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Der „ganz normale“ Christ kann Mitchristen mehr bei Lebensproblemen helfen, als er glaubt, meint der Psychologe Larry Crabb. Das Geheimnis zur Heilung: Echte Gemeinschaft – zum Beispiel in Kleingruppen und Hauskreisen. Christof Klenk hat ihn interviewt.

Sie räumen der Gemeinschaft unter Christen hohe Priorität ein und sind überzeugt, dass gute Beziehungen heilsam sein können, sogar bei psychischen Problemen.

Meiner Ansicht nach hängen viele Probleme seelischer Natur mit unserer Unfähigkeit zusammen, echte Gemeinschaft zu erleben. Deshalb glaube ich, dass es oft nicht darum geht, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen als vielmehr darum, echte Gemeinschaft zu erleben. Gott hat uns als Gemeinschaftswesen erschaffen.

Was sind entscheidende Bedingungen, damit wir echte Gemeinschaft erleben können?

Gemeinschaft ist möglich, weil wir wissen und uns gegenseitig zusagen können: Dir ist vergeben. Weil Jesus für dich am Kreuz gestorben ist, gibt es etwas in dir, das mit Gott in Verbindung steht, das für Gott lebendig ist, auch wenn du dich falsch verhältst oder versagst. Paulus sagt in Galater 4,19, dass er so etwas Ähnliches wie Geburtswehen erleidet, bis Christus in „euch Gestalt gewinnt“. Er sagt, dass etwas in uns ist, das sich entwickeln kann. Ich wünsche mir Beziehungen, wo das, was durch Jesus in jedem Gläubigen begonnen wurde, entwickelt wird. Ich denke, darum geht es in Hebräer 10,24–25: „Lasst uns aufeinander Acht haben und uns anreizen zur Liebe und zu guten Werken und nicht verlassen unsere Versammlungen …“Wichtig ist also, dass wir das große Potenzial wahrnehmen, das im Evangelium steckt.

Christen kennen das Evangelium, tiefe Gemeinschaft erleben sie oft trotzdem nicht.

Das größte Hindernis für echte Gemeinschaft ist Scham. Wir Christen fürchten kaum etwas mehr, als voreinander schlecht dazustehen. Deshalb tragen wir Masken. Wir gehen sonntags in die Kirche und jemand fragt, wie es uns geht. „Gut, Danke“, lautet unsere Antwort und in Wirklichkeit sind wir furchtbar einsam oder haben gerade heftig mit unserer Ehefrau gestritten. Es muss Zusammenkünfte in unseren Gemeinden geben, wo die Kraft des Evangeliums die Kraft der Scham überwindet.

Wo kann das gelingen?

Ich muss leider sagen: nicht sehr oft. In den USA ist die Kleingruppenbewegung sehr groß geworden, aber meines Erachtens überstrukturiert. Wir betreiben zu viel Aufwand, um die Dinge für alle angenehm zu gestalten. Ich finde es großartig, wenn Menschen zusammenkommen und gemeinsam die Bibel lesen und beten. Aber manchmal sind Bibel und Gebet nützliche Werkzeuge, um uns gegenseitig auf Distanz zu halten.

Was wäre dann die Alternative?

Ich bin für Gruppen, die geistliches Wachstum bewusst in den Mittelpunkt stellen. Ich nenne diese Kreise „spiritual formation groups“. Zusammen mit meiner Frau bin ich in einem Kreis, wo wir vor allem unsere Lebensgeschichte entdecken. Wir wollen entdecken, was durch Gott in unserem Leben passiert. Ich suche Kleingruppen, die den Grundstein für geistliches Wachstum legen. Und ich bin überzeugt, dass das möglich ist.

Wie groß sollte solch eine Gruppe sein?

In meiner Gruppe sind drei Paare. Ich glaube nicht, dass in so einer Gruppe mehr als zehn Leute sein sollten. Ideal sind sechs bis acht Leute. Natürlich gibt es viele andere Gruppen, die ihre Berechtigung haben. Wo das Gebet, Bibellese oder die missionarische Ausrichtung im Vordergrund stehen. Ich möchte aber vor allem dazu ermutigen, Kreise zu gründen, die das geistliche Wachstum ihrer Mitglieder wirklich fördern, denn daran mangelt es.

Sollte eine solche Gruppe aus Leuten bestehen, die sich schon gut kennen oder sogar schon miteinander befreundet sind?

Obwohl ich weiß, dass das nicht immer möglich ist, sollten sich Kleingruppen meines Erachtens auf natürliche, organische Weise bilden. Das halte ich für besser, als Leute einem Kreis zuzuteilen, weil sie gerade in der Nähe wohnen. Ich würde jedem raten, eine Gruppe von Freunden zu finden oder sich mit ein paar Leuten zu treffen und zu schauen, ob es passt. Wir –meine Frau und ich – haben zunächst gebetet und dann überlegt, wer mit uns auf einer Wellenlänge sein könnte, bereit zu einem offenen und ehrlichen Umgang ist und ein tiefes Verständnis des Evangeliums hat. Wir sind mit diesen Paaren Essen gegangen und haben ihnen unser Bündnis gezeigt, das wir vorher schon schriftlich formuliert hatten und sie gebeten, darüber nachzudenken, ob sie sich so etwas vorstellen können. In dem Bündnis haben wir festgehalten, worum es in der Gruppe gehen soll. So hat unsere Gruppe vor sechs Jahren angefangen.

Die Bereitschaft zur Offenheit ist also Grundbedingung.

Ja, davon bin ich überzeugt. Wobei es mir nicht darum geht, dass jeder einfach sein Herz ausschüttet und seine schlechtesten Seiten und tiefsten Abgründe offenlegt. Im Mittelpunkt steht die Frage: „Wo stehe ich in meiner Entwicklung, Jesus ähnlicher zu werden? Was hindert mich daran oder hält mich auf?“ Es geht nicht darum, bei den anderen möglichst viel Müll abzuladen, sondern sich gemeinsam auf etwas wirklich Gutes hinzubewegen.

Wie hilft Ihnen Ihre Gruppe, geistlich zu wachsen?

Es gibt keinen Menschen auf dieser Welt, der nicht als Kind verletzt worden wäre. Auch wenn dieser Mensch großartige Eltern hatte. Sie haben Dinge versäumt. Weil wir verletzt worden sind, legen wir uns einen Panzer zu, der uns isoliert. Gott hat mich aber als Beziehungswesen geschaffen. Aber solange ich mich vor dem Schmerz schütze, der mit Beziehungen einhergeht, gibt es keine Möglichkeit, die Fülle von dem zu erkennen, was ich in Christus bin. Wenn wir unsere Isolation und Einsamkeit durchbrechen, wird das gestärkt, was Gott in uns hineingelegt hat. Wir haben mit unserer Gruppe ein Wochenende verbracht, an dem wir uns gegenseitig unsere Geschichte erzählt haben. Ich habe mich diesen Menschen sehr nahe gefühlt. Ich denke, die Einsamkeit, die wie eine Urangst in uns wohnt, wurde ein kleines Stück durchbrochen und etwas hat Gestalt gewonnen, das in mir aufgrund des Evangliums lebt.

Das hört sich alles nach recht langfristigen Prozessen an.

Wenn Sie so eine Gruppe gründen möchten, dann sagen Sie Ihren potenziellen Teilnehmern, dass dieser Kreis möglichst einige Jahre zusammenbleiben sollte, nicht nur zehn Wochen. Unser Terminplan erlaubt es uns nicht, uns wöchentlich zu treffen. Wir treffen uns alle drei bis vier Wochen, aber wir halten die Treffen für wichtig, weil wir wissen, dass es einfach Zeit braucht, bis man sich sicher fühlt und sich wirklich vertraut. Das kann man nicht mit einem durchstrukturierten Programm machen.

Trotzdem braucht auch ein solcher Kreis einen Ablauf.

Ja, man sollte schon einen Plan fur den Abend haben. Der Plan könnte sein, sich über einen Text zu unterhalten. Man kann aber auch einfach in die Runde fragen, ob jemand eine besondere Frage oder ein Problem hat, über das er gerne sprechen würde. Nach sechs Jahren sind wir in unserer Gruppe so vertraut miteinander, dass wir ohne einen konkreten Plan für den Abend auskommen. Wir unterhalten uns darüber, was in unserem Leben passiert. Wenn ein Paar Stress mit den Kindern hat, dann sprechen wir darüber. Wir sprechen darüber, was in ihnen als Mutter und Vater vorgeht und was Gott in ihnen tut. Mir geht es darum, dass jeder Gläubige die Seele des anderen berühren kann. Wenn beispielsweise jemand sagt: „Ich mache mir Sorgen um meine Tochter“ versuchen viele einen Rat zu geben, um das Problem zu beseitigen. Besser wäre aber, diesem Menschen ein echtes Gegenüber zu sein und zu versuchen, unter die Oberfläche zu kommen. Was steckt hinter diesem Problem? Was geht in der Mutter vor, wenn sich die Tochter so und so verhält? Wichtig ist, dass wir eine gesunde Neugierde zeigen. Das ist erstaunlich einfach und doch kommt es selten vor. Wenn Leute diese einfachen Prinzipien lernen, können Kleingruppen ein ganz anderes Niveau erreichen. Das hoffe ich.

Vielen Dank für das Gespräch!

Larry (Lawrence) J. Crabb ist einer der führenden christlichen Psychologen in den USA und Autor zahlreicher Bücher.


Klenk_ChristofChristof Klenk ist Redakteur im SCM Bundes-Verlag. Er leitet die Zeitschrift HauskreisMagazin