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Die Bibel auf den Marktplatz bringen

Der Theologe und Journalist Andreas Malessa erklärt, wie man die Bibel auch säkularen Menschen schmackhaft machen kann – und verrät sein „exegetisches Credo“.

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Faszination Bibel: Andreas, in deinem neuen Buch beschäftigst du dich mit über hundert Bibeltexten und hast dir vorgenommen, sie „lebendig“ zu machen. Für wen hast du dein Buch geschrieben?

Andreas Malessa: Für die Leserinnen und Leser, die sich in der Bahnhofsbuchhandlung Reiseführer kaufen. Ein Reiseführer-Verlag sprach auf der Frankfurter Buchmesse mit mir, und die sagten: „Wir wollen Texte haben für ein Publikum, das die Bibel im Schrank stehen hat, aber nie liest. Man hat sie zur Konfirmation geschenkt bekommen, zur Beerdigung wird sie dann noch mal rausgeholt, dazwischen aber nicht angefasst.“ Wie schreibt man für solche Menschen? Nicht, indem man sich hinstellt und sagt: „Achtung, dies müsste Sie doch eigentlich angehen!“ Dies wäre bloß eine behauptete Relevanz. Sondern indem ich mein Lese-Prinzip anwende: „Du kommst auch drin vor!“ Ich frage also nicht: Wie trage ich den Abraham in das Leben des Verwaltungsbeamten im 21. Jahrhundert hinein, sondern umgekehrt: Was im Leben des Verwaltungsbeamten von heute ereignet sich ungefähr so wie bei Abraham im 3. Jahrtausend vor Christus? Da komme ich schnell auf Themen wie Vertrauen, Aufbruch, Wagnis …

Du fällst nicht mit der Tür ins Haus, aber du mutest säkularen Menschen ganz schön viel Bibel zu!
Du kannst allen die Bibel nahebringen, wenn du den Leuten eine Möglichkeit gibst, zu entdecken: „Das ist ja total aktuell!“. Um ein alttestamentliches Beispiel zu nennen: Isai führt seine sieben muskelbepackten Söhne vor – und Headhunter Samuel ist nicht beeindruckt. Das Gefühl, beim Bewerbungsgespräch den Personalchef zu enttäuschen, ist das demütigendste, was die Leute kennen. Bei diesem Gefühl hole ich sie ab. Nach dem der letzte Sohn, der letzte Rambo, gegangen ist, fragt Samuel: „Sag mal, hast du noch andere Söhne?“ Isai: „Ja, einen, aber der ist nicht da.“ Und warum ist der nicht zum Bewerbungsgespräch erschienen? Weil ihm Fürsorge wichtiger ist als Karriere. Er muss sich um die Schafe kümmern, deshalb bleibt er bei denen. Und – zack – wird er der König. Wieso? Weil Samuel entscheidet: Fürsorge und Mütterlichkeit, also die Eigenschaften dieses Mannes David (von dem wir sprechen), sind für die Karriere wichtiger als Muskeln und starker Auftritt. Das kannst du jeder Daimler- und Bosch- und IBM-Führungskraft in ihrem Seminarraum erzählen, das ist überhaupt kein Problem.

Du kannst allen die Bibel nahebringen.

Bei Pfarrern und anderen Theologen heißt es oft: Die Frage von Luther „Wie kriege ich einen gnädigen Gott?“ ist nicht mehr die Frage des heutigen Menschen. Du aber präsentierst, anknüpfend an Römer 1, die klassische Rechtfertigungs-Botschaft. Danach fragen heutige Menschen also doch?
Die Frage lautet: Wo kommt mir die Frage des gnädigen Gottes nahe? Antwort: In der ungnädigen Gesellschaft. Wenn mir zum Beispiel die Fridays-for-Future-engagierte Kollegin die Freundschaft für immer kündigt, weil ich nach Thailand und zurück geflogen bin und mein CO2-Abdruck katastrophal ist, dann trifft mich das. Denn mit der muss ich morgen früh um 9 Uhr wieder fröhlich zusammenarbeiten. Menschen sind mitunter gnadenlos. Von dieser Erfahrung aus kann ich dann weiterdenken und zur Rechtfertigungslehre kommen. Ganz abgesehen von denjenigen, die durch tragische Ereignisse ihres Lebens in die Situation kamen, sich selbst nicht verzeihen zu können. Wenn dir etwas unwiederbringlich Schreckliches passiert ist, ein Kind ist verunglückt oder sonst was, dann musst du dir ja selbst verzeihen. Das kannst du natürlich nicht – und jetzt machst du dich auch als säkularer Mensch auf die Suche nach dem gnädigen autorisierten Freispruch.

Auch Leute, die mit der Bibel sehr vertraut sind, haben ihre Schwierigkeiten. Manchmal kennt man sie zu gut oder meint sie zu gut zu kennen. Was kann ich als bibel-abgelöschter Mensch von dir lernen, wenn ich neu von der Bibel angerührt werden möchte?
Die Bibel bietet dir mehr Identifikationsfiguren an als jeder Blockbuster im Kino oder im Roman. Identifikationsfigur heißt: In ihr sehe ich befürchtetes oder ersehntes Leben. Ich geh ins Kino, weil da Geschichten erzählt werden, von denen ich sage: Das soll mir nie passieren! Suchtkrank, bankrott, geschieden oder was auch immer. Oder ich gehe ins Kino, um einen Helden zu bewundern: So möchte ich auch sein! Dasselbe findest du in der Bibel.

