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Warum Migration eine Chance für Gemeinden ist

Das Evangelium ist interkulturell, davon ist Andreas Scholz überzeugt. Migration sei längst Teil unserer Gemeinderealität – und könne diese neu beleben.

Neulich rief mich ein Kollege an und erzählte mir von seiner Gemeindesituation: Eine deutsche Gemeinde mit einem Durchschnittsalter von über 60 Jahren, während sich das Viertel um sie herum längst interkulturell verändert hatte. In ihrer Jugendarbeit tauchten unerwartet eine Reihe von Teenagern mit Migrationshintergrund aus dem Quartier auf, deren Eltern selbst keinen Bezug zur Gemeinde hatten.

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Wollen wir internationaler werden?

Ein anderer Gemeindeleiter aus einer strukturschwachen Region erzählte mir, dass sie als Gemeinde intensiv darum gebetet hatten, dass Gott ihnen neue Menschen schickt. Und dann saßen an einem Sonntagmorgen plötzlich doppelt so viele Besucher wie sonst üblich im Gottesdienst – Menschen, die nicht in Deutschland geboren waren. In einer weiteren Gemeinde hörte ich jemanden aus der Leitung laut fragen: „Wollen wir eigentlich die Migranten und Migrantinnen in unserer Gemeinde?“

Solche Situationen machen deutlich, dass Migration längst Teil unserer Gemeinderealität ist. Nicht irgendwann, sondern jetzt – und mitten in unserem Alltag. Ignorieren wir diese Veränderungen, laufen wir Gefahr, an Relevanz zu verlieren. Nehmen wir sie dagegen an, können Gemeinden Orte neuer geistlicher Lebendigkeit werden.

Migration ist Alltag geworden

Dass Deutschland ein Einwanderungsland geworden ist, dürfte inzwischen niemanden überraschen. Menschen kommen her, bleiben, arbeiten, gründen Familien, schicken ihre Kinder in die Schulen – und tauchen, zu unserer Freude, in unseren Gemeinden auf.

Fast jede dritte Person in Deutschland hat heute einen Migrationshintergrund. Und dieser Anteil wird weiter steigen – sowohl durch Menschen, die direkt einwandern, als auch durch ihre Kinder, die statistisch häufiger eigene Familien gründen. Es liegt auf der Hand, dass diese Entwicklungen auch uns als Gemeinden betreffen. Die Frage lautet daher nicht mehr, ob sie uns erreichen, sondern wie wir ihnen begegnen und welche geistlichen Chancen und Potenziale sich für unsere Gemeinden darin verbergen.

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Weite und Liebe leben statt Angst

Die Migrationsbewegungen der letzten Jahrzehnte haben in unserer Gesellschaft Verunsicherungen ausgelöst. Viele Menschen – auch mit eigener Migrationsgeschichte – fühlen sich beispielsweise nachts nicht mehr sicher in ihrer Stadt. Oft handelt es sich eher um persönliche Empfindungen als um objektive Tatsachen, und dennoch prägen sie unser Erleben.

Das vermehrte Hören fremder Sprachen, neue kulturelle Ausdrucksformen, einzelne negative Vorfälle oder mediale Schlagzeilen – all das kann Unsicherheit erzeugen, selbst wenn objektive Gründe fehlen. Es ist wichtig, diese Gefühle wahrzunehmen und ehrlich mit sich selbst zu sein.

Gleichzeitig hat Gemeinde Jesu genau hier die Möglichkeit, einen anderen Ton beizutragen: einen Raum, in dem Angst nicht das letzte Wort hat, sondern Vertrauen und Begegnung. Das Evangelium ruft uns immer wieder heraus, über die eigene Komfortzone hinauszuschauen und aus Weite und Liebe zu leben.

