Wissenschaft und Glaube schließen sich gegenseitig nicht aus, sagt Julia Garschagen. Die Leiterin des „Pontes Instituts für Wissenschaft, Kultur und Glaube“ möchte Brücken bauen und über den Glauben ins Gespräch kommen.
Frau Garschagen, Sie arbeiten beim Pontes Institut. Was bedeutet der Name eigentlich?
Julia Garschagen: Der Begriff „Pontes“ ist Latein und bedeutet „Brücken“. Das beschreibt unser Anliegen sehr gut: Wir möchten Brücken bauen – zwischen naturwissenschaftlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Fragen und dem christlichen Glauben. Wir möchten zeigen, dass Denken und Glauben sich nicht ausschließen. Wir möchten mit Menschen ins Gespräch kommen, die dem christlichen Glauben eher skeptisch gegenüberstehen, aber auch solchen, die die Gesellschaft prägen.
Dann sind Sie also eine Brückenbauerin?
Ja, das ist zumindest mein Wunsch. Ich möchte auf verschiedenen Ebenen Brücken bauen, zum Beispiel zwischen Verstand und Glauben. Viele Menschen sind der Ansicht, gläubige Menschen seien naiv und müssten ihr Gehirn ausschalten, um glauben zu können. Es gibt auch die Meinung, dass Naturwissenschaft und Glaube nicht zusammenpassen. Verstärkt wird diese Ansicht durch die Tendenz mancher Gemeinden, wissenschaftliche Erkenntnisse als Bedrohung für den eigenen Glauben zu sehen. Für mich schließen sich Wissenschaft und Glaube nicht aus. Christliche Werte und christliches Gedankengut können vielmehr dazu beitragen, die Gesellschaft positiv zu beeinflussen und zu prägen.
Ich möchte in einen Dialog treten, der zusammenführt und deutlich macht, was uns vereint: der Glaube an Jesus, der für uns gestorben und auferstanden ist.
Julia Garschagen
Außerdem wünsche ich mir, Brücken zwischen verschiedenen kirchlichen Denominationen zu bauen und darauf zu schauen, was uns eint und nicht darauf, was uns vielleicht trennt. Natürlich gibt es unterschiedliche Perspektiven auf bestimmte Themen. Doch anstatt sich gegenseitig das Christsein abzusprechen, weil man die Bibel an manchen Stellen anders auslegt, möchten wir ins Gespräch miteinander kommen und uns fragen: „Wie können wir einander verstehen? Was ist das Anliegen einer anderen Person hinter ihren Aussagen?“
Ich möchte in einen Dialog treten, der zusammenführt und deutlich macht, was uns vereint: der Glaube an Jesus, der für uns gestorben und auferstanden ist.
Was erschwert diesen Dialog?
Vor allem in den Sozialen Medien erlebe ich viel Häme und Hass auch unter Christinnen und Christen. Es fehlt oftmals die Trennung zwischen einer Meinung und der Person, die eine bestimmte Ansicht vertritt. Hier stellt sich für mich die Frage: „Wie können wir als gläubige Menschen zu einem positiven Dialog beitragen?“ Dabei geht es nicht um falsch verstandene Toleranz im Sinne von „jede Meinung ist gut, okay und wahr“. Wir dürfen klare Meinungen haben und dennoch mit anderen Menschen in einen wertschätzenden Dialog treten. Es ist in Ordnung, einer anderen Person zu sagen: „Ich finde deine Meinung schrecklich.“ Ich möchte mich aber immer dafür einsetzen, dass die andere Person ihre Meinung äußern darf. Wir müssen zwischen einer Meinung und der Person, die sie äußert, unterscheiden.
Gott hat jeden Menschen als sein Ebenbild gemacht. Darum verdient jeder Mensch Toleranz und Respekt, denn er hat von Gott eine Würde bekommen. Jesus geht noch einen Schritt weiter: Er trägt uns sogar Feindesliebe auf. Das ist herausfordernd, denn diese Liebe habe ich nicht in mir. Ich bin abhängig davon, dass Gott mein Herz verändert. Dass er mir für die Begegnung mit anderen Menschen Geduld und Liebe schenkt und die Einsicht: „Wenn Jesus die Wahrheit ist, dann bin ich es nicht.“ Diese Erkenntnis ist für mich befreiend; sie macht auch bescheiden.
Welche Rolle spielt Wahrheit Ihrer Ansicht nach in der Gesellschaft?
Seit der Aufklärung war die Wahrheitsfindung für die Menschen eng an Fakten und den menschlichen Verstand geknüpft. Sie waren der Meinung: Es gibt eine Wahrheit, eine Realität. Da diese nicht immer eindeutig ist, müssen die Menschen miteinander diskutieren, Argumente austauschen und forschen. Fakten bringen einen näher zur Wahrheit. Das sehen auch heute viele Menschen so. Jedoch wurde diese Art von Wahrheitsfindung seit dem Zweiten Weltkrieg immer mehr infrage gestellt. Die postmodernen Philosophen stellten die Frage: Gibt es überhaupt eine objektive Wahrheit? Oder gibt es nicht lediglich ganz viele subjektive Wahrheiten?
