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Nichts ist schlimmer als Einheit

Eine Gesellschaft sollte in sich einig sein. Oder nicht? Der Theologe Thorsten Dietz widerspricht und sagt: Unterschiede gehören zum Reichtum der Schöpfung.

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Was können Christinnen und Christen gegen die immer tiefer werdende Spaltung der Gesellschaft tun? Diese Frage ist mir in letzter Zeit häufig begegnet. Sie klingt berechtigt und vernünftig. Wer kann schon Spaltungen zwischen Menschen akzeptieren?

Ich habe ein Problem mit dieser Frage. Genauer: Ich empfinde die Klage über die Spaltung der Gesellschaft als Teil des Problems, nicht als Teil der Lösung. Wann waren wir denn als Gesellschaft zuletzt ungespalten? Wann waren wir uns alle einig?

Einheit ist nicht an sich wertvoll

Die Zeit, in der die Volksgemeinschaft und Einheit des ganzen Volkes beschworen wurde, war die furchtbarste Epoche der neueren Geschichte. Einheit ist nicht an sich wertvoll. Vor allem dann nicht, wenn die Einheit rücksichtslos gegen Abweichungen durchgesetzt werden soll.

Was finden wir ideal und erstrebenswert? Welche Maßstäbe haben wir als Gläubige? Für die Gemeinde schreibt Paulus: „Seid darauf bedacht, zu wahren die Einigkeit im Geist durch das Band des Friedens: ein Leib und ein Geist.“ (Epheser 4,3-4).

Einheit wird es im Reich Gottes geben

Zugleich sieht man überall im Neuen Testament: Auseinandersetzungen gehören zum Alltag der Gemeinde. Trennungen finden statt, auch unter Aposteln. Einheit ist in Christus vorgegeben: Zuletzt ist sie Gegenstand der Hoffnung, dass Gott einmal bewirken wird, woran wir so oft scheitern. Einheit wird es im Reich Gottes geben. Darauf hoffen wir.

Wenn das schon in der Gemeinde so ist – wie viel weniger sollte man dem Ideal einer hier schon einigen und spannungsarmen Gesellschaft anhängen? Es ist eine rechtskonservative Idee, dass eine Gesellschaft einig sein müsse in einer möglichst umfassenden Volksgemeinschaft. Wo dieses Ideal herrscht, wird allzu oft alles, was anders ist, mindestens stumm und unsichtbar gemacht. (1)

Unterschiede gehören zur Schöpfung

Unterschiede, Trennendes und Gegensätzliches gehören zum Leben. Wir können diese Differenzen nicht beseitigen. Wir müssen mit ihnen leben. Viele Unterschiede gehören zum Reichtum dieser vielfältigen Schöpfung.

Über manches müssen wir reden und diskutieren; und anderes als Dissens stehen lassen. Jede Gesellschaft und jede Gemeinde steht vor dieser Herausforderung. Christinnen und Christen verschlimmern solche Prozesse, wenn sie möglichst umfassende Einheit als Ziel erwarten.

Die Rede von der Spaltung der Gesellschaft treibt im schlimmsten Fall selbst die Gesellschaft in eine Spaltung. Weil man angesichts dieser Klage das eigentliche Ziel aus den Augen verliert: mit Unterschieden und Gegensätzen möglichst respektvoll und verständigungsorientiert umzugehen.

Wie sollen wir damit umgehen, dass es in gewichtigen Fragen unterschiedliche Haltungen, ja Lager gibt? Mit Ehrlichkeit. Nichts ist schlimmer als eine Vereinheitlichung aller Meinungen.

Wie gehen wir mit den unterschiedlichen Überzeugungen um? Mit Sachlichkeit. Es gibt inhaltliche Gegensätze auch unter Gläubigen. Wie schön wäre es, diese Gegensätze auch sachlich zu erörtern, und nicht immer daraus Urteile über die jeweiligen Menschen abzuleiten.

Jede Minderheit verdient Respekt

Nicht jede Frage kann man endlos diskutieren. Manchmal ist es unvermeidlich, dass wir zu Lösungen kommen. Wie gelingt das ohne Einigkeit? Mit Fairness. In vielen Fällen entscheidet am Ende das Mehrheitsprinzip. Oder die Rechtslage, die von Gerichten bewertet wird. Und jede Minderheit verdient Respekt und Schutz, solange ihr Verhalten anderen nicht schadet.

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Wie halten wir die dabei auftretenden Frustrationen aus? Mit Hoffnung. Christus ist unser Friede. Am Ende kommt Gott zu seinem Recht. Und das ist das Beste für uns. Darum ist es nicht die wichtigste Frage, wer von uns hier auf Erden Recht behält.

Thorsten Dietz ist Professor für Systematische Theologie an der Evangelischen Hochschule Tabor und Privatdozent an der Universität Marburg.

1) Zum Thema „Volksgemeinschaft“ als linke oder rechte Idee sei hier der Link zu einem Interview des Deutschlandfunks mit dem Soziologen Armin Nassehi.


