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Pastorinnen und Pastoren – auf Augenhöhe?

Welche Rolle haben Pastorinnen und Pastoren in der Gemeinde? Wie hat sich ihr Selbstverständnis verändert? Ein Interview mit FeG-Pastorin Lea Lauterbach (27) und Alt-Präses Peter Strauch (82).

Zwei Menschen, zwei Generationen: Lea Lauterbach (27) ist gerade als Pastorin in der Freien evangelischen Gemeinde in Witten gestartet. Peter Strauch (82) war lange als FeG-Pastor und in überregionalen Aufgaben unterwegs. Zuletzt war er Präses im Bund Freier evangelischer Gemeinden und nun viele Jahre im Ruhestand. Jetzt sind die beiden in einer Gemeinde. Ein Gespräch über Theologie, Generationenunterschiede und Berufung.

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Peter, Lea ist 55 Jahre jünger als du. Neulich hat sie gepredigt und du warst unter den Zuhörern. Was ging dir durch den Kopf?

Peter: Ich hab mich gefreut. Ob Mann oder Frau, das spielt für mich keine Rolle. Ich habe immer gerne mit Frauen zusammengearbeitet. Meine Frau war die erste Frau hier in Witten in der Gemeindeleitung. Was viel wichtiger ist als das Geschlecht oder die Zugehörigkeit zu einer Generation: dass man echt ist.

Lea, spielt es für dich eine Rolle, ob eine Frau predigt oder ein Mann?

Lea: Ja, denn ich bin damit aufgewachsen, dass Frauen nicht predigen dürfen. Nach einem Gemeindewechsel habe ich dann zum ersten Mal erlebt, dass Frauen im Gottesdienst die Bibel ausgelegt haben und in der Gemeindeleitung gewesen sind. Ich freue mich bis heute, wenn Frauen eine Predigt halten. Als Zeichen – auch für die nächste Generation – finde ich es so wichtig, dass Frauen zu sehen sind; dass sie selbstverständlich lehren und leiten.

Euer Pastoren-Sein: Ist das Beruf oder Berufung?

Peter: Auf jeden Fall Berufung. Ich zucke aber ein bisschen beim Begriff Pastor. Den finde ich nicht so wichtig. Jesus beruft mich für einen besonderen Streckenabschnitt. Ich hab nie verstehen können, dass Pastoren, die aus dem Dienst ausgeschieden sind und andere Berufe ergriffen haben, als Versager angesehen wurden. Das war zumindest früher so. Ich mag auch den Begriff „hauptamtlichen Dienst“ nicht. Die Gemeinde setzt sich nicht aus Hauptamtlichen und Laien zusammen. Sondern: Ich bin als Pastor von Gott in eine besondere Verantwortung berufen worden. Wie andere auch.

Lea: Ich sehe das ein bisschen anders. Ich spüre da auch eine große Verantwortung, eine große Freude und vielleicht auch eine Last. So lange bin ich ja noch nicht dabei. Ich verstehe mich aber als Pastorin, habe meine Berufung zu meinem Beruf gemacht.

Der Trend sagt, dass viele jüngere freikirchliche Pastorinnen und Pastoren nach ein paar Jahren andere Berufe ergreifen. Ist das fehlendes Durchhaltevermögen oder wachsende Freiheit?

Lea: Unsere Hochschule in Ewersbach ist seit ein paar Jahren staatlich akkreditiert. Wir machen dort unseren Bachelor und Master. Wir können im Bund FeG anfangen und können dann bleiben oder woanders hingehen. Das ist eine große Freiheit.

Peter: Wir waren damals im Predigerseminar und es war allen klar, dass unsere Reise in Freie evangelische Gemeinden gehen würde. Zwei Gedanken dazu: In meiner Zeit als Bundessekretär habe ich Pastoren und Gemeinden beraten. Da waren viele Pastoren dabei, die haben sich durch ihr ganzes Berufsleben gequält, hatten aber keine Alternativen. Insofern hat Lea recht mit ihrem Lob der Freiheit. Aber es geht bei mir auch ein Warnlicht an. Manche tragen ihr Pastorensein auch vor sich her. Und dann entsteht oft ein Gefälle: Ich verstehe die Bibel richtig. Ich bin weiter als du. Ein bisschen von oben herab.

