Manuel Gräßlins „Theophobie – Warum Gott nicht sicher, aber gut ist“ ist für mich eines der klügsten und ehrlichsten Bücher der letzten Zeit. In einer Phase, in der sich auch innerhalb der Christenheit Fronten verhärten und einfache Antworten Konjunktur haben, wagt dieses Buch etwas anderes: Es hält die Spannung aus. Und genau darin liegt seine Stärke.
Was wäre, wenn Gott sich unseren Erwartungen entzieht? Wenn er nicht so berechenbar ist, wie wir ihn gern hätten? Gräßlin geht diesen Fragen mutig nach – und schreckt dabei nicht vor Themen zurück, die triggern, irritieren oder verunsichern können. Statt vorschneller Lösungen lädt er dazu ein, Zweifel nicht als Bedrohung, sondern als Weg zu begreifen: als Möglichkeit, tiefer zu glauben, ehrlicher zu fragen und Gott jenseits unserer Projektionen zu begegnen.
Mir persönlich spricht dieses Buch auch als Läufer aus dem Herzen: Es denkt Glauben nicht als statischen Zustand, sondern als Bewegung, als Weg, als Werden. „Vielleicht ist es an der Zeit, neu das Fragen zu lernen. Fragen zuzulassen. Fragen ernst zu nehmen – die eigenen und die der anderen. Nicht um schnelle Antworten zu produzieren, sondern um Raum zu schaffen. Raum, in dem Gott antworten kann. Auf seine Weise. In seinem Tempo. In seiner Tiefe. Denn wer fragt, ist schon unterwegs.“
Besonders beeindruckt hat mich, wie dieses Buch eine Sprache für das findet, was viele empfinden, aber selten aussprechen: die Spannung zwischen Angst vor Gott als dem ganz Anderen und dem tiefen Vertrauen, dass genau dieser Gott gut ist. „Theophobie“ ist damit kein bequemes Buch – aber ein unglaublich befreiendes. Es ist ein Mutmacher, das Christsein neu zu entdecken – nicht als fertige Gewissheit, sondern als lebendige, sich entwickelnde Beziehung. Es ist ein echtes Gegenmittel zur Polarisierung und eine Einladung zu einem reiferen, tragfähigeren, frischen und einladenden Glauben.
Von Rüdiger Jope
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