Blinde Menschen lesen mit den Händen: Sie ertasten Buchstaben, die in Blindenschrift dargestellt sind, der sogenannten Brailleschrift. Erfunden wurde sie vor 200 Jahren von einem jungen Franzosen: Louis Braille.
Von Eva Mündlein
Andreas Chrzanowski hat sich während seines Theologiestudiums die Brailleschrift selbst beigebracht. Damals konnte er noch sehen. Mitten im Abitur hatte er erfahren, dass er an einer genetisch vererbten Augenkrankheit leidet. Früher oder später würde sie zur Erblindung führen. Als es dann am Ende seines Studiums so weit war, war Chrzanowski vorbreitet – von nun an benutzte er die Brailleschrift. „Ich bin so dankbar, dass es diese Schrift gibt“, sagt er heute. „Ohne sie hätte ich keinen Abschluss machen und nicht Pfarrer werden können.“ Chrzanowski leitet die Hildesheimer Blindenmission. Es ist ihm ein Herzensanliegen, das Leben von blinden Menschen in Südostasien zu verbessern. Dazu gehört auch, dass sie die Brailleschrift lernen können. Denn: „Sie ist das A und O für den Bildungsweg.“
Sechs geniale Punkte
Erfunden wurde die Brailleschrift vor 200 Jahren – von einem französischen Teenager, nach dem sie auch benannt ist: Louis Braille. Durch einen tragischen Unfall in der Sattlerwerkstatt seines Vaters hatte er als Dreijähriger sein Augenlicht verloren. Weil er dennoch lesen lernen wollte, erfand der damals 16-Jährige 1825 eine Schrift für blinde Menschen. Als Vorlage diente ihm ein Militärcode aus 12 tastbaren Punkten, mit dem Soldaten im Krieg ihre Texte verschlüsselten. Braille entschied sich für sechs Punkte – weil diese gerade noch mit einer einzelnen Fingerkuppe ertastet werden können. In der Brailleschrift, auch Punktschrift genannt, sind sie in einem Raster von zwei mal drei Punkten angeordnet – wie sechs Eier in einem Eierkarton. Durch die verschiedenen Kombinationen der Punkte können die Buchstaben dargestellt werden.
Auf diese Weise lassen sich prinzipiell alle Schriftsprachen der Welt in Brailleschrift übertragen, auch die ostasiatischen Lautsprachen. Und noch mehr: Sogar Musiknoten, mathematische Zeichen, chemische Formeln und Strickanleitungen können in Punktschrift dargestellt werden. „Die Brailleschrift ist einfach genial“, betont Chrzanowski. „Das zeigt schon allein die Tatsache, dass sie seit 200 Jahren praktisch unverändert benutzt wird.“
Programmieren statt betteln
Die Erfindung der Brailleschrift glich einer Revolution: Sie eröffnete blinden Menschen auf der ganzen Welt den Zugang zu Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe. Allerdings gab es vonseiten der etablierten Blindenpädagogik zunächst große Widerstände gegen sie. Deshalb wurde sie erst 1878, 26 Jahre nach Brailles Tod, zur international verbindlichen Blindenschrift erklärt. Seit 2020 zählt sie auch zum UNESCO-Kulturerbe.
Wer blind ist, muss seinen Lebensunterhalt heute nicht mehr wie früher durch Betteln oder Korbflechten verdienen. Dank der Punktschrift kann er oder sie zum Beispiel Programmiererin, Bürokaufmann, Lehrerin oder Pfarrer werden. Die sechs Punkte findet man bei uns nicht nur in gedruckten Braille-Büchern, sondern auch auf Fahrstuhlknöpfen, Treppengeländern, Medikamentenverpackungen und Speisekarten.
Auch im digitalen Raum wird die Brailleschrift schon seit Längerem verwendet. Mit einem technischen Hilfsgerät, einer sogenannten Braillezeile, können blinde Menschen Texte am Computer oder Handy lesen. „Es gibt zwar Vorleseprogramme und Hörbücher, die von vielen blinden Menschen genutzt werden“, sagt Chrzanowski. Das Lesen mit den Fingern würden sie aber nicht ersetzen. Deshalb hat er auch keine Sorge, dass die Brailleschrift irgendwann ausstirbt: „Erst wenn man selbst liest, kann man einen Text wirklich begreifen.“ Wer kompliziertere Texte lesen, auch selbst Dinge aufschreiben, anderen vorlesen, Fremdsprachen erlernen oder Computerprogramme bedienen will, müsse die Brailleschrift beherrschen.
Gleichwertige Form des Lesens
Chrzanowski liebt das Lesen: „Wenn ich die Punkte unter meinen Fingern fühle, dann hüpft mein Herz!“ Das Lesen mit den Augen und das Lesen mit den Fingern haben mehr gemeinsam, als man zunächst annimmt. Das belegen Ergebnisse aus der neueren Hirnforschung: So hat ein Team von der Hebrew University in Jerusalem herausgefunden, dass dieselben Hirnregionen aktiv werden, wenn blinde und sehende Menschen Texte lesen – die einen mit den Augen, die anderen mit den Fingern. Es ist das große Verdienst von Louis Braille, dass blinden Menschen mit der Brailleschrift eine gleichwertige Form des Lesens offensteht. Als selbst Betroffener entwickelte er diese Schrift, indem er an eine Stärke blinder Menschen anknüpfte: den Tastsinn, der sich oft sensibler ausprägt, wenn das Sehen ausfällt. „Auch wenn du nicht sehen kannst: Sei, wer du bist!“ – dieser Ausspruch von Louis Braille erinnert daran, dass er mit seiner Erfindung vor allem eines wollte: blinden Menschen zu einem neuen Selbstbewusstsein und zu einem besseren Leben zu verhelfen.
Eva Mündlein ist Theologin und Redakteurin der Zeitschrift Bibelreport der deutschen Bibelgesellschaft.
INFO
Bücher in Brailleschrift sind größer, umfangreicher, schwerer und damit auch teurer als Bücher in gedruckter Schrift, der sogenannten »Schwarzschrift«. Das liegt daran, dass die Braillezeichen viel höher und breiter sind als gedruckte Buchstaben und sie in größerem Abstand zueinander stehen müssen. Für ein Buch in Brailleschrift wird auch dickeres Papier benötigt, damit die Punkte erhaben genug sind, um gut ertastet werden zu können. In Deutschland gibt es drei spezielle Bibliotheken, wo Bücher in Brailleschrift ausgeliehen werden können. Die größte davon ist das „Deutsche Zentrum für barrierefreies Lesen“ in Leipzig. Außerdem gibt es vier Blindendruckverlage, bei denen Braillebücher erworben werden können.

Dieser Artikel stammt aus der Zeitschrift Bibelreport (Ausgabe 1/25). Veröffentlichung auf Jesus.de mit freundlicher Genehmigung der Deutschen Bibelgesellschaft.
Die Deutsche Bibelgesellschaft fördert in einem Spendenprojekt die Verbreitung von Braille-Bibeln unter blinden Menschen im ostafrikanischen Staat Uganda.
Infofilm der Deutschen Bibelgesellschaft

Hallo!
Also keine vollständige Teilhabe: durch den höheren Preis sind Bücher in der Braille-Schrift nur wieder mal für reichere Personen bezahlbar.
Gruß,
Peter