Lea: Ich überlege gerade, ob das ein neues Phänomen ist. Kirche war doch immer schon ein Ort, in dem Macht ausgeübt wird. Und tatsächlich ist es ja so, dass sich mit dem Titel ein bisschen was ändert.

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Wie ist das für dich?

Lea: Mich haben manche schon ganz ernsthaft mit „Frau Pastorin“ angesprochen. Für unsere internationalen Freunde bin ich „pastor Lea“. Da zucke ich dann etwas. Ich habe Respekt, weil ich merke, dass das, was ich sage, plötzlich mehr Gewicht hat als noch vor ein paar Monaten.

Als Pastorin bin ich nicht so sehr Macherin, sondern Ermöglicherin.

Lea Lauterbach

Du hast in gewisser Weise Macht.

Lea: Ja, das ist wohl so. Aber diese Macht will ich nicht missbrauchen und da sensibel sein. Das war in unserem Studium ein wichtiger Punkt, weil es da auch so viele Negativ-Beispiele gibt. Wichtig ist mir aber vor allem, dass ich als Pastorin nicht so sehr Macherin bin, sondern Ermöglicherin. Mich investiere in andere Menschen und sie zum Zug kommen lasse.

Peter, wie hörst du das?

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Peter: Ich bin damit sehr einverstanden. Es darf nicht drum gehen, Fans zu haben oder zu suchen. Das geht schnell. Und du musst einer Versuchung widerstehen, Lea: Es gibt immer Leute, die erwarten, dass du der „King“ bist oder in deinem Fall die „Queen“. Das liegt oft an der Prägung und am Pastorenbild.

Wird Lea ernst genommen?

Peter: Ich hab da kein Problem. Aber ich sehe, dass da ein paar Hürden zu nehmen sind. Manche werden sagen: Die jungen Leute sollen erst mal unsere Erfahrungen machen, und dann können sie mir was predigen oder beibringen. Das stimmt aber nicht. Richtig ist: Wir sind in unterschiedlichen Wirklichkeiten unterwegs, wir alle bringen unterschiedliche Erfahrungen mit. Wenn ich anfange, meine Welt von gestern zum Maßstab zu machen, dann läuft es schief.

Lea: Bist du mit diesen Ansichten vielleicht deiner Generation voraus? Nach einer Pastorenkonferenz haben wir uns als jüngere Pastorinnen und Pastoren getroffen. Jede und jeder hatte mindestens ein Gespräch, in dem der Satz fiel, dass wir Jüngeren „alle nicht mehr so belastbar“ wären.

Es gibt eine Gefährdung im Alter: Wenn man nicht mehr in der Verantwortung ist, wird man zum größten Kritiker seiner Gemeinde.

Peter Strauch

Peter: Die FeG-Pastorenschaft in ihrer Gesamtheit kann ich nicht beurteilen. Aber ich glaube dir, Lea, diese Erfahrungen natürlich. Es gibt eine Gefährdung im Alter, nämlich die: Wenn man nicht mehr in der Verantwortung ist, wird man zum größten Kritiker seiner Gemeinde. Ich gestehe, auch ich habe manchmal diese Tendenz. Zum Glück habe ich eine Frau, die mir hilft, das nicht zu tun. Sie erinnert mich dann daran, wie sehr uns das genervt hat, wenn die „alten Brüder“ uns ungefragt belehrt haben.