Dies führte dazu, dass heute viele Menschen der Ansicht sind, dass man der Wahrheit nicht über Fakten oder den Verstand näherkommt, sondern über die eigenen Erfahrungen und Gefühle. Diese sind jedoch subjektiv. Diese Auffassung nimmt die persönlichen Erfahrungen von Menschen ernst. Jedoch führt sie auch dazu, dass Diskussion und Austausch schwieriger werden, da jeder auf seiner eigenen Wahrheitsinsel sitzt und sich denkt: „Meine Ansicht ist meine Wahrheit und meine Geschichte. Wer ist ein anderer Mensch, dass er mir reinquatschen oder mich kritisieren will?“ Daher kommt meiner Meinung nach auch die Schwierigkeit einer Trennung zwischen einer Person und ihrer Meinung. Denn wenn die Wahrheit durch Erfahrungen, Gefühle und Empfindungen persönlich ist, kann man Meinung und Person nur schwer trennen.
Das ist ein umfangreiches Thema. Wie kam es eigentlich dazu, dass Sie sich mit diesen Fragen beschäftigen?
Die Gründe liegen zum Teil in meiner Geschichte. Aufgewachsen in einem kleinen Ort im Westerwald, wurde ich als Kind evangelisch getauft, hatte aber keinen persönlichen Glauben an Gott. Während meiner Schulzeit wurde ich in die evangelische Landeskirche am Ort eingeladen. Die Spiele und Bastelangebote dort gefielen mir gut, aber am meisten faszinierte mich Jesus. Wie er mit den Menschen umgegangen ist und für Gerechtigkeit einstand. Ich habe von Anfang an gespürt, dass die Person Jesus besonders ist. Soweit die Empfindungen.
Mein Weg zum Glauben war auch eine intellektuelle Reise. Als Geografielehrer hat mir mein Papa schon früh von der Evolution erzählt. Doch die ersten Seiten der Bibel erzählen eine andere Geschichte. Ich sagte dann zu Gott: „Also das musst du mir erklären, sonst bin ich weg.“ Der Glaube faszinierte mich, aber ich wollte auf keinen Fall dafür mein Gehirn ausschalten. Ich bin dazu erzogen worden, Dinge kritisch zu hinterfragen und skeptisch zu sein. Zwei Wochen nach meinem Gebet besuchte ich ein Seminar zum Thema „Wissenschaft und Glaube“. Hier hörte ich schlüssige Erklärungen und merkte, dass beides sehr gut miteinander vereinbar ist. Das war der Start meines Weges mit dem Thema „Brücken zwischen Denken und Glauben schaffen“. Die Faszination dafür bewegt mich bis heute.
Man spürt Ihre Leidenschaft. Was treibt Sie an?
Während meines Theologiestudiums habe ich deutlich gespürt, dass mir der Austausch mit Menschen liegt. Ich bin sehr neugierig und interessiere mich für Menschen und ihre Lebensgeschichten. Außerdem habe ich selbst davon profitiert, dass andere Menschen mir von Jesus erzählten und mir den Glauben nähergebracht haben. Das möchte ich auch für andere tun.
Was ist Ihnen wichtig, wenn Sie anderen Menschen von Ihrem Glauben erzählen?
Es ist mir wichtig, dies auf respektvolle Art zu tun. Es gab in meinem Leben Menschen, die sich mit mir auf den Weg gemacht und sich meinen Fragen gestellt haben. Sie haben mit mir in der Bibel geforscht und Expertinnen und Experten gefragt, wenn sie selbst keine Antwort hatten. Davon habe ich sehr profitiert. Das möchte ich gerne weitergeben.
Meine Leidenschaft hängt stark damit zusammen, dass ich von Jesus fasziniert bin. Durch alle Zweifel, Fragen und dunkle Stunden ist Jesus am Ende das Ziel meiner Sehnsucht.
Warum fällt es uns manchmal schwer, über Gott zu sprechen? Was kann da helfen?
Manche Menschen haben Angst, Fragen gestellt zu bekommen, die sie nicht beantworten können. Aber das ist okay. Wenn ich auf Fragen keine Antwort habe, gebe ich das zu und mache mich mit den Menschen gemeinsam auf die Suche nach Antworten. Das zeigt meinem Gegenüber: Ich habe nicht die Weisheit mit Löffeln gefressen, sondern wir sitzen in einem Boot. Wir haben gemeinsame Fragen. Ich muss mir auch nicht den Druck machen, den Leuten immer gleich das ganze Evangelium zu predigen. Ich übe und lerne, gute Fragen zu stellen und damit Raum für Gespräche zu öffnen. Ich möchte anderen Menschen zeigen, dass ich mich in erster Linie für sie als Person interessiere. Ich möchte ihnen nicht meinen Glauben aufzwingen, sondern bin an einem Dialog interessiert.
Immer wieder bete ich zu Jesus, dass er mir Möglichkeiten zeigt, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen – über ihr Leben oder über den Glauben. Und manchmal sage ich auch in Gesprächen zu Menschen: „Hey, das bewegt mich. Darf ich dafür beten?“ Wichtig ist mir dabei zu schauen, ob die Frage in einer Situation gerade angemessen ist. Ich will niemanden bedrängen.
