Sklaverei war im Römischen Reich weit verbreitet – auch unter Christen. Der Apostel Paulus hat eine überraschende Haltung dazu.
Von Dr. Pieter Lalleman
Wenn wir verstehen wollen, welche Haltung Paulus zur Frage der Sklaverei einnahm, müssen wir uns zunächst bewusst machen, welchen Platz die ersten Nachfolger von Jesus in der damaligen Gesellschaft hatten. Der christliche Glaube war jahrhundertelang keine anerkannte Religion, und obwohl die Anzahl der Gläubigen schnell wuchs, waren sie zu Paulus’ Zeiten noch eine kleine Minderheit im großen Römischen Reich.
Sie befanden sich folglich nicht in einer Position, in der sie zum Beispiel auf die Abschaffung der Todesstrafe durch Kreuzigung dringen konnten, auch nicht auf die Abschaffung der brutalen Vorstellungen in den Arenen, eine bessere Versorgung von Witwen und Waisen oder die Abschaffung der Sklaverei. Es ist jedoch ein Missverständnis, dass Paulus die Sklaverei nicht kritisierte.
Sklaverei auf römische Art
Die Sklaverei war ein wirtschaftlicher Eckpfeiler des Römischen Reiches. Es gab Millionen von Sklaven, oft auch infolge von Kriegsgefangenschaft oder Armut. Julius Cäsar zum Beispiel machte eine Million Gallier zu Sklaven. Diese Art von Sklaverei war jedoch viel weniger schlimm als die der Schwarzafrikaner im 17. bis 19. Jahrhundert und beruhte nicht auf „Rasse“-Unterschieden.
Es wurden auch viele Sklaven freigelassen, vermutlich etwa eine halbe Million pro Jahr. Viele Sklaven arbeiteten als Kinderbetreuer oder -erzieher, Lehrer, Ärzte, Architekten und Künstler. Dennoch sah man natürlich auf Sklaven herab, und darum ist es bemerkenswert, dass Paulus sich nicht schämt, sich selbst einen Sklaven zu nennen (zum Beispiel in Römer 1,1 und 2. Korinther 4,5).
Und er schreibt sogar, dass Jesus Christus „einem Sklaven gleich“ wurde (Philipper 2,7). So etwas würde man über einen römischen Senator oder einen adligen Sadduzäer auf keinen Fall sagen. Hier sieht man, dass der Glaube an Jesus zu einer Umkehr von Werten führt. Wir wissen aus verschiedenen Quellen, dass der christliche Glaube auch deshalb für Sklaven anziehend war.
Zwischen den Zeilen radikal
In 1. Korinther 7,21-24 erwartet Paulus von Gläubigen, die Sklaven sind, dass sie ihre Situation annehmen und das Beste daraus machen sollen. Aber er gibt auch den Rat, dass ein Sklave, der freigelassen werden kann, diese Möglichkeit nutzen soll. Seine Bemerkungen in Vers 22 bringen eine radikale Umkehr von Werten zum Ausdruck.
Paulus meint, dass ein christlicher Sklave eigentlich frei ist und dass ein freier Mann, der gläubig ist, ein Sklave von Christus ist. Paulus kann Menschen nicht aus ihrer Sklaverei befreien, aber er erklärt sehr wohl, dass ihr Status in der Gemeinde davon nicht abhängt. In der Gemeinde gibt es keine Unterteilung in Sklaven und Freie, dort sind alle Menschen gleich. Diesen Gedanken bringt Paulus hier zwischen den Zeilen zum Ausdruck, und darum lesen wir schnell darüber hinweg und übersehen, wie radikal er eigentlich ist.
In Galater 3,26-28 ist Paulus viel deutlicher: „Und so seid ihr alle Kinder Gottes durch den Glauben an Jesus Christus. Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft worden seid, gehört nun zu Christus. Nun gibt es nicht mehr Juden oder Nichtjuden, Sklaven oder Freie, Männer oder Frauen. Denn ihr seid alle gleich – ihr seid eins in Jesus Christus.“
Sehr deutlich ist Paulus auch in seinem Brief an Philemon, den Besitzer des Sklaven Onesimus. Er erklärt Philemon, dass ihm Onesimus sehr viel bedeutet (Vers 12) und dass dieser Sklave „ein geliebter Bruder“ ist (Vers 16). Paulus möchte daher, dass Philemon Onesimus genauso herzlich aufnimmt, wie er Paulus aufnehmen würde (Vers 17).
Und dann gibt es noch die Anweisungen, die Paulus in Epheser 6,5-9 (und Kolosser 3,22–4,1) gibt. Sind sie nicht viel verschwommener und schwächer? Nein, das ist ein Missverständnis, denn nach Epheser 6,9 müssen Sklavenhalter ihre Sklaven ebenso behandeln, wie sie selbst behandelt werden wollen; auch das ist also wieder eine radikale Anordnung!
Die scheinbar vage Bemerkung, die Paulus in diesem Vers macht, nämlich, dass es bei Gott „kein Ansehen der Person gibt“, bedeutet ja, dass in Gottes Augen Sklave und Herr auf einer Stufe stehen! Es handelt sich also um eine Wiederholung der Aussage in Galater 3,26-28. Damit höhlt der Apostel die Sklaverei von innen aus.
