Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte opfert sein Leben für die Schafe. | Johannes 10,14

Von Evi Rodemann

Es war ein heißer Sommertag in den Bergen Transsylvaniens. Die Sonne schien, während wir, nachdem wir das Auto geparkt hatten, den letzten halben Kilometer zu Fuß in den Bergen zurücklegten. Von weitem war schon das Blöken der Schafe zu hören. Wir waren auf den Spuren eines Hirten, von dem wir als eine Gruppe Jugendleitende für 24 Stunden lernen wollten.

Hatten wir zuvor in der Bibel gelesen, wie von Gott als guter Hirte gesprochen wurde (Psalm 23) und uns Stellen im Neuen Testament angeschaut, wo Leitende von Gemeinden herausgefordert wurden, gute Hirten für die sie anvertrauten Personen zu sein. Aber wir stolperten auch über Beispiele schlechter Hirten. Was hieß es also, ein guter Hirte zu sein, oder wie Johannes über Jesus schreibt, ein Hirte, der sogar sein Leben für seine Schafe opfert?

Nun waren wir in der Nachmittagshitze auf dem Berg angekommen, um einen Hirten bei der Arbeit zuzuschauen. Weit und breit keine Menschenseele, aber die Moskitos fielen über uns her. Ein einsam gelegener kleiner Wohnwagen stand auf dem Feld, welcher dem Hirten als gelegentlicher Wohnraum diente. Wir hatten extra unsere Schlafsäcke und Zahnbürste dabei, um nachts wie der Hirte bei der Herde zu schlafen.

Der Hirte hieß uns per Dolmetscher herzlich willkommen und stellte sich und seine Herde vor. Er war gerade dabei, jedes seiner Schafe einmal von einer Umzäunung zur nächsten durch ein kleines Loch springen zu lassen, um sie dabei kurz zu melken und die kranken wie auch trächtigen Schafe zu untersuchen. Das ging innerhalb von Sekunden. Bei vierhundert Schafen kannte der Schäfer jedes Einzelne. Ich sah bei all den Schafen keinen Unterschied – sie sahen für mich alle gleich aus. Aber er kannte sie alle und hatte ihnen auch einzelne Namen gegeben. Er erzählte uns von Lucie, einem verstorbenen Schaf, das sich verirrt hatte und von Wölfen gefressen wurde. Dabei stiegen ihm Tränen in die Augen. Ein anderes Mal musste er aufgrund von Geldmangel vier seiner Schafe an einen lokalen Schlachter verkaufen. Vierzehn Tage lang rang er mit sich, welche vier er aussuchen sollte. Es brach ihm das Herz.

Nach dem Melken wurden die Schafe wieder in die Freiheit gelassen, grasten in der Umgebung sowie stromerten durch die naheliegenden Hügel. Als die Herde sich zu weit von ihm entfernte und er kaum noch Sichtkontakt hatte, reichte ein (undefinierbarer) Sound des Hirten: Alle vierhundert Köpfe reckten sich gen Himmel, die Schafe drehten sich langsam herum und kamen wieder in Richtung des Hirten getrottet. Das war unglaublich!

Dieser Hirte liebt seine Schafe so sehr, dass er wenig Abwechslung, Einsamkeit und verschiedenste Wetterverhältnisse (von großer Hitze bis frostigen Temperaturen) in Kauf nimmt. Tagelang begegnet er keinen Menschen, hat kein großes Entertainment-Programm, sondern ist schlicht und einfach gerne mit seinen Schafen zusammen. Man hört dabei kein Bedauern und Seufzen, sondern eine wirkliche Liebe und Hingabe an seine Schafe. Er beschützt und führt sie und wo nötig, verteidigt sie auch mit seinem eigenen Leben. Diese 24 Stunden sind tief in mein Herz gegraben. Ich habe die Liebe eines guten Hirten mit meinen eigenen Augen gesehen und persönlich erlebt. Umso mehr kann ich mir jetzt vorstellen, was Jesus damit gemeint hat, dass er der Gute Hirte ist, der sein Leben für seine Schafe gibt.

Evi Rodemann ist Theologin und Event-Managerin.