Ausgabe 2/22

Dieser Artikel ist in der Zeitschrift DRAN erschienen. DRAN wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.

4 Kommentare

  1. Thorsten Dietz hat irgendwie ´ne andere Bibel als ich. Sind das die Anfänge der LGBT Übersetzung?

    • Der Bibeltext ist wörtlich der Text der Fassung ‚Lutherbibel 2017‘. Nun bin ich der Letzte, der etwas gegen Lutherkritik hätte, aber Luther ist sicherlich bezüglich LGBT (oder inzwischen ja LGBTQIA+) unverdächtig.

      Wie kommst Du drauf?

  2. Einheit in der Vielfalt

    „Ich finde Einheit mit innerer Vielfalt sehr erstrebenswert“! Mein Vorschlag: Nennt es doch „Einheit in der Vielfalt“. So wie in der Natur ein bunter Blumengarten. Ich würde auch unsere Kirchen, die eigentlich (theologisch über alle Grenzen hinweg) eine Kirche Jesu Christi sind, nicht mit einem falschen Einheitswahn versehen. Den haben nur Sekten, etwa bei denen in einer Welthauptstadt global festgelegt wird wie alle sich schickt zu kleiden haben, kein Glas Wein trinken dürfen und nur in einer bestimmten Weise die Bibel verstehen müssen. Wo man aber neben gläubigem Perfektionismus gewissermaßen dem ganzen freien Leben ein solch enges Korsett anlegt, dass man es nur mittels Gehirnwäsche überhaupt an Personen bringen kann. Leider arbeiten so christliche oder andersgläubige Sekten. Unsere Gesellschaft braucht einen Konsens in Grundsatzfragen. Dieser kann eigentlich nur darin bestehen, sich auf demokratische Werte, Toleranz, Menschenwürde und Meinungsvielfalt verbindlich zu verständigen. Solange eine Partei sich an unsere rechtsstaatliche und freiheitlichen Prinzipien und damit auf dessen Gesetze gründet, darf sie den größten Unsinn in ihre Parteiprogramme schreiben: Denn dem aufgeklärten Staatsbürger steht das Recht zu, eine solche Gruppierung nicht zu wählen. Wir alle haben die Politik und die Politiker*innen verdient, die wir selbst gewählt haben. Rassismus, Antisemitismus, rechtsradikale bzw. insbesondere völkische Ideen, Gewaltverherrlichung in jeglicher Form sowie alle Hassideologien sind immer antifreiheitlich. Aber vor allem auch gewaltverzichtende Konfliktlösungsstrategien und ebensolche Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungsmethoden sollten überall gelehrt und trainiert werden. Eine friedliche Gesellschaft braucht den konstruktiven friedlichen Streit. Politiker*innen sollten in ihrem Amtsversprechen daher geloben, Fehler mutig zuzugeben. Ebenso sollten sie ernsthaft einüben, nicht überall in der Politik Sündenböcke zu suchen und dafür Einzelne zu bestrafen, was viele doch gemeinsam beschlossen haben. Wenn dies alles in Ansätzen gelingt, wird auch unsere Kommunikation sowohl im privaten unmittelbaren Bereich als auch im weltweiten Netz freundlicher. Christliche Werte unterliegen keinem Nutzungsverbot durch Nicht- oder Andersgläubige. Diese sinnvollen Vorschläge sind nur solange utopisch, wie sie niemand versucht zu praktizieren. Solange wir nicht auf staatlichen Ebene friedlicher und toleranter miteinander verkehren, wird es uns global auch nicht gelingen, den Krieg und Atomwaffen zu ächten. Zugegeben: Ein Jahrtausendprogramm, das aber nur wird, wenn man es an einem Tag beginnt auf die Füße zu stellen. Wie sagte Mao, den ich ansonsten nicht schätze: Eine lange Reise beginnt immer mit dem ersten Schritt. Perfekt werden wir nie auf Erden. In Gottes neuer Welt wird alles anders sein.

  3. Spaltung oder Einheit mit Einheitsdruck sind für mich beides nicht erstrebenswerte Gesellschaftsphänomene. Und ich würde nicht sagen, dass man sich für eine dieser beiden Seiten entscheiden muss.

    Spaltung ist für mich keine positive Vielfalt. Eine Spalte trennt. Sie entfernt voneinander. Oft so weit, dass man sich überhaupt nicht mehr versteht.

    Und Einheit hat auch nicht zwingend diesen Einheitsdruck, diese Gleichmacherei.

    Ich finde Einheit mit innerer Vielfalt das erstrebenswerte. Das man sich auch mit Menschen, die anders denken, sind oder glauben, gemeinsam zu etwas zugehörig fühlen kann, z.B. zu unserer Nation (oder gern auch etwas kleinerem regionalen). Das nicht Spalten sind zwischen den Menschen sondern Brücken und Telefonleitungen. Das jeder gern auf der Seite leben kann, wo er sich wohler fühlt, aber ohne sich unwiderruflich von den anderen trennen zu müssen.

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