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Heiliger Geist: Ist das nicht spooky?

Die Serie zum Apostolischen Glaubensbekenntnis (Teil 10)

Was geschieht, wenn Menschen den Heiligen Geist empfangen? Pastor Wolfgang Kraska geht dieser Frage anhand zentraler Bibeltexte nach.

„Ich glaube an den Heiligen Geist.“

Aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis

Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?“, rief die Mutter entsetzt aus, als ihr Sohn den Praktikumsplatz, der so schwer zu bekommen war, wieder abgesagt hatte. Was sie damit meinte, ist: Hast du völlig den Verstand verloren? Oder auch: Was geht nur in dir vor, dass du derart aus dem Bauch heraus handelst?

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Übernatürliches Eingreifen von außen?

Der Satz macht deutlich, wie der alte Volksglaube an himmlische Schutzmächte längst einem säkularen Verständnis gewichen ist. Das gilt auch für den Heiligen Geist, denn eine von der Aufklärung geprägte Gesellschaft rechnet nicht mit einer Kraft, die von außen kommt. Für sie ist der Geist Ausdruck des menschlichen Gehirns oder auch seiner Psyche. Vermeintlich übernatürliche Erfahrungen werden dementsprechend als biochemische Prozesse im Gehirn oder auch als psychische Überreaktion gedeutet. Übrig bleibt der Geist als motivierender Spirit, als Kreativität oder emotionale Sensibilität. Demgegenüber steht der Heilige Geist im Neuen Testament für das übernatürliche Eingreifen Gottes in die sichtbare Welt. Durch sein Wirken im Inneren des Menschen, etwa durch Führung oder Trost, kommt ihm zentrale Bedeutung für das Leben als Christ zu.

Er ist die dritte Gestalt des dreieinen Gottes. Bisher ging es vor allem um das Wesen und Geheimnis Gottes des Vaters und des Sohnes. Wie ich in meinem Artikel über die Trinität dargelegt habe, kommt der dreieine Gott uns Menschen im Heiligen Geist besonders nahe. Deshalb wird es in den folgenden Teilen mehr als bisher um das Leben der Christen gehen. Dazu werden wir uns zunächst mit der Frage nach dem Wesen des Heiligen Geistes beschäftigen. Das Glaubensbekenntnis führt uns dann aber zu den Fragen, welche Bedeutung der Heilige Geist für die Existenz der Gemeinde Jesu hat. Überraschend ist vielleicht, dass auch die Vergebung der Sünden nicht bei Jesus Christus, sondern ebenfalls beim Heiligen Geist angesiedelt ist. Das Gleiche gilt dann auch für den letzten Satz, der von der Auferstehung der Toten und das ewige Leben handelt. Wir werden zu klären haben, was das alles mit dem Heiligen Geist zu tun hat.

Von Jesus angeblasen?

Wenn vom Empfang des Heiligen Geistes die Rede ist, denken wir in der Regel an den Bericht über seine Ausgießung über alle Gläubigen an Pfingsten (Apostelgeschichte 2). Bemerkenswert ist aber, dass bereits am Ende des Johannesevangeliums (20,21f) und damit einige Zeit vor Pfingsten von ihm die Rede ist. Nachdem er sich den Jüngern gezeigt hat, heißt es dort: „Wieder sprach er zu ihnen und sagte: ‚Friede sei mit euch. Wie der Vater mich gesandt hat, so sende ich euch.‘ Dann hauchte er sie an und sprach: ‚Empfangt den Heiligen Geist.’“

Manche Ausleger meinen, es handle sich um dasselbe Geschehen wie an Pfingsten, das aus unterschiedlicher Perspektive berichtet wird. Ich denke hingegen, dass es sich, wie die jeweiligen Textzusammenhänge es aussagen, um zwei verschiedene Ereignisse handelt. In den bei Johannes überlieferten Worten sehe ich eine Ankündigung und ein Versprechen, das zu Pfingsten erfüllt wird. Unterstrichen und emotional verstärkt wird das durch eine Art prophetischer Zeichenhandlung von Jesus. Das „Anblasen“ der Jünger ist ähnlich körperlich intensiv wie das Aufstreichen des Lehm-Speichel-Gemisches bei der Heilung des Blindgeborenen (Johannes 9,1–7). Am ehesten stellt der Johannestext deshalb für mich eine Parallele zu Apostelgeschichte 1,4f dar, wo Jesus die Jünger auffordert, Jerusalem nicht zu verlassen, sondern auf die konkrete Ausgießung des Heiligen Geistes zu warten. Beide Texte enthalten eine Verheißung und wecken Erwartung auf etwa, das bald geschehen soll.

