Uwe Heimowski: „Politiker segnen statt beschimpfen!“

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Uwe Heimowski (Foto: Jesus.de)
Die deutschen Politiker haben in diesen Zeiten der Regierungsbildung keinen guten Ruf. „Korrupt“, „Abgehoben“, „Egomanen“ – so lauten die noch eher harmlosen Vorurteile. Uwe Heimowski, Politikbeauftragter der Evangelischen Allianz, hat unsere Volksvertreter ganz anders kennengelernt – und wirbt für eine wertschätzende Haltung.

Herr Heimowski, was tut man denn so als Politikbeauftragter der Deutschen Evangelischen Allianz?

Uwe Heimowski: Auf der einen Seite bin ich am Bundestag und bei der Bundesregierung tätig. Das heißt: Ich mache Termine, ich besuche Politiker, ich nehme an Veranstaltungen teil. Wir als Evangelische Allianz versuchen auch, Veranstaltungen zu organisieren, zum Frühstück oder abends, bei denen man über ein bestimmtes Thema spricht. Auf der anderen Seite bin ich in Gemeinden, in christlichen Werken oder bei Seminaren, um Christen zu motivieren, für die Regierung zu beten und auch selbst, zum Beispiel in ihren Kommunen, politische Verantwortung wahrzunehmen.

Woher kommt Ihr persönliches Interesse für Politik?

Ich habe bei der Heilsarmee in Hamburg meinen Zivildienst gemacht und dann einige Jahre weiter mitgearbeitet. Ab 1990 haben wir eine Aids-Beratungsstelle aufgebaut. Es gab damals noch wenig Angebote für Menschen, die an Aids erkrankt waren. Wir haben mit anderen ein Hospiz für Aids-Kranke gegründet – ganz unterschiedliche Gruppen waren beteiligt: Schwulen-Initiativen oder Beratungsstellen. Das war nicht konfliktfrei, aber erfolgreich. Dabei habe ich gemerkt: Wenn man etwas bewegen will, über die eigene Lebenswelt hinaus, dann braucht man die Politik im Boot und man braucht breite gesellschaftliche Netzwerke. Nach meiner Zeit bei der Heilsarmee habe ich als Erziehungsleiter in einem Kinder- und Jugendheim gearbeitet und war in dieser Funktion berufener Bürger im Sozialausschuss von Bad Köstritz, einem kleinen Ort in Thüringen. Danach war ich zunächst im Jugendhilfeausschuss, seit 2014 bin ich Stadtratsmitglied in Gera. So ist der Bezug zur Politik immer mehr gewachsen.

„Wenn wir als Christen wirklich Gesellschaft mitgestalten wollen, dann müssen wir das überall tun – auch in der Politik.“

Sie wollen also zwischen Christen und Politikern Verständnis schaffen. Welchen Vorbehalten gegenüber evangelikalen Christen begegnen Sie unter den Politikern?

Leider nehmen einige uns als sehr verengt wahr. Man sagt: „Ihr seid doch homophob.“, „Ihr seid doch diejenigen, die sich hauptsächlich zum Thema Abtreibung zu Wort melden.“ Es ist sehr bedauerlich, dass wir immer auf diese Themen reduziert werden. Hier scheinen manche unsere Bewegung gar nicht richtig wahrzunehmen. Für uns gilt – und ich drücke das mal sehr persönlich aus: Ich bin nicht homophob. Ich habe viele schwule Menschen begleitet. Aber ich bin trotzdem für die klassische Ehe und nicht für die „Ehe für alle“. Ich bin absolut dafür, dass wir uns gegen Abtreibung einsetzen, aber ich bin auch für eine Familienpolitik, die eine Familie wirklich unterstützt. Und ich bin mir sicher, so sehen wir das auch insgesamt in unserer Bewegung. Man kann das übrigens auch in unseren Stellungnahmen nachlesen. Die Evangelische Allianz hat viele verschiedene Anliegen. Es wird oft sehr verkürzt, aber ich freue mich darüber, dass die meisten Abgeordneten sehr offen sind zu erfahren, wofür die Allianz tatsächlich steht.

Und welche Vorbehalte haben Christen gegenüber Politikern?

Es gibt noch immer das Vorurteil, dass alle Politiker korrupt sind oder dass man sich als Christ verbiegen muss, wenn man in die Politik geht. Ich versuche Christen zu vermitteln, dass das nicht stimmt. In der Politik muss ich natürlich bereit sein, Kompromisse zu schließen. Aber ich muss nicht die eigenen Werte hinten anstellen. Korrupt werden, das kann ich auch in jedem anderen Beruf. Die Frage ist doch: Lebe ich mit aufrichtigen Herzen? Übernehme ich Verantwortung? Ich möchte sehr dafür werben, dass wir Politik nicht als etwas Schmutziges sehen. Wenn wir als Christen wirklich Gesellschaft mitgestalten und prägen wollen, dann müssen wir das überall tun – auch in der Politik. Wir sollten Christen in die Politik senden, sie ermutigen und unterstützen, für sie beten und manchmal auch finanziell mit ausstatten, denn Wahlkämpfe sind zum Beispiel sehr teuer.