Reich Gottes ist international angelegt

Wenn Gemeinden interkultureller werden, ist das nicht nur eine Reaktion auf gesellschaftliche Entwicklungen. Es entspricht zutiefst dem Herzen Gottes. Schon der Abraham-Bund war darauf ausgerichtet, dass alle Völker durch Israel Segen empfangen (1. Mose 12,3). Der Fremde sollte im Volk Israel wie ein Einheimischer gelten (2. Mose 22,20; 3. Mose 19,34). Rahab und Rut zeigen, dass nicht Herkunft, sondern der Glaube Zugehörigkeit zum Volk Gottes bestimmt.

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Petrus erkennt in der Begegnung mit Kornelius, dass Gott nicht auf die Herkunft einer Person achtet (Apostelgeschichte 10,34–36). Für ihn – einen Juden, der in strengen Reinheits- und Zugehörigkeitskategorien aufgewachsen war – bedeutete dieser Moment eine innere Erschütterung. Gott selbst musste ihn durch eine Vision und den unerwarteten Glauben eines römischen Hauptmanns dahin führen, seine bisherigen Grenzen zu hinterfragen. Plötzlich wurde Petrus klar: Gott macht keinen Unterschied zwischen Menschen, egal aus welchem Volk oder mit welchem religiösen Hintergrund sie kommen.

Kernauftrag: Interkulturelle Gemeinde

In Christus gibt es keine privilegierten Gruppen mehr, keine ethnischen Schranken und keine kulturellen Vorränge – genau das prägt das Verständnis der ersten Gemeinden. Wer Jesus nachfolgt, gehört zu Gottes Familie – nicht wegen seiner Herkunft, sondern weil Gott selbst Menschen aus allen Völkern an seinen Tisch ruft. Paulus schreibt, dass in Christus „weder Jude noch Grieche“ gilt (Galater 3,28). Der Missionsauftrag richtet sich an alle Völker und ethnischen Gruppen.

Wenn wir das ernst nehmen, dann ist interkulturelle Gemeinde nicht ein Zusatzprojekt, sondern gelebter Kernauftrag. Kurz gesagt: Im Reich Gottes haben ethnische Grenzen keinen Platz mehr. Durch Jesus entsteht eine neue Menschheit. Wir sind Brüder und Schwestern – egal, woher wir kommen. Jesus Christus versammelt uns an seinem Tisch. Genau dort beginnt interkulturelle Gemeinde.

Interkulturelle Gemeinde ist nicht ein Zusatzprojekt, sondern gelebter Kernauftrag. Im Reich Gottes haben ethnische Grenzen keinen Platz mehr.

Kulturelle Prägungen als Bereicherung

Wenn Menschen aus anderen Ländern und Kulturen in unseren Gemeinden auftauchen, bringt das Neues mit sich. Die deutsche Gesellschaft legt viel Wert auf Selbstverwirklichung und Individualität. Viele Migrantinnen und Migranten dagegen kommen aus Kulturen, in denen Gemeinschaft, Zusammenhalt und gegenseitige Verantwortung eine größere Rolle spielen. Gerade darin liegt ein großes Lernfeld – für beide Seiten. Deutsche Gemeinden können tiefer entdecken, was geistliche Familie bedeutet. Migrantinnen und Migranten erleben, dass in Christus Freiheit und Verantwortung zusammengehören.

Viele Menschen suchen in Deutschland ein Stück Heimat, besonders wenn Familie weit entfernt ist. Gemeinde kann dieser Ort werden – oft beginnt das ganz schlicht mit einer Einladung zum gemeinsamen Essen. Ich erinnere mich noch gut an ein Weihnachten, an dem meine Frau und ich zwei Menschen aus dem Iran zu uns einluden, die gerade nach Deutschland geflüchtet waren. Wir teilten keine gemeinsame Sprache, aber es wurde ein fröhlicher Abend voller Lachen und Gesten. Manchmal braucht echte Gemeinschaft erstaunlich wenige Worte.

