Die deutschen Kirchen müssen sich nach Ansicht des evangelischen Theologen Ulrich Duchrow stärker für ein alternatives Wirtschaftssystem einsetzen.
Die Glaubensgemeinschaften stellten den Kapitalismus an sich nicht infrage, beklagt der Professor der Universität Heidelberg in einem Beitrag für das Frankfurter Magazin «Welt-Sichten» (November-Ausgabe). International kritisiere die gesamte ökumenische Bewegung zwar die Macht des Marktes, in Deutschland würden entsprechende Beschlüsse aber nicht ernst genommen.
Duchrow fordert die Kirchen auf, Bündnisse mit Gewerkschaften und sozialen Bewegungen zu bilden, um Druck gegen Privatisierungen und die Herrschaft der Finanzmärkte auszuüben. Daneben müssten auch Tauschringe, Konsum- und Produktionsgenossenschaften unterstützt werden. Der Grund für die fehlende Systemkritik der Kirchen ist nach Duchrows Ansicht, dass sie von den «Mächtigen» vereinnahmt sind.
Dennoch hat die Kirche nach Duchrows Meinung die Macht, das Wirtschaftssystem zu beeinflussen. «Nicht nur Strukturen müssen verändert werden, sondern auch unser Denken und Handeln.» Als Beispiele für die Veränderungskraft der christlichen Religion nennt der Theologe den Widerstand der südafrikanischen Kirche gegen die Apartheid und die Befreiungstheologie in Lateinamerika.
Als «sehr schwach» bezeichnet Duchrow den Leitfaden für ethische Geldanlagen, den die Evangelische Kirche in Deutschland Anfang Oktober veröffentlichte. Es sei zwar ein Fortschritt, dass sich die Kirche zu Wirtschaftsthemen äußere. Der 67-Jährige vermisst in dem Papier aber Systemkritik und eine grundsätzliche Aussage zum Thema Zins.
Der Islam ist nach Ansicht des Theologieprofessors weniger stark mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verknüpft als das Christentum. Das liege daran, dass mehr Muslime den Kapitalismus als westliches Modell infrage stellten, schreibt Duchrow. Im Islam gebe es außerdem nach wie vor ein Zinsverbot.
(Quelle: epd)
