Karl Barth – ein Leben im Widerspruch

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Karl Barth am Schreibtisch
Karl Barth (Archivfoto: dpa/picture-alliance)

Viele dürften es nicht bemerkt haben, aber 2019 feiern Reformierte und Lutheraner das „Karl-Barth-Jahr“. Aber wofür steht der große evangelische Theologe überhaupt? Klar, Barth war Mitbegründer der Bekennenden Kirche. „Gott ist der ganz Andere“, an diese These mag sich die/der ein oder andere erinnern. Und sonst?
Julia Enxing hat für das theologische Feuilleton feinschwarz.net die ausgewiesene Barth-Expertin Christiane Tietz gefragt.

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4 DIREKT-KOMMENTARE

  1. Gerade die Verdienste von Karl Barth machen es schwer, ihn in seiner Theologie zu hinterfragen und zu kritisieren. Dennoch scheint eine Abgrenzung von der Barthschen Theologie unumgänglich, wenn es um des Menschen ewiges Heil geht, weil eine unheilvolle Wirkung von seinen Schriften ausgeht.
    Einer der gefährlichsten Ansatzpunkte bei Karl Barth liegt, obwohl er das Zentrum des Glaubens Jesus Christus so klar herausstellte und betonte, genau in der Aneignung dieses Heiles Gottes für den Menschen. Und eben in dieser irreführenden Sichtweise ist Karl Barth heute so aktuell. In seiner (dialektischen) Ansicht stellte er alle Scheinwerte und Scheinfundamente des Menschen bloß. In einem idea-Interview verwies die Präsidentin des 36. Deutschen Evangelischen Kirchentages, Prof. Christina Aus der Au (Zürich) bei der Frage nach der Verlorenheit des Menschen auf Karl Barth und sagte: „Wenn wir Gnade ernst nehmen, darf die Rettung nicht am Glauben des Einzelnen hängen, sondern ist Gnade für die ganze Welt.“ Karl Barth und seine Schüler bestreiten bis heute vehement, dass Menschen eine Glaubensentscheidung für Jesus treffen müssen (wenn sie nicht verloren bleiben wollen – Joh 3,18) und es eine im Menschen verankerte Heilsgewissheit durch den Heiligen Geist gibt. Karl Barth bestritt vehement, dass ein Mensch hier auf dieser Erde schon ewiges Leben hat, wenn er sich Jesus anvertraut und die Vergebung seiner Schuld bei ihm sucht. Auf die Frage eines Studenten: „Herr Professor, gibt es Heilsgewissheit?“ kam seine typische Antwort: „Er gibt Heilsgewissheit“. So, als ob das ein Gegensatz wäre. Karl Barth wurde zu einem Gegner der johanneischen Aussagen, dass ein Mensch sein Heil „haben“ darf:
    „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer mein Wort hört und glaubt dem, der mich gesandt hat, der hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen“ (Joh 5,24).
    „Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wißt, daß ihr ewiges Leben habt, die ihr an den Namen des Sohnes Gottes glaubt“ (1.Joh 5,13).
    Wilhelm Busch (1897-1966), der Essener Jugendpfarrer, wurde einmal für eine Predigt kritisiert, in der er sehr stark für die Zuhörer die persönliche Gewissheit des Heils in den Vordergrund stellte. „Sie reden ja gerade so, als ob wir das Heil in der Tasche hätten“, bemängelte ein Zuhörer. Ein typischer Vorwurf der Barthianer. Die originelle Antwort von Wilhelm Busch lautete: „Hauptsache, ER hat uns in der Tasche.“
    Die Theologie von Karl Barth entlässt den Menschen letztlich aus seiner Verantwortung Gott gegenüber. Auch bestreitet sie den „Besitz der Gnade“, das „Habendürfen des Heils“ vehement. Was nützt mir heute alle herrliche Schilderung eines gnädigen Gottes, wenn dieser Gott und sein Heil ohne die Annahme dieses Angebots außerhalb von mir bleiben? Was nützt mir das schönste Haus, wenn ich es nur bestaunen kann, aber nie ein rechtmäßiger, bleibender Einwohner schon jetzt dort werden darf? Das Bekenntnis, dass ein Mensch schon heute „ewiges Leben hat“ (Joh 3,16; 5,24; 1.Joh 5,12-13), war für Barth eine unerlaubte Grenzüberschreitung, ein theologischer Gräuel.