Was die Kirchen hätten sehen sollen
Nach den Maßstäben von Paulus gibt es in der christlichen Gemeinde keinen Unterschied zwischen Sklaven und Freien mehr. Auf die Situation außerhalb der Gemeinde hatte er keinen Einfluss, wie ich weiter oben schon geschrieben habe.
Doch als immer mehr Menschen zu Christen wurden und das Christentum sogar zur Staatsreligion wurde, hätten die Briefe von Paulus schließlich dazu führen müssen, dass dem ganzen System der Sklaverei der Boden entzogen wurde. Man versteht im Nachhinein nicht, welche Missverständnisse die (Staats-)Kirchen dazu veranlassten, die Sklaverei bis ins 19. Jahrhundert hinein aufrechtzuerhalten und sogar selbst davon zu profitieren.
Gleichstellung für Frauen
In einem Kapitel, aus dem ich gerade zitiert habe, 1. Korinther 7, nennt Paulus auch Regeln, die die Position der Frau in der Ehe enorm gestärkt haben (Verse 1-10) – oder hätten stärken können, wenn sie besser gelesen worden wären. Die Richtlinien, die Paulus für die Ehe aufstellt, waren revolutionär, aber sie wurden meist missverstanden, weil die ganze Aufmerksamkeit sich auf etwas anderes richtete: Paulus schreibt hier nämlich auch davon, dass er persönlich dem Unverheiratet-Sein den Vorzug gibt.
In Vers 2 verbietet der Apostel Verheirateten, sexuelle Beziehungen außerhalb der Ehe zu haben – etwas, das in der römischen Welt für Männer normal war. Paulus beschränkt dadurch die Freiheit der männlichen Jesusjünger empfindlich zugunsten ihrer Frauen. In den Versen 3-4 bestimmt er darüber hinaus, dass Mann und Frau im Schlafzimmer gleich viel zu sagen haben. Christliche Männer mit heidnischem Hintergrund werden hier ebenfalls ihren Ohren nicht getraut haben, denn bei den Römern hatten Frauen in dieser Hinsicht keinerlei Rechte: Frauen waren den Wünschen und Befehlen ihrer Ehemänner ausgeliefert.
In späteren Zeiten – und beinah bis zum heutigen Tag – haben viele Leser missverstanden (oder nicht umgesetzt), was Paulus hier schreibt, weil es im direkten Gegensatz zu dem steht, was Männer in einer patriarchalen Gesellschaft normal finden. Paulus gibt den Frauen hier einen vollwertigen Status, der zur damaligen Zeit einzigartig war. Die Bibel ist frauenfeindlich? Auch das ist ein Missverständnis.
Dr. Pieter Lalleman war Dozent für Neues Testament am Spurgeon’s College, London, ist Herausgeber der Europäischen Theologischen Zeitschrift und lebt jetzt in Zwolle, Niederlande. Übersetzung: Martina Merckel-Braun

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift Faszination Bibel erschienen. Faszination Bibel wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

Ich finde, dass das eine sehr geschönte Auslegung von Paulus Worten zur Sklaverei ist.
Und offensichtlich sahen das die Christen in der Geschichte auch anders.
Denn nicht nur zu Zeiten Paulus, wo die Christen eine kleine Minderheit war, gab es Christen, die Sklaven hielten.
Fast bis in unsere heutige Zeit hinein, und da war das Christentum meist die beherrschende Religion in diesen Ländern, gab es Sklaverei bei Christen. Diese werden sich gesagt haben ‚warum auch nicht, die Bibel mit Paulus bejaht doch die Sklaverei, diese ist also Gottgewollt‘.
Selbst der Katholizismus, sicherlich keine christenkritische Institution, sieht das deutlich kritischer als der obige Text:
https://www.katholisch.de/artikel/28368-die-kirche-und-die-slaverei-von-der-begruendung-zur-gegenwehr
Allerdings: Geschichtliches whitewashing ist ja gerade in. Wohl nicht nur in den USA
Gute Auslegung! Würde und Wert des Menschen gehen auf das jüdische alte Testament zurück, der Mensch geschaffen nach dem Ebenbild Gottes
Jesus Christus und die Apostel haben auf dieses Fundament aufgebaut.
