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Hauskreis in Schieflage: Das würde ich heute anders machen

Haben persönliche Krisen im Hauskreis Platz? Ja! Trotzdem ist es gefährlich, wenn der Hauskreis ein Ersatz zur Selbsthilfegruppe wird.

Von Barbara Wehrstein

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Ein Hauskreis ist oft ein bunter Haufen mit sehr unterschiedlichen Menschen und genauso unterschiedlichen Bedürfnissen. Und das ist gut so. Solange jede und jeder das Gefühl hat, dass hin und wieder die eigenen Bedürfnisse auch erfüllt werden, ist ein Hauskreis in einer gesunden Balance.

Ich erinnere mich an eine Situation, in der es fast unmerklich zu einer Schieflage kam: Ein Teilnehmer hatte so viel auf der Arbeit zu tun, dass er keine Zeit mehr hatte, in den Hauskreis zu kommen. Er war abends einfach zu müde und konnte sich nicht aufraffen, sich nach der Arbeit noch einmal auf den Weg zu machen. Eine weitere Teilnehmerin beteuerte, wie wichtig ihr der Hauskreis sei, aber im Moment fühlte sie sich nicht danach. Der Hauskreis passte gerade nicht mehr. Es blieben genau die weg, die frisch zum Glauben gekommen waren und den Austausch anfangs so bereichernd fanden. Was ist hier passiert? Haben wir in der Leitung etwas übersehen? Ja und Nein.

Nein, wir haben nicht übersehen, dass die beiden, die nun nicht mehr kamen, in letzter Zeit immer stiller geworden sind – und auch gar nicht mehr so regelmäßig erschienen sind. Ihre Begründungen erschienen uns aber plausibel und verständlich.

Zu viel Raum für zwei

Wir haben auch gesehen, dass zwei andere Personen viel Raum einnahmen und immer wieder ihre sehr persönlichen Themen einbrachten. Aber uns schien das im Blick auf die ganze Gruppe kein Problem zu sein. Alle hörten aufmerksam zu, alle haben die beiden und ihre Situation im Gebet mitgetragen.

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Aber scheinbar haben wir doch etwas übersehen. Wenig später habe ich die ehemalige Teilnehmerin getroffen und mich erkundigt, wie es ihr denn im Moment geht. Ihre Antwort hat mich überrascht: „Dass der Witwer seine Frau so sehr vermisst, dass er immer wieder von ihr und ihrem Tod erzählen muss, tut mir wirklich leid. Doch wenn er gerade mal ruhig war, dann hat die Finanzbeamtin ihre Probleme auf der Arbeit ausgebreitet. Das kann ich alles verstehen, aber das war mir wirklich zu viel. Mir fehlt der ermutigende Austausch, wie wir ihn anfangs hatten.“ Jetzt war ich verwirrt. Einerseits sah ich vor mir einen sehr verständnisvollen Hauskreis, der in der Lage ist, Menschen in schwierigen Situationen durchzutragen.

Andererseits sah ich eine Person, die den Hauskreis und die Gemeinde im Moment mied, weil das Durchtragen überhandgenommen hatte. Möglicherweise ging es dem anderen Ehemaligen auch so.

„Wir haben hier eine gute gemeinsame Lösung gefunden und der Hauskreis fand wieder sein Gleichgewicht, sodass alle Teilnehmenden mit der Ausgestaltung der Abende zufrieden waren.“

Enttäuscht vom Hauskreis

Mit dem Witwer hatte ich dann gesprochen. Der Tod seiner Frau lag schon Jahre zurück – und trotzdem beschäftigte ihn die Trauer um seine Frau und die Frage, ob er denn an ihrem Lebensende alles richtig gemacht hatte, mit einer ungeahnten Vehemenz. Ob er sich einer Trauergruppe anschließen möchte, ob er schon mal über ein Gespräch mit einem Trauerseelsorger nachgedacht hat? Von all diesen Angeboten hatte er zwar gehört, aber er fühle sich so gut aufgehoben und verstanden im Hauskreis. Als ich ihn liebevoll, aber direkt darauf hinwies, dass ein Hauskreis nicht der Ersatz, höchstens die Ergänzung für eine gute seelsorgerliche Begleitung sein kann, reagierte er sehr enttäuscht und war ziemlich lange sauer auf die Gruppe und auf mich besonders.