Alles neu durch den Heiligen Geist

Der Pfingstbericht wird die Folgen und die Zielrichtung zeigen, die sich aus dem Empfang des Geistes ergeben. Schon bald sollen die Jünger nicht länger warten, sondern etwas tun. Sie werden zur weltweiten Mission gesandt und durch den Heiligen Geist dazu befähigt. Am Ende des Johannesevangeliums geht es aber noch nicht um das Tun, sondern ein neues Sein der Jünger. Es gehört unlöslich zur Mission dazu, ja es ist ihre Voraussetzung. Das neue Tun braucht neue Menschen, und das Neue an ihrem Handeln wirkt der Heilige Geist. Wie das aussieht, werden wir im nächsten Teil sehen, wenn wir uns mit der Gemeinde beschäftigen. Zunächst aber wollen wir das neue Leben und wie es möglich wird näher in den Blick nehmen.

Wie am ersten Tag der Schöpfung

Als Gott den Menschen erschafft, formt er ihn aus Materie, wie alles andere auch. Doch dann bläst er diesem Erdling seinen Atem des Lebens ein. Erst dadurch wird der Mensch zu einer lebendigen Seele (hebr. Nefesch), einem Wesen mit echter Persönlichkeit. Der Atem Gottes ist nichts Anderes als Gottes Geist. Das hebräische Wort Ruach bedeutet beides. Der Geist im Menschen ermöglicht die Kommunikation mit Gott. Er ist Kern unserer Ebenbildlichkeit. Allerdings geht dieses Alleinstellungsmerkmal gegenüber der sonstigen Schöpfung durch den Sündenfall verloren. Wir Menschen haben die Herrlichkeit verloren, die Gott uns zugedacht hatte, schreibt Paulus (Römer 3,23). Aber das ist nicht Gottes letztes Wort. Im Kommen, Sterben und in der Auferstehung von Jesus schafft Gott neue Möglichkeiten. Dazu gehört auch, dass uns der Atem Gottes neu geschenkt wird.

Mit der Zeichenhandlung, die Jünger anzublasen, knüpft Jesus direkt an der Schilderung über die Erschaffung des Menschen an. Einmal mehr wird deutlich, dass uns in Jesus Gott selbst, der Vater und Schöpfer, begegnet. Wie am ersten Tag der Schöpfung soll das Wunder geschehen, dass Gottes Geist in Menschen hineinkommt und sie zu lebendigen Wesen macht.

Gott lebt in uns

Was das bedeutet, ist atemberaubend. Jesus hatte seinen Jüngern schon früher gesagt, dass der Vater und er selbst in ihnen Wohnung nehmen werden (Johannes 14,23). Paulus erwartet, dass die Christen dieser Tatsache entsprechend leben und fragt sie deshalb (1. Korinther 6,19): „Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes in euch ist, der in euch lebt und euch von Gott geschenkt wurde?“

Im Blick auf sich selbst beschreibt er die damit verbundene Erfahrung in Galater 2,20 so: „Ich lebe, aber nicht mehr ich selbst, sondern Christus lebt in mir.“ Wer bekennt „Ich glaube an den Heiligen Geist“, der benennt damit nicht etwa ein weiteres interessantes dogmatisches Thema. Recht verstanden bezeugt er damit, dass das übernatürliche Wirken des Heiligen Geistes auch im eigenen Leben stattfindet.

Wie kann das sein? Wie können der Vater und der Sohn in einem Menschen wohnen und diesen von innen heraus beeinflussen? – Zum Verstehen dieses Phänomens ist es wichtig, sich die Aussagen über die Dreieinigkeit Gottes noch einmal vor Augen zu führen. Wichtig für uns ist: Dem dreieinen Gott ist es laut Neuem Testament möglich, in einem Menschen zu wohnen. Die Gestalt, in der er das tut, ist der Heilige Geist.

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Gott gibt sich selbst

An dieser Stelle löst sich auch die Frage, ob der Geist Gottes eigentlich Gabe oder Geber, Person oder Geschenk ist. Er ist beides zugleich. Wenn Gott uns den Heiligen Geist gibt, gibt er sich uns selbst. – Ja, atmen wir ruhig einmal tief durch an dieser Stelle. Es ist wirklich atemberaubend fremd und zugleich wunderschön.

Mit diesen Aussagen befinden wir uns beim Geheimnis eines Lebens im Glauben. Es geht nämlich nicht da­rum, dass wir eine bestimmte Lehre akzeptieren und uns zu einer Religionsgemeinschaft zugehörig fühlen. Ziel ist vielmehr ein von Gott gestaltetes, neues Leben. Auch das meint zunächst nicht bestimmte Verhaltensformen, etwa ethische Tugenden und Moral. Es geht um die Herkunft der Impulse, die unser Leben prägen. Gott selbst gestaltet und verändert durch das Wirken seines Geistes unseren Charakter und unsere Persönlichkeit. Der Kerngedanke ist, dass die Initiative immer von Gottes Geist ausgeht und wir uns daraufhin auf seine Impulse einlassen.

