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Corona-Virus: Unterwegs auf Querdenker-Demos

Was geht in Menschen vor, die Woche für Woche auf den Demos der sogenannten Querdenker mitlaufen? Was denken sie? Seit Anfang 2020 begleitet der christliche Journalist Martin Schlorke Anti-Corona-Demos und dokumentiert, was er dort erlebt.

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Martin, auf wie vielen Demos warst du im vergangenen Jahr? 

Martin Schlorke: Die ersten Demos, die ich zu Corona mitgenommen habe, waren Ende April, Anfang Mai. Damals, als Attila Hildmann und eher „finstere“ Gestalten unterwegs waren. Der Berliner Senat hatte die Teilnehmerzahl erst auf fünfzig, später auf hundert begrenzt. Seitdem war ich fast jedes Wochenende auf irgendeiner Demo. Samstags und Sonntags haben oft mehrere Veranstaltungen parallel stattgefunden, da bin ich quasi von Demo zu Demo gesprungen. Also insgesamt so 20 oder 30.

Wie gehst du auf einer Demo vor?

Ich spreche gar nicht in erster Linie Leute an, sondern beobachte viel. Ich habe als Kind diese Wimmelbücher geliebt, wo man stundenlang irgendwelche Geschichten anschaut und immer wieder was Neues findet. Ein Stück weit erinnern mich Demos genau daran. Man findet sich in einem riesigen Wimmelbild wieder und egal, wo man hinguckt, man sieht und hört die verschiedensten Geschichten. Trotzdem suche ich natürlich auch häufig das Gespräch mit Teilnehmenden.

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Einige Forderungen der Querdenker haben mit Corona eigentlich gar nichts zu tun, oder?

Genau, das ist mein Eindruck, den auch Kollegen bestätigen. Als Querdenken seine Anfänge in Berlin hatte, ging es tatsächlich um die Maßnahmen, die aus Sicht der Demonstrierenden übertrieben waren oder zu sehr die Freiheit einschränkten. Jetzt findet man kaum jemanden mehr auf den Demos, der sich konkret zu den Maßnahmen äußert. Es geht immer mehr um allgemeine Kritik am System und an der Regierung als solche. Man kritisiert, dass Medien und Regierung unter einer Decke stecken würden. Es geht um solche und ähnliche Verschwörungsmythen.

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Würdest du die Querdenker-Bewegung als extremistisch bezeichnen?

Meiner Erfahrung nach sind NPD-Kader und Reichsbürger auf diesen Demos unterwegs, auf der anderen Seite laufen da auch Umweltaktivisten und Altachtundsechziger, sogar Hare Krishna rum. Es ist ein buntes Potpourri von Menschen. Deswegen kann man nicht sagen: Das ist per se extremistisch. Ich finde es jedoch brandgefährlich, was für Ideologien und Verschwörungstheorien dort geteilt werden. Nicht ohne Grund hat der baden-württembergische Verfassungsschutz angekündigt, sie als Beobachtungsfall einzustufen. Aber ich würde Querdenken als Ganzes nicht in eine Kiste stopfen.

Wurdest du schon mal tätlich angegriffen?

Körperlich wurde ich einige Male angegangen. Man wird angehustet, angerempelt, zur Seite geschoben. Kürzlich war ich bei einem Marsch gegen die „Lügenpresse“, da hat mich einer so sehr bedrängt, dass die Polizei dazwischengehen musste. Wegen mir wurden auch schon mal Lügenpresse-Gesänge angestimmt. Das war für mich persönlich schon bitter, so wahrgenommen zu werden. Aber wenn die Medien oder die Regierung als Ganzes beschimpft werden, geht mir das nicht nahe. Ich glaube, ansonsten ist es auch schwierig auf den Demos zu bestehen.

Du sprichst auf den Demos auch gezielt Christen an, die sich als solche zu erkennen geben. Verhalten sich Christen anders als die Masse der Demonstrierenden?

Es gibt erst mal nicht „die Christen“ auf diesen Demos. Die Menschen sind super divers und kommen aus vielen verschiedenen Hintergründen. Aber natürlich sind manche auffälliger. Es gibt zum Beispiel eine Gruppe „Christen im Widerstand“, die sich in Berlin gegründet hat und auf den Demos Lobpreis machen, während zwanzig Meter daneben Reichsbürger stehen und ihre Fahnen schwenken.

Machen sie das, um die Stimmung aufzulockern oder triffst du auch auf Christen, die mitdemonstrieren?

Leider machen die Leute das nicht, um positive Vibes zu verbreiten. Sie beten beispielsweise, dass die Regierung ein Ende findet oder dass wir nicht mehr unterdrückt werden. Sie sind da, um ihre Ablehnung zur Regierung zu verkünden und sind damit auf einer Wellenlänge mit Hardcore-Corona-Gegnern.

Das krasseste Beispiel habe ich im August bei einer bundesweiten Demo in Berlin erlebt. Da hat mir eine Frau erzählt, wir Christen hätten ein Gen, welches uns für Gott als solche erkennbar mache und dass Bill Gates mit seinem Impfstoff dieses Gen zerstören will. Das heißt, wenn wir alle zwangsgeimpft werden, kann nicht einmal Gott selbst uns noch als seine Kinder erkennen. Das war schon absurd, denn sie sagt damit ja, dass Glaube biologisch mess- und erklärbar ist. Dahinter steht ein unglaublich schwaches Gottesbild. Ein Impfstoff wird sicherlich niemals meine Gottesbeziehung zerstören können. Meine Nachfragen konnte sie dann auch nicht beantworten. Das ist mir häufig begegnet, dass Christen auf Demos absurde Theorien rechtfertigen mit: „Hat mir der Heilige Geist gesagt.“ Und wer diese Erkenntnisse nicht hat, der sei kein richtiger Christ.

