Ob in Beziehungen, in der Gesellschaft oder im Glauben: Es braucht eine Portion Vertrauen als Grundlage für gute Begegnungen, so Präses Henrik Otto. Menschen lebten zufriedener, wenn sie vertrauen können.
Auch distanzierte oder freiheitsliebende Menschen brauchen vertrauensvolle Beziehungen – davon ist Henrik Otto, Präses des Bunds Freier evangelischer Gemeinden in Deutschland (FeG), überzeugt. Dem Evangelischen Pressedienst (epd) erklärte der Theologe, der mit seiner Familie in Rieden im Allgäu lebt, warum die Gesellschaft mit mehr Vertrauen eine andere wäre, und weshalb vor allem Christen allen Grund haben, anderen einen Vertrauensvorschuss zu gewähren.
Menschen leben zufriedener, wenn sie vertrauen können
epd: Herr Präses Otto, Sie haben ein Buch über das Vertrauen geschrieben, das im R. Brockhaus Verlag erschienen ist. Warum, glauben Sie, braucht es heute dringend wieder mehr Vertrauen?
Henrik Otto: Die meisten Menschen leben leichter und zufriedener, wenn sie vertrauen können. Selbst Distanztypen brauchen das, wenigstens in einigen wichtigen Beziehungen, die eine sichere Basis für sie bilden. Freiheit und Unabhängigkeit sind wichtige Werte der späten Moderne. Man vergisst dabei leicht, dass wir Wesen sind, die Gemeinschaft brauchen.
Was würde sich in unserer Gesellschaft verändern, wenn Menschen sich wieder mit mehr Vertrauen begegnen?
Otto: Misstrauen ist anstrengend und frisst Ressourcen, emotionale und volkswirtschaftliche. Viele Verträge, Kontrollen und Versicherungen können nur mit Mühe oder gar nicht ersetzen, was eine Vertrauensbeziehung leistet. Vertrauen reduziert Komplexität, wie der Soziologe Niklas Luhmann festgestellt hat. Um es einfach zu sagen: Die Gesellschaft würde freundlicher und weniger anstrengend, wenn viele ihre persönlichen Kreise des Vertrauens erweitern.
Vertrauen als christlicher Wert
Inwiefern kann der christliche Glaube eine wichtige Rolle spielen, wenn es darum geht, Vertrauen weiterzutragen?
Otto: Vertrauen hat für Christinnen und Christen einen überragenden Wert. Sie erleben es positiv in Bezug auf Jesus Christus, der buchstäblich das Beste, nämlich sein Leben, für Freund und Feind eingesetzt hat. In der Gemeinschaft, die er schafft, muss niemand perfekt sein, und echte Versöhnung nach Konflikten ist tatsächlich möglich. Diesen Erfahrungsschatz können Christinnen und Christen in ihr Umfeld einbringen und Beziehungen vertrauensvoll leben.
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