    Mit dafür verantwortlich ist das in seinen Augen „Nichtige“ und „Absurde“ der Sünde, obwohl er an anderer Stelle vor einer „Verharmlosung der Sünde“ warnt. Die Wirklichkeit der Sünde wird bei ihm zu einer Scheinwirklichkeit. Er bezeichnet die Sünde als „ohnmächtigen Einbruch des Nichtigen“. Die Sünde sei im Grunde machtlos, weil sie Gottes Entscheidung, Seinen Sohn für uns zu opfern, nicht rückgängig machen kann. Wer will das bezweifeln? Sie würde durch den Tod Christi vergeben und damit in ihrer Wirklichkeit aufgehoben, so Barth. Für ihn ist damit auch der gefallene Mensch nicht aus der Hand Gottes gefallen, weil Gott die gesamte Welt und damit alle Menschen in Christus versöhnt hat. Damit wird für ihn das biblische Faktum vom Verlorengehen eines Menschen und einer ewigen Trennung von Gott bedeutungslos. Sünde wird in der Bibel jedoch nicht nur unter dem positiven Vorzeichen der Gnade gesehen. Dort ist sie der letzte Feind des Menschen, die den ewigen Tod zur Folge hat. Welch eine realitätsferne Einschätzung der Sünde bei Barth, wo doch die Bibel von ihren zeitlichen und ewigen Folgen so drastisch und weder beschwichtigend noch verharmlosend spricht (Röm 6,23).
    Heute wird viel von Gnade Gottes gesprochen, ohne dringlich auf die Konsequenzen einer nicht persönlich gewollten und angenommenen Begnadigung durch Gott hinzuweisen. Wir können die herrlichsten Farben von Gottes Liebe und seiner Menschenfreundlichkeit den Zuhörern vor die Augen malen. Das alles wird zu einer brutalen Lieblosigkeit und schrecklichen Lüge, wenn wir die andere Seite des noch immer bestehenden Zornes und Gerichts Gottes weglassen, von denen die Bibel an so vielen Stellen spricht (Joh 3,36; Röm 1,18; Eph 5,6). Nicht umsonst werden die letzten zeitlichen Gerichte in der Offenbarung durch die Zornesschalen Gottes ausgeführt. Erst dieser Hintergrund macht ja die Gnade Gottes so eminent wichtig und dringlich. An dieser Stelle sei nur eine Bibelstelle zitiert, die Jesus in einem Gleichnis ausspricht:
    „Dann wird er auch zu denen zur Linken sagen: Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln“ (Mt 25,41)!
    Wer die Macht der Sünde und ihre ewigen Folgen vorschnell im Tode Jesu auflöst, hat wohl vom Evangelium der Bibel nur sehr wenig verstanden. Nur die Konsequenz des ewigen Feuers, das Jesus so sehr betont, macht den dringlichen Aufruf zur Entscheidung für ihn nötig. So waren für Karl Barth tat-sächlich alle Menschen mit Gott versöhnt, unabhängig von einer Glaubensentscheidung für Jesus Christus. Ein Ringen, durch die enge Pforte einzugehen, wie Jesus es eindringlich den Menschen ans Herz legt (Lk 13,24), wird für ihn überflüssig. Der Aufruf: „Lasst euch versöhnen mit Gott“ (2.Kor 5,20) wird zur unwichtigen Randnotiz und er schob es geflissentlich zur Seite.
    Für ihn gibt es nur Menschen, die wissen, dass sie mit Gott versöhnt sind, und solche, die es noch nicht wissen. Und der bekehrte Mensch steht bei ihm genauso unter der Gnade Gottes wie der unbe-kehrte sündige Mensch. Jeder Mensch ist „von vornherein“ schon unter der Gnade. Da braucht sich der Sünder nicht mehr für die angebotene Gnade Gottes zu entscheiden, damit Gottes frei angebotene Versöhnung für ihn in Kraft treten kann. Die Entscheidung Gottes für uns Menschen lässt bei ihm die Entscheidung des Menschen für Gott gegenstandslos werden. Das Objektive, das, was Gott in Christus für uns getan hat, entmachtet das Subjektive. Das, was der Mensch in einer freiwilligen Entscheidung zu tun hat, wozu er in der Bibel aufgefordert und durch Gottes Geist befähigt wird, erübrigt sich bei ihm.
    Karl Barth ist nicht nur wegen seiner ellenlangen Sätze so schwer zu durchschauen. Er vermischt die wichtigen Aussagen der Schrift über das Heil in Christus in seiner weltumspannenden Wirkung mit dem für ihn nicht mehr nötigen Aufruf der Entscheidung für ein Leben mit Christus. Das unbedingt freiwillige und nötige Ja zu Gott verliert sich in Gottes Ja zu uns. So macht er Licht zu Finsternis und Finsternis zu Licht (Jes 5,20). In einer seiner Vorlesungen soll er einmal gesagt haben: „Am liebsten würde ich jeden Morgen einen Pietisten frühstücken.“ Warum? Weil diese den Aufruf zur Entscheidung für Christus und die Möglichkeit des ewigen Verlorengehens so vehement betonten.

