Petra Andreas: „Das geflügelte Einhorn“

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„Kommt mit nach Mandanien. Ich habe eine Aufgabe für euch. Wollt ihr mir helfen?“ Mit diesem Werben um Hilfe wendet sich das geflügelte Einhorn an die blinde Lisanne und an den die Einsamkeit suchenden Nikanor.  Als die beiden der Bitte Folge leisten, wissen sie noch nicht, auf welche gefährlichen Abenteuer und lebensverändernden Ereignisse sie sich damit einlassen.

Dieser fantastische Roman ist ein wunderbares Buch, spannend und lehrreich, voller Weisheit und Symbolik. Er handelt von der Urfrage nach dem Bösen: Warum kann ungehindert so viel Böses geschehen und warum gibt es dadurch so viel Leid? Wie gehen wir mit dem Bösen um uns herum und in uns um? Was machen wir mit unseren Zweifeln an Gott und an uns selbst, unseren Ängsten, Bitterkeit, Versagen, Schmerz, unserer Schuld? Wie geht Gott mit uns um? Wie kann ein liebender Gott es zulassen, dass so viel Böses und Leid geschieht und was tut er eigentlich dagegen? Wie gehen wir mit bestehenden Ordnungen und Gesetzen um? Was gibt uns Hoffnung und den Mut zum Weiterleben in schwierigen Zeiten? Was sind unsere Aufgaben? Wie sieht unsere Beziehung zu Gott aus und umgekehrt? Welche Rolle spielen Glaube, Liebe, Hoffnung, Vergebung, Versöhnung, Vertrauen, Mut, Freundschaft, Gehorsam? Ein Roman, der immer wieder den Gott der Liebe zum Leuchten bringt und viel zum Verständnis der Bibel beiträgt.

Leben der Autorin findet sich im Buch wieder

Vergleichbar mit den Narnia-Büchern von C.S. Lewis spielt dieser Roman in einer anderen Welt. Deutlich spürt der Leser in der erblindeten Hauptperson Lisanne und dem von Versagensängsten geplagten Pfarrer Nikanor die Erfahrungswelt der Autorin, die selbst Pfarrerin war, erblindete und jetzt als Seelsorgerin über einen reichen Erfahrungsschatz, viel Weisheit und Menschenkenntnis verfügt. Sie schreibt: „Die Auseinandersetzung mit meinem Lebensweg hat meinen Glauben entscheidend geprägt. Wie sehr dieser Glaube zuweilen ins Fragen und Zweifeln kommen kann, habe ich oft erlebt.“

Beim Lesen dieses Romans versinkt der Leser in eine andere Welt – die Welt der Mandanen, Windpferde und Windreiter, Osanen, grauen und schwarzen Schatten auf der Hohen Ebene. Er begegnet dem elfenbeinfarbenen, geflügelten Einhorn mit strahlendblauen Augen, gesandt vom Gott des Lichtes. Ich habe diesen fast 600 Seiten langen Roman in nur wenigen Tagen durchgelesen. Er ermutigt, sich mit den Schwierigkeiten des eigenen Lebens auseinander zu setzten, und nicht die Frage nach dem Warum, sondern nach dem Wozu zu stellen. Und er spricht davon, dass Gott manchmal spät, aber nie zu spät kommt; alles einen Sinn hat, auch wenn wir ihn nicht verstehen. Und immer wieder sind sehr weise, sehr seelsorgerische Aussagen in den Text verankert, wie: Leiderfahrungen und erlebtes Unheil können dazu dienen, in eine neue Tiefe des Vertrauens vorzudringen. Sie geben uns die Möglichkeit, zu entscheiden, ob wir trotzdem Gott – also dem Licht – vertrauen und an seine Güte glauben wollen oder nicht.

Ganz am Schluss macht die Autorin Hoffnung auf einen Folgeband. Auf diese Fortsetzung freue ich mich schon.

Von Brigitte Keune

Verlag: Edition Wortschatz
ISBN: 978-3-943362-45-9
Seitenzahl: 592
ÜBERBLICK DER REZENSIONEN
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