibt aber noch eine tiefere geistliche Dimension: Im Lukasevangelium wird berichtet, wie Jesus Menschen in seine Nachfolge ruft. Mit berechtigten Gründen bitten sie Jesus um ein wenig Geduld. Der eine muss noch seinen Vater beerdigen, der andere will sich von seiner Familie verabschieden.

Jesus reagiert hart: „Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh hin und verkündige das Reich Gottes!“ sagt er und: „Wer die Hand an den Pflug legt und zurückblickt, ist nicht geeignet für das Reich Gottes.“ (Lukas 9,60.62)

Warum diese Ungeduld? Wenn Gott zu uns spricht, bezieht er sich immer auf unser „Jetzt“. Wenn Gott uns etwas aufträgt, ist die einzige richtige Reaktion, es sofort umzusetzen. Gehorsam Gott gegenüber kann sich immer nur auf den gegenwärtigen Moment beziehen. Denn alle anderen Momente haben wir ja gar nicht in der Hand. Oswald Chambers sagt es so: „Gottes Erziehung bezieht sich auf den jetzigen Augenblick, nicht auf später. Er hat es auf die jetzige Minute abgesehen, nicht auf irgendetwas Zukünftiges. Wir haben uns nicht um unseren späteren Gehorsam zu kümmern; wir gehen in die Irre, wenn wir an das ‚später‘ denken. Wenn wir ein fernes Ziel vor Augen haben, schenken wir der unmittelbaren Gegenwart keine genügende Aufmerksamkeit; wenn wir jedoch in der Vorstellung leben, dass der Gehorsam unser Ziel ist, dann wird jeder Augenblick zum kostbarsten Augenblick unseres Lebens.“ (Oswald Chambers, mein Äußerstes für Sein Höchstes)

Geduld mit sich selbst zu haben, ist eine wichtige Fähigkeit. Aber wenn Gott mich auf etwas hinweist, das ich verändern soll, dann ist es Zeit, die Geduld mit mir selbst beiseitezulegen. Dann ist die einzig richtige Reaktion, auf Gottes Stimme zu hören, umzudrehen und in die Richtung zu gehen, die er mir angibt.

Das Beruhigende dabei: Gott bleibt hier leidenschaftlich geduldig. Er wird unsere Bequemlichkeit und Ungehorsam nicht zum Anlass nehmen, sein Ziel mit uns zu verändern oder uns aufzugeben. Beharrlich wird er immer wieder zu uns reden, bis wir bereit sind, ihm jetzt sofort zu gehorchen.

- Werbung -

Caroline Quiring ist Gymnasiallehrerin und Studienleiterin für Religionspädagogik am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen.



Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Theologische Orientierung (Ausgabe 221 „Geduld“). Die Veröffentlichung auf Jesus.de erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Albrecht-Bengel-Haus e. V.

Mehr Inhalte von unserem Partner Albrecht-Bengel-Haus:

NEWS & Themen

NEWSLETTER

BLICKPUNKT – unser Tagesrückblick
täglich von Mo. bis Fr.
Wir liefern dir die interessantesten NEWS,
Interviews und Geschichten aus der christlichen Welt.
Kompakt, relevant, inspirierend.

Wie wir Deine persönlichen Daten schützen, erfährst du in unserer Datenschutzerklärung.
Abmeldung im NL selbst oder per Mail an info@jesus.de

Konnten wir dich inspirieren?

Jesus.de ist gemeinnützig und spendenfinanziert – christlicher, positiver Journalismus für Menschen, die aus dem Glauben leben wollen. Magst du uns helfen, das Angebot finanziell mitzutragen?