Glaubwürdige Vielfalt gestalten

Vor fast 20 Jahren war ich Teil einer Gemeindegründung. Einer im Team war Steve, der aus Afrika nach Deutschland gekommen war. Seine geistliche Reife, sein Vertrauen auf Gott und seine Gelassenheit beeindruckten mich sehr. Gleichzeitig musste ich lernen, dass seine Herangehensweise an Planung und Organisation sich deutlich von meiner unterschied. Wenn ich nervös wurde, lächelte er und sagte: „Andreas, das hat Zeit, mach dir keine Sorgen.“ Und am Ende ging tatsächlich immer alles gut – besser, als ich es hätte planen können.

Solche Erfahrungen machen deutlich: Menschen aus anderen Kulturen bringen wertvolle Perspektiven mit. Wenn Gemeinden vielfältiger werden, sollte sich diese Vielfalt auch in der Leitung und in den Diensten widerspiegeln. Das macht Gemeinde glaubwürdiger – innen wie außen – und es zeigt, dass wir das Evangelium gemeinsam tragen.

Klima der Gastfreundschaft leben

Auch in der Kinder- und Jugendarbeit begegnen wir einer Generation, die zunehmend kulturell vielfältiger wird. Eine kultursensible Arbeit nimmt diese Vielfalt ernst und schafft Räume, in denen sich junge Menschen wirklich gesehen fühlen. Niedrigschwellige, beziehungsorientierte Angebote wie Sport, Musik, gemeinsames Essen oder Lernunterstützung bauen Beziehungen. Eine klare Sprache ohne christliche Insiderbegriffe und unterstützende visuelle Elemente erleichtern den Zugang, auch wenn Deutsch nicht die erste Sprache ist.

Mitarbeitende mit interkultureller Sensibilität – gern auch mit eigener Migrationserfahrung – erweitern die Perspektive und schaffen ein Klima der Gastfreundschaft. So entsteht ein Raum, in dem junge Menschen ihre Geschichte einbringen und gleichzeitig Teil einer geistlichen Gemeinschaft werden können.

Gemeinde vom Evangelium her beleben

Interkulturelle Gemeinde entsteht nicht über Nacht. Sie wächst dort, wo wir bereit sind, einander zuzuhören, eigene Prägungen zu hinterfragen und uns vom Evangelium herausfordern zu lassen.

Doch gerade darin liegt eine große Chance: Gemeinden, die Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammenführen, werden zu einem sichtbaren Ausdruck des Reiches Gottes – mitten in einer Gesellschaft, die vielfältiger wird. Sie zeigen, dass Christus Mauern niederreißt und Menschen zusammenführt, manchmal gerade dort, wo wir es am wenigsten erwartet hätten. Vielleicht ist die Vielfalt, die Gott uns vor die Füße legt, sein liebevoller Weg, uns als Gemeinden neu zu beleben.

Andreas Scholz ist Referent für Internationale Gemeindearbeit in Deutschland im Bund FeG.



Cover des Magazins Christsein Heute

Dieser Artikel ist in Christsein Heute erschienen. Christsein Heute ist das Magazin des Bundes Freier evangelischer Gemeinden (FeG).

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3 Kommentare

  1. Die interessante Frage ist:
    Heißt man Migranten willkommen, erwartet aber, dass sie sich in das Bestehende einfügen oder

    nimmt man das Neue, was sie mitbringen, auf und integriert das, ändert sich also.

  2. Christen kennen keine Fremden

    „Interkulturelle Gemeinde ist nicht ein Zusatzprojekt, sondern gelebter Kernauftrag. Im Reich Gottes haben ethnische Grenzen keinen Platz mehr“!
    (Zitat Ende). Für mich ist dies eine pure Selbstverständlichkeit. Das Doppelgebot gilt für alle Menschen und daher auch für Kirchen in jeder Form-

  3. Wichtige Perspektive in diesem Artikel. Ein Mann aus meiner Gemeinde kümmert sich daher bevorzugt um Menschen ausländischer Herkunft, weil er sagt, er habe Gott immer missionarisch dienen aber nie ins Ausland gehen wollen. „Gott hat die Leute einfach zu mir geschickt!“, meint er.

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