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Was bedeutet Evangelisation heute?

Evangelisation ist ein Kernauftrag der Kirche. Doch Formen und Wege der Weitergabe des Glaubens haben sich verändert. Eine Bestandsaufnahme.

Von Pfarrerin Maike Sachs

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Evangelisieren – Grundauftrag der Kirche

Gekommen, um gute Nachricht zu verkündigen, so hatte Jesus nach dem Lukasevangelium seinen Auftrag verstanden. In seiner Antrittsrede in Nazareth zitiert er aus dem Jesajabuch: “Der Geist des Herrn ist auf mir, weil er mich gesalbt hat und gesandt, zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen sollen, und die Zerschlagenen zu entlassen in die Freiheit und zu verkündigen das Gnadenjahr des Herrn.” (Lukas 4, 18f).

Jesus verkündet gute Nachrichten. Nichts anderes bedeutet das Wort vom Evangelisieren. Die gute Nachricht lautet, dass sich Gott mit den Menschen versöhnt und deshalb hilft, heilt und befreit. Wie er gesandt ist, so sendet Jesus seine Jünger (Johannes 20,21). Er reicht den Staffelstab der Evangelisation an sie weiter. Sendung und Nachricht fasst Paulus zusammen, indem er schreibt: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!“ (2. Korinther 5,19) Das ist die gute Nachricht. Sie zu proklamieren ist Aufgabe der Gemeinde.

So weit, so gut. Aber wie ist es mit der Praxis? Nicht nur, dass Evangelisation in der wissenschaftlichen Theologie, wenn überhaupt, nur die Rolle eines Stiefkindes spielt, auch um manche ihrer Befürworter ist es recht still geworden. Die Zeiten großer Veranstaltungen und gefüllter Stadien mit berühmten Rednern sind vorbei, jedenfalls in unserem Land. Viele Missionswerke und Kirchenverbände haben ihre Missionszelte eingemottet. Ist Evangelisation heute nicht mehr gefragt?

Evangelisation neu denken

Zunächst sei an dieser Stelle all denen gedankt, die sich in den letzten gut 20 Jahren dem Thema mit wissenschaftlicher Expertise gewidmet haben. Namentlich das Institut zur Erforschung von Evangelisation und Gemeindeentwicklung (IEEG) in Greifswald und seine Nachfolgeorganisationen haben wichtige Grundlagen erforscht und wegweisende Literatur zu einer Neubestimmung erarbeitet. Denn wohl ist der Auftrag geblieben, aber die Aufgaben, die er mit sich bringt, haben sich in den letzten Jahrzehnten verändert. Zwei Aspekte möchte ich herausgreifen: die Frage der Adressaten und die Rolle der Kirchengemeinde vor Ort.   

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Wem die gute Nachricht gilt

In den ersten Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs waren die Kirchen und die Zelte voll. Bis heute erzählen viele engagierte Gemeindeglieder, bei wem sie die Einladung zu einem Leben mit Jesus gehört haben und ihr gefolgt sind. In der Regel handelte es sich dabei um Menschen, die eine gewisse christliche Erziehung genossen hatten. Es gab Tischgebete zu Hause, biblische Geschichten wurden im Religionsunterricht erzählt. Möglicherweise hatten sie sogar die Jungschar oder den Kindergottesdienst besucht. Der Aufruf bei einer Evangelisation hatte sie vergewissert. Das Glaubenswissen war zu einem Leben im Glauben geworden. Genau betrachtet ist diese Form der Vergewisserung die Aufgabe jeder kirchlichen Arbeit. Wo gelehrt, gepredigt und Gemeinschaft gelebt wird, sollte immer die Absicht mitschwingen, dass Menschen im Glauben gewiss werden und dass der Glaube im Leben ankommt. Fällt diese Form der Vergewisserung aus, wird Christsein zur Tradition und verliert irgendwann seine Relevanz. Gott hat keine Enkel. Deshalb ist es wesentlich, zur Gotteskindschaft einzuladen und dazu, mit Paulus gesagt, seine ausgestreckte Versöhnungshand anzunehmen.

Die Weitergabe des Evangeliums in alltäglichen Kontakten, die öffentliche Verkündigung mit der Einladung zum Glauben und der überzeugende Lebensstil einer Gemeinde, das sind die drei Dimensionen der Evangelisation.

Heute gibt es allerdings viele Menschen, denen christliche Lehre und biblische Inhalte unbekannt sind. Die Frage nach Gott hat in ihrem Leben noch nie eine Rolle gespielt, deshalb ist es für sie auch kaum plausibel, warum sie sich überhaupt mit ihr auseinandersetzen sollten. Es gibt wenig Gründe dafür, überhaupt ein Evangelisationszelt zu betreten. In Blick auf diesen wachsenden Personenkreis ist es wichtig, bei Evangelisation an mehr als nur an eine Veranstaltung zu denken. Der Weg zum Glauben führt für sie über viele Stationen: über den Kontakt zu Freunden, über die Erfahrung von Gemeinschaft unter Christen, über zahllose Gespräche und Begegnungen bis zu dem Punkt, an dem der Glaube an Jesus Christus persönlich greifbar wird. Zusammengefasst lässt sich sagen: Die Weitergabe des Evangeliums in alltäglichen Kontakten, die öffentliche Verkündigung mit der Einladung zum Glauben und der überzeugende Lebensstil einer Gemeinde, das sind die drei Dimensionen der Evangelisation.