Was nehme ich aus diesem Erlebnis mit? Ich würde die Situation viel früher im Hauskreis zum Thema machen – auch und gerade dann, wenn alle scheinbar zufrieden sind. Was benötigt der Trauernde / die Kranke / der Leidende im Moment, was wünscht er sich? Vom Hauskreis, von Einzelnen? Was können und möchten wir als Hauskreis oder als Einzelne geben? Kurzfristig, aber auch langfristig. Passt das? Kommt etwas jetzt zu kurz? Wie kann das ausgeglichen werden?

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In einem anderen Hauskreis hatten wir einige Jahre später eine ähnliche Situation mit einer Frau, die aufgrund einer Krankheit viel Raum eingenommen hat. Hier habe ich schon recht früh die Lage thematisiert und auch noch mal jeden Einzelnen ermutigt, seine Vorstellungen von der Gestaltung der Abende zu formulieren. Das war hilfreich für alle – denn jetzt war klar, dass die Wünsche der anderen punktuell eben schon zu kurz gekommen sind. Und dass wir etwas ändern mussten. Einzelne haben sich daraufhin mit der Frau immer mal auf einen Spaziergang verabredet. Da konnte sie sich von der Seele reden, was sie gerade beschäftigt. Das hat den Hauskreis ein wenig entlastet und eine Atmosphäre des Vertrauens und Rückhalts geschaffen.

Als nach ein paar Wochen ihre Krankheit immer noch so viel Raum im Hauskreis eingenommen hat, haben wir gemeinsam besprochen, dass wir zwar miteinander beten können für sie und ihre Situation, aber sie im Moment mehr und anderes braucht, als wir gerade geben können. Eine andere Teilnehmerin hat vorgeschlagen, ihr bei der Suche nach einer Selbsthilfegruppe oder Therapeutin zu helfen und sie auch zum ersten Termin zu begleiten. Das hat ihr eine Brücke gebaut. Sie hat sich einer Selbsthilfegruppe angeschlossen. Im Hauskreis fühlte sie sich auch weiterhin gut aufgehoben, weil sie spürte, dass die anderen es wirklich gut mit ihr meinten. Wir haben hier eine gute gemeinsame Lösung gefunden und der Hauskreis fand wieder sein Gleichgewicht, sodass alle Teilnehmenden mit der Ausgestaltung der Abende zufrieden waren.

„Für Leitende bleibt es immer schwierig: Das Abwägen, was eine Gruppe aushalten und tragen kann und was eben nicht.“

Getrennte Wege

In einem anderen Fall sah die Lösung anders aus. Eine Frau mit großen Schwierigkeiten in Bezug auf Nähe und Distanz mussten wir bitten, dem Hauskreis fernzubleiben, weil sie sonst die Gruppe gesprengt hätte. Wir baten sie, sich um intensive professionelle Seelsorge oder Therapie zu bemühen, um ihre traumatischen Erlebnisse so zu bearbeiten, dass sie „anschlussfähig“ oder „beziehungsfähig“ werden kann. Nicht nur für eine Gruppe wie den Hauskreis, sondern auch für ihre berufliche und private Situation. Wir boten ihr an, später wiederzukommen, wenn sie für sich Verschiedenes klären und bearbeiten konnte. Einzelne haben den Kontakt auf persönlicher Ebene zu ihr gehalten, sich mit ihr auf einen Kaffee oder einen Gebetsspaziergang verabredet.

Für Leitende bleibt es immer schwierig: Das Abwägen, was eine Gruppe aushalten und tragen kann und was eben nicht. Ein Hauskreis soll ein Ort sein, an dem Freud und Leid miteinander geteilt werden kann – das sehe ich nach wie vor so. Aber manchmal sind getrennte Wege die bessere Lösung für alle Beteiligten. Dazu braucht es Mut, Entschlossenheit und Gottvertrauen.

Barbara Wehrstein ist Diplom-Informatikerin, Coach, Mentorin, Referentin und berät Gemeinden
(www.frauen-mit-profil.de / www.gemeindebegleitung.de)


Dieser Artikel ist im HAUSKREISMAGAZIN erschienen. Das HAUSKREISMAGAZIN ist Teil des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört.

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