Ein Beispiel: Nach einem langen Zerwürfnis trifft Jakob seinen Bruder Esau. Esau kommt mit 400 Mann. Warum wohl? Weil jetzt abgerechnet wird. Die Eltern sind tot und ein Erbbetrug muss gerächt werden. Das ist eine Situation, in der sich Menschen zwischen fünfzig und siebzig bei Omas 80. Geburtstag am Kaffeetisch auch wiederfinden. Wen hat Mama damals bevorzugt? Wer ist Papas Liebling? Wer ist Sandwichkind, wer ist Nesthäkchen? Die Geschwisterreihenfolge spielt im Hinterkopf eine Rolle. Und außerdem: Wer kriegt was, wenn Oma stirbt? Es sitzen also schon „Phantome“ mit am Kaffeetisch. Und jetzt reiht der Jakob seine Besitztümer in aufsteigender Reihenfolge auf, wie in der Sparkassenwerbung: mein Haus, mein Auto, mein Pool. Wir geben mit dem an, was wir erreicht haben. Typisch menschlich. Also, den Abgelöschten, die meinen: „Ich kenn schon alles aus der Bibel“, würde ich sagen „Nein, du kennst doch nicht alles – nicht unter diesem Gesichtspunkt!“

Der ganze Reichtum der Bibel entfaltet sich erst, wenn man sie in ihrem historischen Kontext und kulturellen Umfeld versteht.


Die Bibel enthält für dich also menschliche Grenzsituationen und -befindlichkeiten. Aber darüber hinaus geht es doch auch darum, was Gott getan hat.
Ja. Aber diese Sicht kann den Blick auch versperren. Viele Fromme denken: „Ach, das muss ja wohl so stimmen, wie es da steht, denn es ist ja Gottes Wort. Also haben wirklich alle Arten von Tieren in eine Arche gepasst.” Und da tun ihnen die angeblich Bibeltreuen keinen Gefallen, indem sie einfach nur fordern: Das musst du aber glauben. Stattdessen finde ich: Die Aussagetiefe, die Klugheit, die theologische und psychologische Kenntnis, also der ganze Reichtum der Bibel entfaltet sich erst, wenn man sie in ihrem historischen Kontext und kulturellen Umfeld versteht.
Die historisch-kritische Auslegungsmethode bedeutet doch nicht: Ich kritisiere, was Gott mir zu sagen hat, und halte es für völligen Blödsinn. Vielmehr betrachte ich und unterscheide zwischen Zeitbedingtem und zeitlos Gültigem.

Mein Beispiel dafür: Eine japanische Archäologin findet in 500 Jahren in den Sedimenten unter Köln das Foto eines Teenagers, und da ist von Hand über das Bild geschrieben: „Der Junge schlägt nach seiner Mutter.“ Die bibeltreuen Ausleger sagen: „Es war ein Familiendrama, dieser respektlose Dreckskerl.“ Die nehmen diesen Text wörtlich und halten sich das auch noch zugute. In Wirklichkeit muss die japanische Archäologin fragen: Was ist mit diesem Satz damals gemeint gewesen? Nämlich etwas Harmloses: Der Junge sieht aus wie seine Mama. Das ist meine Kritik an dem sogenannten bibeltreuen Ansatz.

Ich kritisiere aber auch historisch-kritische Forschungen, die atheistisch grundsätzlich erst mal jedem Bibeltext misstrauen. Mein Beispiel dafür: John F. Kennedy sagte vor dem Schöneberger Rathaus: „Ich bin ein Berliner.“ Warum sagt er das? Weil die Nationale Volksarmee bewiesen hatte, dass sie Westberlin abriegeln kann, und weil alle Westberliner Angst haben mussten, von der Sowjetunion und der DDR überrollt zu werden. Und dann kommt ein amerikanischer Präsident und ruft ihnen zu: „Ihr steht unter dem Schutz der Vereinigten Staaten von Amerika, das kann ich euch zusagen“ und formuliert das in dem Satz: „Ich bin ein Berliner“. Historisch-kritisch würde ich jetzt alle Standesämter Berlins durchkämmen, wo die Geburtsurkunde eines John F. Kennedy zu finden ist. Antwort: Nirgends. Er ist kein Berliner, er ist irgendwo in den USA geboren, der Mann hat gelogen! Für mich ist weder der Fundamentalismus noch die historisch-kritische, misstrauische Exegese eine Möglichkeit, sondern dazwischen liegen ganz, ganz wunderbare – und abgesehen davon noch literarisch hochwertige – Erzählungen, die uns offenbarend zeigen, wer Gott ist, wie Gott ist, wie der Mensch ist und was wir miteinander zu tun haben. Das ist mein exegetisches Credo.

Danke für das Gespräch!

Andreas Malessa ist Hörfunkjournalist, Theologe, Liedermacher und Buchautor. 


Die Fragen stellte Ulrich Wendel für die Zeitschrift Faszination Bibel (Ausgabe 03/21). Faszination Bibel ist ein Produkt des SCM Bundes-Verlags, zu dem auch Jesus.de gehört. Andreas Malessas Buch, „111 Bibeltexte, die man kennen muss“, ist im emons-Verlag in Zusammenarbeit mit der Deutschen Bibelgesellschaft erschienen.

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