Noch mal zur Theologie …

Peter: Unsere Theologie – meine Theologie – war ganz stark missionarisch geprägt, evangelistisch. Mein primäres Ziel war, alles dafür zu tun, dass Menschen den Glauben finden. Und unsere Zielgruppe waren sehr stark Leute, die mit dem Glauben nichts zu tun hatten. Im Unterschied dazu erlebe ich heute, dass sich die Predigten stärker um Lebensbewältigung drehen. Ich sitze manchmal da und frage mich: Warum sagst du nicht mal, wie man Christ wird?

Lea: Ich glaube tatsächlich, dass wir heute etwas anders missionieren. Wir kommen nicht mit der Betonung der Sünde, sondern von Lebensthemen her, die heute alle beschäftigen. Fragen, die sich Christen wie auch Nichtchristen stellen.

Peter: Ich fühle mich nicht ganz verstanden. Lebenswelt finde ich auch gut. Aber wir predigen heute oft so, als ob alle, die da sitzen, bereits Christen wären. Das empfinde ich auch ein wenig übergriffig. Da wünsche ich mir eine Einladung zum Glauben – auch im Gottesdienst.

Den Unterschied kann man vielleicht so beschreiben: Du, Peter, betonst stärker den Begriff der Umkehr, Lea den Begriff des Hineinwachsens.

Peter: Das kann gut so sein.

Lea: Ich glaube, der Unterschied ist: Du wünschst dir das von der Kanzel oder einen Aufruf im Gottesdienst. Das kann ich mir auch mal vorstellen. Dann darf es nur nicht manipulativ sein. Ich war auf Freizeiten, da gab es so einen Sog nach vorne.

Peter: Ich weiß genau, was du meinst.

Lea: Mein Ansatz ist es eher, Menschen zu begleiten und in eine Beziehung zu Gott zu bringen. Da kommt dann auch irgendwann ein Moment der Umkehr. Aber es ist mehr ein gemeinsamer Weg. Vielleicht muss ich das andere aber auch noch lernen. Ich nehme das mal mit.

Zum Schluss: Gebt einander doch einen Satz mit.

Peter: Die Vielfalt ist wichtig. Da hat Lea recht, und dazu mache ich ihr Mut. Lea, ich wünsche dir, dass du dein Instrumentarium findest und dabei vor allem echt bleibst.

Lea: Peter, ich bewundere sehr, wie du dich noch interessierst und einbringst. Ich wünsche dir und hoffe, dass du das beibehältst und nicht resignierst, wenn Dinge anders laufen, als du es dir wünschst.

Das Gespräch führten Martin Gundlach und Linda Hornischer.



Das vollständige Interview ist in der Zeitschrift LebensLauf (Ausgabe 1/26) erschienen. LebensLauf ist wie Jesus.de ein Angebot des SCM Bundes-Verlags.

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13 Kommentare

  1. Das Problem liegt bei dem „Echt-sein“.
    Mach einen Christen zu einem Pastor (oder einer Pastorin), und er fängt an. eine Rolle zu spielen.
    Er muss die Erwartungen der „Gemeinde“ erfüllen, daneben die des Verbands und nicht zuletzt seine eigenen.
    Er darf niemandem weh tun und niemanden verprellen, muss also die biblischen Ideale herunterschrauben auf ein erträgliches Maß.
    Er muss den Superchristen spielen, der keine eigenen Probleme haben darf oder zumindest gut verstecken muss.
    Er muss permanent Erfolge vorweisen, um seine Existenz zu rechtfertigen, auch wenn es gar keine wirklichen gibt.
    Es ist geistlich gesehen eigentlich eine elende Existenz …

    • Ich habe in den vielen Jshren als Christ sehr verschiedene Arten von Pastoren kennen gelernt, vom ‚ich mach nur meinen 40 Stunden Job Pastor‘ bis hin zum sehr linken, viel anerkennen, aber sehr sozial engagierten. Vom Pastor, der zurückhaltend (positiv) verwaltend tätig war bis hin zu einem, der aus dem Nichts eine engagierte große Kirchenjugend aufbaute.
      Missionarische Pastoren und solche, die einfach da waren, wenn man die brauchte.