  2. Ich teile die Barth-Begeisterung überhaupt nicht. Mit knapp 20 habe ich einen befreundeten Theologie-Studenten gefragt, was ich denn als wirklich gutes und aktuelles Stück Theologie für Einsteiger lesen könne. Er hat mir Barths Einführung in die evangelische Theologie (exakter Titel evtl. leicht anders) empfohlen. Ich habe mir das besorgt und war sehr enttäuscht: alles Wesentliche wurde einfach vorausgesetzt, nichts hergeleitet, begründet oder erläutert. Auf der Basis dieser Voraussetzungen arbeitete Barth dann weiter. Theologie für ohnehin schon Gläubige, ein reines Heimspiel ohne ernsthafte Gegner. Danach war Theologie für mich abgehakt und Glaube im Grunde gleich mit.

    Zum Glück habe ich zwei Jahre später zuerst eine Bonhoeffer-Biografie und anschließend „Widerstand und Ergebung“ gelesen. Das war das Richtige für mich. Interessanterweise und obwohl Bonhoeffer Barth theologisch nahegestanden haben soll, kritisiert Bonhoeffer das Voraussetzen eines religiösen a priori als Fehler der Kirche. Das ist eine elegante Formulierung für das, was mich auch an Barth so gestört hat.

    Später habe ich noch mal aus persönlichem Interesse und persönlicher Betroffenheit (ich bin Dipl.-Ing.) die Schnittstelle zu Naturwissenschaften bei Barth gesucht. Fazit: Totalversagen, Verweigerung.

    Nicht mein Theologe. Trotz aller Wertschätzung für das, was er für die Bekennende Kirche geleistet hat.

  3. Frau Tietz arbeitet das ja sehr schön heraus, wie für die christliche Gemeinde (bei Barth) ja einerseits die menschlichen (z.B. religiösen) Bedürfnisse gar keine Rolle spielen sollen, sondern nur ein Gott – der sich dann aber wiederum doch irgendwie für die menschlichen Bedürfnisse interessiert.
    Den Widerspruch hat sie aber nicht gesehen und nicht aufgelöst.
    Ebensowenig, beachtet sie dass es keinen Sinn macht, auf einer Selbstoffenbarung Gottes jenseits aller Religion zu beharren, wenn diese Selbstoffenbarung sich de facto doch immer nur durch menschliche und das heißt religiöse Vermittlung äußert. Dann wird es zum reinen Sprachgestus, wenn einer darauf besteht: Seht her, genau dieser von mir hier vermittelte Gott ist kein Produkt meiner Religion, sondern pure Offenbarung.,

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