Ein weiterer Vorwurf lautet, dass Politiker sich nicht für die Probleme der einfachen Menschen interessieren …

Ich habe sieben Jahre für einen Abgeordneten gearbeitet: Neben einer halben Stelle als Pastor war ich für den Bundestags-Abgeordneten Frank Heinrich im Menschenrechtsausschuss tätig. In dieser Zeit habe ich viele Politiker kennengelernt: Professoren, Firmeninhaber, Anwälte, frühere Gastarbeiter, Sozialpädagogen, Lehrer etc. Der Bundestag repräsentiert alle Gesellschaftsschichten. Diese Menschen sind bestimmt in der Regel nicht abgehoben. Alle Abgeordneten, die ich kenne, sind neben ihrer Bundestagstätigkeit im Wahlkreis ganz nah bei den Leuten. Sie haben Sprechstunden, besuchen Feste, besuchen einzelne Menschen und Wirtschaftsunternehmen, informieren sich vor Ort über soziale Projekte. Meiner Wahrnehmung nach sind Politiker Menschen, die sehr daran interessiert sind, wie es den Menschen an der Basis geht und was und wie sie denken und leben.

„Ich wünsche mir eine Kultur der Wertschätzung und der Unterstützung.“

In der Bibel werden wir aufgefordert: „Suchet der Stadt Bestes!“ Wie kann das für einen Christen konkret aussehen?

Weiter heißt es da: „… und bittet für sie zum Herrn“. Für Politiker zu beten, ist meines Erachtens Priorität Nummer Eins der politischen Verantwortung. Beten bewegt Gottes Arm – und es verändert unsere Gesinnung. Wenn ich meinen Ministerpräsidenten in Thüringen segne, dann kann ich ihn nicht mehr verachten, auch wenn ich seine Partei nicht mag. Ich werde ihn respektieren. Ich wünsche mir, dass wir die Atmosphäre mitprägen, indem wir – aus dem Gebet heraus – wertschätzend über Politiker reden. Hier sind Leute, die verbringen Stunden um Stunden in ihrer Freizeit, um zu ermöglichen, dass unsere Kinder eine gute Schule besuchen, dass unsere Straßen in Ordnung sind, dass wir ein Schwimmbad benutzen können. Sie müssen sich immer zwischen mehreren Möglichkeiten entscheiden. Manchmal haben sie nur genug Geld, um eine Schule zu sanieren, aber vier Schulen hätten es nötig. Und dann schlagen wir auf sie ein, wenn sie nicht die Schule der eigenen Kinder genommen haben. Ich wünsche mir eine Kultur der Wertschätzung und der Unterstützung.

Wie kann sich diese Wertschätzung zeigen?

Als Beispiel: Unsere Gemeindeleitung hat vor Jahren unseren Landtagsabgeordneten besucht, uns vorgestellt und gefragt, was ihn bewegt, damit wir für ihn beten können. Der war völlig verdattert, weil wir nicht mit Kritik kamen und nichts von ihm wollten! Daraus ist eine tolle Beziehung entstanden. Noch eins: Es wäre super, wenn wir als Gemeinden Verständnis dafür haben, dass jemand in der Gemeindearbeit weniger aktiv sein kann, wenn er in der Gesellschaft Verantwortung übernimmt – wenn er also Elternvertreter oder Trainer im Fußballverein wird, wenn er in eine Partei eintritt und für die Kommunalwahl antritt. Hier übernimmt jemand im Namen Gottes Verantwortung. Deswegen segnen wir ihn als Gemeinde, wir fragen, wie es ihm geht, aber kommen nicht mit Vorwürfen, weil er nicht mehr so viel Zeit für die direkte Gemeindemitarbeit hat. Eine weitere Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, ist es ja zu wählen.

Was raten Sie Menschen, die sich von keiner der Parteien wirklich vertreten fühlen?

Erstens: Das Parteiprogramm ist keine Bibel. Darin werden immer Dinge sein, die mir gefallen und andere, die mir nicht gefallen. Die perfekte Partei gibt es nicht. Also muss ich mir überlegen, was ich mir als Grundrichtung für dieses Land wünsche. Wo soll es hingehen? Wünsche ich mir, dass es ein bisschen liberaler wird? Oder ein bisschen sozialer? Welche politische Konstellation könnte die Grundrichtung abbilden? Man wählt eine Richtung, aber man wählt auch einen konkreten Abgeordneten. Was ich Gemeinden und Allianzen vor Ort deshalb empfehle: Ladet Abgeordnete und Kandidaten ein, zum Beispiel zu einer Podiumsdiskussion. Dann kann man ihm seine Fragen stellen: Wie stehen Sie zu Familienpolitik? Wie stehen Sie zu sozialer Gerechtigkeit Zum Thema ökologische Verantwortung? Zum Thema Religionsfreiheit? Zum Thema Christenverfolgung? Es gibt so viele Dinge, die man als Christ fragen kann. Die Schwerpunkte sind bei Christen sehr unterschiedlich. Die meisten Abgeordnete sind offen dafür, dass man sie einlädt oder besucht.

Vielen Dank für dieses Gespräch!

Das Interview führte Agnes Wedell


Das vollständige Interview mit Uwe Heimowski ist zuerst in der Zeitschrift LebensLauf erschienen. Die Zeitschrift wird vom SCM Bundes-Verlag herausgegeben, zu dem auch Jesus.de gehört.