Absichtsvoll evangelisieren

Unter Evangelisation kann man in diesem Sinne zwar eine Veranstaltung verstehen, aber im Grunde ist sie nur wirkungsvoll, wenn sie eingebettet ist in das Gesamtkonzept von persönlichen Kontakten und Einladungen, von intensiver Begleitung und Einbindung in das Leben derer, die bereits an Jesus glauben. Das lässt sich bereits ganz zu Beginn der neutestamentlichen Evangelisationsbewegung erkennen: Die Proklamation des Evangeliums war von Anfang an Auftrag der Gemeinde. Gemeindeglieder haben gepredigt, bevollmächtigt durch den Geist und ausgesandt von der Gemeinschaft. Im Namen Jesu haben sie eingeladen, und wer durch einen Evangelisten zum Glauben an Jesus fand, der wurde Teil einer Gemeinde.

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Für unsere Zeit weist diesen Zusammenhang eine Untersuchung von Professor Dr. Wilfried Härle, dem früheren Ordinarius für Systematische Theologie in Heidelberg, und seinem Team nach. Bereits im Jahr 2008 wurde sie unter dem Titel „Wachsen gegen den Trend“ veröffentlicht. Härles Beobachtung war, dass durchaus nicht alle landeskirchlichen Gemeinden rückläufige Zahlen verzeichnen. Manche wachsen auch heute signifikant.

Eine Befragung dieser Kirchengemeinden ergab Gemeinsamkeiten, die deutlich machten: Dass Menschen zum Glauben kommen und bei der Kirche bleiben, ist zwar das souveräne Werk des Heiligen Geistes. Aber eine Gemeinde kann gezielt für eine Atmosphäre sorgen, in der es beachtet, begrüßt und begleitet wird, wenn Menschen zum Glauben finden. Dazu gehören regelmäßig stattfindende Evangelisationsveranstaltungen, die eingebettet sind in ein Angebot von Gesprächskreisen und Glaubenskursen. Dazu kommen verschiedene Gelegenheiten, unkompliziert und niederschwellig Anschluss an die Gemeinde zu finden. Und schließlich werden die Gottesdienste liebevoll als Orte gestaltet, an denen der Glaube wachsen kann, niederschwellig, alltagsnah und mit einer hohen Beteiligung. Wenn eine Gemeinde ihre Berufung ernst nimmt, das Evangelium zu verkünden, dann entsteht ein ganzes Ökosystem, in dem Menschen zum Glauben an Jesus Christus finden, mittendrin die Evangelisation.

Der US-amerikanische Theologe Rick Rusaw bringt es mit folgenden Worten auf den Punkt:

„In unserer Leidenschaft für Evangelisation denken wir oft, dass Menschen mehr oder auch besserer Information bedürfen, um zu glauben. Aber wonach diese sich wirklich sehnen, ist Echtheit. Wo Menschen im Licht Gottes leben und wo sie Salz der Erde sind, dahin wird es andere Menschen ziehen.“

Evangelisation heißt also, dem Evangelium Gestalt geben, erkennen lassen, was es heißt, als Christ zu leben, den Menschen dienen, auskunftsfähig sein, erzählen, wenn sie fragen, Gemeinde als einen Ort gestalten, an dem sich Gott finden lässt, im Gottesdienst, im Zeugnis von Personen, in einer Gemeinschaft, in der Christus gegenwärtig ist.  

Von der Dienerin zur Akteurin

Es gab eine Zeit, in der große Evangelisten durchs Land zogen. Ihre Teams hatten in Absprache mit den Ortsgemeinden einen Veranstaltungsort gesucht und brachten das Werbematerial mit, während die Gemeinde Helfer für Büchertisch, Catering und die Ordnerdienste zur Verfügung stellte. Die Gemeinde verstand sich als Dienerin der Evangelisation. Heute ist es umgekehrt. Eine Gemeinde entscheidet sich für eine evangelistische Veranstaltung, prüft Zeitpunkt und Form, um dann ein Evangelisationsteam einzuladen. Der Evangelist und sein Team verstehen sich als Diener der Gemeinde. Sie engagieren sich in der Vorbereitung, bringen Erfahrung und Ideen mit, aber das Programm verantwortet die Gemeinde.

Evangelisation unterstützt die Gemeindearbeit aber nicht nur dadurch, dass sie sich als besondere Veranstaltungsform auszeichnet. Evangelistische Verkündigung ist eine Art der Predigt, die von einem besonderen Anlass und einem besonderen Ort lebt. Denn evangelistische Verkündigung erklärt die Grundzüge des christlichen Glaubens in verständlicher Weise und lädt zu dem ein, der die Mitte dieses Glaubens ist, zu Jesus Christus. Das mag in einem Gottesdienst durchaus passend sein, aber eben nicht jeden Sonntag. Verständliche Erklärungen und eine alltagsnahe Umsetzung sollten jede Predigt bestimmen, aber das Grundsätzliche darf irgendwann einmal vorausgesetzt und bei einer Evangelisation sozusagen an einen Gastredner delegiert werden. Mit anderen Worten wird er sagen, was in persönlichen Gesprächen bereits dutzendmal zur Sprache gekommen ist. So unterstreicht und verstärkt die Evangelisation, was die Gemeinde längst bezeugt.

Maike Sachs ist württembergische Pfarrerin, Landessynodale und Studienleiterin am Albrecht-Bengel-Haus in Tübingen.



Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Theologische Orientierung (Ausgabe 219 „Kirche mit Mission“). Die Veröffentlichung auf Jesus.de erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Albrecht-Bengel-Haus e. V.

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