Sollten Christen auf Demos gehen?

Ja, definitiv. Ich glaube nicht, dass Christen unpolitisch sein sollten. Und Demonstrationen sind ein Weg, um aktiv an der Politik teilzunehmen. Ich selbst habe in meinem „vorjournalistischen Leben“ ganz wenige Demos besucht. Und das sind dann Veranstaltungen gewesen, die ich zu hundert Prozent inhaltlich unterstützen konnte: der Marsch des Lebens gegen Antisemitismus oder der Walk for Freedom gegen moderne Sklaverei beispielsweise. Christen sollten sich in der Öffentlichkeit und der Politik engagieren. Ich würde mir nur immer die Frage stellen: Kann ich alles, was auf diesen Demos gesagt wird, inhaltlich unterstützen? Und das könnte ich auf den Demos von Querdenken definitiv nicht. Verschwörungsmythen werden eben nicht nur von Teilnehmenden auf der Straße, sondern auch von der Bühne verbreitet.

Wie würdest du damit umgehen, wenn Menschen aus deinem engsten Kreis auf den Demos unterwegs wären?

Ich habe tatsächlich Bekannte und Verwandte, die Corona und die Maßnahmen der Regierung sehr kritisch sehen. Und wir können schon miteinander diskutieren. Ich glaube aber, wenn man wirklich in diese Verschwörungsmythen reinrutscht, macht das inhaltliche Diskutieren keinen Sinn mehr, weil man sich dann nur noch streitet und nie auf einen Nenner kommt. Für die bin ich als Befürworter der Regierung – und als Journalist umso mehr – quasi Teil des bösen Systems. Der einzige Weg ist, an den entsprechenden Personen dranzubleiben, ihre Sorgen anzuhören und ernstzunehmen. Abwendung bringt beiden Seiten nichts.

Findest du, Demos, bei denen die Auflagen nicht eingehalten werden, sollten schneller aufgelöst werden?

Ich finde es grundsätzlich gut, dass auch Leute mit abstrusen Meinungen und Weltbildern in unserer Demokratie auf die Straße gehen dürfen. Weil sie das aushält. Alles muss natürlich im Rahmen des Grundgesetzes stattfinden. Etwas anderes ist es, wenn die Demonstrierenden gegen Maßnahmen, die gerichtlich festgelegt sind verstoßen – wie die Abstandsregelungen und das Tragen von Mund-Nasen-Schutz. Dann bin ich dafür, dass zeitig aufgelöst wird. Viele Demos wurden gar nicht oder erst nach Stunden beendet. Im November in Leipzig waren zum Beispiel viel zu viele Menschen da und keiner hat sich an irgendetwas gehalten. Die Polizei hat nichts gemacht und war irgendwann auch machtlos.

Wie kommst du als Medienvertreter der Verantwortung nach, objektiv zu berichten und keine der beiden Seiten in eine Opferrolle schlüpfen zu lassen?

Das ist tatsächlich eine schwierige Sache. Mir ist klar, dass ich, wenn 20.000 Leute da sind, nur einen minimalen Teil der Demo abdecken kann. Das, was ich aber sehe und als berichtenswert empfinde, ob nun Gewalt der Polizei oder Gewalt der Demonstrierenden, dokumentiere ich auch. Mir schreiben viele auf Instagram: „So cool, dass du so objektiv bist. Dir glauben wir.“ Das ehrt mich, aber ich versuche den Leuten auch klarzumachen: Wenn ihr in den Medien etwas anderes lest oder andere Bilder seht, muss das nicht falsch sein. Ich kann einfach nicht alles im Blick behalten.

Du postest auch auf Instagram über die Demos. Was willst du damit erreichen? 

Zum einen ist das eine Möglichkeit für mich, das Erlebte zu verarbeiten. Ich kann mich anderen Menschen mitteilen und bleibe mit den Bildern in meinem Kopf nicht allein. Darüber hinaus sehe ich es schon als meine Aufgabe, Aufklärungsarbeit zu leisten. Und ich erreiche auf Instagram auch Menschen, die vielleicht keine Zeitung lesen oder die Tagesschau gucken.

Gibt es einen Claim oder ein Erlebnis, das dir besonders in Erinnerung geblieben ist?

Es waren viele „lustige“ oder verstörende Plakate dabei (lacht). Erschreckend fand ich ein Schild mit einem Bibelvers aus Exodus 20: „Ich bin der Herr dein Gott, der dich aus Ägypten der Knechtschaft geführt hat.“ Das trug ein Mann, der Frau Merkel und die Regierung mit dem Pharao gleichsetzt, der das Volk versklavt. Und Gott sei der Einzige, der uns aus dieser Sklaverei herausholen kann. Ich habe auch krass antisemitische Schilder gesehen. Ein Davidstern mit den Worten „geimpft“, das finde ich super verstörend und extrem geschichtsvergessen. Holocaustverharmlosende Plakate habe ich leider auch schon viel zu oft gesehen. Das zeigt, dass das nichts mehr mit gerechtfertigter Kritik zu tun hat.

Vielen Dank für das Gespräch!

Martin Schlorke arbeitet als Journalist für die christliche Medieninitiative pro.

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Das Interview führte Ann-Sophie Bartolomäus für die Zeitschrift DRAN (Ausgabe 02/21). DRAN erscheint regelmäßig im SCM Bundes-Verlag, zu dem auch Jesus.de gehört.

 

 

 

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