Christen sollten sehr liebevoll radikal sein
Es ist gut nachvollziehbar, dass die Christinnen und Christen noch Jahrhunderte lange eine kleine religiöse Gruppe im Römischen Reich waren, die keinerlei Möglichkeiten hatte, an den Umkehrungen aller Werte und Normen mitzuwirken. Zumal es damals die patriarchische Gesellschaft ist, Demokratie unvorstellbar war und keine Gleichwertigkeit der Frau. (Altes Testament: Die Frau sei aber dem Mann untertan. Oder: Paulus mit den Worten, das Weib aber schweige in der Gemeinde). Auch die Urchristenheit, noch zeitlich näher an der Quelle zur Gotteserfahrung, bestand auch nur aus Menschen wie wir. Und Paulus schreibt richtig, dass Jesus Christus „einem Sklaven gleich“ wurde (Philipper 2,7). So etwas würde man über einen römischen Senator, oder einen adligen Sadduzäer, auf keinen Fall sagen dürfen. Hier sieht man, dass der Glaube an Jesus zu einer Umkehr von Werten führte. Wir wissen aus verschiedenen Quellen, dass der christliche Glaube auch deshalb für Sklaven anziehend war. Revolutionär war, dass in der christlichen Gemeinde Reiche und Arme, Bürger:innen und Sklaven, (im Ideal) alle gleich waren. Geprägt noch durch die zeitliche Nähe zu Jesu Erdenweg und die Begegnung mit ihm, wurde eine neue Formulierung von Autorität wichtig. Sie lag im Dienst und daher auch im Dienen. Dass Jesus wie ein damaliger Hausknecht liebevoll den Jüngern die Füße gewaschen hat, ist heute noch ein sehr starkes gutes Ritual. Manche sehr wütenden Worten Jesu sind schlicht Übersetzungsfehler von der Jesus-Sprache aramäisch ins griechische und wieder zurück. In Griechenland gab es für bestimmte Wörte keine Entsprechung in Jesu eigener Sprache. Das Vater Unser aramäisch klingt noch liebevoller als in gutem deutsch.
Macht und Gewalt standen nicht mehr auf der Agenda, sondern Liebe. Das Kreuz ist ja nicht nur ein Erlösungssymbol und -weg, sondern ganz real so die Ablehnung von Macht und Gewalt, das Durchbrechen der ewigen Kette von Gewalt und Gegengewalt, der Überhöhung von verrechtlichter Gewalt. Man meinte , die Gerechtigkeit entstände nur durch das sogenannte „so du mir, so ich dir“.Das sollte blinde Rache ausschließen und Gewalt begrenzen, Jesus aber jedoch erweiterte dies von der Nächstenliebe noch zu der Liebe zum Feind. Zum Reich Gottes gehört, daß es Feinde nicht gibt, sondern im Ideal nur wir Menschen, die mit sich und mit Gott versöhnt sind. Der Liebe und Freundlichkeit muss ich jeden Tag zu nacheifern.
Unser Glaube ist eigentlich eine sehr revolutionäre Umkehr aller irdischen Werte. Etwa nie über einem Menschen den Stab zu brechen, 70×7 und damit immer zu vergeben. Heute sind wir, bei allem Abnehmen christlicher und kirchlicher Werte, dennoch eine (eher stille) große Mehrheit als Christinnen und Christen. Wir haben heute immer noch große Ambitionen, Salz der Erde und das Licht der Welt zu werden. Also im Raum der Welt und auch der Politik sichtbar und durchaus wohltuend zu sein. Politiker mit christlichen Genen könnten sich aus dem Populismus ausklinken, eine enge und zuspitzte Parteilichkeit ablehnen, sowie wirklich als demokratische Abgeordneten für das Gemeinwohl, den Frieden und das Überleben
im Klimawandel einsetzen. Wir könnten durchaus hier in diesem Leben ein Ebenbild der Liebe und Barmherzigkeit Gottes sein, ohne diese wieder als Macht und Einfluss nur über alle Menschen zu missbrauchen, stattdessen ein Mehr an Miteinander. Daher denke ich, dass nicht der Inhalt, aber doch das konkrete Tun des Glaubens, das Sprechen über Hoffnung , einer beständigen Veränderung bedarf.
Was wuchert, ist eher nicht chemisch reiner Atheismus, sondern Positivismus. Es war schon immer modern, nur zu glauben, was jeder sieht. Die Positivisten glauben wir könnten und sollten auch alles ändern und für diese Änderungen soll angeblich ein Gott absolut nicht notwendig sein. Der Mensch möchte schon seit der Paradieserzählung sich auf Gottes Thron setzen und selbst festlegen, was uns allen gut tut unsere Allmacht. Unsere Herausforderung heute scheint, ist hier gegen den Positivismus anzukämpfen. Dies hatte eingehend Papst Benedikt damals in seiner gelobten vielbeachteten Rede vor dem Deutschen Bundestag betont. Positivmus ist nichts anderes, als dass wir über unsere unendlichen Möglichkeiten nachdenken. Was schert uns Wahrheit, wenn dazu Alternative Wahrheiten gibt. Letztlich wird dann aus dem Guten das Böse und das Böse besiegt Gottes Liebe. Wir können das Heilige Leben, von Gott liebevoll erschaffen, zu unseren Möglichkeiten erklären. Angeblich soll der Mensch in einigen Tausend Jahren voll digitalisiert sein, man züchtet uns wie eine Ware aus dem Warenhaus als Einzelstücke nach Belieben und das Leben kann enden an jenem Tagen, in dem es in einem Terminkalender steht. Was schwach, krank, zu nachdenklich oder gutmütig ist, wird nicht zugelassen.
Dies schafft aber in der Gesamtsicht (wenn wir auch nur eine kleinere Schar globalen Christen sind), wenn wir Glauben exemplarisch leben.