Ille Ochs resümiert: "Ich stand immer in Bezug zu anderen und ihren Erwartungen". Davon hat sie sich jetzt befreit (Foto: Sven Lorenz, Essen).
Die Supervisorin und Tanztherapeutin Ille Ochs möchte Menschen auf ihrem Weg in die persönliche Freiheit helfen. Warum sie sich diese gerade für Christen wünscht und wie sie selbst den Weg aus der Anpassung und dem christlichem Leistungsdruck geschafft hat, das erzählt sie im persönlichen Gespräch.

Von Lara Piepiora

Das Erste, was man zu Gesicht bekommt, wenn man Ille Ochs in ihrem Haus im Sauerland besucht, sind viele grüne Wiesen, eine sehr steile Straße und schließlich ein stürmisches schwanzwedelndes Etwas. Schnuppernd werde ich begeistert von Ille Ochs’ Golden Retriever Itthai – das bedeutet „Gott ist mit mir“ – begrüßt. Dahinter taucht das sympathische Gesicht der 64-jährigen Ille Ochs auf, die sich sogleich für ihren überschwänglichen Hund entschuldigt: „Mit den Grenzen von anderen Menschen tut sich Itthai leider schwer. Daran arbeiten wir noch.“ Mir macht die herzliche Begrüßung ganz und gar nichts und doch sind wir nun schon tief in der Materie: Grenzen – fraglos ein Lebensthema von Ille Ochs.

Denn die Arbeit an und mit Grenzen ist Ille Ochs‘ täglich Brot – als ausgebildete kreative Supervisorin und Tanztherapeutin bietet sie Seminare, Gruppen- und Einzelsitzungen an, in denen sie anderen Menschen hilft, hinzuschauen: In ihrer Rolle als Supervisorin spendet sie anderen in beruflich eingefahrenen Situationen einen Blick von außen. In ihrer Rolle als Therapeutin geht es da noch tiefer: Ihre Klienten bringen Probleme im Privatleben mit, fühlen sich gehemmt und unterdrückt oder haben den Bezug zu ihren eigenen Gefühlen verloren. Nicht selten kommt da auch das Stichwort Grenzen ins Spiel: Wo ziehe ich meine Grenzen? Wann bin ich selber über meine Grenzen hinausgeschossen und fühle mich nun leer und ausgebrannt? Wo sind andere einfach über meine Grenzen hinweggestiegen?

„Ich habe mir eine Scheinidentität aufgebaut“

Diese Arbeit ist durchaus persönlich motiviert, denn eine zertrampelte Grenze – das ist es, womit Ille Ochs groß wird. Ihr Vater, ein angesehenes und aktives Gemeindemitglied einer FeG, missbraucht sie als Kind sexuell. Das unvorstellbare Ereignis verdrängt sie viele Jahre, aber eine dicke Spur dieser fundamentalen Grenzüberschreitung zieht sich durch ihr Leben: „Ich habe mir eine Scheinidentität aufgebaut, in der ich sehr angepasst lebte und manchmal auch das Gefühl hatte, mich ganz krass unterscheiden zu müssen. Nie habe ich aber hingeschaut, wer ich wirklich bin. Ich stand immer in Bezug zu anderen und ihren Erwartungen.“ Sie wird Krankenschwester, absolviert eine theologische Ausbildung, heiratet einen Pastor und arbeitet viel in der Gemeinde mit. Überall versucht sie, den Ansprüchen gerecht zu werden, es allen recht zu machen. „Das war unglaublich anstrengend und irgendwann kam auch der völlige Zusammenbruch“, beschreibt sie diese Zeit. Grenzen zieht sie damals nicht.

Trauer / thinkstock
Foto: thinkstock

Lange Jahre der Aufarbeitung folgen. Detailliert schreibt sie davon in dem 2016 erschienenen Buch „Im Käfig der Angst“, mit dem sie Menschen anhand ihrer Geschichte für die gravierenden Folgen des sexuellen Missbrauchs sensibilisieren wollte. Ihre Offenheit stößt auf ganz unterschiedliche Rückmeldungen. Viele Leute bedanken sich für ihre Ehrlichkeit. Einige wenden sich ärgerlich von ihr ab, beschimpfen sie als „Nestbeschmutzerin“. Anderen wiederum gefällt es gar nicht, dass sie in ihrem Buch auch beschreibt, wie sie ihrem Vater am Sterbebett vergeben hat – das sei doch viel zu heil.