Manchmal kann auch ein einziger Satz zu einem tiefergehenden Gespräch führen. Während ich meine Masterarbeit geschrieben habe, wohnte ich in einer WG. An einem Sonntagmorgen saß ich gemeinsam mit meinem Mitbewohner am Frühstückstisch. Da er wusste, dass es zeitlich bei mir gerade eng war, sagte er nach dem Frühstück: „Ah Julia, du setzt dich ja gleich wieder hin und schreibst weiter.“ Ich habe geantwortet: „Nein, sonntags arbeite ich nicht.“ Als ich wieder in meinem Zimmer saß, ärgerte ich mich und dachte mir: „Das wäre eine riesige Chance gewesen, um ihm von meinem Glauben zu erzählen.“ Das habe ich aber nicht gemacht. Abends kam er noch einmal auf mich zu und fragte mich, warum ich sonntags nicht arbeiten würde. Wir hatten ein gutes Gespräch. Er selbst hatte nachgefragt und ich konnte von meinem Glauben erzählen. Das war ein Geschenk.
Oft heißt es in den Medien, dass wir gerade in besonders herausfordernden Zeiten leben. Wie sehen Sie das?
Neulich las ich den Begriff „Krisennarzissmus“. Damit ist gemeint, dass jede Generation denkt, ihre Zeit sei die Schlimmste und dass es noch nie so große Krisen gab, wie die eigene Generation sie erlebt. Ich denke in unserer Zeit wird dieser Eindruck durch Social Media verstärkt, da wir uns dadurch die Krisen der Welt jeden Tag ins Wohnzimmer holen.
Es ist wichtig, sich nicht allzu sehr hineinziehen zu lassen in diese Aufgeregtheit, zu der die Sozialen Medien beitragen. Als gläubige Menschen kann es uns nicht überraschen, dass es in unserer Welt Krisen gibt. Wir leben in einer „gefallenen Welt“, wie die Bibel sagt, also in einer Welt, die zerbrochen ist und nicht so ist, wie Gott sie sich einmal gedacht hat. Das Unrecht steigert sich und auch, wenn wir als Menschheit immer wieder großartige Dinge erreichen, werden wir allein die Welt nicht erlösen. Als Gläubige können wir jedoch auf die Realität hinter der Realität blicken. Denn hinter der aufgewühlten, krisengeschüttelten Realität gibt es noch die Realität Gottes.
Ich glaube nicht, dass Gott gut findet, was auf der Welt geschieht, aber die Krisen befinden sich nicht außerhalb seiner Kontrolle.
Julia Garschagen
Können Sie das etwas genauer erklären?
Anfang des letzten Jahres war ich sehr frustriert. Dann las ich einen Text aus Lukas 21. Hier beschreibt Jesus die Zukunft unserer Welt. Es werden dramatische Dinge passieren, wenn er wiederkommt. Ich stieß auf einen Satz, der mich sehr berührt hat: In Lukas 21,28 steht sinngemäß: Wenn das alles passiert, dann sollt ihr aufrecht gehen, euch aufrecht hinstellen und den Kopf heben, weil sich eure Erlösung naht. Wenn man nur den ersten Teil des Verses liest, könnte man denken, es handle sich um positive thinking. Ich versuche, die Situation durch meine eigenen Kräfte positiv zu gestalten. Das trägt nicht. Die Aussage des Bibelverses macht erst durch den Nebensatz Sinn: „weil eure Erlösung naht.“
Die Bibelstelle hat mir geholfen, zu verstehen, dass unsere Zeiten nicht so schrecklich sind, als dass Gott nicht damit klarkäme. Ich glaube nicht, dass Gott gut findet, was auf der Welt geschieht, aber die Krisen befinden sich nicht außerhalb seiner Kontrolle. Und das Versprechen Gottes, dass unsere Erlösung naht, zeigt mir, dass ich die Lösung für viele Probleme nicht aus mir heraus produzieren muss, sondern ich in Gott einen Anker habe, der mich trägt, wenn die Welt scheinbar aus den Fugen gerät.
Durch unsere Realität kommt uns die Realität Gottes aus der Zukunft entgegen. Unsere Realität lässt sich ein Stück weit mit einem Kirchenfenster vergleichen. Es ist bunt und durchsichtig für das, was dahinterkommt. Als Christin ist mein Auftrag, so zu leben, als sei die Realität Gottes bereits meine Realität. Das ist anstrengend und herausfordernd. Und dafür brauchen wir einander. Wir dürfen uns immer wieder gegenseitig daran erinnern, dass die Realität Gottes Wirklichkeit ist und sie schon hier und da durchscheint.
Danke für das Gespräch!
Die Fragen stellte Ellen Nieswiodek-Martin.
Julia Garschagen ist Leiterin des „Pontes Instituts für Wissenschaft, Kultur und Glaube“ und als Rednerin deutschlandweit unterwegs.
Das Interview ist in der Zeitschrift Lydia erschienen, die wie Jesus.de ein Angebot des SCM Bundes-Verlags ist.

