Seit 2.000 Jahren warten viele Christen auf die Wiederkunft von Jesus – andere rechnen nicht mehr damit. Wolfgang Kraska ist überzeugt: Dass Jesus wiederkommt, ist nicht nur realistisch, sondern notwendig.
„Ich glaube an Jesus Christus, aufgefahren in den Himmel … von dort wird er kommen, zu richten, die Lebenden und die Toten.“
Aus dem Apostolischen Glaubensbekenntnis
Haben Sie Ihren Kindern auch das wunderschöne Bilderbuch von Janosch „O wie schön ist Panama“ vorgelesen? Die Geschichte, wie der kleine Tiger und der kleine Bär in das Land ihrer Träume reisen, das von oben bis unten nach Bananen riecht? – Die Kinder konnten darin etwas lernen über den Wert der Freundschaft und wurden ermutigt, ebenfalls Neues zu entdecken. Und ganz nebenbei wurde deutlich, welch eine Kraft die Idee jenes fernen Landes entfaltete, obwohl es dies gar nicht gab und sie auch nie dorthin kamen.
Alles nur Metaphern?
So in etwa verstehen liberale Theologen die Aussagen über die Wiederkehr von Jesus (Parousie). Sie werden als „Apokalyptische Literatur“ bezeichnet, die keine realen Zukunftsszenarien beschreibe. Das gilt nicht nur für das Buch der Offenbarung, sondern auch für entsprechende Passagen in den Reden von Jesus und den Briefen der Apostel. Es handele sich dabei um Bildergeschichten, die in Zeiten der Verfolgung Trost und Hoffnung vermitteln und zum Durchhalten sowie zur Wachsamkeit auffordern.
Darüber hinaus werden sie als symbolische Darstellung des endgültigen Sieges Gottes über das Böse und der Vollendung der Geschichte verstanden. Ein wörtliches Verständnis der Texte und eine konkrete Erwartung der Endereignisse gelten wissenschaftlich als völlig unakzeptabel. So verwundert es nicht, dass der Glaube an die tatsächliche Wiederkehr Jesu von den meisten unserer Zeitgenossen als sektiererischer Unsinn angesehen wird. Durchaus auch von solchen, die das Credo in einem Gottesdienst mitsprechen.
Der kleine Satz „von dort wird er kommen“ hat es ja auch in sich. Laut Neuem Testament sind damit inhaltlich vier weitere Konsequenzen verbunden: das Gericht der Lebenden und der Toten – die Vernichtung der alten Erde, wie wir sie kennen – die Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde – und die Auferstehung der Toten. Auffällig ist, dass im Credo das Ende der alten und die Schaffung einer neuen Welt nicht thematisiert werden.
Apokalyptische Realität
Weil der Themenkreis der letzten Dinge (Eschatologie) diesen Artikel völlig sprengen würde, will ich mich auf einen einzigen Hauptpunkt beschränken. Das scheint mir legitim, weil ich über das Gericht und die Frage, ob es eine ewige Verdammnis in der Hölle geben kann, erst kürzlich ausführlich geschrieben habe. Ähnliches gilt auch für die Details der Wiederkunft von Jesus, zu der ich die Reihe „Puzzleteile aus Gottes Zukunft“ verfasst habe. Und die Auferstehung der Toten wird uns aufgrund des Aufbaus des Credos erst später beschäftigen.
Deshalb konzentriere ich mich auf die Frage: Kommt Jesus tatsächlich wieder, oder ist diese Vorstellung naiver Unsinn? Das Thema ist hochaktuell und relevant, denn erstmals in der Menschheitsgeschichte sind wir in der Lage, die Welt mittels entfesselter Atomkraft grundlegend zu zerstören. Weltliche Wissenschaftler malen bisweilen „apokalyptische“ Bilder von unserer Zukunft und lassen die Endzeitberichte des Neuen Testaments sehr plastisch, bedrohlich und damit auch relevant werden.
Lange genug gewartet
Angestoßen wurde die kritische Sicht schon sehr früh durch das Ausbleiben der Wiederkehr, die „Parousieverzögerung“. Sie hat bereits der Urgemeinde zu schaffen gemacht und wird deshalb in einzelnen Apostelbriefen aufgearbeitet (vor allem 2. Thessalonicher 2 und 2. Petrus 3). Dabei wird sie neu gedeutet, etwa als Zeichen von Gottes Langmut. Bis heute ist sie der Hauptgrund, warum viele nach so langer Zeit nicht mehr mit der Wiederkunft von Jesus rechnen.