Befreiende Wahrheit

Doch nicht nur den sexuellen Missbrauch thematisiert Ille Ochs öffentlich, sie prangert auch Probleme in Freikirchen an. Wie konnte es schließlich passieren, dass ihr Vater für so viele Jahre unbemerkt Kinder missbraucht hat? Und warum bot ihm der Rahmen der Gemeinde keine Sicherheit, sich seinen Problemen zu stellen und sich Hilfe zu suchen? Wie viel Schein und wie viel Sein ist die Gemeinschaft der Gläubigen da? An ein Interview in der Wochenzeitung „Die Zeit“ erinnert sie sich besonders genau: „Als ich das Interview sah, habe ich selber ganz schön geschluckt und dachte: Huch, das ist heftig.“ Schwarz auf weiß gedruckt, klingen ihre Worte härter als im Rahmen des Gesprächs beabsichtigt.

Bild: pixabay

Doch obwohl die Kritik scharf klingt, bereut sie sie nicht: „Es haben sich viele Menschen bei mir gemeldet, die mit dem Christsein vollkommen abgeschlossen hatten. Ich hatte Partei für sie ergriffen, für ihre Wut und ihren Ärger auf das christliche System.“ Sie wird gefragt: Wie können Sie trotzdem immer noch an Gott glauben? Warum haben Sie Ihren Glauben nicht über Bord geworfen? Dafür fallen Ille Ochs viele gute Gründe ein und so entsteht reger Austausch mit den Fragenden.

Denn eines ist mit der Aufarbeitung ihrer Geschichte auch gewachsen: ihr Glaube. Sie durchlebt eine lange Zeit der Trauer und der Wut und begreift dabei eines: „Gott hat in diesem Dreck mit mir dringesessen. Er hat während des Missbrauchs nicht irgendwo von oben zugeguckt, sondern er hat wirklich mitgelitten und ist auch jetzt in Trauer, Wut und Verarbeitung dabei.“

Gnade verstehen

Nach einiger Zeit absolviert sie eine Weiterbildung, um andere Menschen psychologisch betreuen zu können. Dabei macht sie eine weitere verblüffende Entdeckung: Immer hatte sie gedacht, als Christ Vorbild für andere sein zu müssen. Doch hier zeigt sie sich einfach, wie sie wirklich ist, mit allen ihren Schwächen und Verletzungen – und: Die anderen Teilnehmer achten sie und scheinen wie von alleine zu bemerken, dass die zierliche braunhaarige Frau einen besonderen Draht nach oben hat. „Das hat bei mir einen Schalter umgelegt: Nicht ich muss toll sein, sondern Gott ist toll!“, schmunzelt Ille Ochs. Sie versteht nun, was Gnade bedeutet: „Ich bin damit aufgewachsen, dass Jesus alles für uns getan hat. Gleichzeitig war da immer dieses Empfinden: ‚Ich muss mich jetzt so verhalten, dass es nicht umsonst war.‘ Aber das ist nicht Gnade, das ist wieder Gesetz. Leben aus der Gnade heißt: Ich bin geliebt, wie ich bin. Nichts davor und nichts dahinter.“

Ille Ochs mit ihrem Hund Itthai – das bedeutet „Gott ist mit mir“ (Foto: Sven Lorenz, Essen).

Ille Ochs hat den Traum, dass alle Christen diese Gnade und Freiheit mehr erleben. Der Grund ist einfach: „Wenn wir befreiter wären, könnte Gott mehr wirken. Im Moment machen wir noch viel zu viel.“ Dabei guckt sie auch etwas schuldbewusst: „So habe ich es ja auch immer gemacht. Und es passiert mir immer noch viel zu oft.“ Doch sie ist überzeugt davon, dass Großes passiert, wenn man loslässt, sich Gott einfach hinhält und ihm sagt: Hier bin ich. Ja, der Gedanke daran bringt sie regelrecht ins Schwärmen: „Wir könnten so viel mehr von Gottes Kraft und seinen Wegen erleben – davon bin ich überzeugt! Und das würde auch viel mehr Außenwirkung haben! Die Menschen würden nicht mehr unser Handeln sehen, sondern Gott selbst.“

Zur Freiheit verhelfen

Worte reichen Ille Ochs nicht aus, um ihre Gefühle auszudrücken (Foto: Sven Lorenz, Essen).

Dass Ille Ochs ein befreites Verhältnis zu ihrem eigenen Handeln und ihrer Leistung bekommen hat, zeigt auch die Tatsache, dass sie nun anderen psychologisch zur Seite steht. Früher hätte sie das stärker unter Druck gesetzt – denn so eine Rolle schreit ja förmlich danach, sich selbst vorbildlich zu verhalten, vielleicht sogar keine eigenen Probleme mehr zu haben? Doch Ille Ochs weiß heute: „Ich muss nicht perfekt sein, um anderen helfen zu können.“ Sie überlegt kurz und muss dann lachen: „Im Gegenteil – wahrscheinlich würden es die anderen dann gar nicht mit mir aushalten.“ Natürlich erlebt sie auch heute noch Verletzungen und Enttäuschung. Doch jetzt schaut sie hin: Warum verletzt und kränkt es mich eigentlich so?