Das Neue am neuen Leben ist der Heilige Geist. Er macht den Unterschied zu früher aus. Für das Neue Testament gibt es kein Christsein ohne den Heiligen Geist. Er ist nicht etwa besonderen, verdienten und frommen Menschen vorbehalten. Aber es gibt sehr wohl eine Grundvoraussetzung, den persönlichen Glauben an Jesus Christus. Jesus selbst beschreibt den Zusammenhang so: „’Wer an mich glaubt, aus dessen Innerem werden Ströme lebendigen Wassers fließen, wie es in der Schrift heißt.‘ Mit dem ‚lebendigen Wasser‘ meinte er den Geist, der jedem zuteilwerden sollte, der an ihn glaubte.“ (Johannes 7,38f)

Drei Schritte zum neuen Leben

Wann bekommt man den Heiligen Geist? Nach allem, was ich dem Neuen Testament entnehmen kann, geht es weder um ein spezielles Ereignis („Zweiter Segen“) noch um einen Automatismus ohne persönliche Hingabe an Jesus („Taufwiedergeburt“ beim Säugling). Laut Paulus ist der Empfang des Heiligen Geistes grundsätzlich Teil eines Gesamtvorgangs, der alle Christen betrifft und sich ereignet hat, „als ihr gläubig wurdet“ (Epheser 1,13).

Zu diesem Vorgang gehört die Abwendung von einem Leben ohne Gott (Buße) und die Hinwendung zu Jesus Christus (Bekehrung). Gottes Antwort darauf ist die Erfüllung mit dem Heiligen Geist (Wiedergeburt). Die Verwendung des Begriffs macht deutlich, wie fundamental und grundsätzlich der Unterschied zu einem Leben ohne den Heiligen Geist ist. Deshalb spricht Jesus von einer neuen Geburt, einer Geburt von oben oder aus dem Geist (Johannes 3,5–7). Der Begriff Wiedergeburt begegnet uns erst bei Paulus und Petrus (1. Petrus 1,23). Bei seiner Verwendung ist unbedingt zu beachten, dass er nichts mit Reinkarnation zu tun hat, sondern vielmehr dessen Gegenteil darstellt (vgl. Hebräer 9,27f). Das auszuführen würde hier den Rahmen sprengen. Halten wir stattdessen fest: Bei der Veränderung durch Gottes Geist geht es nicht um ein paar Korrekturen, hin zu einem besseren Menschen. Die Rede ist von einem grundlegenden, qualitativen Unterschied. Nur Gottes Geist macht es uns möglich, das uns verheißene neue Leben zu führen.

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Wolfgang Kraska ist Autor und FeG-Pastor im Ruhestand.

Zur Vertiefung allein oder in der Gruppe

Klärung

  • Konnte der vorliegende Beitrag Ihnen helfen, das Wesen und Wirken des Heiligen Geistes besser zu verstehen? Was ist Ihnen neu klar geworden? Was sehen Sie anders? Und wo bleiben für Sie Fragen?
  • Haben Sie den Heiligen Geist bekommen, oder sind Sie sich diesbezüglich eher unsicher? Wie könnten Sie bei dieser Frage weiterkommen? Mit wem könnten Sie darüber reden?

Vergewisserung

  • Lassen Sie sich von niemandem verunsichern! Wenn Sie Ihr Leben vor Gott geordnet und die Versöhnung durch das Sterben von Jesus Christus in Anspruch genommen haben, wohnt Gottes Geist in Ihnen. Danken Sie Gott dafür!
  • Große Gefühle sind nicht das Entscheidende beim Erleben des Heiligen Geistes. Menschen, die von Natur aus sehr emotional sind, erleben das Wirken intensiver als solche, die eher sachlich und nüchtern sind. Sie sind Sie, und das reicht dem Heiligen Geist.

Hoffnung

  • Sie sind niemals ein hoffnungsloser Fall, wie schwierig Ihre derzeitige Situation auch sein mag. Gottes Geist kann Ihnen Wege in eine neue Zukunft zeigen.
  • Beim Heiligen Geist gibt es gewiss noch Land einzunehmen. Bitten Sie Gott um Sensibilität für das Wirken seines Geistes und seien Sie gespannt, was geschieht.


Dieser Artikel ist in Christsein Heute erschienen. Christsein Heute ist das Magazin des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG).

Hier geht es zum vorherigen Artikel der Serie zum Glaubensbekenntnis:

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