Eine heute gängige Antwort lautet, dass das Reich Gottes nicht als zukünftige Größe verstanden werden darf, sondern ausschließlich präsentisch gedeutet werden muss. Demnach geschehen die endzeitlichen Ereignisse bereits in der Gegenwart. Die entscheidende Wende von der alten zur neuen Zeit habe bereits stattgefunden im Leben, Wirken, Sterben und Auferstehen von Jesus Christus, und sie zeige sich seitdem im Wirken der Kirche. Das Reich Gottes wird dabei nicht als etwas Zukünftiges verstanden, sondern ausschließlich als etwas, das bereits mitten unter uns wirksam ist, etwa in ethisch verantwortlichem Handeln. Das ist laut Lukas 17,21 zweifellos richtig. Das Argument wird aber in dem Moment falsch, wo das Reich Gottes ausschließlich darauf reduziert und eine reale Vollendung in der Zukunft verneint wird.
Gott wird erfahrbar
Die metaphorische Deutung der Parousie steht in einem größeren Zusammenhang. Nicht wenige Theologen vertreten die Ansicht, man könne nicht wirklich etwas Konkretes über Gottes Wesen und Handeln aussagen. Alle biblischen Texte – nicht nur die apokalyptischen Passagen – seien letztlich nur Dokumente des Glaubensverständnisses von Menschen. Das gelte selbst für die Mosebücher und ihre Berichte über die Entstehung und Geschichte des Volkes Israels. In der Exilszeit erzählt und zusammengestellt, sollten sie das Volk zum Durchhalten ermutigen. Keineswegs würden solche Volkslegenden jedoch die historische Wirklichkeit abbilden. Die grundsätzliche Kritik betrifft also die gesamte Bibel von der Schöpfung bis zur Neuen Welt.
Dem aber ist klar und deutlich zu widersprechen. Letztlich bedeutet ein solches Verständnis nämlich, dass Gott jeder konkreten Gestalt beraubt und völlig abstrakt wird. Die gesamte Bibel betont hingegen die konkrete Erfahrung der Existenz und Liebe Gottes. Gott offenbart sich und macht sich erfahrbar. Er ist Jahwe – der Gott der sich erweisen wird. Er ist Immanuel, der Gott, der mit seinen Menschen unterwegs ist und sich ihnen immer wieder offenbart. Der Höhepunkt liegt in der Menschwerdung Gottes in Jesus Christus. Wer Gottes reales Handeln in der Geschichte streicht, widerspricht allem, was Juden und Christen über Jahrtausende miteinander geglaubt haben und was die Bibel durchgängig aussagt.
Wieso die Wiederkunft notwendig ist
Wer hingegen der Autorität und dem Wortlaut der biblischen Texte grundsätzlich vertraut, wird einer metaphorischen Neudeutung der Endzeittexte niemals zustimmen können. Die Texte beschreiben die Wiederkunft in sehr realen und sichtbaren Begriffen. So sagen die Engel den Jüngern bei der Himmelfahrt (Apostelgeschichte 1,11): „Jesus ist von euch fort in den Himmel geholt worden. Eines Tages wird er genauso wiederkommen, wie ihr ihn habt fortgehen sehen!“ Das ist für die Augenzeugen von damals sehr konkret.
Das Gleiche gilt für die Aussage von Jesus in der Endzeitrede (Matthäus 24,30): „Und schließlich wird das Zeichen für das Kommen des Menschensohns am Himmel erscheinen, und unter den Völkern der Erde wird tiefe Trauer herrschen. Sie werden sehen, wie der Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommt.“ Zahlreiche weitere Textstellen ließen sich anführen. Alle betonen, dass die Wiederkunft von Jesus sinnlich erlebbar ist.
Es gibt aber auch eine innere Notwendigkeit und Logik für die Parousie Jesu. Sie bildet den Abschluss und die Antwort auf die durchgängige Gesamtbotschaft der Bibel. Die besagt: Die Welt wurde von Gott geschaffen als Raum der Beziehung zwischen Gott und Mensch. Durch den Sündenfall wurde diese Idee Gottes zunächst zerstört. Gott findet sich damit jedoch nicht ab, sondern geht einen neuen Weg, der in der neuen Welt sein Ziel findet. Die Bibel beschreibt also von der ersten bis zur letzten Seite die in sich schlüssige Geschichte der Liebe Gottes – die größte Lovestory der Welt.