      Aber dein beschriebener Typ ist mir nie begegnet.

        • Wir sind alle gerettete Sünder(innen)

          Lieber Ulrich Wößner, ich meine es positiv und mir geht es nicht immer darum, alles von Ihren Kommentaren zu kritisieren. Ich arbeite auch nicht mit absoluten Wahrheiten. Aber wenn Sie schreiben, dass „Pastor oder Pastorin anfangen eine Rolle zu spielen und biblische Ideale auf ein erträgliches Maß herunter schrauben“, DANN IST DIES SCHON EIN DICKES DING ! Erstens sind wir alle nur Menschen und gute Mensch bzw. auch sehr ernsthafte Gläubige versuchen sich immer nur ihren eigenen Idealen eher bescheiden anzunähern – abgesehen von jenen die es leider in jeder Richtung niemals tun. Wären wir vollkommen, bräuchten wir als Gesunde keinen Arzt. Erlösung wäre überflüssig. Nicht nur das aufgeklärte Lieschen Müller und der Mann von der Straße als Jesusanhänger wissen, sie kochen nur mit Wasser, auch wenn sie das Beste wollen. Ob Sie wollen oder nicht ,Sie machen den Eindruck, jeder Andere stände hinter ihrer Frömmigkeit zurück. Selbst die Jünger sind nicht so gewesen, sondern eigentlich eine sympathische Gurkentruppe und einige hätten gern einen Platz in der himmlischen Regierung ergattert. Übrigens zum Schluß: Psychologisch spielt jede/r im Leben, unterschiedliche Rollen. Zuhause oft andere als in der Öffentlichkeit, in jesus.de genauso wie unter guten Bekannten. Es geht im Leben um echte Liebe, zu Jesus, zu Gott, zu jedem und jeder. Mein Gott liebt mich auch unvollkommen. Ich bin ein Sünder wie mein Kirchenpräsident, der Papst, oder der sich geisteskrank darstellende Donald Trump.
          Als Bibelkenner wissen Sie es besser als ich: „Wir sind allzumal Sünder und mangeln des Ruhmes, den wir vor Gott haben sollten“!
          Damit es Sie beruhigt, den gleichen Maßstab lege ich auch an mich an. Ich kritisiere an Ihnen, was ich an mir sehr kritisch sehe.

  2. Ich denke, in der heutigen Gesellschaft sollte jeder Mensch, ob Mann oder Frau die Rolle kennen, in der er zum einen selbst steckt un d die, in die er sich hineinversetzen kann, wenn er sein Gegenüber betrachten will.

    Der Papst und Väter stehen der Kirche und Müttern gegenüber immer anders im Wort, als umgekehrt, denn zwischen ihnen wächst die Zeit des Verstehens um die jeweils eigenen Bedürfnisse. Das beinhaltet die Rücksichtnahme (Bekehrung) aufeinander, indem ich mich zurücknehme und damit die Rolle des anderen annehme (geistig) um zu verstehen, was sein Leben bewegt, um es in meinem Leben aufzunehmen oder auch wiederzufinden und damit der jeweiligen Rolle gerecht zu werden.

    Ich muss nicht alles können, doch sollte ich im Bemühen um das Leben, seine Rolle kennen, bevor ich ihr eine Macht (übergeordnete Sichtweise aus der ihr eigenen Perspektive) gebe. Das verstehe ich unter der Würde des Menschen, ein Zusammenbringen des Lebens, das sich in seiner jeweiligen Rolle als Meister des Interpretierens (Jesus) durch seine Konstante (Gott) täglich wiederholt, bis es bei ihr angekommen, seinen Weg fortsetzt.