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2 KOMMENTARE

  1. Das Bild vom Hirten und seiner Schafe

    Das Bild vom Hirten und der Schafe muss man wohl heute dringend neu übersetzen. Dafür gibt es mehrere Gründe. Vor allem ist diese sehr gleichnishafte bildhafte Beschreibung, wie Gott mit uns Menschen umgeht, von der Gewöhnung an den Bibelvers und -text vorstellungsmäßig abgeschliffen. Vielleicht wie ein Bild an der Wand, welches die meisten nicht mehr wahrnehmen. Jesus ist uns in dieser Form doch sehr weit oft abgekommen von unserer heutigen Lebenswirklichkeit. Kaum jemand als Prediger, Pfarrer*in, Priester oder Gemeindeleiter*in wird heute noch stellvertretend für Jesus eine Gemeinde unmündiger Schafe leiten. Gerade die protestantische Vorstellung betrachtet – wenigstens annähernd – die Frau oder den Mann vor dem Altar als einen Ersten unter Gleichen. Es gibt hier das allgemeine Priestertum aller Gläubigen. Eigentlich ist Gott, der (bildlich) nicht auf seinem Herrscherthron über das Universum sitzt, doch stattdessen Mensch geworden, so einer wie wir, um uns wirklich auf Augenhöhe zu begegnen. Er wurde ein Bruder, der seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, als ob doch – wie im Altertum ansonsten üblich – ein Sklave oder Untergeordneter diesen Dienst versah. Gott selbst hatte sich an deren Stelle gesetzt. Er kam nicht als Herrscher, sondern als Diener. Am Kreuz, eine brutale Strafe der römischen Justiz, wurde er wie ein Verbrecher gequält, erniedrigt und mit den Begleitumständen unerträglicher Schmerzen hingerichtet. War Gott als der Mensch Jesus doch vorher schon mit den Randsiedlern, den Sündern, den Kranken und Falschgläubigen (Gleichnis vom barmherzigen Samariter) bereits ganz unten in der menschlichen Hierarchie angekommen, so ist der Tod am Kreuz dann real gewissermaßen der unterirdischste Endpunkt. Dies ist also die absolute Solidarisierung mit allen Menschen, oder außerdem mit unseren oft sehr leidenden Mitkreaturen. Dann könnte man sagen: Er ist in den vielen Kriegen und Morden der Menschheit bei den Sterbenden, den wie Abschaum behandelten Menschen in den Konzentrationslagern, sowie den Missbrauchsopfern und allen mit denen sich kein anständiger Mensch abgeben will. So ist eben Gott: Unendlich gnädig, barmherzig, der liebende Vater des heimkehrenden Verlorenen Sohn. Oder vor allem derjenige, der die 99 gerechten Schafe verlässt, das völlig an seiner Rettung unbeteiligte Schaf unter den Dornen findet, es auf seine Schulter legt und es heimträgt: Unverdiente Gnade. Am Ende der Zeit straft uns Gott mit Liebe. Wir werden Miterben der ganz neuen Welt, weil Jesus in der alten Welt hingerichtet wurde.

    Das alte Bild vom Hirten und seinen Schafen ist eines aus einer alten Zeit ohne Massentierhaltung, Massentötung kranker Kreaturen und dem Lebensmittel auf vier Beinen, welches niemals den Himmel sieht oder in der Erde wühlt. Es muss mehr übersetzt werden, denn niemand zeigt wie Gott größere Liebe als jemand, der in die tiefsten Niederungen menschlicher Existenzmöglichkeiten kommt und sich für uns alle aufopfert. Es gelingt mir nicht eine Vorstellung, dass unser Gott die Nächsten- und Feindesliebe fordert, sie aber nicht selbst praktiziert. Der Schöpfer aller Dinge und eines unendlichen Universums lässt kein Feuer vom Himmel fallen, keine Flutkatastrophe entstehen und er ist kein Hinrichter. Sondern der Erlöser und seine Möglichkeiten sind dazu in Raum und Zeit grenzenlos. Jesus ist für unsere Sünden gestorben und unsere reale Sünde ist die fehlende Liebe zu Gott und unseren Mitmenschen. Wir produzieren die Hölle selbst, möglicherweise auch die furchtbaren Geschehnisse in der Offenbarung des Johannes. Der selbst verursachte Klimawandel wird uns dann unendlich quälen und die Pandemie töten. Aber mit Gott und der Liebe sowie einer Solidarität vieler Menschen werden wir die Schwerter zu Pflugscharen machen. Da Gott nicht scheitern kann, wird die Geburt eines Neuen Himmels und einer Neuen Erde vielleicht schmerzhaft sein, aber am Ende rettet der Schöpfer uns wie und als seine Schafe. Es ist die Rückkehr ins alte Paradies einer völlig anderen Schöpfung. Jesus sagt, dass wenn wir ihn lieben, auch seine Gebote befolgen. Wir dürfen aus Liebe glauben. Jesus starb auf Golgatha und damit hat die Hölle Insolvenz angemeldet. Aber auch ein himmlisches Insolvenzverfahren dauert sehr sehr. lange.

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