Erwartungsvoll leben
Gerade die lange Linie des konkreten Handelns Gottes entfaltet eine große Kraft in unserem Leben. Denn auch meine Tage und meine Herausforderungen fügen sich ein in das Wirken des allmächtigen Gottes. Die Texte der Bibel öffnen mir die Augen, was Gott bereits getan hat und was er ohne Frage auch heute jederzeit tun kann. Der Gott, der in der Biografie von Abraham, Mose und David gewirkt hat, ist auch mein Gott. Deshalb lohnt es sich, die alten Geschichten immer wieder zu lesen, denn sie zeigen mir, was möglich ist jenseits von menschlichem Verstehen.
Auch das Bestehen des jüdischen wie des christlichen Glaubens ist für mich ein Beweis in sich, dass Gott real ist. Er hat in der Vergangenheit konkret und berichtbar gehandelt. Er tut dies Tag für Tag sehr konkret im Leben vieler Glaubender, und nur deshalb ist das Christentum nicht längst als Lehre und Idee in Vergessenheit geraten. Darum haben wir allen Anlass darauf zu vertrauen, dass Gott auch seine im Neuen Testament nachlesbaren Pläne mit der Zukunft der Welt konkret umsetzen wird. Denn was Gott will, das kann und wird er auch tun.
Das lässt mich Entwicklungen in unserer Welt mit anderen Augen sehen. Ich begreife vieles Negative und Schwierige als notwendige Wehen auf dem Weg zur Neugeburt dieser Welt. Dadurch werden sie nicht schöner und harmlos, aber ich kann sie ertragen in der Gegenwart des lebendigen Gottes. Die Hoffnung darauf, in Gottes neuer Welt dabei zu sein, gibt mir Widerstandskraft. Gemäß dem Rat Jesu kann ich erhobenen Hauptes in die Zukunft gehen.
Wach und voller Freude leben
Aber das ist selbstverständlich auch angefochten. Das wissen auch Jesus und die Apostel. Und so geben sie uns wichtige Hilfen, Ratschläge und Warnungen mit auf den Weg, die ich hier nur kurz antippen kann: Wir sollen wach bleiben und uns von den Anforderungen des Alltags nicht einschläfern lassen. Jesus spricht von der Gefahr der Verführung und benennt auch die Kräfte dahinter.
Nicht die Angst vor dem Bösen steht für Christen im Vordergrund, sondern die Freude an der Nähe und Erlebbarkeit Gottes und die Vorfreude auf seine neue Welt. Diese kontinuierliche Nähe zu Jesus, im harmlosen Alltag wie im bedrohlichen Chaos, bringt Gewissheit und Frieden. Was uns stark macht, sind immer neue Immanuel-Erfahrungen: Gott ist mit uns! Er ist mit uns unterwegs. So leben wir in gespannter Erwartung, anstatt uns von Angst und Spekulation lähmen zu lassen. Und weil wir Gottes Werte und Ziele kennen, bemühen wir uns, ein Leben zu führen, an dem man bereits heute erahnt, was Gott uns versprochen hat, worauf wir hinleben und was uns antreibt.
Zur Vertiefung allein oder in der Gruppe
Klärung
- Können Sie die Worte des Glaubensbekenntnisses „von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten“ aus Überzeugung nachsprechen? Was verstehen Sie darunter? Was denken Sie, wird geschehen?
- Wie geht es Ihnen damit, wenn andere die Erwartung der realen Wiederkunft von Jesus und die Schaffung einer neuen Welt belächeln?
Vergewisserung
- Machen Sie sich bewusst und danken Sie Gott dafür, dass Sie Teil der großen Heilsgeschichte Gottes mit seiner Menschheit sind. Gott kommt an sein Ziel – und Sie sind dabei!
- Welche biblischen Berichte über das Eingreifen Gottes oder über die Macht von Jesus beeindrucken Sie am meisten? Mit derselben Kraft wirkt Gott auf heute noch unter uns (Epheser 1,19f)!
Hoffnung
- Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie an die verheißene neue Welt Gottes denken? Danken Sie Gott dafür!
- Geben Sie anderen Menschen Anteil an Ihrer Hoffnung und engagieren Sie sich konkret, sodass transparent wird, wem Sie gehören, an wem Sie sich orientieren und auf welche Zukunft Sie hinleben.
Wolfgang Kraska ist Autor und FeG-Pastor im Ruhestand.

Dieser Artikel ist in Christsein Heute erschienen. Christsein Heute ist das Magazin des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG).
Hier geht es zum vorherigen Artikel der Serie zum Glaubensbekenntnis:
