Pfarrerin Alexandra Battenberg ist überzeugt: Kirche wächst dort, wo Menschen befähigt werden, andere zu befähigen. Erfahrungen aus England – inspiriert von Matthäus 28.
Rüdiger Jope (Magazin 3E): Welches Erlebnis hat dir gezeigt: Empowerment von Ehrenamtlichen ist nicht nur nett, sondern überlebenswichtig für die Gemeinde?
Alexandra Battenberg: Es war kein einzelnes Aha-Erlebnis, sondern ein Prozess. In Ausbildung und Studium habe ich gelernt: Die Pfarrperson ist für alles zuständig – Konfikurs, Seelsorge, Glaubenskurs. Mit diesem Bild bin ich in den Dienst gestartet. In der Praxis habe ich gemerkt: So werde ich zum Flaschenhals. Alles läuft über mich, meine Zeit begrenzt das Gemeindeleben. Da sind klare Wachstumsgrenzen, wenn sich alles um die Pfarrerin dreht.
Gleichzeitig hat mich der Missionsbefehl aus Matthäus 28 nicht losgelassen: Im Griechischen ist das „Jünger machen“ der einzige Imperativ, alles andere – gehen, taufen, lehren – sind Partizipien, die beschreiben, wie das geschieht. Jünger machen Jünger, die wieder Jünger machen. Das Prinzip ist eigentlich klar.
Wird aber in der kirchlichen Praxis nicht gelebt…
(lacht) Noch nicht. Ein Schlüsselerlebnis war ein Jahr in England in einer anglikanischen Gemeindegründung in Coventry. Dort wurden Glaubenskurse so angelegt, dass Hauptamtliche sie leiteten, aber immer Co-Leitende und Helfende dabei waren. Nach einem Kurs wurden Co-Leitende zu Leitenden, Helfende zu Co-Leitenden. Menschen wurden systematisch ins Mitarbeiten hineingeführt. Das hatte enorme Kraft.
Doch wie kommt man vom Ideal zur Wirklichkeit? In vielen Gemeinden heißt es: “ Wir haben doch eine Pfarrerin, die kann das machen.“
(lacht) Ja, Frau Meier und Herr Müller tun sich oft schwer, wenn die Pfarrerin nicht mehr alles selbst macht. In unserer Gemeinde leben wir das seit einigen Jahren bewusst anders und haben organisatorisch einiges umgestellt. Die Klagen gibt es noch, aber sie werden weniger. Die Mehrheit ist inzwischen stolz, eine selbstständige Gemeinde zu sein, in der sie viel mitgestalten können. Wichtig ist: langen Atem behalten, Kritik ernst nehmen, aber immer wieder betonen, dass dieses Modell nicht nur wirtschaftlich nötig, sondern auch theologisch richtig ist. Und: Ich setze als Pfarrerin sehr bewusst einen Schwerpunkt auf Begleitung der Mitarbeitenden. Dafür entwickeln wir konkrete Formate.
Ganz praktisch: Eine Ehrenamtliche kommt am Sonntagabend mit einer vagen Idee zu dir. Was passiert?
Grundsatz eins: Passt die Idee in unsere Vision und Leitlinien, sage ich: „Probier es aus.“
Grundsatz zwei: Wenn die Idee die ganze Gemeinde betrifft, wird sie im Team besprochen. Wenn andere mitziehen müssen, ist eine Teamentscheidung wichtig, die ins Ganze passt. Es darf nicht jeder einfach irgendwas machen. Empowerment heißt zwar, Macht abgeben, aber nicht Chaos zulassen.
Im Grunde ist mein Ziel, mich überflüssig zu machen.
Wo kämpfst du persönlich am meisten damit, Kontrolle loszulassen?
Im Grunde ist mein Ziel, mich überflüssig zu machen. Wenn ich in einen Gottesdienst komme, den andere vorbereitet haben und ich nur begrüße, frage ich mich schon: Was ist jetzt noch meine Rolle? Gleichzeitig ist das genau das Ziel: eine selbstständige Gemeinde.
Wie verhindert ihr, dass Ehrenamtliche sich verbraucht fühlen – immer mehr Verantwortung, aber zu wenig Begleitung?
Problematisch wird es, wenn Ehrenamtliche das Gefühl haben, sie bekommen die Arbeit der Hauptamtlichen „übergestülpt“ – unbezahlt und alleingelassen. Wichtig ist: Sie müssen merken, dass ich für sie da bin. Wir haben ein Mitarbeitercafé gestartet, alle ein bis zwei Monate am Samstagvormittag: Snacks, Austausch, ein geistlicher Input speziell für Mitarbeitende und viel Ansprechbarkeit.
Dazu kommen persönliche Begleitung, Schulungen, Seminare. Wenn Ehrenamtliche spüren, dass sie ihre Gaben entfalten können und begleitet werden, macht das einen großen Unterschied. Zweitens: Das Ehrenamt muss den Gaben entsprechen. Menschen sollen dort dienen, wo ihre geistlichen Gaben liegen. Wer in seinen Gaben unterwegs ist und Begleitung erlebt, arbeitet gerne – und in guter Qualität.
Das heißt aber auch: Manche Arbeit bleibt liegen, wenn niemand die passende Gabe hat?
Bei Schlüsselaufgaben wie Jugendarbeit oder Gottesdienst achten wir sehr darauf, dass sie abgedeckt sind. Da hatten wir noch nie ein echtes Vakuum. Bei anderen Initiativen kann das dann aber durchaus passieren: Es gab bei uns ein evangelistisches Format namens „Chill-Out Church“: abends in der Kirche ohne Bänke, mit Musik, Gebetsecke, alkoholfreien Cocktails und Lounge-Atmosphäre. Das lief super, aber die Hauptmitarbeiterin ist mit ihrer Familie für ein Jahr nach Australien – also ruht das Format. Wir lassen es dann liegen, statt irgendwen hineinzuquetschen.
Und es war ja nicht die einzige evangelistische Initiative. Viele Pfarrerinnen und Pfarrer erleben Überlastung: Gottesdienste, Gebäude, Verwaltung – und jetzt sollen sie auch noch Ehrenamtliche anleiten.
Für mich war der erste Schritt – auch aus England – beim Gottesdienst anzusetzen.
Was wäre dein erster praktischer Schritt, um in Richtung Empowerment zu kommen?
(überlegt lange) Für mich war der erste Schritt – auch aus England – beim Gottesdienst anzusetzen. Dort habe ich erlebt, dass jeder Gottesdienst im Team gestaltet wurde: inhaltlich und organisatorisch. Früher kam ich oft allein in Predigtstationen, manchmal ohne Organist, manchmal musste ich die Kirche aufsperren, heizen, Kerzen anzünden. In England war klar: Es gibt immer ein Team von zwei bis drei Personen für Empfang, Kaffee, Raum. Beim Gottesdienst teilen sich Pfarrerin und andere Liturgie und Predigt, die Musiker wählen eigenständig Lieder. Nach England haben wir angefangen, Gottesdienstteams aufzubauen. Wir haben bewusst Leute angesprochen und eingebunden, auch ohne formale Lektorenausbildung, solange ich als Pfarrerin die Gesamtleitung habe. So haben wir das vorhandene Potenzial zu einem echten Team ausgebaut. Heute treffen sich vor jedem Gottesdienst rund ein Dutzend Leute – Technik inklusive – zu einem Teamgebet. Wir besprechen den Ablauf, beten füreinander und für den Gottesdienst und feiern ihn dann im wahrsten Sinn des Wortes „gemeinsam“.
Das hat den Geist in der Gemeinde spürbar verändert: Alle sind beteiligt, nicht nur Zuschauer. Wem das als Einstieg zu steil ist: Vielleicht ist ein kleiner erster Schritt, sich einmal eine Pfarrgemeinde anzuschauen, wo dieses gemeinsame Engagement schon funktioniert. Für uns war England da wie gesagt sehr inspirierend. Aber es gibt bei uns ja auch – Gott sei Dank! − Gemeinden, die das so leben.
Kannst du eine Situation schildern, in der du bewusst etwas nicht gemacht hast, damit Ehrenamtliche wachsen – auch mit dem Risiko, dass es schiefgeht?
Ein Beispiel ist ein großer Fernsehgottesdienst, der auch im Radio übertragen wurde. Dem Pressedienst wäre am liebsten gewesen, wenn ich die wichtigen theologischen Teile übernehme. Wir haben aber gesagt: Der Gottesdienst soll widerspiegeln, wie es sonst bei uns ist. Also habe ich die Hälfte der Predigt einem Ehrenamtlichen überlassen. Es ist nicht schiefgegangen, aber ich habe geschwitzt. Die Versuchung ist groß, „auf Nummer sicher“ zu gehen und alles selbst zu kontrollieren. Aber wir sind Kirche – gemeinsam. Und der Ehrenamtliche hat es großartig gemacht.
Mein Traum ist, dass Kirche auf allen Ebenen lernt, die jeweils „untere“ Ebene zu unterstützen.
Wenn du zehn Jahre vorausschauen könntest: Welche eine Veränderung im Umgang mit Ehrenamtlichen wünschst du dir am meisten – in Österreich, vielleicht auch in Deutschland?
(leidenschaftlich) Mein Traum ist, dass Kirche auf allen Ebenen lernt, die jeweils „untere“ Ebene zu unterstützen. Dass ich als Pfarrerin Ressourcen habe, um Ehrenamtliche zu begleiten und ihnen zu helfen, ihre Gaben zu entfalten. Und dass meine Vorgesetzten wiederum mich darin unterstützen, meine Berufung zu leben.
Vielen Dank für das inspirierende Gespräch!
Alexandra Battenberg ist Pfarrerin der evangelischen Pfarrgemeinde Schwechat in Österreich. Nebenberuflich ist sie tätig als selbstständige Referentin und Trainerin für Kommunikation, Teams, Organisations- und Gemeindeentwicklung.
Die Fragen stellte Rüdiger Jope. Er ist Redakteur der Kirchenmagazine BASECAMP und 3E sowie des Männermagazins MOVO.
Dieses Interview ist im Ideenmagazin für die Kirche 3E – Echt. Evagelisch. Engagiert erschienen, das wie Jesus.de zum SCM Bundes-Verlag gehört.