  3. Erste unter gleichen

    Pastorinnen und Pastoren sollten immer auf Augenhöhe sein. Ich habe in der Ev. Landeskirche immer solche Pfarrerinnen und Pfarrer erlebt, aber Ausnahmen von der Regel gibt es immer. Bei uns Protestanten in den Noch-Volkskirchen sind diese Berufschristen in den Leitungsgremien der Kirchengemeinde (Kirchenvorstand) immer erste unter Gleichen. Sie leiten gemeinsam mit dem Kirchenvorstand. Dies ist ein gutes Modell, aber es gibt es in der Kirche immer auch unvollkommene Menschen, bzw. Konflikte sind stets möglich. Ich halte eine demokratische Leitungsstruktur und zudem auch flache Hierarchien in christlichen Kirchen eigentlich für selbstverständlich, aber es ist immer noch Luft nach oben. Faktisch dürfte dies auf Gemeindeebene bei unseren römisch katholischen Christen auch so sein, wobei sich die Ehelosigkeit der Priester 2000 Jahre nicht bewährte und die Gleichberechtigung für Frauen im Bezug auf kirchliche Ämter defizitär ist, da hier leider das katholische Kirchenrecht weder der Neuzeit entsprich, noch unbedingt eine biblische Weisheit wiedergibt. Ich hoffe, dass in der Praxis aller Kirchen in der Ökumene Menschen auch mit einer anderen Sexuellen Orientierung keine Sünder:innen mehr sind, weil diese Ansicht biblisch nicht bestätigt und in Antike und Mittelalter leider noch verharrt ist. Gefühlt denkt nach meiner Einschätzung aber eine ganz große Mehrheit doch so, dass Gott jeden Menschen voraussetzungslos liebt und wie er ihn selbst erschaffen hat. So muss jede/r dann auch sein dürfen. Die Antike dachte die Menschen mit einer anderen Sexualität an sehr sektiererische Geheimkulte bzw. an Orgien. Heute geht es darum, dass ein Mensch nur so sein kann wie es seine eigene Biologie vorgibt. Insofern könnte beim Vorurteil bereits die Unmenschlichkeit beginnen. Was ich dies auch unter dem Thema „Leitung“ schreibe: Weil es doch sehr wichtig ist, dass Leitung Vorbild ist auch bei ethischen Einstellungen und solche Einstellung sind eher sehr selten unchristlich: Liebe Gott, deinen Nächsten und dich selbst, ist eine positive kurze Zusammenfassung von Jesus über unser christliches Wertegerüst und damit ist alles bereits ausgedrückt, wo wir niemals säumen dürfen.

  4. Peter Strauch ist ein Begriff in evangelikalen Kreisen und geschätzt ! Die Dame ist mir unbekannt.
    Eigentlich ein schönes Interview, aber es ist doch seltsam, die Bibel hat Leitungsämter und Predigtdienst vor der Gesamtgemeinde den Männern vorbehalten. Und hier ist das eigentlich schon gar kein Thema mehr, ist das die hohe Kunst der Verdrängung?

    • Es hat einen langen Bart, die Bibel wird ausgelegt

      Lieber Stammtischbruder, glaubst du wirklich, die Bibel habe Leitungsämter und Predigtdienst vor der Gesamtgemeinde den heutigen Männern vorbehalten und damit Kriterien auszudrücken, die nach 2000 Jahren noch gültig sind. Wenn ich dies recht sehe, ist die Bibel doch zunächst die Überlieferung der Gottes- und Glaubensbegegnungen aus mehr als drei Jahrtausenden und dann noch eine Bibliothek verschiedenster Themen.
      Theoretisch könnte ich oder jeder andere Zeitgenossen heute seine private Bibel schreiben, wenn er seine Begegnung mit Gott schildern wollte.
      Aber ihre Texte und Bücher haben Menschen aus weiteren Sammlungen zusammengestellt. Die Bibel ist zurecht unser Glaubenskompass, aber nicht für uns von Engeln im Himmel geschrieben und sie ist keine Art von Gesetzbuch, welches unverrückbar wortgleich anwendbar wäre. Christen aller Richtungen haben einst feierlich bekannt und unterschrieben, dass hier die Bibel immer Gotteswort durch Menschenwort ist und am Neuen Testament und an Person und Werk ausgelegt werden muss und darf. In einer patriarchalischen Gesellschaft waren Männer Familienoberhäupter, und damit für alle Frauen, Kinder und Diener:innen. Wenn Abraham nicht sechs Frauen gehabt hätte, wäre er in das Problem gekommen, dass ihn im Alter niemand mehr in seinem Zelt pflegte und in sehr kalten Wüstennächten wärmte. Zu Jesu Zeiten gab es kein Standesamt und ob Maria mit Josef verheiratet war, ist mit heutigem Begrifflichkeiten nicht auszumachen. Wenn zu Jesu Zeiten sich Hausstände taufen ließen, dann darf man hier nicht romantisierend annehmen, dies sei nur eine Einzelentscheidung gewesen, es war dann eine Taufe eines Hausstandes einschließlich der Dienerschaft. Die Frauen beschrieb Petrus als geschwätzig, weil sie erzählten Jesus sei auferstanden, sie hatten solches einfach nicht zu behaupten. Dieses „die Frau aber schweige in der Gemeinde“ vom Apostel Paulus war eindeutig dem Zeitgeist zugeschrieben und keinerlei absolute Wahrheit. Dass Adam über dem Weib Eva steht, war für das Verständnis damals so normal wie für uns die Wetternachrichten. Wir müssen heute Ethik und Normen zeitgemäß und nicht legalistisch formulieren. Denn die Zeitalter, als die Erde noch eine Scheibe war, mussten einerseits stabil und brutal zugleich sein, aber auch andere Normatierungen besitzen. Was die 10 Gebote und die Bergpredigt (und Bergrede) wo wertvoll machen, ist ihre schlichte, einfache und zeitlose Formulierung von Grundwerten, auf denen auch die Menschenrechte fußen und die Regeln auch der heutigen Gerichtsbarkeit (etwa dass Strafe resozialisieren soll). Die Bibel kann nicht dafür zuständig sein festzuschreiben, dass Frauen und Männer sowie Queere Menschen nicht gleichberechtigt sind. Moderner war da schon ein Martin Luther, der für Protestanten festlegte, dass die Ehe eine irdische Form der Zweisamkeit ist, aber nicht eine von Gott eingesetzte himmlische Wahrheit wie Taufe und Abendmahl ist. Die Bibel darf man auslegen und man muss es. Ich halte evangelikale Menschen nicht für bessere Christen als jene die vielleicht charismatisch oder liberal sind. Dass dies das Einsortieren in Glaubensschubladen ist, ,halte ich nicht für sinnvoll. Es ist Realität, dass wir die vielen Kirchen heute als Einheit in der Vielfalt lieben. Wer die ganze Bibel in seine Betrachtungen nimmt kann feststellt, was ihm die Texte wichtig machen und hier individuelle Haltungen festlegen.
      Es ist nicht verboten, Gott persönlich zu fragen und auch sein Gewissen zu kontaktieren, wenn wichtige Entscheidungen schnell notwendig sind,

      • „Theoretisch könnte ich oder jeder andere Zeitgenossen heute seine private Bibel schreiben, wenn er seine Begegnung mit Gott schildern wollte.“ Ein Satz möglichweise nur leichtfertig dahergesagt, aber mit weitreichenden Konsequenzen.
        Schreiben wir schwache Menschen jetz also auch schon „heilige Schriften“ ?
        Genauso fällt man in religiös Bodenlose, degradiert Gott, seine Boten und sein geschriebenes Wort.
        Der Mensch macht sich zum Maßstab, er legt nicht aus, er sortiert aus und geht dem Teufel auf den Leim !

        • Jeder darf über Lebenswunder nicht nur schreiben

          Da wieder ist es eine falsche Annahme, zumindest was mich betrifft und ich habe es in aller Freiheit (vielleicht auch mit Mut) hier in jesus.de geschildert (ist aber schon lange her). Ich hatte eine sehr seltene Gesundheitsstörung, konnte mich mehr bewegen, hatte Angst zu ersticken, betete und da berührte mich Gott innerlich mit einer sehr großen Zärtlichkeit. Tage später kamen zwei mir unbekannte junge Männer, die mich nach Zufallsmethode zum Ev. Jugendkreis einluden. So wurde ich Stammgast bei Jesus.
          Man hätte schreiben können, ich hätte ein großes Licht gesehen (das aber wäre Bildsprache). Gott entzieht sich Beschreibungen.

          Einmal stand eine Person an meinem Bett, ich träumte es. Sie sagte: Gehe zu deiner Ärztin, du hast eine schlimmer Krankheit. Ich hatte ein symptomloses Onkozytom, wenn man es nicht schleunigst operierte. Der Eingriff dauerte dann auch 5,5 Stunden. Auch dies habe ich hier freimütig geschildert und überall herumerzählt. Soviel Bauchgefühl wäre größer als das Traumgesicht-Wunder.
          Der mir so – als Engel im Traum Geschickte – hatte mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit vom Krebs bewahrt.

          Ein sehr guter alter Bekannter, längst 100jährig verstorben, war ein höherer SS-Offizier und bekam in den allerletzten Kriegstagen den Befehl, ein ganze Dorf zu ermorden, vom Baby bis zum ältesten Mann. Er lehnte dies spontan ab und wurde fast zeitgleich vom Standgericht direkt zum Tode verurteilt. Als die Waffen abends angelegt wurden, ging ein Schrei durch die Menge und alle verschwanden, bis auf den erstaunten Pfarrer. Der Krieg war zu Ende, alle flüchteten in den Frieden. Der eine Mann wurde auf der Stelle ein Christ, wie Saulus zum Paulus, später der Ein-Mann-Schauspieler in der Erzählung seiner eigenen Geschichte sowie u. a. auch in seiner Bejahung der Frage, dass Jesus auch für Judas am Kreuz starb. Auf seine Weise predigte er zumeist vor Ostern in vielen evangelischen und katholischen Kirchen, diesbezüglich auch in Wien. Er war immer ein sehr undogmatischer überzeugter katholischer Christ, sein Sohn wurde selbstverständlich nur ein Priester. Wunder gibt es immer wieder, auch in meinem Leben. Er schrieb auch Bücher, die allerdings – aber ich sage dies in aller Bescheidenheit – die literarischen Fähigkeiten war eher marginal.

          Aber ich habe oft das Gefühl, dass Jesus und Gott keine Theologen sind. Derzeit beschreibe ich, woraus vielleicht auch ein Buch werden könnte, auch mit biografischem Roten Faden, meinem Glauben. Wenn es gelingt, gebe ich auch dem Stammtischbruder gerne ein Exemplar. Ich habe keinen Beweis, aber doch eine hohe Zuversicht, dass Gott meine Gedankenfreiheit unterstützt, aber dann doch mit seinen Bedingungen versieht. Jedenfalls wird mein Plan gelingen, oder nicht gelingen und dann soll es so auch sein. Im übrigen glaube ich als eingefleischter Protestant, dass gläubige Christen Heilige sind, aber nicht in der Vollkommenheit. Also ich mache mich nie selbst zum Maßstab, das taten nicht Moses, Abraham, Petrus oder Paulus, sie erzählten nur ihre Wunder

        • Ich denke, Du siehst das viel zu eng und zu negativ.

          Im Judentum z.B. ist so was normal:
          – Es gibt die Tora
          – Es gibt den umfangreicheren Tanach
          – Es gibt den Talmud (eigentlich sogar 2) als Erläuterung und Diskussionsgrundlage
          – Und es gibt immer wieder Schriften großer jüdischer Theologen und Philosophen (Maimonides oder Raschi z.B.), die fast auf dieser Ebene stehen.

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