Die Theologieprofessorin Talitha Cooreman-Guittin erlebt: Oft entdecken beeinträchtigte Menschen Dimensionen in der Bibel, die sie selbst übersieht.
Die Bibel mit Menschen zu lesen, die intellektuell beeinträchtigt sind, ist immer ein Abenteuer. Du weißt, wo du losgehst, aber du weißt nicht, wo du ankommen wirst. Das Wort Gottes hinterlässt seine Spuren bei diesen Menschen, und sie zeigen mir ihre Lebenserfahrungen. Manchmal decken diese Menschen in den Texten Dimensionen auf, die ich noch nie gesehen hatte.
Ich möchte gleich zu Beginn eine Nuance einfügen: Ich behaupte keineswegs, dass jedes Mal, wenn wir gemeinsam mit Menschen mit einer Beeinträchtigung die Bibel lesen, automatisch neue Einsichten entstehen. Dennoch ist es mir in meiner Arbeit als Katechetin für Menschen mit einer geistigen Behinderung wiederholt vorgekommen, dass ich von ihrem feinen Verständnis des Textes überrascht wurde – und von ihrer Fähigkeit, in der biblischen Botschaft bisher verborgene Dimensionen zu erspüren.
Von solchen Momenten, die von außergewöhnlicher Intensität sind, möchte ich hier berichten. Ohne den Beitrag von Menschen mit Behinderung bliebe mein Bibelverständnis unvollständig. Ihre Stimme zählt! Eine kleine Auswahl von Beispielen:
Anaïs und Jesaja
Meine Kollegin Anne und ich geben Religionsunterricht im medizinisch-pädagogischen Institut. Heute lesen wir gemeinsam aus dem Buch Jesaja:
„Doch nun spricht der Herr, der dich, Jakob, geschaffen hat und der dich, Israel, gebildet hat: ‚Hab keine Angst, ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du gehörst mir. Wenn du durch Wasser gehst, werde ich bei dir sein. Ströme sollen dich nicht überfluten! Wenn du durch Feuer gehst, wirst du nicht verbrennen; die Flammen werden dich nicht verzehren! … Du bist in meinen Augen kostbar und wertvoll und ich liebe dich … Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir‘“ (aus Jesaja 43,1-5).
Anaïs, eine junge Frau mit einem mäßigen intellektuellen Defizit, ist ganz aus dem Häuschen. „Das ist die schönste Liebesgeschichte, die ich kenne“, sagt sie uns, und wir sind ganz berührt davon, wie sie sich ganz und gar auf diesen tausende Jahre alten Text einlässt. Wie feinfühlig Anaïs den Text wahrgenommen hat, das kann eine erfahrene Bibelleserin wie mich durchaus aus der Fassung bringen.
Die Bibel ist die Geschichte Gottes mit den Menschen. Diese kraftvolle Erzählung bürstet viele heute gängige Denkweisen gegen den Strich. Dass die Heilige Schrift als „die schönste Liebesgeschichte, die je erzählt wurde“, verstanden werden kann, war mir nicht bewusst. Aber Anaïs hat mir das noch einmal auf frappierende Art und Weise gezeigt. Ihre Worte haben meinen Blick auf die Texte tiefgreifend verändert. Wenn ich von nun an einen Bibeltext erklären soll, komme ich nicht mehr an der Frage vorbei, welchen Aspekt der Liebesgeschichte diese Erzählung aufzeigen will.
Béatrice und das 5. Buch Mose
„Ich möchte auch einmal in der Messe vorlesen“, sagte Béatrice am Ende des Gottesdienstes zu mir. Ohne zu überlegen, sagte ich Ja. Aber – Béatrice kann gar nicht lesen. Doch das ist nicht schlimm. Von einer Freundin weiß ich, dass Béatrice ein ausgezeichnetes Gedächtnis hat. Sie wird den Lese-Abschnitt auswendig lernen.
Die nächsten beiden Wochen beobachtete ich, wie Béatrice die Texte langsam lernte. Es nähert sich der Sonntag, an dem sie sprechen soll. Nach dem „Gloria“-Teil im Gottesdienst gehen wir gemeinsam zum Altar. Sie hält sich am Pult fest und blickt selbstbewusst in die Versammlung. Ich schlage das Lektionar (die Ausgabe mit den Bibeltexten, die vorzulesen sind) auf, doch Béatrice kennt den Text. Mit langsamer und stockender Stimme trägt sie vor: „Mose sagte zum Volk: Der Herr wird euch einen Propheten geben wie mich“ (nach 5. Mose 18,15). Fassungslos schaue ich Béatrice an. Der prophetische Gehalt dieses Wortes ist mir bislang entgangen.
Ja, heute ist Béatrice die Sprecherin für alle, die Prophetin des Herrn. Etwas von dem unergründlichen Geheimnis Gottes kam durch sie zum Vorschein. Unfassbar, dass sich Gott festgelegt hat, sich uns auch in unserer Verletzlichkeit und unseren Unzulänglichkeiten zu offenbaren. Es ist ein Schlüsselmoment, um Gottes Geheimnis zu verstehen: Jeder kann ein Prophet des Höchsten sein! Jeder Mensch, unabhängig von seinen Fähigkeiten, ist unverzichtbar für den Leib Christi, die Kirche.
Damit meine ich nicht, dass Béatrice deswegen eine Prophetin ist, weil sie eine geistige Behinderung hat. Es wäre eine irreführende Spur, jeden Menschen mit einer Behinderung als Propheten des Herrn anzusehen. Klar, Gott beruft auch behinderte Menschen als seine Propheten. Doch man würde zu weit gehen, wenn man meinte, allein eine Behinderung bringe schon mit sich, ein Prophet zu sein.
Dieser Gedanke mag zwar tröstlich oder mitfühlend klingen, aber er enthält weder Würde noch Wahrheit. Vielmehr nimmt er den Betroffenen die Freiheit, die Rolle als Propheten auch abzulehnen. Mit aller gebotenen Vorsicht spreche ich hier also von Béatrice als einer Prophetin. Ich bin jedoch davon überzeugt: Als sie den Text vortrug, war sie dazu berufen, etwas von Gottes Weisheit zu offenbaren, die für die Welt eine Torheit ist (vgl. 1. Korinther 3,19).
Léo und die Geburt Christi
Wir bereiten eine Konfirmation vor: eine kleine Gruppe von „Zerbrechlichen“, manche mit intellektuellen Defiziten, andere mit Merkmalen aus dem Autismusspektrum oder mit anderen Beeinträchtigungen.
Wir lesen die Geburtsgeschichte bei Lukas und halten bei der Verkündigung an die Hirten inne – Menschen, die im ersten Jahrhundert n. Chr. in Palästina verachtet waren. Ich frage in die Gruppe: „Warum wendet sich Gott besonders diesen Menschen zu, die so wenig Bedeutung in der Gesellschaft hatten?“ – „Ich denke, Gott zeigt sich ihnen, weil sie es am meisten gebraucht haben, ihn zu hören“, antwortet Léo.
Zwei Dinge, die Leo intuitiv erfasst hat, werden mir wichtig. Zunächst: Gottes Handeln steht an erster Stelle. Er offenbart sich, indem er in das Leben der Menschen eingreift. Und dann: Gott lässt die nicht allein, die bedürftig sind. Ich kann nicht anders, als an die Worte von Jesus zu denken: „Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, dass du dies vor Weisen und Verständigen verborgen und es Unmündigen offenbart hast“ (Matthäus 11,25).
Dr. Talitha Cooreman-Guittin ist Professorin für Praktische Theologie an der Universität Freiburg in der Schweiz.

Dieser Artikel ist im Magazin Faszination Bibel erschienen. Fazination Bibel gehört wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag. Der Beitrag erschien zuerst im Magazin Biblioscope der Französischen Bibelgesellschaft (Alliance biblique française) und wird mit freundlicher Genehmigung in deutscher Übersetzung veröffentlicht.

Menschen mit geistigen Einschränkungen können Gott intuitiv verstehen
Menschen mit Behinderungen können möglicherweise die Heilige Schrift mit der Gabe der Intuition noch besser verstehen, die oft verlernte Gabe.
Die beste Botschaft im Universum von der Liebe Gottes kann ja, nicht in allen Nuancen, aber im Prinzip nur eine reale Liebesgeschichte sein und ich weiß auch, daß in Gott verliebt zu sein durchaus nicht pathologisch, sondern sehr normal ist. Ein Gott der nicht persönlich anwesend ist, nicht ein Schatten über meiner rechten Hand, der könnte eine gute Philosophie beinhalten. Aber er ist mehr, vorallem durch diesen doppelten Knoten in seiner sehr biblischen Zuschreibung: Gott ist in allen Dingen und alle Dinge sind in Gott. Mich fasziniert dies daher so stark, weil Gott der Herrscher über ein so gut wie unendliches Universum ist und dennoch kennt er jedes kleine Gesundheitsproblem bei mir und jederman. Derzeit wissen wir eigentlich auch (gefühlt) immer weniger auch um die Reiche dieser Welt, Albert Einstein hätte formuliert „wir wissen weniger über Raum und Zeit“ (und begreifen die Quantenphysik nicht). Theistisch ist ja schon eine Frage, ob die auch unserem Kosmos zugrunde liegende Mathematik bereits vor dem Universum vorhanden war, oder gewissermaßen im Zuge der Schöpfung entstand. Ich tendiere dahin, daß wir zwar Gott nicht begreifen können, aber wir sind Geist von seinem Geist und die Naturgesetze sind – soweit wir sie nachvollziehen können, immer logisch. Deshalb frage ich mich, da die Welt – also alles was existiert – vor dem Urknall nur so groß war wie ein (vielleicht sogar dimensionsloser) Punkt: War in diesem Punkt, schon wie der Samen in einer Pflanze, auch hier schon alles enthalten: Nicht nur die Fixsterne, Planeten, die dunkle Materie, unser schöner Planet, mein Schreibtisch und PC, sowie auch ich selbst und weil ich ja Geist von Gottes Geist bin, eigentlich immer ein Ebenbild seiner Liebe sein sollte.
Ich glaube daher auch, daß wir als Menschen einen Freien Willen haben, aber daß der Wille Gottes genauso relevant ist. Wie beides miteinander vernetzt ist, weiß niemand. Daher glaube ich auch an zwei Dinge, die mit normaler Logik nicht miteinander harmonieren können, es aber trotzdem tun: Die Bibel ist nämlich ohne Zweifel immer Gotteswort durch Menschenwort, es haben also auch Menschen entschieden welche Texte in der Bibel stehen sollen. Aber dennoch ist Gott in allen Dingen, dann ist er auch in der Bibel und es soll in ihr stehen, was in ihr formuliert wird. Und für die Auslegung der Bibel – an Jesus und dem Neuen Testament – haben wir ein großes Gehirn und können ebenso abstrahierend denken. Ich liebe nicht nur Gott sehr – wenn es auch da öfters Mängel gibt wie bei uns allen – aber bewundere ihn auch für das was er erschaffen hat. Auch wenn man fordergründig weiß, warum der Baum im Herbst seine Blätter abwerfen muss, wo es ihm doch niemand gesagt hatte. Aber bekanntlich kann mancher Baum Insekten rufen, die das Ungeziefer an ihm tilgen und ihm bei seiner Rettung helfen. Und letztlich hat Gott uns eine Art sehr guter seelischer Antenne eingebaut, die wir nutzen können und es bedarf keines anderen Gerätes als nur unseres Gehirns, um mit Gott zu reden. Es gibt auch Glaubenserfahrungen, wo jemand sich in der Seele von Gott sehr umarmt fühlt. Dies ist so, weil wir dies als Menschen brauchen, denn Liebe auch geistlicher Art muss körperlich erlebbar sein. Etwa innere Verwunderung über eine gute Predigt, was leichte Gänsehaut erzeugen könnte.
Da rechne ich also selbstverständlich damit, daß Menschen mit geistigen Einschränkungen Gott intuitiv verstehen, in dem sie einfach seine Nähe spüren. Sie haben dann ein Gefühl dafür, daß jeder Bibeltext größere Tiefen hat. Vielleicht stehen wir in der Gefahr, dies immer mehr zu verlernen.