Wenn sie anderen beim Umgang mit ihren Wunden hilft, ist ihr ihre eigene Haltung wichtig: Auch hier ist Freiheit die Devise. Ille Ochs will nichts überstülpen, für niemanden krampfhaft eine Lösung finden. Stattdessen schaut sie mit ihren Klienten, was gerade an Gefühlen und Gedanken da ist. Dabei nutzt sie einen kreativen Ansatz: „Worte und das reine Verstehen reichen oft nicht aus. Es hilft viel mehr, ins Erleben zu kommen.“ Also kramt Ille Ochs regelmäßig eine bunte Vielfalt an Material hervor: Farbtöpfe und Leinwände haben in ihrem Therapiezimmer ebenso Platz gefunden wie Musikinstrumente, Modelliermasse und eine riesige Kiste voll mit Schleichtieren und anderen Gegenständen, die sich eignen, um die eigenen Gefühle symbolisch darzustellen. Auch mit Bewegung und Tanz arbeitet sie regelmäßig.

Und während ihre Klienten mal mit Instrumenten, mal mit Farbeimer bewaffnet ihren Empfindungen auf die Spur kommen, offenbart sich Überraschendes: „Sie finden ihren eigenen Lösungsweg. Manchmal habe ich das Gefühl, ich könnte jetzt eigentlich gehen. Gerade gestern war noch jemand hier. Als er malte, konnte ich quasi beobachten, wie ihm plötzlich ein Kronleuchter nach dem anderen aufging“, freut sich die 64-Jährige und ihre Augen leuchten vor Begeisterung: „Das fasziniert mich.“

Mit Narben, aber versöhnt

Ille Ochs (Foto: Sven Lorenz, Essen)

Ihre positiven Erfahrungen haben sie nun auch zu einem zweiten Buch mit dem Titel „Ich bin so frei“ inspiriert. Für wen ist es gedacht? „Das habe ich mich während des Schreibens auch oft gefragt“, meint Ille Ochs und lacht herzlich. Dann hält sie kurz inne und ergänzt: „Es ist besonders an Menschen gerichtet, die eine Sehnsucht nach echtem, authentischem Leben haben, aber gleichzeitig merken, dass da etwas noch nicht stimmt und sie keine echte Beziehung zu sich und ihren Gefühlen besitzen. Diese Menschen möchte ich hervorlocken und sagen: ‚Mach dich auf den Weg.‘“

Dass sich der Weg lohnt, davon ist sie überzeugt. Weniger Anpassung, weniger Anstrengung und stattdessen ein In-sich- und In-Gott-Zuhause-Sein – das ist es, was sie selbst erfahren hat und sich für andere wünscht.

Und während der wunderschöne Golden Retriever um meine Beine streicht, mir diese letzten Worten noch in den Ohren klingen und ich in das durchaus zufrieden aussehende Gesicht von Ille Ochs blicke, bleibt doch noch eine Frage offen: Kann so etwas Fürchterliches wie ein sexueller Missbrauch, kann das wirklich endgültig verheilen, kann man damit wirklichen Frieden finden? Kurzum: Hat sie nun vollkommenen Frieden gefunden? Ille Ochs wiegt den Kopf und wie in unserem gesamten Gespräch wählt sie ihre Worte ruhig und bedacht: „Ich habe Narben und diese Narben bleiben auch. Das, was ich erlebt habe wird immer mein Leben prägen, wird nicht aufhören. Aber ich bin versöhnt, weil ich sagen kann: Ja, das ist mein Leben, so ist es gelaufen. Gott hat auch aus diesen Scherben noch etwas Schönes gemacht.“ Als ich ein letztes Mal auf Wiedersehen winke und ins Auto steige, nehme ich viel mit: Nicht nur einige goldene Hundehaare auf meiner Hose, sondern auch die Freude an und Sehnsucht nach einem Gott, der auch einen Zerbruch dazu nutzen kann, so viel Schönes aufzubauen.


Dieser Artikel ist zuerst im Magazin LebensLauf erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

Buchtipps

Ille Ochs: Ich bin so frei. Abgeschminkt, vernarbt und wunderschön. SCM Hänssler-Verlag.

Leseprobe (PDF)

Hier bestellen.

 

 

 

Ille Ochs: Im Käfig der Angst. Missbrauch in der heilen Welt. SCM Hänssler-Verlag.

Leseprobe (PDF)

Hier bestellen.

 

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